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06.12.2010 21:24 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Portrait

"Das Schnitzen ist meine Berufung"


Hans-Albert Herrmann

© Christin Lilge

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© Christin Lilge

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© Christin Lilge

"Wiesbadener Herrmann-Krippe“ auf dem Sternschnuppenmarkt.

© Christin Lilge

„Sie brachte einen Sohn zur Welt, … wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe im Stall. Eine andere Unterkunft hatten sie nicht gefunden.“  So steht es im Lukas-Evangelium Psalm 2 Vers 7 der Bibel als das Ereignis der Heiligen Nacht am 24. Dezember. Für Jesu Geburt und als eine Wohnform für eine dreiköpfige Familie ist unserem heutigen Denken nach eine Stallung mit Futterkrippe wohl eher eine zwingende als freiwillige Wahl. Aber die Futterkrippe ist im christlichen Glauben als Wiege von Jesus von Nazareth zweifellos fest mit dem Schicksal der Heiligen Familie verbunden.

Diesem bedeutenden Moment können Besucherinnen und Besucher derzeit auf dem Wiesbadener „Sternschnuppenmarkt“ bis zum 23. Dezember täglich aufs Neue begegnen. Die sogenannte „Wiesbadener Herrmann-Krippe“ lässt jedoch schon bei der ersten Betrachtung der handgeschnitzten Figuren und Tiere in Lebensgröße keinerlei ungemütliche Atmosphäre aufkommen, die damals zur Zeit Jesu Geburt gewesen sein mag.

Blickt man länger in die Gesichter der einzelnen Figuren, lassen sich authentisch menschlich wirkende Züge erkennen. Mit dem knieenden König Caspar und dem aufrecht stehenden König Melchior ist die Anzahl der menschlichen Figuren der „Wiesbadener Krippe“ eigentlich abgeschlossen. Über mehrere Jahre geschaffen hat dieses imposante Gesamtwerk aus Linden-, Eschen- und Pappelholz Hans-Albert Herrmann, der „Herrgottschnitzer von Bremthal“. Unabhängig vom städtischen Auftrag steckt der Künstler bereits mitten in der Planung für den „Sternschnuppenmarkt“ 2011: Ein Krippen-Kamel aus Pappelholz soll das Ensemble um die Heilige Familie erweitern. Dann vielleicht auch mit mehreren kleinen Tieren wie einer Eule, die Herrmann gern aus dem Holz des diesjährigen Sternschnuppenmarkt-Weihnachtsbaumes erschaffen würde.

„Das Schnitzen ist meine Berufung. Wenn ich nicht arbeite, denke ich an Arbeit“, erzählt der gelernte Dachdecker, der seine Leidenschaft für dieses Handwerk bereits als Kind im Werkunterricht entdeckte und sein Hobby letztendlich auch zum Beruf machte. Bis Ende der achtziger Jahre führte er seine Firma mit 46 Mitarbeitern, verkaufte die Firma jedoch und ging bei Krippenschnitzern in Oberammergau, Österreich und Südtirol in die Lehre. Im südamerikanischen Ecuador lernte Herrmann die Fertigkeit, seinen Holzfiguren Leben einzuhauchen, indem die Pupillen vor Lebendigkeit nur zu sprühen scheinen. In seinem Büro zeugt eine handgeschnitzte Frau mit Kopftuch und Umhängetasche von einem für Herrmann unvergesslichen Erlebnis und hat einen Ehrenplatz gefunden. Geht der Besucher weiter in die angrenzenden Ausstellungsräume, kommt er aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Bis hoch an die Decke stehen und hängen zahlreiche von Herrmann geschaffene sakrale und profane Figuren sowie circa 122 käuflich zu erwerbende Krippen. „Das ist die Größte Krippenschau von Hessen“, bestätigt Herrmann stolz seinen bereits von der Zufahrtsstraße sichtbaren Aushang mit ebensolchem Schriftzug.

