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30.07.2010 00:00 Alter: 4 Monat(e)
Kategorien: Portrait

Mit den Wölfen leben lernen


Beim Wolfstag im Kindergarten tragen die Kinder selbstgebastelte Wolfsmasken oder lassen sich als Wölfe schminken.

Wolfstag im Kindergarten, © Kaestner

Renate Allcock weiß sehr viel über Wölfe!

Renate Allcock, © Dörthe Krohn

Ein Mal in der Woche lernen Kindergartenkinder im Alter von fünf bis sechs Jahren vier Monate lang mit Renate Allcock in der "Wolfsschule". Seit 2004 vermittelt sie spielerisch ihren über Jahre gesammelten Wissensschatz über Wölfe und Naturschutz als Erzieherin der integrativ arbeitenden Evangelischen Kindertagesstätte Kleinkinderschulstiftung Friedrichsdorf. Am ersten Wolfstag der Kita öffneten sich im April die Türen für alle großen und kleinen Wolf-Fans. Ein Projekt, das Schule machen könnte.

Etwa seit 10 Jahren lebt der europäische Grauwolf wieder in Deutschland. Vereinzelt, als Paar oder in kleinen Rudeln haben bundesweit insgesamt 50 bis 60 Tiere ihre Reviere in der Lausitz, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, aber auch im Reinhardswald. "Er gehört einfach in unser Ökosystem, in unsere Wälder hinein. Deshalb möchte ich, dass die Wölfe eine Chance haben, zu überleben", so Renate Allcock. Sie entschloss sich vor 8 Jahren etwas für den Schutz der Wölfe zu tun. "Nur was man kennt, das schützt man letztendlich auch." Auf diesen Grundsatz baute sie ihre Wolfsschule auf.

"Aufklärung ist das Wichtigste." Es gibt viele Vorurteile gegenüber Wölfen. Sicherlich ist er kein Streichelhund, wiederum gehört der Mensch auch nicht in sein Beuteschema. Der Wolf ist ein wild lebendes Tier, das man respektieren und dem man aus dem Weg gehen sollte. "In anderen Länder, beispielsweise Rumänien, da laufen die Wölfe durch die Stadt und da schert niemanden. Wir haben verlernt mit Wildtieren zu leben", ist die Erfahrung der Tierliebhaberin. Frei laufende Hunde sind möglicherweise gefährlicher als Wölfe. Sie stammen zwar vom Wolf ab, bleiben im Gegensatz zum gereiften erwachsenen Wolf aber auch im Alter eher  wie Teenager. Hunde suchen den Menschen, Wölfe meiden ihn. "Der Wolf kann eine Gefahr sein, aber es sterben mehr Leute dadurch, dass ihnen eine Kokosnuss auf den Kopf fällt", führt Allcock die Statistik ins Feld.

Den Kindern bringt sie die über Jahre gesammelten Informationen über die Tiere mit viel Anschauungsmaterial näher. Am Ende des von ihr zusammengestellten Curriculums fand erstmals der Wolfstag als "Tag der offenen Tür" statt. Dabei zeigten Allcock und ihre Erzieherkolleginnen im Bilderbuchkino ?Auf den Spuren der Wölfe? was Wolfsforscherinnen und ?forscher  tun. Wolfsmasken wurden gebastelt, Wolfsbilder gemalt, Wölfe und Waldelfen konnten sich schminken lassen, es gab Wolfskekse, Wolfslesezeichen, ein Wolfslied, einen Wolfsinfostand und eine Wolfsausstellung, die die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe zur Verfügung gestellt hatte. In vier Lernstationen wurden die Themen Wolfssinne, Rudel-Leben, Wolfssprache und Jagdverhalten spannend an die aufmerksamen Kinder herangetragen.

In der Wolfsschatzkiste der Organisatorin befinden sich neben zahlreichen Fotos unterschiedlicher Wolfsarten unter anderem ein Schädel-Replikat, ein Trittsiegel, in den die Kinder ihre Hände legen können und allerlei Ideen. Wie können Wölfe beispielsweise unterscheiden, zu welchem Rudel sie gehören? Renate Allcock tropft ein wenig Parfum auf die "Pfote"eines Kindes, das vorübergehend den Raum verlässt. Die übrigen Kinder bekommen zum Teil auch ein paar Parfumspritzer, zum Teil nicht. Das in das "Revier" zurückkehrende Kind kann nun schnuppern, wer zu seinem Rudel gehört. 

