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04.03.2011 20:06 Alter: 12 Monat(e)
Kategorien: Lebensstil

So wird das Mauerblümchen wieder zum Prunkstück


Sonnengeflechte sind für die Rückenlehnen von Stühlen beliebt.

Sonnengeflechte sind für die Rückenlehnen von Stühlen beliebt. © Sonja Lehnert

Sterngeflechte eignen sich für Stühle, Schränke und Heizkörperverkleidungen.

Sterngeflechte eignen sich für Stühle, Schränke und Heizkörperverkleidungen. © Sonja Lehnert

Dieter Karlstedt begutachtet das Flechtrohr, das bis zu einer Breite von vier Millimeter zum Flechten benutzt wird.

Dieter Karlstedt begutachtet das Flechtrohr, das bis zu einer Breite von vier Millimeter zum Flechten benutzt wird. © Sonja Lehnert

Hier beginnt die Flechtarbeit für einen Stuhlsitz.

Hier beginnt die Flechtarbeit für einen Stuhlsitz. © Sonja Lehnert

Die Werkstatt ist klein, die Handwerkskunst um so größer, mit der hier Altes wieder neu wird. Mit gestapelten Stühlen, übereinander gelegten Stuhlsitzen, an der Wand gelagerten Rückenlehnen und ordentlich im Regal sortierten geflochtenen Sitzen der berühmten Thonet-Stühle, öffnet sich mit der Tür eine Welt in Flechtrohr, Papier- und Binsenschnur.

Neben Thonet kommen auch andere Berühmtheiten wie die Stühle mit einer Sitzfläche aus dänischer Flechtschnur und Worpsweder Stühle zum Vorschein, woher auch immer, denn die Werkstatt bietet kaum mehr Platz als für den Inhaber Dieter Karlstedt und seine gerade aktuelle Arbeit. Worpsweder Stühle, die in der Tischlerfamilie Kück seit 1890 hergestellt werden und weit über die Grenzen Worpswedes hinaus bekannt wurden, sowie das unverkennbare Geflecht der Thonetstühle, die Michael Thonet ab 1819 nach eigenen Entwürfen produzierte, sind nur ein Teil der Arbeit Karlstedts. Er flicht auch Sterngeflechte für Stühle, Schränke und Heizkörperverkleidungen, Sonnengeflechte für Rückenlehnen oder verwirklicht Kundenwünsche anhand der mitgebrachten und restaurierungsbedürftigen Möbelstücke. „Die Möbelrestauration zählt natürlich ganz automatisch dazu“, erklärt Karlstedt, „ich bin auch gelernter Zimmermann und weiß wie ich mit Holz umzugehen habe.“ Er bearbeitet und behandelt die Holzmöbel in der Art, wie sie ursprünglich hergestellt wurden. „Ich baue ein Möbel auch schon einmal zurück, um den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen“, und zeigt Fotos eines übermannshohen Sekretärs, den er wieder mit Schwalbenschwanzverbindungen statt der benutzten Nägel ausgestattet hat.

Kleiner Ausflug in die Geschichte

Korbflechten oder Korbwaren sind eine schon recht alte Handwerkstechnik. Die Ägypter verwendeten diese Technik bereits und nutzten dabei die Rohstoffe Peddigrohr, Papyrus und Binsen. Angenommen wird jedoch, dass die Quelle des Korbflechtens in China liegt, mit der Ausdehnung des Handels gelangten die Stühle und andere Sitzgelegenheiten in den Westen. Material ist Peddigrohr, die Außenschale der Rattanpalme. In Europa wurden Weiden und Binsen benutzt. Rattan tauchte hier erstmals im 18. Jahrhundert auf. Das Rohmaterial kam und kommt aus Südostasien, ebenso wie die günstigen Korb-. Rohr- und Rattanmöbel der Gegenwart. Sie waren und sind ideal für das feuchte Klima der ehemaligen Kolonien Europas in Indonesien oder Indien, in den luftfeuchtigkeitsarmen Wintern Europas aber weniger haltbar, da ihnen zur Geschmeidigkeit die Luftfeuchtigkeit fehlt, was sie schneller brechen lässt.
Denke man aber nur an die Lounge- und Terrassenmöbel, insbesondere von Lloyd Loom of Spalding, die nach wie vor für die Leichtigkeit von sonnigen Urlaubstagen auf dem eigenen Balkon oder im eigenen (Winter-)Garten  stehen. Lloyd Loom ist der Name für eine Web- und Möbelfabrik, die vor fast 100 Jahren von Marshall Burns Lloyd gegründet wurde. Sie inspirierte eine ganze Generation von Möbeldesignern der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts und prägte die Epoche des Art déco ebenso wie die Hoch-Zeit der Luxusliner auf den Kreuzfahrten nach Amerika.

