...  Kultur
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05.10.2014 12:36 Alter: 5 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Kriegsansichten zwischen Verherrlichung und Verzerrung


Adolf Nesper, Es braust ein Ruf wie Donnerhall, 1906-1913 © Sammlung Prinzhorn

Adolf Nesper, Es braust ein Ruf wie Donnerhall, 1906-1913 © Sammlung Prinzhorn

Karl Genzel, Militarismus, um 1914/15 © Sammlung Prinzhorn

Karl Genzel, Militarismus, um 1914/15 © Sammlung Prinzhorn

Der Erste Weltkrieg war auch für damals lebende Psychiatrie-Insassen ein Thema, schließlich fand er nicht nur in den Schützengräben statt. Gestritten wurde allerorts über grundsätzliche politische, gesellschaftliche und kulturelle Werte. Das Zeitgeschehen drang über die in den Anstalten erhältliche Literatur und Abbildungen zu den Patientinnen und Patienten und regte zur Auseinandersetzung an. Außerdem litten die Menschen hinter den Anstaltsmauern wie alle unter der durch den Krieg ausgelösten extremen Hungersnot. Kreativ tätige Patient_innen drückten ihre Sichtweisen auf das Militär und den Krieg auf Buch- und Aktendeckeln, Karton, Schulheftseiten, Toilettenpapier, in Folianten aus Zeitungspapier, Schriften, Zeichnungen, Malereien, Collagen, Bilderbögen oder Skulpturen aus.

Die Sammlung Prinzhorn hat unter ihren insgesamt 6.000 Werken etwa 500, die sich mit dem Thema Krieg befassen. Rund 150 der Arbeiten sind bis 2. Februar 2015 unter dem Titel „Uniform und Eigensinn“ in Heidelberg zu sehen.

So genannte Kriegszitterer, also Soldaten, die wegen der extremen Kriegserlebnisse psychisch überlastet waren und unkontrolliert zitterten, finden sich in der Regel nicht unter den Patientenkünstler_innen. Es handelt sich ausschließlich um Werke aus der zivilen Psychiatrie. Einmal eingelieferte Frauen und Männer verbrachten in der Regel ihr restliches Leben in der Abgeschiedenheit von Sanatorien und psychiatrischen Einrichtungen. Anders als einige expressionistische Künstler waren sie nicht selbst an der Front gewesen. Die vor allem aus den Jahren zwischen 1900 und 1920 stammenden und aus diversen Anstalten von Hans Prinzhorn (Psychotherapeut und Kunsthistoriker) in Heidelberg zusammengetragenen Stücke wurden zur Zeit ihrer Entstehung und lange danach allgemein für wertlos befunden. Für die Internierten selbst war die Schöpfung ureigener geistiger Welten und die künstlerische Arbeit oftmals eine Überlebensnotwendigkeit.  
Die erforschten Darstellungen von Militär und Krieg „pendeln zwischen Apotheose und Groteske“, so Dr. Thomas Röske, Leiter der Prinzhorn Sammlung.

In den Werken werden Aggressionen und Kränkungen verarbeitet, schimmern Idiosynkrasien durch, werden (Selbst-)Erhöhungen und Verherrlichungen von Ordensträgern imaginiert, deren Abbilder rückblickend mitunter wie Karikaturen wirken, wahrscheinlich jedoch in huldigender Absicht erschaffen wurden. Die Art Brut zeigt den unbedingten Mitteilungswillen der einzelnen Persönlichkeiten, die meist frei von jedem akademischen Kunstanspruch eigenwillige formale Ideen hervorbrachten.

Die Ausstellungsgliederung in vier Oberthemen hilft bei der Annäherung an diese bisher kaum beleuchteten Ansichten über den Krieg. Unter dem Thema „Militarisierte Gesellschaft“ finden sich Aspekte wie die Wehrhaftigkeit deutscher Uniformierter zum Schutz der Zivilgesellschaft, die Liebe und Aufopferung für Verwundete, die Verehrung der Obrigkeit, aber auch Kritik an Kriegsgewinnlern, Stechschritt und Kanonen.

