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12.02.2011 00:00 Alter: 3 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Selbstbeschränkung in patriarchalischen Strukturen


Gabriele Giersiepen als Angustias, Hannah Gudrich als La Poncia, die Dienerin und Angelika Löfflat als Bernarda Alba.

© Barbara Walzer

Kristin Erlei als Magdalena.

© Barbara Walzer

Miriam Kapinus als Martirio und Stephanie Levy als Adela.

© Barbara Walzer

Karin Flaake als Maria Josefa, Mutter von Bernarda Alba.

Anlässlich des 100. Internationalen Frauentags spielt das Regina Busch Ensemble Szenen aus „Bernarda Albas Haus“ von Federico Garcia Lorca und zeigt die Theatercompagnie Tagträumer Auszüge aus den „Vagina Monologen“ von Eve Ensler. Danach gibt es von beiden Ensembles eine szenische Lesung zu Frauen im Iran.

Eve Enslers "Vagina-Monologe" entstanden in Gesprächen mit über 200 Frauen verschiedenen Alters, die in unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kontexten aufwuchsen und von diversen Einflüssen in ihrer Selbstwahrnehmung geprägt wurden. Die Texte beschreiben manchmal schonungslos, emotional und immer sehr humorvoll weibliche Sexualität aus der Perspektive der Frauen. Das Ziel von Eve Ensler ist ein Ende der Gewalt gegen Frauen.

Dienstag, 8. März 2011 um 19:30, GallusTheater Frankfurt am Main, http://www.gallustheater.de

"Bernarda Albas Haus" gespielt vom Regina Busch Ensemble - reinMein-Theaterbesprechung zur Premiere am 10. September 2010 

Kein einziger Mann betritt das Haus und die Bühne. Dennoch dreht sich die Welt der Frauen in Bernarda Albas Haus einzig um sie. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes übernimmt Witwe Bernarda Alba das Regiment im Haus. Stets darauf bedacht, was andere über ihre Familie denken und sprechen könnten, hält sie ihre Töchter wie in einem Gefängnis fest. Acht Jahre Trauer hat sie ihnen nach dem Tod ihres Mannes, dem Vater vier ihrer Töchter, verordnet. Bernarda Alba, toll besetzt mit Angelika Löfflat, sieht das vorbestimmte Schicksal der Frauen darin, jungfräulich in die Ehe zu gehen und standesgemäß zu heiraten. Bernarda Alba ist streng mit sich selbst, lebensfeindlich, geizig und erwartet von ihren Töchtern Gehorsam. „Eine Tochter die nicht gehorcht, ist keine Tochter.“ Mögen diese „das Glück nicht in verbotenen Spiegeln suchen“, denn „nicht einmal der Wind darf in das Haus blasen“. Bernarda wird unter allen Umständen die Fassade schützen und jegliches unerwünschtes Eindringen in ihre scheinbar heile Welt unterbinden. Bernarda Alba übernimmt die Rolle des Patriarchen in einem immer noch männerzentrierten „reinen“ Frauenhaushalt. Sie ist selbst gefangen, und zwar in den religiösen und gesellschaftlichen Zwängen des Andalusiens in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Lorcas Tragödie stammt aus dieser Zeit.

Regina Busch und ihr Ensemble haben das Geschehen in die heutige Zeit geholt und weniger den Aspekt der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau sondern das Thema Frauen-Solidarität in den Fokus gerückt.

Dies entwickelt sich insbesondere entlang der Reaktionen der fünf Töchter Bernarda Albas auf den Freiheitsentzug. Die älteste Tochter Angustias (39 Jahre), Kind der ersten Ehe Bernardas, gespielt von Gabriele Giersiepen, hat nach dem Tod ihres leiblichen Vaters ein kleines Vermögen geerbt. Diesem Vorteil gegenüber ihren Halbschwestern hat sie es wohl zu verdanken, dass der schönste Mann des Dorfes, erst 25 Jahre jung, ausgerechnet sie zur Frau nehmen will. Diesen Grund vermuten jedenfalls ihre Schwestern, von denen sich obendrein zwei von ihnen ebenfalls in Pepe el Romano verlieben: Martirio (24 Jahre), gespielt von Miriam Kapinus und die jüngste, Adela (20 Jahre), gespielt von Stephanie Levy. 

Besonders Adela erträgt weder die schwarze Trauerkleidung noch die zugesperrten Türen. „Ich mache mit meinem Leib was ich will“! Sie bleibt die einzige, die ihre körperliche Lust mit Pepe im Heu auslebt. Alle anderen, einschließlich der 30-jährigen Magdalena, gespielt von Kristin Erlei, und der 27-jährigen Amelia, gespielt von Güzel Varisli, verzehren sich vergebens nach den „Schnittern“, die zur Ernte ins Dorf kommen. „Macht auf die Türen, den Schnittern verlangt’s nach Rosen“, singen sie flehentlich, doch die Türen bleiben zu. Und das auch, weil die fünf Frauen nicht in der Lage sind, sich gemeinsam gegen ihre Mutter aufzulehnen. Jede agiert für sich, ist misstrauisch, missgünstig gegenüber der anderen. Es kommt zu Konflikten, Eifersucht und Intrigen unter den Familienmit(ohne)gliedern und zu einem tragischen Ende. Adelas „Freitod“ ist weder der Schlüssel zu mehr innerer Freiheit für die Hinterbliebenen noch der Schlüssel, der die Türen des Hauses Bernarda Albas öffnet. Bernarda, zwar berührt vom Tod ihrer jüngsten Tochter, hält, scheint’s unbeirrt, an ihren Glaubenssätzen fest.    

