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13.02.2012 00:00 Alter: 5 Monat(e)
Kategorien: Portrait

Buderus zwischen Felda, Nidder und Weil und der Eisenkunstguss


Kunst am Lönholdt-Ofen, © Dörthe Krohn

Ofenplatte © Dörthe Krohn

Ofenplatte © Dörthe Krohn

Von einem Nebenzimmer zu beheizender Kamin, © Dörthe Krohn

Holzmodel: "Der junge Zecher", Hütte im Vogelsberg, Erstes Drittel des 19. Jahrhunderts, © Dörthe Krohn

Der Alte Fritz, © Bosch Thermotechnik GmbH/Buderus Kunstguss

Außenansicht des Kunstgussmuseums Hirzenhain, © Dörthe Krohn

Hirzenhain, die knapp 3.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Ortschaft am Fuße des Vogelsbergs im Wetteraukreis, ist eine bedeutende Adresse im Hinblick auf die historische Entwicklung der deutschen Eisenindustrie und des Kunstgusses. 1678 wurde der erste Holzkohlehochofen an der Waldschmiede in Hirzenhain errichtet. 1817 übernahm die Familie Buderus dafür die Pacht. Aus dem geschmolzenen Eisen wurden die ersten Kunstgusserzeugnisse hergestellt, u.a.  Ofenplatten. Das Unternehmen Buderus war im Jahr 1731 von Johann Wilhelm Buderus gegründet und nach seinem Tod von seiner zweiten Frau, Elisabetha Magdalena Buderus, eine der ersten Unternehmerinnen Deutschlands, durch eine schwere Zeit gebracht worden.

Johann Wilhelm Buderus wurde 1717 die kaufmännische und technische Leitung der Friedrichshütte in Ruppertsburg (südlich von Laubach) übertragen. Die Hütte gehörte Friedrich Ernst Graf zu Solms-Laubach, der sie wiederum an den Ortenberger Johann Jacob Neuburger verpachtet hatte, der Buderus als Verwalter engagierte. Buderus, selbst nur Angestellter, investierte in die Eisenhütte. 1729 gehörte ihm der größte Teil des Betriebskapitals. 1731, nachdem der Pachtvertrag zwischen Neuburger und den zu Solms-Laubachs  abgelaufen war, pachtete Buderus die Friedrichshütte samt Hochofen, Gießerei und zwei Eisenhämmern. Im selben Jahr heiratete der hochgräfliche und herrschaftliche Hüttenadmodiator (Admodiation ist ein alter Ausdruck für Pacht inklusive der dazugehörigen Rechte) die Hofdame der Gräfin zu Solms-Laubach, Elisabetha Magdalena Nies. Nach dem Tod ihres Mannes und 22 Ehejahren pachtete sie 1753 die Friedrichshütte. Sie war verantwortlich für zehn Mitarbeiter, sechs eigene Kinder und fünf aus der ersten Ehe ihres Mannes, war 46 Jahre alt, hatte mit Hochwasser und dem Siebenjährigen Krieg, mit Plünderungen und Überfällen zu kämpfen. Als ihren Nachfolger führte sie ihren Sohn Johann Wilhelm II in die Geschäfte ein. Sie stellte einen Bildungsplan für ihn auf und vermittelte ihm Werte, die bis heute Gültigkeit haben (sollten). Sie betonte die enge Schicksalsgemeinschaft zwischen Unternehmer und Arbeitern, ermahnte ihn, als gutes Beispiel voran zu gehen und sorgte für eine ordentliche, christliche und redliche Unternehmensführung, um Eintracht und den gemeinschaftlichen Nutzen zu fördern.

