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17.10.2014 21:51 Alter: 4 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Tänzerisches Theater stellt leichtfüßig und sprunggewaltig lebensbewegende Fragen dar

Zwei spannende Szenarien hat die Choreografin Andrea Simon, Tanzplan, mit der Neuinszenierung von „Das Terrarium #2“ und der komplett neuen Tanztheaterproduktion „Und: das Hexeneinmaleins“ auf die Bühne gebracht. Drei Veranstaltungen waren so gut wie ausverkauft, darunter auch eine Schulvorführung mit anschließender Diskussion.


Foto: Andreas J. Etter

Foto: Andreas J. Etter

Foto: Sonja Lehnert

Foto: Sonja Lehnert

Foto: Sonja Lehnert

Foto: Sonja Lehnert

„Das Terrarium #2“ wurde bereits unter der Leitung der Choreografin 2013 in einem Schultheaterprojekt der Gesamtschule am Rosenberg verwirklicht. Im selben Jahr erhielt es den Intermezzo-Award des Main Taunus Kreises, weiterhin wurde die Choreografie in der Sparte Tanz auf der Shortlist des Wettbewerbs der Kulturstiftung der Länder „Kinder zum Olymp 2014″ nominiert. Als Grundlage für das Tanztheater diente nun das Theaterprojekt und versetzte eindrucksvoll in eine zukünftige Zeit, in das Jahr 3013, in der Menschen nur noch in Terrarien gehalten werden, zwar mit Wasser und Essen versorgt, ansonsten aber sich selbst überlassen. Eigenwillig öffnet sich dem Publikum die erste Szene. Ticktack, ticktack, Wecker wecken die Menschen auf, die über Nacht auf ihren Lagern eingesponnen wurden und sich wie aus Spinnweben heraus ihren Platz erst wieder erobern müssen. Eine „Tränke“ mit persönlichen Codes sowie Näpfe für die Nahrung bieten die Grundversorgung. Dann ist sich jeder wieder selbst überlassen. Klar und hell unterstreicht die Musik das bewusst spartanisch gehaltene Bühnenbild, in kaltes Weiß sind die Menschen einheitlich gekleidet. Sie existieren und überleben, indem sie gemeinsame Rituale aufstellen, gemeinsame Arbeiten verrichten. Ein Ausbrecher aus der vorgegebenen Spur wird sofort wieder in die Gruppe integriert. Auch, als sich eine Person über alle anderen erhebt und versucht diese zu unterdrücken. Daraufhin bildet sich eine Protest-Bewegung, die das Blatt schnell wieder wendet.

Doch es bestehen keine offenen Feindschaften, keine Gruppenbildungen oder Ausgrenzungen – letztendlich wird auch der befreiende Weg in die Freiheit nicht vor den anderen geheim gehalten, sondern offenbart und gemeinsam angetreten. Dies ist einer der bezauberndsten Sequenzen des Stücks. Ein Gefangener entdeckt eine Lücke in der Wand, durch die sich alle nacheinander zwängen und im Dunkeln verschwinden. Ist das nun der Schluss der Sciencefiction-Story? Nein, auf einer Leinwand auf der Bühne können die Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgen, wohin die Entflohenen gelangt sind. Ein Film zeigt sie, wie sie die Natur entdecken, sie schmecken, fühlen und riechen. Ein Stück dargestellter Poesie, die vom Publikum mit einem erstaunten Raunen und abschließendem bewundernden Applaus für die Darstellenden und die Choreografin honoriert wird. Ihre Schülerinnen und Schüler lobte Andrea Simon: „Das Terrarium #2 konnte kompakt mit einer einzigen Altersgruppe einstudiert werden, die gerade zum passenden Zeitpunkt ein sehr hohes Niveau erreicht hatte und ziemlich homogen als Ensemble mitarbeitete.“


Und: das HexeNEINmaleins

Ein großes Ensemble, bestehend aus 37 Tänzerinnen und Tänzern zwischen sieben und 18 Jahren, trat in einem Wirbelsturm aus Bewegung und Farben bei dem Hexeneinmaleins auf die Bühne. Was war anderes zu erwarten, wenn mit Goethes Faust die Szene der Hexenküche heraufbeschworen worden war? Das Feuerwerk tänzerischer Kunst – und man bedenke: Kinder und Jugendliche, die das Tanzen in ihrer Freizeit betreiben – übertraf um vieles die Erwartungen. Sowohl in der überaus anspruchsvollen Themensetzung, als auch bei deren Umsetzung.

Wir erinnern uns: Faust begehrt von Mephisto einen Zaubertrank, der ihn verjüngt und begibt sich mit ihm in die Hexenküche. Was für ein seltsames Labor ist das, in dem Faust gleich diesen Verjüngungstrunk nehmen soll. Meerkatzen und andere Tiere führen dort ihr Eigenleben, sind im Dienst der Hexe, treiben so manche Schelmerei und können auch noch sprechen.

