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27.08.2011 07:27 Alter: 11 Monat(e)
Kategorien: Lebensstil

Von inklusivem Speisen, Gemeinwohlökonomie und einem neuen Kulturraum


Das "Pane e rose" in Frankfurt-Eschersheim.

Das "Pane e rose" in Frankfurt-Eschersheim. © Dörthe Krohn

Feine Zutaten und Gewürze. Leckeres Fingerfood vom "Pane e rose".

Feine Zutaten und Gewürze. Leckeres Fingerfood vom "Pane e rose". © Dörthe Krohn

Ursula Mühlberger hat das Catering-Unternehmen „Pane e rose“ in Frankfurt übernommen und sich einiges dabei gedacht. Das kleine italienische Feinkost-Catering wurde einst von Elena Paoluccis gegründet. „Ich hatte Elena bei unserem ersten Treffen das Lied ‚Brot und Rosen‘ vorgesungen“, erinnert sich Mühlberger, die Sängerin, Gesangslehrerin und Chorleiterin ist. „Wenn wir zusammen gehen, geht mit uns ein schönerer Tag, durch all die dunklen Küchen und wo grau ein Werkshof lag, beginnt plötzlich die Sonne, unsre arme Welt zu kosen und jeder hört uns singen: Brot und Rosen!“ – „Eben pane e rose, die Basis und die Schönheit“ - der Name gefiel Ursula Mühlberger sofort. Da Elena Paoluccis eine weibliche Nachfolge suchte, kamen die beiden Frauen betreffs der Unternehmensübergabe ins Gespräch und Ursula Mühlberger feierte schließlich vor wenigen Tagen das Einweihungsfest.

Sinnerfülltes Wirtschaften in Eschersheim

Wer eine Existenz gründet oder eine Unternehmensnachfolge antritt sollte seine Konkurrenz kennen, Chancen und Risiken abwägen sowie Geschäftsidee, Produkt, Markt, Marketing und den Finanzbedarf in einem Businessplan aufstellen, so die einhellige Meinung von ExistenzgründungsberaterInnen. Wie gut, dass Ursula Mühlberger mit 58 Jahren auf eine vorzeigbare Existenz verweisen konnte. Doch sowohl diese als auch die guten Geschäftszahlen der Vorgängerin halfen bei den Banken nicht weiter. Ohnehin hatte ihr die branchenerfahrene Elena Paoluccis mit auf den Weg gegeben, dass sie nicht an Konkurrenz glaube. Das war der ehemaligen Sachsenhäuserin Mühlberger einleuchtend, denn auch ihre Überlegungen gingen in diese Richtung: „Alleinstellungsmerkmal bedeutet doch, dass man sich gegenüber allen anderen irgendwie abheben muss. Jeder (Mikro-)Kosmos wächst aber am besten durch Kooperation und Rücksichtnahme. Wenn man Menschen fragt, was ihnen wichtig sei, antworten sie bestimmt nicht, dass Konkurrenz eine bedeutende Rolle spiele. Vertrauensvolle Beziehungen und gegenseitige Unterstützung hat für die meisten Menschen Priorität.“  Ursula Mühlberger ist inspiriert vom Gründer der Grameen-Bank Professor Muhammad Yunus. Die „Dorf-Bank“ vergibt Mikrokredite fast ausschließlich an Frauen.

Nachdem die Banken, bei denen Mühlberger vorstellig geworden war, trotz ordentlichem Businessplan abgelehnt hatten, gestaltete sich ihre Unternehmensfinanzierung ganz überraschend.  Unerwartet kamen Bekannte und Freundinnen auf sie zu, um ihr privat Kapital für die Ablöse, Renovierungs- und Umzugskosten zu leihen. Sie sei sehr berührt von dem Vertrauensvorschuss, den ihr diese Menschen geschenkt haben. „Ich denke ein Grund, weshalb sich diese Türen plötzlich öffneten, ist, dass ich eben keine renditemaximierende Unternehmung vorhatte, von der überwiegend ich alleine profitieren würde, sondern weil ich auch anderen Menschen etwas zur Verfügung stelle.“

Der neue zweite Raum im „Pane e rose“

Eine kleine Treppe hinauf gestiegen, steht man im wunderschönen Speisezimmer des Pane e rose. Hier können kleine Feste mit bis zu 30 Personen stattfinden. Dazu lässt man sich entweder mit einem Buffet des Pane e rose-Teams verwöhnen oder mietet sich die Küche zum Raum dazu und kocht selber. Kulinarisch verortet ist die Küche von Pane e rose in der Region Emilia-Romagna in Norditalien sowie dem Mittelmeerraum. Mit den farbenfrohen Speisen und liebevollen Darreichungsformen harmoniert das schlichte, freundliche Ambiente, das weder dem feinen Essen noch den Menschen die es genießen, die Show stiehlt. Das Pane e rose ist kein Restaurant mit Tagesgeschäft.

