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11.12.2012 19:28 Alter: 5 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Tanztheater mit Blick auf literarische Vorlagen


Wildes Kinderspiel zeigt Unbarmherzigkeit und Ausgrenzung. © Bernd Nieschalk

Wildes Kinderspiel zeigt Unbarmherzigkeit und Ausgrenzung. © Bernd Nieschalk

Angelehnt an Dürrenmatts „Die Ballade vom Minotaurus“ und Kafkas „Die Verwandlung“ vollzieht sich die Wandlung von dem Mädchen Wanda in ein verlassenes Minotauruswesen. © Bernd Nieschalk

Angelehnt an Dürrenmatts „Die Ballade vom Minotaurus“ und Kafkas „Die Verwandlung“ vollzieht sich die Wandlung von dem Mädchen Wanda in ein verlassenes Minotauruswesen. © Bernd Nieschalk

In der Höhle des Minotaurus sind die Kinder verloren. © Bernd Nieschalk

In der Höhle des Minotaurus sind die Kinder verloren. © Bernd Nieschalk

Ivalu verstrickt sich in ihre eigenen labyrinthischen Fäden. © Bernd Nieschalk

Ivalu verstrickt sich in ihre eigenen labyrinthischen Fäden. © Bernd Nieschalk

Es sollte eine literarisch inspirierte Trilogie werden. Das wurde es. Dabei sollte viel gelesen werden – das wurde es nicht. Umso mehr getanzt. Der Entstehungsprozess, den Choreografin Andrea Simon mit ihren Darstellerinnen und Darstellern durchlief, führte zu einer fesselnden und beeindruckenden Produktion.

Situationen, die ein Leben bewegen und erschüttern kommen oft unverhofft und ereilen die Menschen unvorbereitet. Wie gehen wir mit Anfeindung und Ausgrenzung um, mit den eigenen Unzulänglichkeiten oder mit dem Tod geliebter Menschen? Diese Fragen griff Andrea Simon mit dem Tanzplanprojekt „Lebenkomisch Tod“ auf, das kürzlich seine Premiere in Hofheim feierte. Der Debütfilm „Ente, Tod und Tulpe“ der Regisseurin und Choreografin, entstanden nach dem Bilderbuch von Wolf Erlbruch, reiste bereits vorab zu internationalen Kurzfilmfestivals und der Trilogie voraus, die sich den bewegenden Lebenssituationen widmet, in denen die Menschen schon einmal aus der Bahn geworfen werden können.

 

Minotaurus – ein Trauerspiel

Die Zuschauerinnen und Zuschauer finden sich in der ersten Szene mit dem Blick hinunter in ein Kinderzimmer wieder. Im wilden Spiel der Kinder zeigt sich, wie unterschiedlich sie sind und dargestellt werden. Vier Charaktere werden hier in tänzerischer Form so ausdrucksstark wiedergegeben, dass sowohl das künstlerische Vermögen der neun- und zehnjährigen Tänzerinnen und Tänzer als auch die charakterliche Aussage die Zuschauer ergreifen. Die glitzernde Krone von Wanda wird für die anderen schnell zum Objekt der Begierde. Bestimmend und die anderen mit sich ziehend, tritt die kleine Ivalu (getanzt von Anna Bender) auf, die bis zum Schluss wortwörtlich die Fäden in der Hand hat. Unter ihrer Regie agieren Rudi, die eigentlich Rudanka heißt (getanzt von Lea Andreutti) und Quincy (getanzt von Julius Weck) – Wanda jedoch, die Prinzessin mit der Krone, wird ausgegrenzt. Die junge Darstellerin Céline Ahmelmann vermag durch ihre Körpersprache und die Umsetzung des Gefühls des Ausgestoßenseins so perfekt ihre Gefühle darzustellen, dass man als Zuschauer meint, ihre Einsamkeit nachempfinden zu können.  Was hier gezeigt wird, ist die Unbarmherzigkeit der Ausgrenzung aus einer Gruppe, die von den jungen Darstellern professionell verkörpert wird. Die Anführerin, die  mit herrischem Auftreten die Krone selbst ergattert, kann die anderen aber auch motivieren, nach der Krone zu jagen: das Mädchen, das eigentlich lieber ein Junge sein will und sich nicht scheut, auch einmal mit dem Baseballschläger zuzuschlagen und der Junge, der die Pistole als Ausdruck seiner Macht benutzt. Die verträumte Wanda wird mit ihrer Krone und dem zarten Kleidchen zum Opfer. Aus dieser Rolle schafft sie es nicht mehr herauszukommen und stürzt in Einsamkeit und Ichverlust. Szenisch umgesetzt wird diese „Verwandlung“ am Beispiel der Minotaurussage, die, , zu einer ganz eigenen Interpretation des Themas „Mobbing“ führt. Wanda verwandelt sich in das Monster, das Minotaurus-Wesen, das in seiner Höhle lebt. Doch auch die anderen Kinder verlieren sich in der Dunkelheit des seelischen Labyrinths, das sie heraufbeschworen haben. Vor allem die Anführerin verstrickt sich in ihre eigenen gesponnenen  Fäden, die sie gefangen halten. Beeindruckend, aber auch bedrückend, entlässt die erste Szene in die Pause.