Ein Spiel der Täuschungen. Noch immer hoch aktuell. Markennamen, makellose Haut, die perfekte Figur, was wird dafür nicht alles in Kauf genommen. Heute heißt der Zaubertrank Botox, Designerlabel und Fitnessstudio. „Ist also das Leben nicht immer noch eine Hexenküche?“, fragt Andrea Simon und inszenierte fantasiereich das, was uns heute (angeblich) beschäftigt. Oder auch nicht? Denn wofür ist das NEIN im HexeNEINmaleins hervorgehoben? „Das NEIN hat ganz viele verschiedene Bedeutungen. Vor allem sollte es zu Spekulationen anregen. Viel wichtiger ist: Was imaginiert jede/r Einzelne zu dem Gehörten und Gesehenen?“, antwortet die Choreografin geheimnisvoll. Die Vielfalt der möglichen Interpretationen kann bei ihrer Inszenierung nicht größer sein. Das Mosaik des Lebens zieht sich doch wie ein roter Faden durch das Tanztheaterstück, in Form der hingebungsvoll getanzten Sequenzen, anhand der ausgewählten Musik, die einmal swingt, dann wieder auf Kriminalstücke verweist, und so das Leben widerspiegelt wie es ist. Bunt oder bedrückend, auf und ab, laut oder leise, lustig und traurig.

Auch in diesem großen Ensemble werden die vielen Themen wieder auf tänzerischem Höchstniveau umgesetzt. Im Pas de deux, wie im Pas de trois, im Solo wie in der herumwirbelnden Gruppe der kleinen Hexen. Bewegungslust und Körperbeherrschung, Ausdruck und natürlich auch Talent verleihen Lebendigkeit. Da braucht es gar nicht viel Vorstellungskraft, um das Schnurren der Hexenkatze, den Wind in den Haaren der Windsbraut oder das Blubbern im Hexenkessel zu hören.

Im Mittelpunkt und im Sinn von „und Drei mach gleich...." nach Art des Hexeneinmaleins stehen die drei weiblichen Aspekte des Zauberischen: die Nixe (Vanessa Doll), die Windsbraut (Laura Kipp) und natürlich die Hexenküchenmeisterin (Luca Marei Endell), die in ihrem Kessel nicht Spinnenbein und Schlangenhaut sondern Barbiepuppen und Schwämme, Badedas und Knicklichtspaghetti kocht – und diese zum Schluss auch noch anbrennen lässt. Die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne beherrschen ihre Ausdruckskraft, auch wenn es ganz schräg oder auch humorvoll anmutet wie etwa bei den Geheimagenten, die vielleicht nach der Wahrheit, vielleicht aber auch nach dem Zaubertrank für ewige Jugend fahnden.

So viel Professionalität verlangt nach viel Arbeit. Andrea Simon kommentiert die probenreiche Zeit: „Die Proben verliefen als „work in progress“. Wir begannen nach der Fertigstellung unseres Film „Am Anfang hell, am Ende dunkel" im Februar 2014. Die Kinder und Jugendlichen wurden sehr verschieden gefordert. Wichtig war der Balanceakt von Förderung - Forderung - und künstlerischer Verwirklichung meiner Vorstellungen. Mit einigen der Größeren war bereits sehr feines, professionelles Arbeiten möglich, wobei dies im Vergleich zu Profis natürlich ein Vielfaches an Zeit brauchte. Ich denke, man konnte es sehen in den Soli oder den Trio Choreografien. Alles in allem war es nur möglich, nachdem sich die Kinder und ihre Familien, neben dem schulischen Pflichtprogramm ausschließlich NUR diesem Projekt 2014 widmeten. Das stieß nicht nur auf Begeisterung und war auch nicht immer möglich. Mit dem Ergebnis bin ich auf alle Fälle sehr zufrieden und von manchen tänzerischen Bühnenleistungen sehr, sehr beeindruckt. Luca Marei Endell, die Protagonistin, wird den tänzerischen Berufsweg einschlagen. Darauf bin ich sehr stolz.“

Neben Andrea Simon kam ein weiterer international bekannter Künstler aus Hofheim zum Zug. Das Bühnenbild, eine mit Graffitis besprühte Wand, stammte von Graffiti-Künstler Helge „Bomber“ Steinmann.  

Kernstück der Hexenküchenszene aus Faust von J.W. Goethe ist das Hexeneinmaleins. Es lautet:

„Du mußt versteh’n!
 
Aus Eins mach Zehn,
  
Und Zwei laß geh’n,
  
Und Drei mach gleich,
  
So bist Du reich.
  
Verlier die Vier!
  
Aus Fünf und Sechs,
  
So sagt die Hex’,
  
Mach Sieben und Acht,
  
So ist's vollbracht:
  
Und Neun ist Eins,
  
Und Zehn ist keins.
  
Das ist das Hexen-Einmaleins!“
(Eine beliebte Interpretation im Mathematikunterricht ist die des Magischen Quadrates mit der Summe 15 !!)

Ab sofort können neugierige neue Tanzkinder und Jugendliche bei TANZPLAN mittanzen! Weitere Informationen zu Tanzplan und seinen Produktionen sowie zum Unterricht: www.tanzplan.international

Text: Sonja Lehnert


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