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13.07.2012 19:44 Alter: 10 Monat(e)
Kategorien: Lebensstil

Ich bin cool – jetzt gehöre ich dazu


Team „Rheingau-Tattoo“ in Geisenheim. © Sonja Lehnert

Team „Rheingau-Tattoo“ in Geisenheim. © Sonja Lehnert

Statt der Ringe - ein Tattoo für Alex und Bamba. © Sonja Lehnert

Statt der Ringe - ein Tattoo für Alex und Bamba. © Sonja Lehnert

Zur Zeit ist der thailändische Meister Sak Yant Arjarnkhom im Studio in Geisenheim. © Bamba

Zur Zeit ist der thailändische Meister Sak Yant Arjarnkhom im Studio in Geisenheim. © Bamba

Am liebsten fotografiert Bamba Körper mit sehenswerten Tattoos oder Piercings. © Bamba

Am liebsten fotografiert Bamba Körper mit sehenswerten Tattoos oder Piercings. © Bamba

Ein Tattoo zu haben scheint in diesem Sommer, wenn Hosen und Röcke wieder kürzer werden und Tank-Tops den Platz von langärmeligen Blusen, Hemden und Pullovern einnehmen, immer hipper zu werden. Die Permanent-Körperbemalung erfährt einen wahren Boom und macht sich schick.

Alex und Bamba von „Rheingau-Tattoo“ in Geisenheim finden die Einstellung „Ich habe ein Tattoo, jetzt bin ich kein Spießer mehr“ nicht so toll. Im Gegenteil, „wer meint, mit ein bisschen Farbe auf der Haut seinen Charakter ändern zu können, täuscht sich gewaltig“, sagt Bamba. Sie und Alex, der Chef des Tattoo-Studios und seit 12 Jahren Tätowierer mit eigenem Studio, leben dagegen die Tattoo-Philosophie, die seit Jahrtausenden praktiziert wird, mit großem Respekt. Erschreckend finden beide den sorglosen Umgang mit rituellen Tattoos, wie bei den Maori, diese Zeichen gehörten in deren Kultur und dürften nicht einfach als reiner Schmuck benutzt werden. Jedes Zeichen besitze eine Bedeutung und ihre Verwendung in unserer Kultur käme Missachtung anderer gleich. Wer das Stechen eines Tattoos mit tiefer Bedeutung erfahren will, kann in den Sommermonaten den thailändischen Meister Sak Yant Arjarnkhom im Studio in Geisenheim treffen, der dort Thai Magic Tattoos sticht.

Immer jüngere Menschen fragen nach Tattoos und Piercings. Doch das ist bei Rheingau Tattoo erst ab 18 Jahren möglich. Bamba nimmt sich dann auch die Zeit, einem jungen Mädchen zu erklären, dass ein auffälliges Tattoo an einer auffallenden Stelle beim zukünftigen Arbeitgeber vielleicht nicht so gut ankommt. Aber immer noch gibt es Hinterhof-Tätowierer, die wegen der schnellen Kohle alles machen – und dann auch noch pfuschen.

Alex ist seit 2009 Mitglied beim D.O.T., dem deutschen Tätowierer Verband. Qualität, Verbesserung der Technik und Hygiene stehen bei den Weiterbildungsseminaren immer oben an.

Wie ging es aber los mit dem Studio und dem guten Ruf, den sich Rheingau Tattoo in Europa erworben hat?

Vor 12 Jahren haben Alex und Bamba ihr erstes Studio im 900-Seelen-Dorf Presberg, wenige Kilometer von Geisenheim entfernt, eröffnet. Dem ging, wie bei vielen TätowiererInnen, das Üben an der eigenen Haut oder bei guten Freunden voraus. Zu der Zeit gab es zwar schon ein paar wenige Studios, in denen man sich ausbilden lassen konnte, die dafür aber schlappe 20.000 DM kassierten. Auch heutzutage verdient man sich keine goldene Nase als Lehrling, Studios stellen glücklicherweise ihre Räume zur Verfügung, bezahlen aber natürlich nicht und die Tattoos bringen anfangs auch nicht so viel ein, weil sie relativ einfach sind. Bei Rheingau Tattoo ist es Jo, der am eigenen Bein, an Körpern bester Freunde oder an Schweinehaut übt. Seine Leidenschaft gilt Comics im eigenen Stil.

Seit 2008 gibt es das Studio in Geisenheim, Neustraße 8. Alex und Bamba haben mit den neuen Räumen einen Treffpunkt eröffnet, an dem man gerne mal zum Schwätzchen vorbei kommt oder einen Kaffee trinkt. Alex ist mit seinem bevorzugten Asia-Style in Farbe oder schwarz-weiß bereits in die Reihen der bekannten Tattoo-Künstler aufgestiegen. Trifft man Bamba, kann man sicher sein, dass sie wie immer etwas zu erzählen hat. Sie ist das Herz des Ladens und Geschehens und trägt als Fotokünstlerin mit ihren Erotikfotos zur besonderen Stimmung im Studio bei. Am liebsten fotografiert sie Körper mit sehenswerten Tattoos oder Piercings, macht aber aus jedem Körper ein einzigartiges Kunstwerk. Es ist auf jeden Fall einen Abstecher wert, nur die Fotogalerie im Studio anzuschauen.
Für kunstvoll platziertes Metall ist Paddy, der Piercer, zuständig. Er ist seit 2009 in Geisenheim dabei.

