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19.06.2014 11:03 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Theater Unvorstellbar erzählt Scheherazades Geschichten


Vor, auf, neben und hinter der Bühne ist einiges los. Die Geschichten der klugen Scheherazade klug erzählt im Tattersall Wiesbaden. Fotos: Dörthe Krohn

Vor, auf, neben und hinter der Bühne ist einiges los. Die Geschichten der klugen Scheherazade klug erzählt im Tattersall Wiesbaden. Fotos: Dörthe Krohn

Vor, auf, neben und hinter der Bühne ist einiges los. Die Geschichten der klugen Scheherazade klug erzählt im Tattersall Wiesbaden. Fotos: Dörthe Krohn

„Erzähle, meine Schöne – von Dieben, Geistern & anderen Menschlichkeiten“ heißt das aktuelle Stück des Theaters Unvorstellbar. Insgesamt sind 51 Menschen mit und ohne Handicaps an dem Stück beteiligt, das an die Geschichten aus 1001 Nacht angelehnt und professionell inszeniert ist. Die letzten beiden Vorstellungen sind kommendes Wochenende im Tattersall in Wiesbaden zu sehen.

Regisseurin Leila Haas hat sich von der 2004 erschienen deutschen Übersetzung von Claudia Ott inspirieren lassen. Ott hatte auf die aus dem 15. Jahrhundert erhaltene arabischen Handschrift von „Tausendundeine Nacht“ in der Ausgabe von Muhsin Mahdi zurückgegriffen. „Ich mochte die Geschichten immer schon“, sagt Leila Haas, die nicht nur als Regisseurin sondern auch als Geschichtenerzählerin arbeitet. „Das Orientalische, mit seiner nichtlinearen Erzählweise, ist natürlich sehr reizvoll. Eine Geschichte ergibt die nächste und daraus folgt eine weitere.“ In der von Leila Haas für das Theater Unvorstellbar entwickelten Fassung ist der Bazar der Ort, der alle Geschichten zusammenbringt. Das bunte Marktgeschehen ermöglicht es, Menschen mit ganz unterschiedlichen Handicaps, im Rollstuhl, mit geistiger Behinderung, Sprachbehinderung oder Assistenzbedarf, Menschen mit Psychiatrieerfahrungen und Teilnehmerinnen und Teilnehmer diverser Kulturen und Generationen individuell nach Interessen und Möglichkeiten einzubinden.

Das Theater Unvorstellbar ist ein Projekt der Behindertenhilfe des Evangelischen Vereins für Innere Mission in Nassau (EVIM). Vor zwei Jahren hatten theaterbegeisterte Klientinnen und Klienten des EVIM, ebenfalls unter der Regie von Leila Haas, das Stück „Irrungen und Wirrungen“, nach Homers „Odyssee“ aufgeführt. Bei 1001 Nacht sind erstmals auch Schülerinnen und Schüler vom Campus Klarenthal, einer Wiesbadener Privatschule, mit dabei. In fünf Gruppen, angeleitet von den jeweiligen Betreuer_innen, wurde etwa ein dreiviertel Jahr parallel geprobt. Theaterarbeit sei manchmal intensiv, manchmal chaotisch, manchmal passierten unvorhersehbare Entwicklungen. Dies mit den exakt strukturierten Tagesabläufen der jeweiligen Wohngruppen und Einrichtungen der Darstellerinnen und Darsteller in Einklang zu bringen, sei für alle eine Herausforderung gewesen, erzählt Leila Haas. „Ich habe aber vor allem positive Grenzerfahrungen gespürt, wenn jemand neue Potenziale an sich entdeckt hat.“

Theater hat viele Aspekte und ist mehr als Sprache. Theater ist beispielsweise auch, rollengerechte Mimik und Gesten miteinander auszutauschen oder die Aussage einer Szene über bestimmte Tätigkeiten mitzuteilen. Damit das Publikum in den Orient hineingezogen wird, hat Friederike Schmitt für passende Kostüme und hat Rüdiger Steiner für ein märchenhaftes Bühnenbild und eine angemessene Ausstattung gesorgt. Viele Requisiten wurden von der EVIM-Kunstwerkstatt unter der Leitung von Sybille Glinz hergestellt. „Ich wollte unbedingt ein Kamel haben“, sagt Leila Haas und es ein wirklich schönes Exemplar aus Pappmaschee entstanden. Beeindruckend ist auch der Dschinn, der beim Publikum unweigerlich Begeisterung auslöst.
Wo das gesprochene Wort im Mittelpunkt steht, hat die Regisseurin genau überlegt, welche Sätze, Passagen und längeren Erzählungen sie wem zumuten kann. „Ich wollte auf keinen Fall jemanden brüskieren oder vorführen.“ Durch die bewusste Einbindung professioneller Kulturschaffender sieht sie eine Wertschätzung für die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung und Präsentation. Profis sind daher auch die Opernsängerin Tami Janzi und Ako Karim, der im bewährten Zusammenspiel mit Leila Haas die Musik für das Stück komponiert hat und das Musikensemble leitet.

Mit ihrem Stück „Erzähle, meine Schöne“ stehen die Mitwirkenden erfreulicherweise wiederholt auf einer größeren, öffentlichen Bühne und zeigen: In einer Rolle kann grundsätzlich jeder Mensch agieren. Man stelle sich eine/n Gelehrte/n aus dem „großzügigen, hoch gebildeten und vornehmen Publikum“ vor, wie sie/er, weil es an der Stelle das Skript genau so und nicht anders vorgibt, zwei Sätzen in Leichter Sprache auf die Bühne bringt. In dieser Rolle hätten alle die gleiche Chance zu brillieren, Gelehrte ebenso wie Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Wer nun aber meint, das Stück sei wohl einfach, ist auf dem Holzweg. Die einzelnen Geschichten und den großen ganzen Bogen muss sich der Zuschauende aufmerksam erschließen, Trost spendende, heilsame, grausame sowie gefährliche Worte und Bilder aufnehmen und verarbeiten, die ganze Palette von Emotionen mitfühlen und zulassen, eben all das, was Theater so einzigartig und spannend macht.    

Aufführungen
Samstag, den 21. Juni um 19 Uhr und
Sonntag, den 22. Juni um 17 Uhr.
Großer Tattersall, barrierefrei, Lehrstr. 13, 65183 Wiesbaden   

Text: Dörthe Krohn


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