Drei weitere Frauen leben in dem insgesamt neunköpfigen Frauenhaushalt in dieser Herrschaftsstruktur. Schauspielerin Hannah Gudrich macht aus La Poncia, der Dienerin, einen außergewöhnlichen Charakter. Sie nimmt sich Zeit und Raum bei ihren Vorträgen, die als solche, je nachdem an welche Adresse sie gerichtet sind, mal ehrliche Vermittlung im Schilde führen, aber auch den Hass und Neid auf das Familienoberhaupt Bernarda nicht verbergen. Die Dienerin ist die einzige, die es schafft, die hierarchischen Strukturen im Hause ins Wanken zu bringen. Bernarda ist ja durchaus neugierig bis begierig zu erfahren, was es im Dorf Neues gibt. Die Dienerin liefert ihr die Informationen über die Geschehnisse außer Haus (mitunter auch die Geschehnisse im Haus, die sich hinter Bernardas Rücken abspielen). La Poncia macht sich ihren Informationsvorsprung zu Nutze und manipuliert Bernarda. Bernarda, die sogar ihre Mutter in deren Zimmer wegschließt. Die alte Maria Josefa, gespielt von Karin Flaake, trägt im Gegensatz zu ihren tatsächlich jungfräulichen Enkeltöchtern Weiß. Wenigstens im Geist, in ihren Gedanken, ist Maria Josefa eine freie Frau. Die Magd, gespielt von Elisabeth Harling, ist eher zurückhaltend, aber als alleinerziehende Mutter wirkt sie auf die Töchter des Hauses stets wie eine personifizierte Warnung, wie es kommen kann, wie es kommt, wenn eine in Bernardas Sinne verkommt. 

Beispielhaft dafür ist auch ein Drama, das sich in der Nachbarschaft von Bernarda Albas Haus abspielt. Eine Frau tötet ihr uneheliches Kind. Sie hatte es verscharrt, doch Hunde haben es ausgegraben und der Mutter auf die Türschwelle gelegt. In diesem Fall sind die Töchter mit ihrer Mutter einer Meinung: Schimpf, Schande und Tod der Unseligen, weil ja die Männer „untereinander alles vertuschen und ihnen nichts nachzuweisen ist“. Von Mitgefühl für die Dorfbewohnerin keine Spur. 

Die Inszenierung kommt fast ohne Requisiten aus und konzentriert sich voll und ganz auf die Frauenrollen und Charaktere. Der Grundton Schwarz und die gewählten Lichteinstellungen geben die bedrückende Atmosphäre in der familiären Gefangenschaft wieder. „Wir alle tauchen in ein Meer aus Trauer“. Das „Wir“ umfasst auch das Publikum. Doch an humorvollen Sequenzen mangelt es nicht. 

Ein Netz aus weißem Seil wird gewoben, das mehrere Bedeutungsebenen umspannt: Ein Spinnenetz auf dem „Spinne“ Bernarda auf der Lauer liegt, denn sie will „wachsam sein“. Spinnenweben in einem lange Zeit geschlossenen Wohnraum, das Verstrickt sein in einem Beziehungsnetz und sicher auch das Eingebunden sein in gesellschaftlichen und religiösen Zwängen. 

Der Dichter und Musiker Federico Garcia Lorca war homosexuell. Er wurde 1936 ermordet. Auf der Placa de Santa Ana in Madrid steht seine Statue. "Bernarda Albas Haus" (Uraufführung 1936) bildet zusammen mit der "Bluthochzeit" (Uraufführung 1933) und "Yerma" (Uraufführung 1934) eine Trilogie.  

Das Regina-Busch-Ensemble zeigt die deutsche Fassung von Enrique Beck, Regie führt Regina Busch. Ausstattung: Nina Zoller, Licht: Jan Hartmann, unterstützt von Christian Hinse. 

Spielort 10. bis 12. 9. um 20 Uhr: Internationales Theater, Hanauer Landstr. 5-7 (Zoo-Passage Ostend) in Frankfurt, Reservierungen unter: 069/4930503 oder 069/4990980, barrierefrei 

Spielort 8. Oktober 2010 um 19 Uhr: Katholisches Gemeindezentrum Königstein, Georg-Pingler-Straße 26, Vorverkauf: Kur- und Stadtinformation, Hauptstr. 13a in Königstein, 06174/202251 oder info@koenigstein.de

Das Regina Busch Ensemble wurde im April 2008 von Regina Busch gegründet, die als selbstständige Regisseurin und Autorin in Frankfurt lebt und dieses Ensemble leitet. Die Wurzeln des Regina Busch Ensemble Frankfurt liegen in einer im Jahre 2006 gegründeten kleinen freien Gruppe, mit der Regina Busch im Juli 2007 eine Aufführung an der Interkulturellen Bühne Frankfurt unter dem Titel "Johanna aus der Zukunft" inszenierte. Aufgrund des Erfolgs der Produktion und der Publikumsresonanz entstand das heutige Ensemble. Ihre Debütproduktion "Hexenjagd" von Arthur Miller präsentierte sie vom 13. bis 15. März 2009 im Internationalen Theater Frankfurt. Es folgten weitere Aufführungen im Schultheater-Studio Frankfurt. 

www.regina-busch-ensemble.de

Text: Dörthe Krohn

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