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21.03.2014 00:00 Alter: 9 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Jenseitsvorstellungen afrikanischer Gegenwartskünstler


Künstler: Bili Bidjocka, Foto: Dörthe Krohn

Instattaltion in der "Hölle", Foto: Dörthe Krohn

Im Hintergrund: Ghada Amer: The Blue Bra Girls, gegossener, polierter Edelstahl, 2012, Foto: Dörthe Krohn

Aïda Muluneh: 99 Series, 2013, Foto: Dörthe Krohn

Pascale Marthine Tayou: Cercles de Cristal, drei Installationen, 2005, Foto: Dörthe Krohn

Kurator Simon Njami, Foto: Dörthe Krohn

Bis zum 27. Juli zeigt das Museum für Moderne Kunst (MMK) Werke von 50 Künstlerinnen und Künstlern mit afrikanischen Wurzeln, die sich mit einem Klassiker der europäischen Literatur, nämlich der „Göttlichen Komödie“ des italienischen Dichters Dante Alighieri (1265–1321) beschäftigen. Die Besucherinnen und Besucher unternehmen, wie einst Dante, eine Reise durch die Jenseits-Reiche Himmel, Fegefeuer und Hölle, wobei im MMK die Unterwelt, der Abgrund, Ort der Verdammnis, Finsternis, das Inferno im obersten Stockwerk und das Gottesreich, Paradies, die Ewigkeit, der Garten Eden im Erdgeschoss durchschritten werden können.

Unter den Werken befinden sich 23 extra für die Ausstellung geschaffene Neuproduktionen. Die rund 700 Jahre alte literarische Vorlage wird von bildenden Gegenwartskünstler_innen untersucht, interpretiert und in Objekte, Installationen, Skulpturen, Malerei, Fotografie, bewegte Bilder sowie darstellende Kunst übersetzt. Vor vier Jahren hat Kurator Simon Njami seine Ausstellungsidee an MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer herangetragen. Seinen Grundgedanken beschreibt Njami so: „Hier geht es nicht konkret um die ‚Göttliche Komödie’, auch nicht um Dante. Es geht um etwas wahrhaft Universelles. Etwas, das uns alle, unabhängig von unserem Glauben oder unseren Überzeugungen, im Innersten berührt: unser Verhältnis zum Jenseits. Genau das wird hier ins Werk gesetzt von einem vielstimmigen Chor, dessen Schönheit ungeachtet der Dissonanzen und Gegensätze sich wie bei einer Oper oder einer Symphonie gerade den einzigartigen Visionen verdankt, die jeder Einzelne einbringt. Mit anderen Worten, es geht um unser Verhältnis zum Leben und also auch zum Tod.“ (aus Njamis Essay im Ausstellungskatalog, S. 30) Diese zeitgenössische Schau will nicht in erster Linie den postkolonialen Kontext betonen sondern die Werke afrikanischer Küntler_innen hinsichtlich ihrer Ästhetik beleuchten. „Wir sind Teil einer Welt, nicht nur im Westen ist Kunst gemacht worden“, begründet Hortensia Völckers das Engagement der Kulturstiftung des Bundes für das Projekt.

Die bekannten (u.a. Edson Chargas) und noch unbekannten Künstlerinnen und Künstler aus Ägypten, Südafrika, dem Senegal, Elfenbeinküste, Kenia, Äthiopien und vielen weiteren afrikanischen Ländern zeigen ihre persönlichen Jenseitsvorstellungen. Dabei sind ihre jeweiligen kulturellen und religiösen Hintergründe sowie die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Herkunftsländer mitunter (bewusst) nicht erkennbar, scheinen durch oder werden explizit aufgegriffen. Die europäische Bezugsliteratur spielt mehr oder weniger eine Rolle.

Interkontinentale Verhältnisse werden von Yinka Shonibare thematisiert. Zwei wie Kolonialherren gekleidete, kopflose „Gentlemen“, zielen mit Pistolen aufeinander. Ihre Kleidung ist aus farbenfrohen Batik-Stoffen geschneidert, die Europäer_innen sofort mit Afrika in Verbindung bringen. Faktisch befinden sich auf den Stoffen, die in den Niederlanden hergestellt wurden, Ornamente von den Philippinen, sodass eine eindeutige Zuordnung der Herkunft nicht möglich ist.

Auf die Frage, wer oder was afrikanisch sei im Hinblick darauf, dass viele der beteiligten Künstlerinnen und Künstler außerhalb des afrikanischen Kontinents geboren wurden, leben und arbeiten oder zumindest studiert haben, hebt der Kurator ein Mal mehr hervor, dass die Ausstellung eine von Individuen sei. Wer „Afrikaner“ (wir oder die Afrikaner) seien, wisse er nicht.

Das scheint beispielsweise Aïda Muluneh zu bestätigen. Äthiopier hätten Probleme damit, sich als Afrikaner zu sehen, schreibt sie im Katalogtext. Sie habe deshalb für ihre siebenteilige Porträt-Fotoserie keine typische äthiopische Schönheit gewählt. Die weiße, rote und schwarze Körperfarbe symbolisiert gesellschaftliche Unmenschlichkeit und die persönliche Schuld von Menschen. Schwarz, Weiß und Rot als Himmel-Hölle-Fegefeuer-Farben greifen auch andere Künstler_innen auf wie Mwangi Hutter in seiner digitalen Fotomontage (Rot steht für den Übergang, Rettung oder Verdammnis; Schwarz für Zerstörung und Pein; Weiß ist die Leere und der Wohlstand) oder Pascale Marthine Tayou bei seinen drei Installationen, die im Erdgeschoss die Gegenwartsschau aufs Jenseits räumlich eröffnen.  

Im neuen MMK-Blog zur Ausstellung finden sich zahlreiche Hintergründe zu den in vielerlei Hinsicht spannungsreichen Werken.

(reinMein/dok)


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