Else Blankenhorn, Ohne Titel (Kaiser Wilhelm II.), undatiert © Sammlung Prinzhorn Bemerkenswert ist der weibliche Blick auf den Krieg. Else Blankenhorn, untergebracht im privilegierten Schweizer Privatsanatorium Bellevue, zeichnete Kaiser Wilhelm II. nicht mit Orden, Schärpe, Schulterklappen oder edlen Knöpfen, sondern schmückte ihn mit Perlenketten, vierblättrigen Kleeblättern, Blumen und Obst. Mit Tod und Trauer setzten sich die Aufzeichnungen von Elisabeth Faulhaber auseinander. Sie identifizierte sich mit den Opfern des Krieges. Anna Köhler schlüpfte in die Rolle eines Mannes, eines Soldaten, in der sie sich sicher, akzeptiert und attraktiv fühlte.

Selbst in einer handelnden Position, Akteur sein zu wollen, der Wunsch nach Achtung und Geltung, die eigene Person aufzuwerten und aus der physischen Unfreiheit, dem Ausgeliefertsein und der Ohnmacht des Anstaltsalltags zumindest geistig zu entfliehen, dürften u.a. die Motive sein für die zahlreichen zu Papier gebrachten Entwürfe eines anderen Selbst. Im Kontext des Kriegsgeschehens zeigt sich das am augenfälligsten in der Porträtierung der eigenen Person in einer schmucken hochrangigen Uniform wie es Jakob Mohr tat, der eines seiner Bilder wie folgt untertitelte: „Seine Allheiligkeit der König der Märtyrer, und Kaiser der Kultur: Erfinder, (…) General Weltmeister.“

Auch sexuelle Begegnungen zwischen Frauen und Soldaten wurden von den Patientenkünstlern thematisiert und werden unter dem Schwerpunkt „Militärische Träume“ gezeigt. Die Darstellungen lassen eigene erotische Fantasien und Sehnsüchte der Anstaltsbewohner erahnen.

Die Unfassbarkeit der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ spiegelt sich in zahlreichen künstlerischen Versuchen, Kriegshandlungen und Schlachten festzuhalten. Die Intentionen sind nicht immer erkennbar. Mit technischen Erfindungen wollte Alfons Frenkl seinem Vaterland behilflich sein. Er „verbaute“ u.a. Musikinstrumente, Räder, Steigbügel, Balken und Tiere in seinen Kriegsapparaten, die er ordentlich aufzeichnete. Nilpferde mit Torpedos auf dem Rücken sollten als wendige U-Boote eingesetzt werden.

Das vierte Oberthema widmet sich dem Frieden. In seinem Gedicht auf einer selbst gestalteten Postkarte begrüßte Franz Böttcher bereits Anfang 1917 den Frieden mit den Worten: „Es ist vorbei das Völkerringen, lasst nun die Friedensglocken klingen, lasst es schallen in die Welt hinaus, der Krieg ist aus, von Haus zu Haus.“ Andere Künstler verarbeiteten die Gebietsabtretungen, setzten dem Deutschen Michel ein Denkmal oder versuchten die kriegsführenden Nationen durch „die Aufnahme von gewaltigen Kulturarbeiten“ in Form von imposanten Brückenkonstruktionen zwischen den Ländern zur Vernunft zu bringen.

Die Ausstellung war zuvor im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden zu sehen und ist, ebenso wie der Ausstellungskatalog „Krieg und Wahnsinn“, Ergebnis langjähriger Forschung. Bereits 2010 hatten sich die beiden Museen über ihre Zusammenarbeit bei diesem Thema verständigt.

Wer die Sammlung Prinzhorn noch nicht kennt, sollte unbedingt einen Ausflug nach Heidelberg unternehmen. Der außergewöhnliche Bestand wird liebevoll und fachkundig gepflegt und präsentiert. Die Teilnahme an einer Führung erleichtert den Einstieg. Danach kann man sich den vielen zu entdeckenden Details widmen.     

Infos für Besucherinnen und Besucher: http://prinzhorn.ukl-hd.de

Öffentliche Führungen finden zu den Ausstellungszeiten sonntags um 14 Uhr und mittwochs um 18 Uhr statt. Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung nicht erforderlich.

Text: Dörthe Krohn


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