Die Wahl zwischen handgeschnitztem Christbaumschmuck und anderem Handgefertigten aus seinem Sortiment fällt da nicht leicht. Denn neben den separat zu kaufenden Stallungen, auch mit Original-Heu oder –Stroh, gibt es zahlreiche Modelle mit mindestens der Heiligen Familie in den Ausführungen „Wiesbaden“, „Taunus“, „Bremthal“ und „Eppstein“. Das Modell „Taunus“ ist sehr beliebt, da die Figuren durch ihre Bemalung nicht nur  sehr farbenfroh, sondern auch robust und kindertauglich sind. Im privaten Wintergarten steht eine von Herrmann erschaffene Statue der Mutter Maria mit Jesuskind. Der bemalten und in Blattgold verzierten Figur kann das separat geschnitzte Kind individuell in den Arm gelegt werden. Die Holzfiguren zusammen symbolisieren nicht nur die filigrane Schnitztechnik, sondern auch „die wichtige Verbindung zwischen Mutter und Kind, denn Blickkontakt ist zwischen Maria und Jesus wichtig“, betont Herrmann.

Zurück in der Krippenschau im Gebäude nebenan wird der/die Besucher/in Zeuge der Lebendigkeit der Figuren. Ein circa 30 Zentimeter hoher Holzmann fegt eine imaginäre Straße mit seinem Besen (das größere Ebenbild steht auf einem Dorfplatz in der Region), ein anderer in Holz verewigter Mann, von Herrmann spontan augenzwinkernd „Steuerzahler“ genannt, zeigt mit trauriger Miene seine leeren und bargeldlosen Hosentaschen. Ein  kleiner kompakter Wicht strahlt über beide hölzerne Pausbacken und versprüht auf Anhieb eine gewisse Fröhlichkeit.

Grundsätzlich kommen Interessierte und KäuferInnen, die sich an der Eingangspforte anmelden müssen, ab der Mittagszeit zu Hans-Albert Herrmann und seiner Frau Ursula. „Von zehn Besuchern kaufen mindestens sechs etwas“, freuen sich beide. Gern empfängt das Ehepaar seine Besucherinnen und Besucher. Aber die Einführung gewisser Regeln war dennoch notwendig. Auf einem großen Schild am Eingang weisen die Herrmanns auf Fotografier-Verbot und Videoüberwachung hin. Wer nichts kaufen, sich die Krippenschau dennoch ansehen möchte, hinterlässt in einem kleinen Korb einen Obolus von einem Euro. „Der gesammelte Betrag wird geschlossen zu wohltätigen Zwecken an eine regionale Einrichtung gespendet“, verkünden Hans-Albert und Ursula Herrmann.

Schmutz und Schneematsch, den manche BesucherInnen vom Spaziergang durch den nahen Wald mit in die Räumlichkeiten tragen und die Besuchermengen aus Reisebussen stören das Ehepaar nur bedingt. Vielmehr macht es ihm aus, dass Hinweise, die Krippen nicht zu berühren, nicht nur missachtet werden, sondern dass auch immer wieder Figuren aus den ausgestellten Krippen einfach mitgenommen werden. So fehlt bei einer Krippe einer der Heiligen Drei Könige, bei einer anderen sogar das Jesuskind. Das ist besonders ärgerlich, da Herrmann gut 250 bis 300 Stunden je nach Größe an einer Figur schnitzt. „Vor zwei Wochen wurde eine komplette Weihnachtskrippenfiguren-Gruppe entwendet. Um Diebstählen zukünftig vorzubeugen, werde ich die Ausstellung im nächsten Jahr nur noch hinter Glas zeigen“, so der Krippenaussteller betroffen.

