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24.12.2012 05:48 Alter: 4 Monat(e)
Kategorien: Portrait

Eine nette kleine Ortschaft


© Markus Schneider

© Sonja Lehnert

© Sonja Lehnert

Fünf junge Leute, die sich Küche, Bad und Flur teilen, ansonsten aber ihre Zimmertür hinter sich zuziehen können, sind nicht weiter spektakulär – Wohngemeinschaften gibt es seit Jahrzehnten – und das nicht nur in Unistädten und in StudentInnenkreisen.

Das aber, was sich im September in Lorsbach, einer kleinen Taunusortschaft mitten im Rhein-Main-Gebiet, zusammengefunden hat, ist schon etwas Besonderes. In einem ehemaligen Gasthaus, das im Ort eine lange Tradition hat, aber schon Jahre leer stand, ist eine Schule eingezogen. Die private staatlich anerkannte Berufsfachschule Schule für Clowns war bis dahin ein fester Bestandteil des rheinland-pfälzischen Kulturlebens mit Standort in Mainz und etwa 100 Auftritten pro Jahr. Ein längerer Streit mit der Mainzer Grundstücks-Verwaltungsgesellschaft (GVG) und mangelnde Initiative der für Kultur Verantwortlichen führte schließlich dazu, dass von Michael Stuhlmiller, dem Gründer und Leiter der Schule, nach einer neuen Bleibe gesucht wurde. Der gesamte Komplex des Gasthauses „Zum Löwen“ schien wie geschaffen für seine Pläne und Ideen – und bot so viel Raum, dass Schülerinnen und Schüler jetzt sogar im Haus wohnen können.

Die Schule hatte mittlerweile mit der Weihnachtsshow des Schulensembles, die bis kurz vor Weihnachten auf der Bühne des großen Saals aufgeführt wurde, einen gelungenen Start ins kulturelle Leben. Was aber machen die Schülerinnen und Schüler, die neben der Ausbildung und den Auftritten auch noch ihr Leben in dem frisch renovierten Haus verbringen? Lukas (24) aus Füssen, Anne (28) aus Kiel und  Franziska (21) aus einem Dorf in Sachsen erzählen, wie es ihnen in ihrer „Wahlfamilie“ geht. Es sei ja nichts besonderes, in einer Wohngemeinschaft zu leben, wundert sich Anne über die Frage. Sie lebte in den vergangenen Jahren in einer Gemeinschaft in Portugal, in der auch das Schlafen im gemeinsamen Zelt geteilt wurde. Und Lukas fügt an, man könne ja schließlich immer die Tür hinter sich zuziehen oder eine Runde im Wald drehen und dann hätte man seine Ruhe. Franziska hat ihre Ausbildung beendet, wohnt aber trotzdem im Haus. Sie will beim Ensemble einsteigen, das im Frühling seine erste Show auf die Bühne bringt. Dass das Haus auch gleichzeitig Ausbildungs- und Arbeitsplatz ist, stört niemanden. „Wir besuchen unsere Freunde, haben hier und da einen Job, treffen uns natürlich auch hier, meistens in einem der Zimmer, weil die Küche doch sehr klein ist“, beschreibt Lukas die freie Zeit, von der am Ende des Tages doch gar nicht so viel übrig bleibt. Der Unterricht findet in einem der vielen, reichlich großen Räume statt. Tanz, Clown-Theater, Pantomime, Jonglage, Clown, Akrobatik und Stimme sind die Unterrichtsfächer, die gelehrt werden.

„Clown“ nimmt dabei einen zentralen Punkt ein. Im ersten Jahr wird die Technik vermittelt, das heißt, wie funktioniert es, ein Clown zu sein. Im zweiten Jahr kommt das Wesen des Clowns hinzu. Das ist komplizierter, denn hier sind die Schülerinnen und Schüler ganz gefragt. Sie müssen auf die Suche nach ihrem „persönlichen Clown“ gehen und sich die Frage stellen, welche Art von Clown bereits in ihnen steckt. Es sei schon ziemlich anstrengend herauszufinden, welche Clownanteile vorhanden seien. Ist es der grantige oder der liebenswerte? Psychologie spielt im Unterricht sowieso während der ganzen Ausbildung eine große Rolle.

Nach dem Unterricht stehen dann noch die Trainingseinheiten an, bei denen jede und jeder selbst entscheidet, was als „Hausaufgabe“ geübt wird. Da gibt es zum Beispiel die Stimmübungen fürs Zwerchfell: hf-hf-hf oder sch-s-sch-s, Jonglieren und und und.

Kontakte im Ort selbst gäbe es natürlich auch.  Im Supermarkt, auf dem Weihnachtsmarkt und beim Weihnachtsbasar in der Grundschule. Von den Bewohnern Lorsbachs jedenfalls würde man freundlich aufgenommen.

Die anderen Schülerinnen und Schüler wohnen in der Nähe, bis hin nach Wiesbaden. Es ist ein internationales Grüppchen, das da zusammen lernt, arbeitet und zum Teil zusammen wohnt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus Österreich,  der Schweiz, Spanien und aus allen Teilen Deutschlands.

Wenn dann der Vorhang nach der letzten Show vor Weihnachten gefallen ist, geht es in die Ferien. Der ganze Januar ist unterrichtsfrei. Lukas fährt über Weihnachten nach Füssen, Anne sucht einen Job, wenn sie nicht doch auch nach Hause fährt und Franziska macht Urlaub mit viel Sport. Und wie geht es nach der Ausbildung weiter? Zum Beispiel durch die Welt touren und Straßentheater machen oder als Teil des Ensembles erst einmal sesshaft bleiben. Die Möglichkeiten sind vielfältig, wie auch Schulleiter Stuhlmiller weiß. Gut ausgebildete Leute werden im Event- und Galabereich ebenso gesucht wie im Varieté. Als Moderatoren, Conférenciers oder Pantomimen konnten einige seiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler bereits Verträge unterzeichnen.