Johann Wilhelm Buderus II stieg 1762 in das Unternehmen ein und vermehrte den Unternehmenswert um ein Vielfaches, indem er expandierte. 1779 pachtete er beispielsweise den „Schellnhäuser Hammer“ (Gemeinde Feldatal im Vogelsberg) des Landgrafen von Hessen-Darmstadt. Die Firma Buderus kaufte den Betrieb 1824 sogar und führte ihn so lange, bis 1872 die Eisenverarbeitung in Schellnhausen eingestellt wurde. Johann Wilhelm Buderus erhielt das Monopol für den Eisenverkauf und hatte Erzschürfrechte in Grünberg, Schotten, Ulrichstein, Burg-Gemünden und Grebenau und er investierte an der Weil, wo er 1798 die Audenschmiede des Marktfleckens Weilmünster erwarb. Der Hochofen lief auf Hochbetrieb ehe er 1877 stillgelegt wurde.

Nach dem Tod von Johann Wilhelm II ging das Unternehmen zu gleichen Teilen an seine drei überlebenden Söhne über. Diese gründeten 1807 die Gesellschaft J.W. Buderus Söhne mit Sitz auf der Friedrichshütte. Das Familienunternehmen übernahm die Löhnberger Hütte bei Weilburg und 1817 besagte Eisenhütte zu Hirzenhain. Georg Buderus, der einzige Überlebende der drei Brüder, kaufte 1822 die Christianshütte bei Schupbach in der Grafschaft Wied-Runkel und zwei Jahre später, wie erwähnt, das Schellnhausener Hammerwerk.  Auch der Eisenhammer in der Grafschaft Leiningen-Westerburg ging 1830 in den Besitz der Familie Buderus über. Die vierte Buderus-Generation pachtete die Aßlarer Hütte und die Oberndorfer Hütte hinzu, die beide zur Standesherrschaft zu Solms-Braunfels gehörten.

Aufgrund der Weltwirtschaftskrise, die 1857 von Nordamerika ausging, mussten einige Hütten stillgelegt werden. Eine neue Epoche in der Unternehmensentwicklung begann Anfang 1862 mit der Eröffnung der Deutz-Gießener Eisenbahn. Zugleich kam es zu Konkurrenz und Zerwürfnissen unter den Buderus-Erben, was 1870 die Existenz der Societät J.W. Buderus Söhne beendete. Auch die Friedrichshütte, die Wiege des Buderus-Imperiums, wurde abgestoßen, weil sie nicht mehr rentabel war. Zwei Buderus-Firmen entstanden. Friedrich Buderus firmierte mit der Audenschmiede im Weiltal, die  Brüder Richard und Georg gründeten die „Offene Handelsgesellschaft Gebrüder Buderus zur Main-Weser-Hütte bei Lollar“. Seit 1873 war Hugo Buderus gleichberechtigter Gesellschafter neben seinem Bruder Georg Buderus und dessen gleichnamigen Sohn. 1884 wurde aus der OHG die Aktiengesellschaft "Buderus'sche Eisenwerke".

Hugo Buderus, der Maschinenbau und Gießereiwesen in Darmstadt studiert hatte, übernahm 1891 das Werk Hirzenhain in seinen Privatbesitz und schied zumindest teilweise aus dem Familienbetrieb aus. 1895 übernahm Hugo Buderus, nach dem übrigens die Hirzenhainer Schule benannt wurde, auch die Main-Weser-Hütte bei Lollar und gründete die "Eisenwerke Hirzenhain & Lollar". Spitzenprodukt von Buderus waren bereits seit 1881 die Lönholdt-Öfen, die von oben kontinuierlich mit Brennmaterial (Braunkohle, Steinkohle oder Koks) beschickt werden konnten. Wahre Schmuckstücke, die einen weltweiten Ruf erwarben. 1898 ließ sich die Firma einen gusseisernen Gliederheizkessel patentieren und es entstand die erste Radiatorenfabrik auf dem europäischen Kontinent.

