...  Kultur
Summer Breeze 2015 – Auch das Unwetter konnte die Stimmung nicht trüben >
< Perspektive Hochhausarchitektur
04.10.2015 23:58 Alter: 2 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Loriots feiner Witz im Staatstheater Darmstadt

In der Spielzeit 2015/16 wird im Staatstheater Darmstadt viel gelacht. Unter anderem bei „Loriots gesammelten Werken“ unter der Regie von Iris Stromberger.


Margit Schulte-Tigges, Klaus Ziemann, Aart Veder, Sigrid Schütrumpf, Mathias Renneisen (v.l.n.r.) treffen sich beim Bettenkauf und im Wettlauf um das beste Bett.

„Worüber lachen wir?“, fragte Karsten Wiegand, Intendant in Darmstadt seit 2012, und lässt das die Zuschauerinnen und Zuschauer in vielen der Produktionen der gerade gestarteten Spielzeit selbst herausfinden. „Es sind ganz einfache Fragen und sie betreffen unser tägliches Leben. Lachen kann verbinden und Lachen kann trennen. Das Traurige und das Lustige, das Erhabene und das Lächerliche, das Schöne und das Groteske, das Gelingen und das Scheitern sind im Leben und in der Kunst untrennbar verbunden,“ schreibt Wiegand weiter in der Einleitung des aktuellen Spielplans.

Welcher deutsche Humorist könnte es besser treffen, die einfachen Fragen des täglichen Lebens mit so viel intelligentem Witz zu erfassen, als Loriot, bürgerlich Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow, kurz Vicco von Bülow? Als Autor, Regisseur, Cartoonist, Schauspieler für Literatur, Fernsehen, Theater und Film etablierte er seit den 50er Jahren die besonders feine Note, mit Alltagsgeschichten den Menschen ein Lachen ins Gesicht zu zaubern. Er erfand die knollen-nasigen Damen und Herren, Dr. Müller-Lüdenscheidt, Dr. Klöbner, Herrn und Frau Hoppenstedt, Erwin Lindemann u.v.a, Wum und Wendelin und Sketche vom Frühstücksei über die Nudel bis zur Liebe im Büro. 1988 drehte Loriot als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller den Film Ödipussi, 1991 folgte Pappa ante Portas, immer mit Evelyn Hamann in der weiblichen Hauptrolle. Produziert wurden seine Filme von Horst Wendlandt.

Endlich wieder auf der Bühne

Wenige große Bühnen nehmen jedoch den Grandseigneur des stilvollen und immer passgenauen Witzes noch in ihre Spielpläne auf. Hin und wieder sind seine Sketche vereinzelt noch in kleinen Häusern zu sehen. In Darmstadt wartet nun in der Spielzeit 2015/16 das Kleine Haus mit einer ganz besonderen Wiederaufnahme Loriots auf. Regie führt Iris Stromberger, die zeitlebens der Spur des gesellschaftskritischen aber immer liebevollen Humors folgt. Als Schauspielerin und als Regisseurin.

Bereits John Dew, Intendant in Darmstadt bis 2012, trat auf Iris Stromberger zu und bat um ihr Mitwirken. Sie zögerte nicht und musste auch nicht überlegen, was sie inszenieren wollte: Seit 20 Jahren war es ihr Wunsch, Loriot auf die Bühne zu bringen. Jetzt bot sich die Gelegenheit und sie ist überglücklich darüber.

„Meine Idee war es, die Highlights der Stücke mit Tempo zusammenzubringen. Dazwischen sollten aber keine Pausen entstehen. Ich habe nach einem Bindeglied gesucht, dass den Bogen zwischen den Szenen spannt und sie miteinander verschmelzen lässt,“ antwortete Iris Stromberger auf die Frage nach der Möglichkeit oder auch Unmöglichkeit, eine Fernsehproduktion, wie sie den Loriot-Sketchen zugrunde liegt, auf die Bühne zu bringen.

Die Lösung steckte mitten in Loriots Cartoons und heißt „Comedian Harmonists“, von ihm als Komikfiguren mit typischer Knollennase und im Frack gezeichnet. Genau das griff Iris Stromberger auf. Zu  jeder Szene fand sie den passenden musikalischen Ein- oder Ausstieg.

BU_: Michael Erhard, Alexander Wedel, Michael Kutzera, Wolfgang Müller, Frederick Brandes, Dr. Georg Vigh
Den musikalischen Bogen spannen: Michael Erhard, Alexander Wedel,
Michael Kutzera, Wolfgang Müller, Frederick Brandes, Dr. Georg Vigh


Auf das „Frühstücksei“ mit empörtem „Bertha, das Ei ist hart“ folgt natürlich „Ich wollt’ ich wär’ ein Huhn“. „Sagen Sie Karlheinz zu mir,“ bittet Direktor Meltzer seine Sekretärin Fräulein Dinkel in „Liebe im Büro“. Die Szene verlangt förmlich nach „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“. Und wenn Lottogewinner Lindemann sich immer mehr verhaspelt, „Ich heiße Erwin Lindemann, ich bin 500.000 Jahre alt. – Ich heiße Lindemann und bin seit 66 Jahren Rentner,“ kommen Text und Melodie von „Ich brauche keine Millionen, ich brauch’ kein’ Pfennig zum Glück“ genau richtig.