Echte Wölfe habe sie bisher mit den Kindern der Wolfsschule nicht besucht. Das sei vor allem ein logistisches Problem. Der Wildpark Alte Fasanerie in Hanau-Klein Auheim oder der Tier- und Pflanzenpark Fasanerie in Wiesbaden würden sich anbieten. Einerseits sei es sicher ein Erlebnis einen echten Wolf zu sehen, anderseits  frage sie sich, ob dieses Erlebnis die jahrelange Gefangenschaft der Tiere rechtfertige. "Wölfe in Tierparks, die sich ja ihr Rudel nicht ausgesucht haben und möglicherweise mit Artgenossen leben müssen, die ihnen gar nicht angenehm sind, verhalten sich anders als wild lebende Tiere", weiß die Pädagogin.

Während in einem Gehege die Rangordnung von einem Alphatier angeführt wird, spricht man von den Fähen und Rüden in der freien Wildnis als Leittiere. Sie nehmen vor allem ihre Elternrolle wahr. Die Welpen und Jährlinge ordnen sich selbstverständlich unter, bevor sie in der Regel im Alter von zwei Jahren die Familie verlassen und ein eigenes Territorium suchen. Wird der Lebensraum zu eng, kann es zu Kämpfen zwischen Rudeln kommen. Wenn ein Leitwolf zu alt wird, muss er früher oder später nach einem "Gespräch" unter Wölfen der nachwachsenden Generation die Leitung überlassen. In der Regel beißen sich die Tiere nicht tot, denn jede/r im Rudel wird gebraucht.

Renate Allcock hat schon als Kind die Tiere ihrer Umgebung geliebt und beschützt. Neben ihrem Engagement  für die Wölfe setzt sie sich für Delphine, Wale und Schneeleoparden ein. Doch das Geheimnisvolle, das den Wölfen anhafte, fasziniere sie. 

"Ein Wald, in dem der Wolf lebt, ist gesund." In den deutschen selbstregulierten wilden Wald gehören das Rotwild, Wildschweine, Dachse, Füchse, Eichhörnchen und Vögel. Aber um ein Gleichgewicht herzustellen, braucht er auch die Beutegreifer: Wolf, Luchs und Bär. In unserer Kulturlandschaft kann sich der kleine Grauwolf gut anpassen und er findet ausreichend Nahrung in Rehen, Wildschweinen oder Hasen. Die Wolfspopulation reguliert sich durch das Nahrungsangebot, weshalb eine Überbevölkerung nicht zu erwarten ist.

Dennoch muss sich der Wolf vor Jägern und Nutztierhaltern noch in Acht nehmen. Ihren Kindern hat Renate Allcock einen Lappenzaun gebastelt. Vor diesem fürchtet sich der Wolf, aber auch durch einen Elektrozaun kann er von einer Schafherde fern gehalten werden. 

Wer den Wolf im Wald fürchtet, kann einfach in den Wald hinein heulen. Wölfe haben einen Heulzwang, sie können nicht nicht antworten. Sie heulen mitunter auch, wenn eine Sirene, ein pfeifender Zug oder das Martinshorn ertönt. "Wenn es still bleibt im Wald, ist sicher kein Wolf da. Wenn er mit seinem Geheul antwortet, kann man trotzdem reingehen oder es sich noch einmal überlegen", lacht Tierfreundin Allcock.

Die Kinder der Wolfsschule sind so bei der Sache, dass sie sich Worte wie Tapetum lucidum, das ist die reflektierende Schicht, die sich hinter der Netzhaut des Wolfsauges befindet, merken. Um zu zeigen, was diese Schicht bewirkt, hat Renate Allcock einen Spiegel und eine Kerze in ihrer Materialkiste. Mit Hilfe eines Metronoms wird auch das Hören des Wolfes erfahrbar. Der Wolf kann seine Ohren in alle Richtungen drehen und während er seinen Blick auf die Beute richtet, hört er genau, wo sich seine Kolleginnen und Kollegen befinden. Das Metronom wird versteckt und von einem Kind gesucht oder die Kinder experimentieren mit ihren Händen an den Ohren, wie sich das Hören verändert.

Renate Allcock, die Urheberin des Wolfs-Curriculums, kann sich vorstellen, zwar nicht ihren Materialfundus, aber ihr fachliches und pädagogisches Wissen an interessierte Erzieherinnen und Erzieher anderer Kitas oder Lehrerinnen und Lehrer in Grundschulen weiterzugeben. Und sie sei grundsätzlich auch bereit, Wolfstage in anderen Einrichtungen mit zu organisieren. Es mache ihr ja Spaß, auch, wenn neben einer 40-Stunden-Stelle nicht viel Zeit dafür bleibe.

Die Wolfsschulkinder der Kleinkinderschulstiftung Friedrichsdorf haben sich für den Ideen-Wettbewerb "Ahuuu - Wölfe im Kindergarten" des Naturschutzbundes beworben. reinMein drückt die Daumen.

Wolf-Links
http://www.nabu.de/aktionenundprojekte/wolf
http://www.gzsdw.de
http://www.wolfschutz.de
http://www.lausitz-wolf.de

Text: Dörthe Krohn

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