Die Hochzeit des Hirzenhainer Eisenkunstgusses begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Buderus holte den 1902 in Berlin geborenen Bildhauer und Modelleur Peter Lipp nach Hessen. Lipp hatte an der Akademie der Bildenden Künste und der staatlichen Kunst- und Kunstgewerbeschule in Berlin-Charlottenburg studiert und war von 1924 bis 1944 künstlerischer Leiter in der Kunstgießerei Gleiwitz. Von 1947 bis 1967 leitete Lipp die Kunstgießerei in Hirzenhain. Er starb 1975 in Wetzlar. Eine Stele aus oberhessischem Basalt auf dem Riversplatz vor der Kreisverwaltung Gießen trägt beispielsweise den eisernen Kopf des Heinrich Friedrich Karl Reichsherr vom und zum Stein, einst entworfen von Peter Lipp.

Wenn man sich aktuell die Produktpalette von Buderus, heute Bosch Thermotechnik GmbH mit Sitz in Wetzlar, anschaut, fragt man sich, wie denn der Kunstguss dort noch hinein passt? Heizkessel, Wärmepumpen, Blockheizkraftwerke und Kaminöfen stehen auf dem Programm. Beim Anblick der dekorativen Ofen- und Kaminplatten im Kunstgussmuseum Hirzenhain stellt sich die Verbindung von Heiztechnik, Kunst und Kunsthandwerk jedoch her. Zudem werden bis heute Buderus-Kessel u.a. aus robustem Grauguss gefertigt. 280 Ofen- und Kaminplatten aus fünf Jahrhunderten stehen im Hirzenhainer Museum, auch Lönholdt-Öfen und Öfen anderer Technik. Um die Ofenplatten gießen zu können, musste ein Formenschneider oder Model-Schnitzer ein Holzmodel fertigen. Je nach Geschmack und Epoche entstanden antike, biblische, weltliche oder mythologische Motive. Der Holzmodel wurde in ein Sandbett gedrückt, das dann ausgegossen werden konnte.  Einige alte Holzmodeln sind im Museum ausgestellt.

Eine Eisenguss-Plastik des Alten Fritz kann man nicht nur zu seinem diesjährigen 300. Geburtstag bestaunen, man kann sie auch erwerben, denn das Museum ist an die Kunstgießerei angegliedert. Hier entstehen in Handarbeit kunstvolle Kaminplatten oder ein ganzer Kunstgussofen mit Wärmefach, Reliefs, Plaketten, erstaunlich filigraner Schmuck, Schinkelteller und Plastiken nach alten oder neuen Vorlagen. Der Herstellungsprozess der Eisenkunstwerke hat sich nicht wesentlich geändert, doch sehr wohl die Methode. Mit steigenden Abgusstemperaturen durch den Hochofenbetrieb mit Koks, feineren Formsanden und sich fortentwickelnde Modelliertechniken konnten bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts feine Schmuckstücke gestaltet werden. Mit dem Slogan „Gold gab ich für Eisen“ wurde zur Zeit der Befreiungskriege 1813 bis 1815 dafür geworben, Gold zur Kriegsfinanzierung zu spenden. Prinzessin Marianne von Preußen forderte die Frauen auf, ihren Goldschmuck gegen Schmuck aus Eisen einzutauschen. Patriotinnen trugen die Eisenschmuckmode mit Stolz.

„Die Schmetterlinge von Hirzenhain“ mit denen die Gemeinde ihre Kunstguss-Tradition und ihre reizvolle Landschaft, die artenreichen Blumenwiesen und Waldränder verbindet, kamen einst aus Berlin in die Vogelsberggemeinde geflogen. Der eiserne Schmetterling ist ein Leichtgewicht und hat mehr als 250 Durchbrüche. Die Brosche wurde 1821 vom Juwelier Simon Pierre Devaranne entworfen, der Anfang des 19. Jahrhunderts eine kleine Gießerei in Berlin betrieb. Einen meisterlichen Guss dieses Schmuckstücks gibt es für rund 195 Euro aus dem Hirzenhainer Kunstgussbetrieb.

Das Museum ist sonntags von 10 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Darüber hinaus kann man eine Führung buchen beim Verein Kunstgussmuseum Hirzenhain e.V. Tel.: 06045/95376-0, Infos auch unter:  www.buderus-kunstguss.de

Text: Dörthe Krohn

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