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21.12.2011 17:07 Alter: 7 Monat(e)
Kategorien: Portrait

"Take off" for Christmas


Chefsteward Christophe Dockter

Chefsteward Christophe Dockter, © Christin Lilge

Alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit lässt sich allgemein ein vertrautes Ritual in Deutschland beobachten: Es werden Plätzchen gebacken, Häuser und Bäume geschmückt, Geschenke gekauft. Aber vor allem definieren die meisten Menschen die Weihnachtszeit als eine gemeinsame Zeit, in der jeder für sich zur Ruhe kommt und sich auf den bedeutenden Moment im Dezember freut: Heilig Abend. Viele verbringen diesen zuhause mit der Familie mit Weihnachtsbaum, Geschenken und einem gemeinsamen Essen. Aber für viele Menschen mit nicht alltäglichen Berufen ist der 24. in diesem Rahmen nicht selbstverständlich. So auch für diejenigen, die berufsbedingt an Dezember Weihnachten fern von zuhause sind.

Er steht mitten im Getümmel des Wiesbadener Sternschnuppenmarktes und lässt sich von der Hektik des alljährlichen Weihnachtsrummels nicht anstecken. Für ihn sind Stress und Hektik nichts Ungewöhnliches. Berufsbedingt muss er sich täglich immer wieder auf unterschiedliche Situationen und Menschen einlassen und einstellen. Christophe Dockter ist seit 12 Jahren Chefsteward (auch „Purser“ genannt) für Langstreckenflüge bei Deutschlands bekanntester Fluglinie „Lufthansa" und damit gewohnt, auch an den Weihnachtsfeiertagen berufsbedingt unterwegs zu sein. Dass er damit auch erst später mit seiner Familie feiern kann, ist für ihn keine einfache Situation, aber auch nichts Ungewöhnliches.

„Ich bin seit 1980 für „Lufthansa“ tätig. Seitdem war ich circa 25 Mal auch an Weihnachten und Heilig Abend berufsbedingt unterwegs“, erklärt der aufgeschlossene 50-Jährige aus dem elsässischen Mulhouse. Dort geboren und zusammen mit seinem Bruder aufgewachsen, machte der Wahlwiesbadener sein Sprachabitur und beherrscht die Sprachen Französisch (seine Muttersprache), Deutsch, Englisch und Italienisch aus dem „Eff Eff“. Elsässisch sei eine Traditionssprache, die besonders unter älteren Elsässern weitergegeben werde, weiß Dockter. Sein beruflicher Weg war nach dem Abitur schnell vorgegeben: Als 19-Jähriger begann er kurz eine Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten, hatte sich aber fast zeitgleich bei der bekannten Fluglinie beworben. „Der Mann meiner Cousine arbeitete bei der Lufthansa-Cargo und hat mir die Idee, mich ebenfalls bei „Lufthansa“ zu bewerben einfach schmackhaft gemacht.“ Zudem hielt die Freude über seinen Universitätsplatz im Oktober 1979 nur kurzfristig an, denn bereits im Februar des darauffolgenden Jahres bekam er von der Fluglinie „grünes Licht“, als Flugbegleiter einzusteigen. „Nach etwa sechs Monaten Kurzstreckeneinsätze und zahlreichen neuen, fremden Eindrücken habe ich eine zweiwöchige Fortbildung für Langstreckenflüge absolviert. So habe ich mich auch nach mehreren Prüfungen und Fortbildungen zum Chefsteward hochgearbeitet. Das war teilweise sehr anspruchsvoll.“ In seinen Anfängen bei „Lufthansa“ musste der junge Christophe lernen, sich flexibel zu zeigen. Die Flexibilität scheint auch das einzige Konstante in Dockters Leben zu sein, sonst veränderten sich und stiegen im Lauf der Jahre die Flugzeugtypen und die Passagieranzahl. Aktuell beginnt sein Arbeitstag in der Regel eine Stunde und vierzig Minuten vor dem geplanten Flug. Dann trifft sich die Besatzung zum sogenannten (maximal 25-minütigen) „Briefing“. Dabei werden auch klar die Positionen der Besatzungsmitglieder (auch „Crew“ genannt) verteilt; „es geht in der Hierarchie nach Seniorität und Qualifikation: Vom Kapitän oder „Captain“ (CPT) über den Co-Piloten oder First Officer (FO), Senior Flight Officer (SFO), Purser 2 (für Langstreckenflüge), Purser 1, dem Qualified First Class Flugbegleiter (QFFB) bis zu den Stewards (STWD) oder auch Airhostessen (AH),“ erklärt Dockter die abkürzungsträchtige Rangordnung der Besatzung. „Zusammen besprechen wir die Besonderheiten beim Flug, zum Beispiel ob bekannte Persönlichkeiten an Bord sind, Passagiere Sonderwünsche beim Essen oder besonderen Betreuungsbedarf haben. Unter anderem aus diesem Grund sind auch die ‚Emergency Schulungen‘ wichtig. Der Captain informiert uns zudem über die Flugstrecke und die Wetterlage mit möglichen Turbulenzen.“