Die Proben mit den Kindern fanden zum Teil in der Wohnung der Choreografin statt und hatten gar nichts gemeinsam mit dem „Auswendiglernen“ einer Rolle und den dazu passenden Tanzschritten. Die Mädchen und der Junge erarbeiteten sich die Figuren, versuchten, sich hineinzufinden in die Charaktere, tanzten nicht nur, sondern sprachen darüber, entwarfen mit – und spielten dann zur Entspannung auch mal das ein oder andere Spiel.  Die Zeit der Proben forderte von den jungen Tänzerinnen und dem Tänzer ebenso viel, wie von Profis erwartet wird – nur die Schule war noch einen Tick wichtiger.

Das Bühnenbild, integriert in die Handlung und als eindrücklich unterstützendes Element des gesamten Plots, entwarf  Lin Nan Zhang. In der Mitte des Kinderzimmerfußbodens – der später als szenisches Element zusammengerollt wird und die schwarze Minotaurushöhle preisgibt – verwandelt sich ein bunter Spielzeugberg in eine dunkle, gefährlich anmutende Sammlung von Knochen und anderen in sich verschlungenen Elementen, die obendrein noch Platz bietet für das Minotaurusfell, in das sich Wanda bei ihrer Verwandlung hüllt.

Die Bühnenmusik stammt von Klaus Damm, dessen elektronische Musik die atmosphärische Grundlage für die Aktionen des Tanztheaterstücks bildete, sich aber gleichzeitig damit auch einem Wandlungsprozess unterwarf, sich der Dramaturgie anpasste, wobei sich das eine dem andern näherte, um es zu akzentuieren und zu schärfen. Der Komponist scheute sich nicht, noch einmal an sein Stück heranzugehen, um diesen Prozess zu unterstützen – auch nicht, den gesamten Schluss neu zu komponieren. Damm trat 2010, nach Jahren des Rückzugs, mit der Uraufführung seiner Klang-Bild-Komposition „Im Lied des Phoenix“ im Frankfurter Kaiserdom und einer begleitenden Einzelausstellung wieder als Komponist und Künstler in die breitere Öffentlichkeit. 

Für die Vergabe des Kinder- und Jugendtheaterpreises „Karfunkel“ 2013 in Frankfurt wurde das Tanztheaterstück bereits eingereicht.

 

Nicks Geschick – ein Lustspiel

Wie leicht und luftig empfängt dagegen die zweite Szene die Zuschauer nach der Pause. Nach einem Gedicht von Christian Golusda erzählen zwei Schauspieler (Silvina Buchbauer und Michael Meyer) tänzerisch die Geschichte der Mücke Nick, deren Rüssel zu kurz geraten ist und von Frau S., die von Nick vom Schlafen abgehalten wird. Zwar sind die Wörter komödienhaft gewählt, der Hintergrund ist jedoch auch ein Um- und Zustand, der das Leben unerträglich machen kann. Man fühlt sich zu klein oder zu dick, zu unwissend oder mit einer zu großen Nase. Nick meint, sein Rüssel sei zu klein und in immer wiederkehrender Zweideutigkeit gibt er zu verstehen, dass es sich eigentlich um sein zu kurz geratenes „bestes Stück“ handelt. Im erheiternden Dialog wird der „Mangel“ dokumentiert  und von den Darstellern zauberhaft verkörpert.

Hat Frau S. wirklich Mitleid mit der Mücke Nick und ihrem zu kurz geratenen Rüssel? © Bernd Nieschalk

Von allen Seiten optimal vorbereitet, wurden die Proben für „Nicks Geschick“ innerhalb kurzer Zeit durchgeführt. Andrea Simon konnte sich auf ihre „mitdenkenden Schauspieler“, die alle wichtigen Voraussetzungen mitbrachten, verlassen: Profis, musikalisch, mit Spaß an der Arbeit. Sie beherrschten nicht nur schnell ihre Texte, sondern lernten ebenso schnell die Tanzschritte.