Eine Katasthrope nach der anderen

Loriots „Alltags-Katasthrophen“, wie sie so schon von Peter Kümmel 2001 in Die Zeit genannt wurden, finden in den eigenen vier Wänden statt, während Frau Hoppenstedt nach dem Weinverkäufer und Staubsaugervertreter, dessen Sauger bläst und saugt, auch noch dem Versicherungsverkäufer die Tür öffnet, bevor ihr Gatte die Gesellschaft im vom Wein beschwingtem Zustand vorfindet. Sie finden im Bettenhaus statt, wo zwei Paare die Gunst des Verkäufers für sich gewinnen und natürlich das angepriesene  Bett ergattern möchten. Und sie finden im Restaurant statt, wo dem Gast keine Ruhe beim Genuss seiner „Kalbshaxe Florida“ gegönnt ist und sich schließlich alle Gäste samt Geschäftsführer um seinen Tisch versammeln. Oder beim Treffen der Campingplatz-Bekanntschaften, die sich gleich nach dem angebotenen „du“ wegen eines vermeintlich nicht korrekt geteilten Desserts, dem Kosakenzipfel, in die Haare geraten. „Man sollte eben auf Campingplätzen keine Bekanntschaften machen.“ Wie wunderbar und authentisch werden alle diese Szenen wiedergegeben, während Loriot (Aart Veder), auf dem Sofa sitzend und den Mops streichelnd, in seiner noblen zurückhaltenden Art kurze Erläuterungen zu den Szenen gibt. Ein Hauch von Nostalgie schwebt einen Abend lang durch das Staatstheater Darmstadt. Worauf würde uns Vicco von Bülow wohl heute hinweisen wollen, hätte er noch die Gelegenheit dazu?

Nicht einmal ein Jahr hat Iris Stromberger dafür benötigt, die temporeiche Inszenierung zu vollenden. Während ihrer Arbeit bewunderte sie immer wieder den intelligenten Witz Vicco von Bülows. „Jedes Detail hat seine Berechtigung,“ sagte sie, „ davon darf man ungestraft nichts weglassen.“ Sie hatte großes Glück mit der Besetzung der Rollen. Punktgenau suchte sie die Darstellenden aus und wusste genau, welche Charaktere überzeugend dargestellt werden können. Auf die Schauspielerinnen und Schauspieler kommt die große Herausforderung zu, innerhalb kürzester Zeit von einer in die andere Szene zu springen, auch in andere Rollen und Kostüme zu schlüpfen. Das Bühnenbild wechselt, Scheinwerfer fokussieren immer wieder neue Szenen, Personen, Mittelpunkte – das Publikum muss dabei mitgenommen werden. Michael Erhard, viele Jahre Musikalischer Leiter am Staatstheater Darmstadt, gelingt das mit seinem begnadeten Klavierspiel, unterstützt von den „befrackten“ Gesangsvirtuosen, die als Comedian Harmonists die Zuschauer galant beim Wechsel des Bühnenbilds begleiten. Das Vokalensemble kann im übrigen als die erste Boygroup bezeichnet werden. Sie feierte in den 20er Jahren ihre Erfolge, bis die Nationalsozialisten ihnen einen Strich durch die Rechnung machten.

 

Glücklich, Loriot auf die Bühne bringen zu können:
Regisseurin Iris Stromberger. Foto: Sonja Lehnert

Grandiose Regie

Was im Film durch Schnitt überbrückt wird, muss auf der Bühne wie ein leichter Fluss wirken – es war eine der Künste, auf die sich Iris Stromberger versteht, die Szenen so komplex zu arrangieren, dass sie als Einheit erscheinen. Ebenfalls meisterhaft setzte sie die Herausforderungen um, etwa 80 Kostüme bis ins kleinste Detail auszusuchen, Anweisungen für Licht und Ton zu erteilen, die passenden Titel der Harmonists aufzuspüren und schließlich auch noch die Abendregie zu führen.

Hut ab also vor der Regisseurin und Schauspielerin, die ihren Schauspielabschluss in Frankfurt am Main absolvierte. Erste Engagements folgten an den Theatern in Mainz und Darmstadt. Bei den Komödien „Bleiwe Lasse“ von Wolfgang Deichsel, „Datterich“ von Ernst Elias Niebergall und „Der Glasschrank“ von Robert Stromberger, ihrem Vater, führte sie bereits Regie am Staatstheater in Darmstadt. Engagements führten sie unter anderem an das Theater im Palais Berlin, Theaterhaus Stuttgart, Theater an der Luegallee Düsseldorf, Bauturmtheater Köln, Schlachthof in München, Staatstheater und Unterhaus Mainz, Alte Oper, Gallustheater und Volkstheater in Frankfurt/Main und HalbNeun Theater Darmstadt. Daneben zählen Gesang, Film und Lesungen zu ihrem Repertoire.
„Loriots gesammelte Werke“, von Vicco von Bülow ist nach der Premiere am 3. Oktober 2015 in der Spielzeit bis Februar 2016 im Staatstheater Darmstadt jeweils um 19.30 Uhr im Kleinen Haus zu sehen. Termine unter www.staatstheater-darmstadt.de

Text: Sonja Lehnert
Fotos: Copyrights © Michael Hudler




Anzeigen

Wenn Ihnen die reinMein gefällt, bitte weitererzählen... 

reinMein-Twitter

reinMein-Facebook