Nach 1918 entwickelte man die Binsenschnur, eine feste, verzwirbelte Papierfaser, aus der man fast komplette Stühle fertigte. Das teurere und elegante Loommaterial (Original Llyod Loom) besteht aus dünner Papierschnur, in die man Draht einlegt, alles wird auf großen Webstühlen gefertigt. Daher der Name, denn diese Stühle nennt man Looms. Es werden richtige Matten gewoben, die man dann an die entsprechenden Möbelgestelle befestigt. Damit man diese Stellen der Befestigung nicht sieht, legt man eine geflochtene Papierschnur darüber. Der Begriff „Looms“ wird für solche Sitzmöbel weiterhin verwendet.

Der Zahn der Zeit

Immer wieder findet sich ein schöner Stuhl mit einer geflochtenen Sitzfläche oder Rückenlehne. Der Stuhl selbst ist noch tadellos in Schuss, aber das Geflecht hat Löcher. Nun ist es vielen Stuhlbesitzern zu schade, den Stuhl einfach zum Sperrmüll zu geben. Vielleicht lohnt sich ja eine Reparatur? Dabei empfiehlt sich immer ein Fachbetrieb für Korbmöbel, wo eine Reparatur fachgerecht ausgeführt und das richtige Flechtmaterial besorgt wird. Wie zur Zeit der ersten Korbmöbel stammt das Material aus Südostasien. Es ist die abgeschälte Haut der Rattanpalme, die für Stuhlgeflechte in der Regel mit bis zu vier Millimeter Breite benutzt wird. Dieter Karlstedt hat für seine Flechtarbeiten ein den hiesigen Klimaverhältnissen besser angepasstes Material entwickelt – eine speziell gewickelte Papierschnur, mit der er wunderbar weiche Stuhlsitze flechten kann. Dieses Material ist auch für AllergikerInnen geeignet, die auf Binsenschnur oder Seegras, das in den 60er Jahren hochaktuell war, allergisch reagieren. Für das Arbeiten mit Flechtrohr, das er natürlich auch weiterhin benutzt, misst er beständig die Luftfeuchtigkeit in seiner Werkstatt, um das optimale Ergebnis zu erhalten. An Werkzeugen benötigt Karlstedt  wenig mehr als die eigenen Hände. Hilfswerkzeuge sind Schere, Cutter, Hammer, Messschieber, kleine Keile zum Fixieren der Schnüre, Ahle oder Dorn, eine Bohrmaschine und eventuell Beizen. Nicht einmal Kleber benötigt er, denn die Schnurenden werden nach Abschluss der Arbeit einfach verknotet.

Wissenswertes über Rattan

Rattan, ein Klassiker für Körbe, Matten und Möbel, ist unter Designern und Architekten wieder modern. Jedoch kann die konventionelle Natur-Rattanproduktion die Tropenwälder in den Anbauregionen Südostasiens schädigen.

Um das zu verhindern, arbeitet WWF Österreich mit seinen Partnerorganisationen in Schweden, Deutschland, der Schweiz, Laos, Vietnam sowie Kambodscha zusammen, um die erste ökologisch und sozial nachhaltige Rattan-Produktion Asiens aufzubauen.

(...) Auf der internationalen Design-Messe Ambiente in Frankfurt präsentierte der WWF zu seinem Programm für nachhaltig produziertes Rattan, das zurzeit in Kambodscha, Laos und in Vietnam durchgeführt wird, auch eine Kollektion für nachhaltige Wohnartikel aus Rattan. Schwedische Design-Absolventen der Universität Lund entwarfen gemeinsam mit Unternehmen aus der Mekongregion Fussmatten aus Abfall-Rattan, faltbare Körbe sowie einen ‚Lounge Chair’. (Quelle: http://www.greeninvestment.ch/Rattanpalme/)

Homepage der Stuhlflechterei Karlstedt: www.karlstedt.de

Text: Sonja Lehnert

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