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16.05.2011 10:35 Alter: 8 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Kritik der Geschlechterordnung


Sophie Tieck

Sophie Tieck, © www.fembio.org

Sophie Tiecks 1801 anonym erschienener erster Roman. Erschienen in der "edition klassikerinnen" beim Ulrike Helmer Verlag.

Sophie Tiecks 1801 anonym erschienener erster Roman. Erschienen in der "edition klassikerinnen" beim Ulrike Helmer Verlag.

Ein mutiges Unterfangen einer Frau um 1800, einen Roman zu schreiben und darin auch noch anhand verschiedener Frauenfiguren unterschiedliche weibliche Lebensentwürfe zu kreieren, die weit vom allgemeinen Verständnis jener Zeit abwichen.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die junge Adlige Julie Saint Albain. So lautet auch der Titel des zweibändigen Briefromans der Autorin Sophie Tieck-Bernhardi, das 1801 anonym bei Heinrich Gerlach in Dresden erschien. Julie wird von ihrem Ehemann, dem Marquis St. Albain, in die Pariser Gesellschaft eingeführt, lernt die Galanterie dort kennen und muss erleben, wie ihr Ehemann einer gewissen Gräfin Villar den Hof macht.
In einem Brief beklagt der Marquis die ehelichen Fesseln:
„Ich gestehe, daß die Liebe zu meiner Frau mich eine lange Zeit an ihrer Seite gefesselt hat, und daß ich deswegen den Reiz einer geistvollen Unterhaltung, den der Umgang mit der Gräfin gewährt, verlohren habe.“ (Tieck-Bernhardi, S. 60)

Nur soviel zum Rollenverständnis des Mannes um 1800.

Nachdem sich nun der Marquis den Reizen der Gräfin hingibt, ist auch Julie nicht mehr bereit in ihre Ehe zu investieren und wendet sich leidenschaftlich Fernando del Franco zu. An ihren Gatten schreibt sie:
„Ich nehme von Ihnen, lieber Marquis, Abschied; wir sehen uns auf dieser Erde wohl nicht wieder. Aus Irrthum ergriff ich Ihre Hand (.....).“ (Tieck-Bernhardi, S. 92)
Daraufhin schreibt der Marquis unglücklich an einen Freund:
„Sie werden schon von selbst es mir zutrauen, dass ich meiner Julie, die ich trotz ihrer Entfernung ewig lieben werde, in ihrem Glükke nicht entgegen seyn kann.“ (Tieck-Bernhardi, S. 93)

Julie aber wurde in das Intrigenspiel der Gräfin Villar eingefangen, die den gutgläubigen Fernando auf die junge Marquise „angesetzt“ hatte. Dadurch erhoffte sie sich leichtes Spiel beim Marquis St. Albain. Julie kommt dem aber auf die Schliche, bleibt weder beim einen noch beim anderen Mann, sondern flieht, lernt eine bekannte Schauspielerin kennen und geht bei ihr auf die Bühne. Auch nachdem sie Fernando zufällig wiedertrifft und er ihr seine Liebe gesteht, bleibt sie bei ihrer Entscheidung und schickt ihn zum Teufel.

Nach unzähligen Briefen, in denen jeder und jede nach dem Tun und dem Verbleib der anderen Personen fragt, über die anderen erzählt, Empfänger und Empfängerinnen gleichzeitig auch wieder Absender sind, tritt Julies Ehemann erneut in ihr Leben. Sie stehen gemeinsam auf der Bühne.
„Julie  erholte sich aus ihrer Ohnmacht, und fand sich in den Armen ihres Gemahls. St. Albain! sagte sie mit schwacher Stimme.“ (Tieck-Bernhardi, S.189)

Hannelore Scholz-Lübbering schreibt in der von ihr herausgegebenen Ausgabe im Ulrike Helmer Verlag: „Im Spiel findet Julie Identifikationsmodelle und kann sich über ihre (neue) Rolle als vermeintliche bürgerliche Witwe hinaus ein erweitertes Spektrum weiblicher Rollen erschließen. (...) Sie spielt nicht, sie lebt in vielen Rollen authentisch, weil sie ihr Leben spielt.“ (Vorwort, S. 20 f.)

Auch scheint der Schluss offen zu bleiben. Das Happy End bleibt aus. Julie spricht nicht von Liebe, hat im Gegensatz dazu aber gezeigt, dass sie sich der Vereinnahmung durch den Mann durchaus entgegensetzen und aus der ihr zugewiesenen Rolle, als Frau im „Privaten“ zu bleiben, schlüpfen kann.
Dass es um 1800 noch kein alternatives Lebensmodell gab, dem Frauen folgen konnten, zeigen auch die Lebensbilder der anderen Frauenfiguren. Sogar die selbstbewusste Gräfin Villar, die sich ihre Liebespartner selbst wählt, gerät in Schwierigkeiten, die ihr keine andere Wahl lassen, als am Ende einen alten Marquis in der Provinz zu heiraten.

