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21.07.2010 00:00 Alter: 11 Monat(e)
Kategorien: Portrait

Ein fast ausgestorbener Beruf - die Täschnerin


Das Foto von Iris Junker zeigt Daniela Damm am Zuschneidetisch in ihrer Werkstatt.

Daniela Damm am Zuschneidetisch, © Iris Junker

Eine Tasche sei wie eine ständige Begleiterin, so Daniela Damm. Einige Unikate hat sie in ihrer Werkstatt ausgestellt.

Die Werkstatt-Galerie, © Iris Junker

Mit Hilfe der Steppmaschine erhalten die zugeschnittenen Stoffe den nötigen Zusammenhalt.

Die Täschnerin an der Steppmaschine, © Iris Junker

"Das ist der große Unterschied zur Konfektionsware..." - als Täschnerin in eigener Werkstatt fertigt Daniela Damm Lederwaren nach den Wünschen ihrer KundInnen.

In einer ruhigen Seitenstraße im etwas ramponierten Frankfurter Stadtteil Bockenheim sitzt Daniela Damm, durch die beiden großen Schaufenster gut sichtbar, in ihrer Werkstattgalerie. Die Leute sollen sehen, dass hier ein Arbeitsplatz ist, sagt sie, dass sie selbst ihre Taschen fertigt. Die Steppmaschine surrt, sie näht Seitenböden aus dickem, weichen Leder in einen Shopper. Ein Shopper ist eine große Tasche, in die auch schon mal die Einkäufe passen. Der Shopper verkauft sich am besten und ist auch ihre Lieblingstasche.

Zahl der selbstständigen TäschnerInnen sinkt

Sie legt einen Prototyp für ein neues Modell aus dünnem Filz, der auf dem großen Millimeterrasterbrett liegt, sorgsam zur Seite und den Shopper auf den hohen Arbeitstisch. Dann klopft sie mit einem der Hämmer überraschend kraftvoll ? Daniela Damm ist eine zierliche Person mit feinem, schulterlangem Haar und hellbraunen Augen ? und sehr genau die Nähte flach. Die Täschner-Werkzeuge liegen griffbereit: Riemenschneider, Metalllineale, Kleber, Ahle, Scheren, Hämmer, Aushauer (um Löcher zu stanzen), ein Schärfmesser, die Klinge steckt in einem Lederetui. Vorsichtig nimmt Damm das Messer heraus, schärft es auf dem Schärfstein und zeigt, wie damit das Leder von der Fleischseite der Haut abgeschrägt, ausgedünnt, wird, damit es umgeschlagen werden kann. Die großen Lederhäute werden mit einer Schärfmaschine in gleichmäßige Spalten geschnitten.

Täschnerin ist ein Handwerksberuf, den Damm, Anfang 40, vor 20 Jahren in einem kleinen Sattler-Industriebetrieb gelernt hat. Ein hervorragender Lehrbetrieb, sagt sie und dann, bedauernd, der aber, wie so viele in den letzten Jahren, aufgegeben hat. In Deutschland gibt es inzwischen nur noch 1.900 spezialisierte LederwareneinzelhändlerInnen und noch weniger selbstständige TäschnerInnen, Tendenz: sinkend. Direkt nach der Ausbildung hat Damm nah an der Wohnung eine eigene Werkstatt eröffnet, um ihre eigenen Modelle herstellen zu können. Hin und wieder arbeitet sie auch für die Industrie, entwirft Kollektionen, betreut Produktion und Herstellungsabläufe. Als die Kinder noch klein waren, hat Damm an der Abendschule zusätzlich noch ein Marketing- und Vertriebsökonomiestudium absolviert. Mit einer eigenen Werkstatt lässt sich Selbstständigkeit und Familie ganz gut vereinbaren. Und noch immer kommen die beiden fast erwachsenen Söhne nach der Schule gern auf einen Sprung im Laden vorbei.

Eine Tasche ist mehr als ein Funktionsgegenstand

Weiter hinten im Laden hängen über einer Stange etliche Lederhäute. An der Narbung, erklärt sie und streicht mit ihren kleinen, kräftigen Händen über das Leder und reibt es zwischen den Fingern, kann man erkennen von welchem Tier das Leder stammt. Sie bevorzugt weiche, kräftige Rind-, Schweins-, Schaf- und Ziegenleder, keine Exoten, nur Tiere, die man auch essen kann. Auch Stoffrollen stehen hier, Filz und Gobelins, die sie ebenfalls gern verarbeitet.
Eine Tasche, sagt Damm, ist viel mehr als ein Funktionsgegenstand, sie ist ständige Begleiterin. Wie die Tasche auf der Hüfte liegt oder an der Schulter hängt, das muss sich gut, richtig anfühlen. Wie für die Industriekunden sucht Damm für jedes ihrer eigenen Modelle die gelungene Verbindung aus Material, Schnitt, Nahttechnik und Verarbeitung, aber hier entwirft sie nur Handtaschen, die sie selbst tragen würde. Ja, bestätigt Brigitte, eine Tasche, die ihren Ansprüchen nicht genügt, das würde Daniela nicht machen. Sie lächelt. Daniela möchte, dass ihre Taschen Lieblingsstücke werden.

Und sie sollen fünf bis zehn Jahre halten - bei täglichem Gebrauch. Daher bevorzugt Damm, das sieht man auch an ihrer Kleidung, zurückhaltende Schnitte und Farben. Also kein modischer Schnickschnack, sondern interessante Details, z.B. ein gut durchdachter Verschluss. Die Metallteile müssen hochwertig, d.h. schwer sein, da darf sich kein enttäuschend billiges Gefühl einstellen.

Eine Frau, Mitte 40, steigt etwas zögerlich die zwei Stufen in den Laden hoch. Damm weiß, dass es ein bisschen Mut braucht, in den übersichtlichen, fast leer wirkenden Laden zu kommen. Keine Regale, hinter denen man sich verstecken, kein großes Warenangebot, in dem man stöbern und danach wieder unbemerkt verschwinden könnte. 

Bei ihr bekommt die Kundin die Tasche, die sie sich vorstellt

Sie habe schon oft in den Laden geschaut, erzählt eine Kundin, aber erst heute gewagt, hinein zu kommen. Konzentriert und genau fragt Damm nach ihren Wünschen. Auch das ein großer Unterschied zur Konfektionsware; da muss man nehmen, man was man kriegt. Viele Frauen hätten bis dahin nie bemerkt, wofür sie ihre Tasche brauchen. Manchmal, selten, komme auch ein mutiger Mann, der seine Frau beschenken möchte. Sie besprechen die Tragegewohnheiten und was in die Tasche hinein passen soll. Diese Kundin braucht mindestens DinA4. Damm zeigt ihr die Modelle, Materialien, Innenfutter, Taschengriffe, Tragemöglichkeiten, Verschlussvarianten. Schließlich fragt die Kundin auch nach den Preisen, eher hoch.

Sie geht dann, ohne eine Tasche gekauft oder bestellt zu haben, der Entschluss, eine individuell handgefertigte Tasche von Daniela Damm zu kaufen, dauert seine Zeit. Aber Damm ist zuversichtlich. Die meisten noch-nicht-Kundinnen, sagt sie, gehen nach einem solchen Gespräch in die Stadt und schauen nochmal bei der Industrieware ? und stellen dann fest, dass sie da nur irgendeine Tasche bekommen. Bei ihr bekommt die Kundin, die Tasche, die sie sich vorstellt. 

Mehr zur individuellen Tasche bei www.danidamm.de

Text: Iris Junker

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