Das wird die Fans des längst über die Grenzen von Deutschland hinaus bekannten Künstlers jedoch nicht von einem Besuch oder Kauf bei Hans-Albert Herrmann abhalten. So kommt jedes Jahr  jemand aus Kanada zu Besuch und kauft für Bekannte zuhause ein. Auch die Spanier schätzen Herrmanns Schnitzkunst, die er anhand eines Porträts des Monarchen Juan Carlos erfolgreich unter Beweis stellte. Neben Auftragswünschen, auch nach Fotovorlage, und Neuanfertigungen erfüllt Herrmann in seiner konstant nach Holz duftenden und ungewohnt aufgeräumten Werkstatt auch Reparatur- und Umgestaltungswünsche.

Grundsätzlich arbeitet Herrmann nur mit frischem, abgelagertem Holz, das nicht zu weich aber noch gut bearbeitbar ist. Er persönlich bevorzugt angebeizte Figuren, bei denen noch die Holzmaserungen gut zu sehen sind. Bei größeren Objekten arbeitet er die grobe Form zunächst mit einer Kettensäge heraus, bevor es an die aufwändig feine Handarbeit geht. Für die Feinarbeiten benutzt der Herrgottschnitzer Werkzeuge wie den „Klüpfel“, einen speziellen Hammer.  
Herrmann zeigt auf einen seiner aktuellen Aufträge, eine vogelhausartige Krippe, „die soll ich zur richtigen Krippe umgestalten.“ Auch das in Holz geschnitzte Denkmal des verstorbenen Hund „Lucky“ wird bald seinem Besitzer aus Limburg übergeben. Beliebt sind besonders Bänke mit Namenszügen oder mit für den Empfänger typische Details oder Porträts. Im Sommer kreiert der Herrgottschnitzer  gerne Gartenmöbel, aber auch Auftragsarbeit für eine Stammtischgarnitur gehört zu seinen Aufgaben. Anhand sorgfältiger in Fotoalben geklebter Bilder dokumentiert Herrmann für sich und interessierte Besucher die einzelnen Arbeitsabschnitte.

Stolz macht es Herrmann, wenn seine Kunstwerke an einem öffentlichen Platz aufgestellt werden. Der imposante „Eppsteiner Pflasterschisser“ den er im Auftrag der Gemeinde Eppstein schnitzte, ist jedoch erst einmal aufgrund fehlender Haushaltsgelder zwischengelagert und wird später seinen besonderen Platz im Ort finden.

Wenn Hans-Albert Herrmann Feierabend macht, schnitzt er gern bei einem Glas Wein oder spielt Akkordeon, das er vor langer Zeit neben Schlagzeug auch in einer Band spielte. Die Familie ist ihm wichtig, so widmete er 2003 seinen Enkeln private Aufzeichnungen von einer Reise auf dem Jakobsweg auf seinem mit Holzschnitzereien „gepimpten“ Motorrad.

Info:
Die „Größte Krippenschau von Hessen“ auf Hans-Albert Herrmanns Hof in der Nauroder Straße 2, 65187 Eppstein-Bremthal, liegt direkt an der B 455 WI-HG, wenige Fahrminuten von der A3 (Abfahrt Wiesbaden/Niedernhausen) entfernt. Die Ausstellung ist dieses Jahr noch bis Freitag, 24. Dezember täglich von 9 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung geöffnet. Beratungs- und Verkaufstermine spricht Hans-Albert Herrmann vorher telefonisch unter 06198 / 70 14 ab und ist auch per Fax unter 06198 / 94 37 erreichbar. Nächstes Jahr ist die voraussichtlich erweiterte Krippenschau noch von Sonntag,  2. bis Samstag, 8. Januar von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

Information über das Handwerk des Herrgottschnitzers

In bayrischen und Tiroler Alpenländern sind Herrgottschnitzer Holzbildhauer, die vor allem Kruzifixe aus Holz schnitzen.

Information über die Weihnachtskrippe

Der Begriff der Krippe hat ihren Ursprung im Germanischen und bedeutet „Flechtwerk“. Generell versteht man unter einer Krippe  eine Vorrichtung im Stall aus Holz oder Ton zur Fütterung der Haustiere.