Gelungener Start mit Ausblick in die Zukunft

Die Schülerinnen und Schüler im zweiten und dritten Ausbildungsjahr sowie einige Absolventen der Schule ziehen bei ihrer Weihnachtsshow alle Register, um das Publikum zum Lachen zu bringen. Nichts wird dabei ausgelassen. Wortwitze werden mit gekonnter Mimik, Gesang mit geübten Stimmen unterstrichen, Jonglage fasziniert das Publikum und die typische Klarinette kommt ebenfalls zum Einsatz. Sogar ein selbstgebackener Stollen macht die Runde durch die Zuschauerreihen.

Die Geschichte um Nachbarschaft, Weihnachtsbaum, Geschenke und Geist der Weihnacht wurde von den Schülerinnen und Schülern erstellt und inszeniert und repräsentiert die komplette Vielfalt des Ausbildungsangebotes. Einen Einblick in die Unterrichtseinheiten eines Monats gibt die Mittwochsbühne, eine regelmäßig stattfindende Werkstattbühne, die immer am letzten Mittwoch eines Monats um 20 Uhr das Gelernte auf der Bühne zeigt. Michael Stuhlmiller lehrt mit sechs weiteren Dozenten zur Zeit 14 Schülerinnen und Schülern die Kunst der Clownerie. Stuhlmiller schrieb einmal: „Bei dieser Form der Ausbildung sind die angehenden Clowns extrem gefordert, denn es geht um die persönlichen Themen und darum, zu dem ureigenen Ausdruck zu finden. Ich sage dann oft: Der Humor fängt da an, wo der Spaß aufhört.“

© Sonja Lehnert

Das konnten auch Kerstin Engels, die im 2. Jahr lernt, und Patrick Passehr, der bereits Absolvent ist, bestätigen. Die Ausbildung sei um ein Vielfaches anspruchsvoller, als bei so manch anderem Beruf, da man sich immer wieder mit sich selbst auseinandersetzen müsse. Durchschnittlich seien die Schülerinnen und Schüler zwischen Anfang 20 bis Anfang 30, aber auch jüngere oder ältere drückten die Clowns-Schulbank. Das Platzangebot – auch eine Scheune mit über 100 Quadratmetern könne noch ausgebaut werden – ermögliche neben der Vollzeitausbildung auch eine Ausbildung, die parallel zum Berufsalltag laufe, am Wochenende sei gerade eine Gruppe aus Luxemburg da gewesen.

Lorsbach freut sich jedenfalls  über die Bereicherung in einer der traditionsreichsten Gaststätten des Ortes. Stuhlmiller und seine Frau Lea Stellmach-Stuhlmiller haben schon mit der Renovierung des Saals gezeigt, dass ihnen die Tradition des Gebäudes am Herzen liegt. Er soll nach vollständiger Fertigstellung für Veranstaltungen zur Verfügung stehen und kann auch gleich mit Programm gebucht werden. Das Kernstück ist jedoch die Schule, im kommenden Frühjahr folgt das Ensemble mit seiner Bühnenpremiere, Gastspiele von bekannten Comedians sind geplant und dann steht auch noch das Lokal, die ehemalige Kneipe „Zum Löwen“, auf der Agenda. Es soll so bestehen bleiben, aber mit einem vernünftigen Konzept versehen, nicht gleich wieder zum Scheitern verurteilt sein. „Die Lorsbacher haben hier schon oft genug einen Wechsel gesehen“, so Stuhlmiller.

© Sonja Lehnert

Stuhlmiller sieht sich als Bewohner des Rhein-Main-Gebiets, sein Denken sei nicht auf einen bestimmten Ort beschränkt, sondern richte sich darauf, dass er in einer Region lebe, in der vier Großstädte, Frankfurt, Mainz, Wiesbaden und Darmstadt – im  Umkreis von 30 bis 40 Kilometern erreichbar seien. „Das komische Theater“, wie die Bühne des Ensembles heißen wird, wird die Zuschauerinnen und Zuschauer anziehen, denen die dargebotene Kunst, die Atmosphäre und das Konzept gefällt, egal, wo genau in diesem Radius es sich befinde. Ein schnell erreichbarer S-Bahn-Anschluss und ausreichend Parkmöglichkeiten spreche sowieso für beste Erreichbarkeit.

Eine weitere Besonderheit ist der Clown-Pflegeverein e.V., der in gemeinnütziger Tätigkeiten die Clowns unterstützt, die mit demenzkranken Senioren, behinderten Menschen, in der Pädagogik und in der Migration arbeiten wollen. Diese müssen neben einer fundierten Clownausbildung über eine ausgeprägte soziale und emotionale Intelligenz verfügen. Die Ausbildung zum Clownpfleger beinhaltet daher auch eine persönliche Selbsterfahrung und ein Praktikum in Senioren-, Behinderten-  oder sozialpädagogischen Einrichtungen. Daneben helfen regelmäßige Supervisionen und Weiterbildungen bei der Integration und Verarbeitung von Problemen und Konflikten, die durch den Einsatz als Clownpfleger aufkommen können.

Ziel der Ausbildung ist die Befähigung als Clownpfleger in sozialen, therapeutischen und pädagogischen Einrichtungen arbeiten zu können.

Das reinMein-Gebiet hat mit der Eröffnung der Clownschule nicht nur einen Zuwachs im kulturellen, sondern auch eine nachhaltige Bereicherung im sozialen Leben erhalten.

Alle weiteren Informationen hierzu und Buchungen gibt es unter www.clownschule.de

Text: Sonja Lehnert

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