Wie in den meisten anerkannten Tattoo-Studios sind immer wieder Gast-Tätowierer am Werk. Wiederholungstäter bei Rheingau Tattoo sind Arek sowie Zappa aus Polen, die sich auf Porträts, Farb- und Fotorealismus spezialisiert haben und Marcel aus dem Vogtland mit einer Vorliebe für Porträts, Tier- und Horrormotive.
Als Gäste sind auch Alex und Bamba öfters einmal in Europa unterwegs. Auf den Reisen ist immer Neues zu erfahren, das die Stile zum Beispiel aus Polen oder Spanien prägen.

Rheingau Tattoo Convention
Ein Highlight der Tattoo- und Piercingkünstler ist die Rheingau Tattoo Convention, bei der man sich in einem ausgewählten und familiären Kreis trifft, austauscht, neues Material einkaufen kann und Menschen mit gestochenen Kunstwerken beglückt. Der einmalige Veranstaltungsort, ein Schiff auf dem Rhein, macht die Messe zu etwas Besonderem ¬– bei den Künstlern und bei den Besuchern. Im nächsten Jahr ist ein Termin im Juni geplant. Besucher (in diesem Jahr betrug der Eintritt 10 Euro) können auf zwei Decks ein Fotoalbum mit Motiven nach dem anderen anschauen und sich gleich zum Stechen auf dem Schiff verabreden. Oder die Visitenkarte mitnehmen, um noch einmal in aller Ruhe über Motiv und Körperstelle nachdenken zu können. Es werden sowohl Tattoos mit elektrischen Nadeln als auch die traditionellen per Hand gestochen. Wer noch nie Nadeln gesehen hat, kann sie sich als verschieden starke Pinsel vorstellen, die immer wieder in Farbe getaucht werden. Und wer Angst vor ungenügender Hygiene hat, kann sicher sein, dass darauf ganz besonderer Wert gelegt wird. Wer sich zum Stechen entschieden hat, bekommt genaue Anweisungen zur Pflege des Tattoos in die Hand gedrückt und ans Herz gelegt, sich auf jeden Fall per Telefon oder E-Mail zu melden, egal ob es Probleme gegeben hat oder alles gut verlaufen ist.

Jahrtausende alte Tradition
Es gibt aus vielen Ländern Hinweise und Belege über das Bemalen von Körpern. Auch bei Ötzi, dem Gletschermenschen, fand man zirka 50 Tätowierungen.
Immer wieder spricht man davon, dass die Polynesier die Erfinder der Tätowierungen seien. Für die Entwicklung aus dem polynesischen Raum spricht, dass das Wort „tatau“ dort die Bedeutung von „Zeichen“ oder „zeichnen“ hat. Von Polynesien wanderten die Tattoos auch nach Neuseeland, wo die Maori einen ganz besonderen Status der Tätowierungen zelebrierten.
Die Körperbemalungen durften nicht etwa von jedermann getragen werden. Sie waren Ausdruck des sozialen Standes eines Maori. Der Mythologie nach begannen die Tätowierungen mit einer Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann namens Mataora und Niwareka, einer Prinzessin. Niwarekas Vater unterrichtete Mataora in der Kunst des Tätowierens.
 
Das wohl berühmteste Tattoo der Maori ist das sogenannte Moko, ein Gesichtstattoo, das in seiner Ausführung weltweit einzigartig ist. Archäologischen Funden nach zu urteilen kamen Moko-Tätowierungen von Polynesien aus nach Neuseeland. Der Tattoo-Prozess eines Mokos war langwierig und äußerst schmerzvoll. Das Instrument, das zum Tätowieren benutzt wurde, war eine Art Meißel. Aus Knochen gefertigt, wurde dieses Instrument an einer Seite stark geschärft. Im ersten Schritt wurden mit diesem Meißel tiefe Schnitte in die Gesichtshaut gezogen. Anschließend benetzte man den Meißel mit einer Farbtinktur. Der Kopf eines Maori wurde für den heiligsten Teil des Körpers gehalten, und weil das Tätowieren Blut kostete, wurde auch der Tätowierer (tohunga-ta-oko) als heiliger Mann angesehen. Alle hochrangigen Maori trugen Tattoos, diejenigen ohne solchen Körperschmuck betrachtete man – zu beachten sei hierbei der Unterschied zu unserer Kultur - als Menschen ohne sozialen Status.

Seemänner und Soldaten brachten schließlich das Tätowieren nach Europa.
Ende der 1990er Jahre gab es in der Tattoo-Szene einen Trend zu sogenannten Old-School-Motiven. Das sind Motive, die ihren Ursprung häufig in alten Seemannstätowierungen haben. Beispiele für Motive dieses Genres sind Sterne, Schwalben, Anker oder Herzen.
Wer einmal reinschauen will bei Alex und Bamba kann sich vorab im Internet unter rheingau-tattoo.de informieren.

Text: Sonja Lehnert

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