In direktem Bezug auf Weihnachten, ist die Krippe die figürliche Darstellung der Heiligen Familie im Stall zu Bethlehem (nach Lukas/2) mit dem Jesuskind in einer Futterkrippe, Ochs und Esel (Jesaja 1,3) sowie Hirten und den Weisen aus dem Morgenland. Die einzelnen Figuren der Krippe können beliebig versetzt werden, sind aber ihrer Aufstellung nach in thematischen Abwandlungen an die Festzeit gebunden. Übliche Aufstellungsorte sind  Kirchen und Häuser.

Als eigenständiger Typus ist die Krippe in der Mitte des 16. Jahrhunderts zuerst in italienischen, spanischen und süddeutschen Kirchen sowie an Fürstenhöfen nachgewiesen. Nach 1600 war sie auch in bürgerlichen und bäuerlichen Haushalten verbreitet. 

Informationen über den Begriff der „Wahlfamilie“

Laut der Hausarbeit „Projekt Wahlfamilie“ der Autoren Kai Michel (freier Diplom-Ingenieur) und Grit Grünewald (Diplom-Soziologin) wird dieser Begriff folgendermaßen definiert: Eine Wahlfamilie besteht aus einer Wohngemeinschaft pro Haus, das aus mehreren Personen und Parteien pro Etage bestehen kann. Angestrebt sei ein Zusammenleben von Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Lebensumstände. Das wichtigste Kriterium vor dem Einzug sei daher allein die Sympathie der zukünftigen Bwohnerinnen und Bewohner untereinander. Bezug nehmend auf die Heilige Familie stimmt die These von Michel und Grünewald damit überein, dass mehrere nicht unbedingt miteinander verwandtschaftlich verknüpfte Personen in einem Haus, hier einer Herberge, leben. Zur Wahlfamilie wird die Heilige Familie dadurch, dass Josef nur Jesus‘ gesetzlicher aber nicht sein leiblicher Vater war. Der Zimmermann Josef gab der sogenannten „Josefsehe“, einer jungfräulichen Ehe, angeblich ihren Namen. Maria war zu dieser Zeit bereits mit Jesus schwanger. Aus kirchlicher Perspektive ist die Geburt Jesu daher eine Jungfrauengeburt.

Informationen über das Weihnachtsfest

Das Weihnachtsfest in seiner heutigen bekannten Form mit der Bescherung der Kinder hat seinen Ursprung in der gesellschaftlichen Oberschicht des 16. Jahrhunderts.  Erst im 18. Jahrhundert wurden zur Weihnachtszeit typische Lichtgestelle wie die Weihnachtspyramide üblich. Um die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war der Weihnachtsbaum an Höfen und bürgerlichen Oberschichten, aber erst im Lauf des 19. Jahrhunderts bei bürgerlichen Familien verbreitet.

Aus dem Mittelhochdeutschen „ze den wihen nahten“ im heutigen Hochdeutsch „zu den heiligen Nächten“ bedeutend, entwickelte sich das Weihnachtsfest zunächst als Feier des 25. Dezember (neun Monate nach dem Tag der Weltschöpfung und der Verkündigung an Maria) in Rom. Der 25. Dezember wurde als Tag der Wintersonnenwende auf das in Christus angebrochene Weltenlicht gedeutet. Das außerkirchliche Brauchwesen der Weihnachtszeit war sehr lange davon bestimmt, dass der 25. Dezember bis zur Einführung des Gregorianischen Kalenders im Jahr 1582 als Jahresbeginn galt, die vorangegangene Christnacht als erste der zwölf Nächte für heidnische Glaubens- und Brauchbereiche.

Textquellen: Die Bibel, Brockhaus Enzyklopädie Bd. 8, 10 und 20, http://atelier-michel.de/lebensformen/pdf/wahlfamilie.pdf S. 1, 10-20.

Text: Christin Lilge

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