SchriftstellerInnen-Avantgarde um 1800

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde im Zuge der Aufklärung und der Frühromantik viel über die von Jean-Jacques Rousseau in Gang gesetzte Geschlechtscharaktertheorie und die damit verbundene Ehe- und Liebesproblematik diskutiert. Die Rolle der Frau beschränkte sich dabei auf die der Gattin, Hausfrau und Mutter. Viele schreibende Frauen wurden von den Kritikern nicht ernst genommen und veröffentlichten anonym oder unter einem Männernamen – aber sie veröffentlichten. Eine der bekanntesten und auch anerkannten war Sophie von La Roche (Geschichte des Fräulein von Sternheim). Dorothea Friederike Schlegel, Rahel Varnhagen, Karoline von Günderode und Fanny Lewald sind nur einige der deutschen Schriftstellerinnen, die zu jener Zeit veröffentlichten. In ganz Europa hatte sich indessen eine KünstlerInnengemeinschaft entwickelt, die sich in Briefen austauschten – deshalb auch die bedeutende Rolle der Briefromane –, die sich in Zirkeln trafen und sich gegenseitig Besuche abstatteten. Man kannte sich in der „Szene“.

SchriftstellerInnen und KünstlerInnen stammten in den meisten Fällen aus einer gehobenen Bürgerschicht oder aus dem Adel. Sie hatten das Privileg einer guten Ausbildung, in deren Genuss die Handwerker- oder gar Bauernkinder niemals kamen. Umso mehr erstaunt es, dass der Vater Sophies, ein Seilermeister, seinen Söhnen eine fundierte Ausbildung am Gymnasium und in der Universität zukommen ließ, während Sophie natürlich, wie es in jener Zeit üblich war, zu Hause mithalf und höchstens Handarbeiten herstellte. Auch wenn sie nicht weniger Talent als ihre berühmten Brüder, der Schriftsteller Ludwig und der Bildhauer Friedrich, besaß, musste sie sich ihr Wissen selbst aneignen – ihre mangelnde Ausbildung sollte lebenslang ein Makel bleiben, den sie selbst beklagte, der aber auch von den Frauen und Männern der Gelehrtenkreise als solcher betrachtet wurde.

Im Kreis der Berliner Frühromantik, zu dem u.a. die Philosophen Fichte, Schelling und Schleiermacher, die Theoretiker August Wilhelm und Friedrich Schlegel sowie neben Sophies Bruder Ludwig Tieck die Dichter Wilhelm Wackenroder und Novalis zählten, fühlte sich Sophie aufgehoben und anerkannt. Diese Zeit dauerte aber nicht lange und sie musste nach dem Zusammenleben mit dem Bruder Ludwig wieder zu den Eltern zurückkehren. Sophie heiratete einen Freund des Bruders, August Ferdinand Bernhardi. Mit ihm zusammen gab sie die dreibändigen „Bambiocciaden“ (1797 – 1800) heraus, eine Sammlung satirischer Erzählungen und Dramen. Doch Bernhardi, der sich selbst literarisch betätigte, schätzte das Talent seiner Frau nicht, obwohl sie mit Veröffentlichungen, wie dem zweibändigen Briefroman „Julie Saint Albain“ (1801) und „Dramatische Phantasien“ (1804), einen großen Anteil zum bescheidenen Familieneinkommen beitrug. Drei Kinder ließen ihr zudem kaum Zeit, kontinuierlich zu arbeiten. August Wilhelm Schlegel, Bruder Friedrich Schlegels, lebte drei Jahre im Haus Bernhardi, unterstützte Sophies Schreiben und versuchte, ihren Ruf als Dichterin zu festigen. Durch seinen Aufenthalt ist Sophies Haus wieder Treffpunkt der Gesellschaft geworden. Und sie konnte der krisengeschüttelten Ehe entfliehen, Schlegel und sie hatten eine tiefe Liebesbeziehung. Diese endete mit der Flucht Sophies nach Rom, begleitet von ihren Kindern und Karl Gregor von Knorring. Die Reise war als Erholungsreise geplant, doch dahinter stand der Wunsch nach einer Scheidung von Bernhardi. In Rom lebte sie mit ihren Brüdern von 1805 bis 1807, hatte Erfolge, verkehrte in Kreisen der Dichter und Adligen und erreichte schließlich die Scheidung sowie das Erziehungsrecht für einen der Söhne. Die finanzielle Situation der Geschwister in Rom wurde immer miserabler, so dass sie verschuldet ihr Domizil aufgeben mussten. Sophie heiratete den estnischen Baron von Knorring und zog ins Baltikum. 1833 starb Sophie in Tallinn.

Sophie Tieck-Bernhardi-von Knorring war eine Außenseiterin, die sich in ihren Werken mit weiblichen Lebensformen nach 1800 auseinandersetzte. Mit ihrer Kritik stellte sie auch die Rolle der Schriftstellerin in einem von Männern dominierten literarischen Leben in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Text: Sonja Lehnert

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