Nach dem Briefing geht es dann geschlossen zum Flugzeug, das von der Crew übernommen und dessen Notausgänge sowie alle weiteren sicherheitsrelevanten Vorkehrungen auf ihre Funktionstüchtigkeit überprüft werden. Nach maximal 45 Minuten sind alle Passagiere an Bord. Während die Maschine zur Startbahn rollt, spielt sich ein altbekanntes Ritual ab: Die Passagiere werden begrüßt, auf Mittel- und Langstrecken wird ein Film über die Sicherheitsvorkehrungen gezeigt. „Auf der Kurzstrecke und bei Stromausfall wird noch Gymnastik gemacht“, beschreibt der Purser augenzwinkernd die von der Besatzung in der Innenkabine noch selbst durchgeführten Sicherheitsvorkehrungsdemonstrationen. Sobald das Flugzeug spätestens nach 30 Minuten nach dem Start seine Reiseflughöhe erreicht hat, beginnt die Crew an Bord mit dem Service - der Essens- und Getränkeausgabe - sowie später mit dem „Duty Free“-Bordverkauf. Je nach Fluglänge hat jedes Besatzungsmitglied 30 Minuten bis zwei Stunden Pause, die jeder für sich im „Crew Rest“ (Ruhebereich für die Besatzungsmitglieder) unterschiedlich nutzt. Manche hören Musik über ihren I-Pod, andere machen ‚Power-Napping‘ (intensives Nickerchen), andere wiederum meditieren“, weiß Dockter. Der zweite Service mit einem Imbiss beginnt circa eine Stunde und 40 Minuten vor der Landung. Je nach Flugdauer gibt es Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Circa 40 Minuten nach der Landung und nachdem die Passagiere das Flugzeug verlassen haben, fährt die Crew zum Hotel. „Die Zeit ist jedoch auch abhängig von den Einreisebestimmungen, die unterschiedlich Zeit in Anspruch nehmen können. Dort sind wir entweder total aufgekratzt oder müde.“

Für Neulinge ist diese Anpassung an den unregelmäßigen Arbeitsablauf noch merkbar schwierig. Besonders neue, junge Flugbegleiter werden – auch bei sogenannten „Weihnachtsumläufen“ – neben Kollegen ohne eigene Familie bevorzugt eingesetzt. „Da müssen die routinierteren Kollegen die Jüngeren meistens noch auffangen, denn besonders zu Weihnachten und an Heilig Abend kommen oft sentimentale Gefühle hoch. Da sind wir Älteren die Ersatzfamilie“, schildert Dockter eine mögliche Crew-Situation an Bord. Der Purser hat zu Heilig Abend grundsätzlich eine eher gelassene Einstellung. „Für mich muss das traditionelle Weihnachtsfest nicht unbedingt genau am 24. Dezember stattfinden. Die Nachfeier nach Rückkehr in die Heimat kann ebenfalls sehr schön sein, genauso wie das Verbringen der Weihnachtsfeiertage mit der Crew. Und an Silvester wird eh weltweit gefeiert und ist weitaus weniger sentimental.“ Zu Wichteln ist als „Weihnachtsgag“ unter den Kollegen aber auch durchaus üblich.