Einen Stock höher, direkt über dem Speisezimmer, riecht es noch nach frischer Farbe und unlängst bearbeiteten Holzdielen. Hier hat Ursula Mühlberger einen weiteren Raum eröffnet. Was auf den 35 Quadratmetern alles passieren könnte: Kleinkunst, Filmvorführungen, Salons und Lesungen, Hausmusik, Ausstellungen, Seminare, die mit guter Verpflegung im Raum untendrunter kombiniert werden können – vieles ist denkbar.

Ursula Mühlbergers Klavier aus Kindertagen schmückt mit seinem originellen Design eine Ecke des Raumes. An einer Wand hängt augenblicklich ein gerahmter Mops in Öl. Dazu gibt es eine Geschichte, so wie es Hunderte Geschichten gibt, die Ursula Mühlberger im Laufe ihres Lebens schon erlebt hat und die sie so vorzutragen weiß, dass man an ihren Lippen hängt. Jedenfalls ist das Gemälde eine Requisite für eine kleine Theaterproduktion, die noch auf ihre Uraufführung wartet. Vielleicht wird es in diesem Raum geschehen? Möglich.

Ursula Mühlberger hat sich nach anstrengenden Wochen kurz zurückgelehnt und besinnt sich auf Lao Tse. Sie rezitiert: „Ruhelos ziehen die Tore dahin die Grenzen der Welt zu erkunden. Der Weise aber bleibt in seiner Kammer und die Welt kommt zu ihm.“ Früher sei sie eine Ruhelose gewesen. Noch heute macht sie viele Projekte gleichzeitig und liebt es, Neues zu lernen. Doch mittlerweile ist sie auch ein Stück weise geworden und lässt die Dinge sich quasi organisch entwickeln, wie die Pflanzen in einem Garten. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, heißt es ja, denn schlimmstenfalls reißt man den Halm dabei ab. „Ich bin kein Mensch, der ein Ziel hat und dann strebsam darauf zumarschiert“, so Ursula Mühlberger. „Es ist eher so, als ob mich die Ziele, Dinge oder Menschen finden.“ Dazu gehört auch, dass man sich finden lässt und gefunden werden kann, aber Netzwerken und Verkauf ist Ursula Mühlberger aus anderen Tätigkeiten ein bekanntes Terrain, das adäquate Marketing für dieses Kleinod daher nur eine Frage des gediehenen Moments.

Ein Thema, das Ursula Mühlberger persönlich ins Gespräch bringen möchte, ist die Frage des Arbeitens im Alter. Als Freiberuflerin und Unternehmerin hat sie möglicherweise einen anderen Blick als eine Arbeiterin oder Angestellte. Ihr geht es um freiwilliges, lustvolles Tätigsein. „Warum soll ich im Alter nur Hunde ausführen?“ Wer das möchte, soll das selbstverständlich tun können, aber Ursula Mühlbergers Sache ist das nicht. Sie liebt es zu arbeiten, Sinnvolles zu schöpfen und Wertvolles zu teilen. Dabei hört sie sehr gut auf ihren Körper – die Basis für ihr kreatives Wirken. Spaß gemacht hat ihr der Film „Rentner GmbH“ von Bertram Verhaag, den sie auch gerne im Pane e rose vorführen möchte. Die Leinwand wird demnächst angeschafft.

Inklusives Kochen und exklusive Küche

Die gehobene Gastronomie wirbt gerne mit exklusiver Küche. Ursula Mühlberger schwebt eine „Inklusive Küche“ vor. Augenblicklich ist das Pane e rose nicht barrierefrei und ob es das mal werden wird, ist Zukunftsmusik. Aber grundsätzlich möchte sie, dass alle Menschen an den Kochevents teilnehmen können. Ob arm oder reich, jung oder älter, religiös oder nicht, Migrant/in oder Alteingesessene/r, stets geht es um die Wertschätzung der verwendeten Lebensmittel und Zutaten, von der einfachen Gartengurke bis zum erlesensten Gewürz. Auch externe Seminarleiterinnen und -leiter können die Küche für Kurse mieten. Man kann aber auch einfach den Raum mieten und mit Freundinnen und Freunden eine Kochparty veranstalten. Ansonsten hat das Pane e rose wundervolle Mitarbeiterinnen, namentlich Lucero Ramirez Cortes und Christine Favela, die beispielsweise zur Eröffnung köstlichstes Fingerfood zubereitet hatten. Die Referenzliste des Pane e rose reicht von der IG Metall bis zu Swarovski. Eine wunderschöne Homepage berichtet davon: www.pane-e-rose.de

Zur Eröffnung gab es, ganz Ursula Mühlberger-like was die Originalität betrifft, ein Konzert mit Küchenutensilien. Gäste schrubbten auf ihren selbst mitgebrachten Raspeln, ließen Holzlöffel ertönen, aber auch zahlreiche Stimmen ergänzten das Konzert, das die Musiker Christoph von Erffa und Bernhard Zapp auf ihren Cellos begleiteten. „Ich habe irgendwann einmal gemerkt, dass der Klang eines Cellos meinem Magen gut tut“, erzählt die neue Besitzerin des Pane e rose mit einem Lächeln. Sie gehören eben einfach zusammen: Brot und Rosen, die Basis und die Schönheit.

Text: Dörthe Krohn

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