Was die literarische Vorlage dieses Tanzstückes betrifft, handelt es sich um ein Gedicht von Christian Golusda. Er war, ebenso wie Andrea Simon, Gründungsmitglied der freien Gruppe Tanz & soweiter in Frankfurt am Main, veröffentlichte mit Elsemarie Maletzke ein Reise-Reimprojekt und stellte Charaktertypen in Film- und Fernsehproduktionen dar. Seine Reimgeschichte „Nicks Geschick“ ist in sieben Kapiteln zu sieben Strophen samt einem Prolog und einer Moral (der Geschichte) verfasst.

Für das Tanztheaterstück änderte Andrea Simon die Dramaturgie und wandelte den Monolog der Fliege in einen Dialog mit Frau S. um, die sich für die schlaflose Nacht, die Nick ihr bereitet, mit vielen hämischen Bemerkungen rächt. 

Ja, es hadert unser Nick

grenzenlos mit dem Geschick, 

eben hebt er an zu schrei’n:

„Verdammt, mein Rüssel ist zu klein!“,

wie es im Kapitel eins heißt.

Der genervte Mückenvater

schimpft am Ende: „Dies Theater

um das Ding! Ob lang ob kurz,

ob dick ob dünn, das ist doch schnurz!

Ein Rüssel ist zum Stechen da, 

und sonst zu nichts!“ So der Papa. –

heißt es im Kapitel zwei. Am Ende kann Frau S. triumphieren und sich zur wohlverdienten Nachtruhe begeben.

Wie klein ist „er“ den? © Bernd Nieschalk

Die Musik stammt von Boris Bergmann, dessen Komposition auch den Kurzfilm „Ente, Tod und Tulpe“ vertont. Er studierte Klavier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/Main und Komposition an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt. Heute komponiert er Musik für Film und Tanztheater,  Klavier- und Kammermusik sowie elektronische Musik.

 

 

Ente, Tod und Tulpe – ein Kurzfilm

Der Kurzfilm „Ente, Tod und Tulpe“ kehrt zurück als dritter im Reigen der Trilogie, nicht ohne die ein und andere Auszeichnung mitzubringen. Actors Film Festival, Las Vegas, USA wählte „Ente, Tod und Tulpe“ 2012 als Preisträger aus. Ausgezeichnet in der Kategorie „Best Childs Performance" wurde die zu der Zeit 14-jährige Lara Morlang (Merle/junge Ente).

Die Handlung des Bilderbuchs, die den Tod der Mutter und Schwester versinnbildlicht,  wird getanzt, während der Onkel die Geschichte mit seiner ruhigen und wohltuenden Stimme vorliest. Die Tanzszenen sind schlicht, der weiße Hintergrund lässt die Figuren leicht erscheinen, so wie es die Vorlage im Buch auch tut. Die vorsichtige Annäherung der fast durchsichtig erscheinenden Figuren, die im ersten und zweiten Tanzteil den Tod darstellen, und die der immer gelassener werdenden Entenfiguren, machen Mut, die berührende Geschichte der beiden Schwestern und ihres Onkels als das zu sehen, was sie ist: Der Tod gehört zum Leben, ebenso wie die Trauer aber auch die Freude und das Verständnis. 

reinMein-Artikel über den Kurzfilm: Eine Geschichte geht auf Reisen

Andrea Simon vermag mit dem darstellerischen Vermögen ihrer Protagonisten, egal welchen Alters, schwierige Lebenssituationen einfühlsam darzustellen. Ihr Projekt Tanzplan schult Kinder und Jugendliche im Ballett, im modernen und kreativen Tanz und vermittelt, die Tanzkunst auch improvisatorisch um- und im Tanztheater einzusetzen. Die Künstlerin ist in klassischer und moderner Tanztechnik ausgebildet. Bereits 1980 war sie bei der freien Gruppe „Tanz & soweiter“, Frankfurt/M., Gründungsmitglied. Internationale Gastspiele und Aufenthalte in den Niederlanden und in der Schweiz folgten, bis sie 1989 das Freie Tanzpodium Frankfurt und schließlich 1990 Tanzplan in Frankfurt gründete. Seitdem erscheinen regelmäßig Tanztheaterproduktionen, in denen sie Vertreter der Kunstformen Tanz, Schauspiel, Gesang, Musik, Film, Video und Neue Medien, sowie Malerei und andere bildende Künste vereint. Jedes Stück versucht, eine neue Symbiose dieser Anteile herzustellen.

Text: Sonja Lehnert

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