„Eigentlich ist das Fliegen an Weihnachten ein wenig wie Abhauen vor dem weihnachtlichen Familienstress“, lacht Christophe Dockter und erinnert sich an das bisher verrückteste Weihnachten unterwegs; „das war in einem Hotel im thailändischen Bangkok. Dort gab es bei 27 Grad ein opulentes Büffet neben dem Swimmingpool.“ Vor Ort haben Dockter und seine Crewkollegen Aufenthalt von 24 Stunden bis zu drei Tagen. Diese nutzen manche, um die Umgebung zu erkunden oder einfach nur zum Entspannen. Bei genügend Muße und Zeit, nimmt Dockter gerne die Möglichkeit wahr, beim Sightseeing Land und Leute kennen zu lernen, joggt oder macht Walking. Viele seiner Kollegen trainieren dann aber auch als Ausgleich zum anstrengenden Flug im hoteleigenen Fitnessbereich. Falls vorhanden geht es selbstverständlich auch an den Strand.

Wieder zurück an der sogenannten „Homebase“, dem (deutschen) Ausgangsflughafen, hat jedes Crewmitglied in der Regel vier bis fünf Tage, sich wieder zu akklimatisieren, bevor es wieder erneut an Bord geht. Seine daheimgebliebenen Freunde können laut dem Purser gut mit dessen unregelmäßigen Jobablauf umgehen. Generell ist die Ruf-Bereitschaft (im sogenannten „stand by“ zwei bis dreimal im Jahr im Block von sechs bis sieben Tagen) sowie bei Krankheitsfällen auch außerhalb der Weihnachtszeit ständiger Begleiter im Beruf eines Pursers. Der Chefsteward war sich bereits vor seiner Tätigkeitsaufnahme als Flugbegleiter des verhältnismäßig unregelmäßigen Rhythmus und der nicht alltäglichen Belastungen bewusst. Dennoch spricht er aus Überzeugung von Berufung, wenn er über seinen Beruf spricht.

Wenn Dockter mit seiner Crew zusammen Weihnachten und Heilig Abend verbringt, organisieren der jeweilige Kapitän und er die Organisation eines feierlichen Essens im Hotel nach Dienstschluss. Dann hat auch die Besatzung die Möglichkeit, zumindest etwas zu feiern, denn während des Flugs steht ausnahmslos der Passagier im Vordergrund. Aber ein wenig feierlicher Schmuck in der Innenkabine muss sein, denn die fliegenden Passagiere sollen auch an Bord ein wenig weihnachtliche Atmosphäre haben. Dann müsse auch schon mal Heilig Abend am 24. Dezember ausfallen, wenn die Maschine zu diesem Zeitpunkt in der Luft und die Besatzung im Einsatz ist. Daher sei es laut Dockter auch besonders wichtig, dass die einzelnen Kollegen miteinander gut auskommen, denn letztendlich kann man sich seine Wunschbesatzung nicht zusammenstellen.

„Wir haben zwar die Möglichkeit durch den einen Monat vorher ausgehängten Dienstplan die jeweiligen Kollegen zu kontaktieren und kennen zu lernen, aber die Zusammenarbeit an Bord stellt erst heraus, wie wir wirklich miteinander harmonieren.“ Beim Gedanken an die Möglichkeit, sich einen Flugkollegen wünschen zu können, strahlt der Purser: Auf seinem Flug nach Dubai am 22. Dezember ist in seiner Weihnachtscrew und -ersatzfamilie eine Kollegin und enge Freundin mit ihrer Familie dabei. Wer als Flugbegleiter Familie hat, kann diese auch über Weihnachten vergünstigt mitfliegen lassen. „Weiße Weihnacht“ ist aufgrund der bis zu den im Dezember bis zu 28 Grad warmen Temperaturen in Dubai eher unwahrscheinlich, dennoch weiß Dockter, wie er seiner Crew diese besondere Weihnachtsatmosphäre bieten kann. „Wir werden am 25. Dezember den Heiligen Abend im sogenannten ‚Swiss Chalet‘ in der Skihalle mit einem feierlichen Essen nachfeiern“, erzählt er nicht ohne Vorfreude.

Wenn der Elsässer zuhause Heilig Abend verbringen kann oder nachfeiert, setzt er gern das alte Familienritual aus seiner Kindheit fort. Das sei genauso wie in Deutschland, wo die Familien im geschmücktem Wohnzimmer, Weihnachtsbaum, Bescherung, festlichem Essen und Gottesdienstbesuch feiern. Für die Zukunft wünscht sich Christophe Dockter neben Gesundheit, weitere schöne Weihnachtsfeste im Kreis seiner Lieben – entweder mit seiner Ursprungsfamilie oder der Crew als funktionierende Gemeinschaft und Ersatzfamilie.

Text: Christin Lilge

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