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02.09.2012 11:32 Alter: 6 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Gewalt – Eine Ausstellung in der Heyne Fabrik


"Die Blaue Blume", Installation von Heide Khatschaturian, Foto: Dörthe Krohn

"Die Blaue Blume", Installation von Heide Khatschaturian, Foto: Dörthe Krohn

Bis 28. September ist die Ausstellung „Gewalt“ von Künstlerinnen und einem Künstler des Bunds Offenbacher Künstler e.V. in der Heyne Kunst Fabrik zu sehen. Kuratorin Dr. Rosita Nenno vom Offenbacher Ledermuseum führte am Eröffnungsabend mit einem sehr ausführlichen Vortrag in die Ausstellung ein. Ihre einzelnen Werkbeschreibungen baute sie auf die Frage auf, ob sie als Kuratorin versagt habe, denn ihr Themenvorschlag zu Beginn des Projekts sei „Toleranz“ gewesen. Ihr Fazit: Jedes Anprangern, jede Verurteilung von Gewalt sei ein Plädoyer für mehr Toleranz.

Es ist oftmals ein Zeichen des Friedens, wenn viel gesprochen wird. Dann regiert das Wort, der Monolog, der Dialog, die Verhandlung. Gleichzeitig gehört die Sprache mit zu den gefährlichsten Waffen der Menschen.

Die kleinste Zelle, Ton-Bild-Installation von Petra Maria Mühl, Foto: Dörthe Krohn„Kleines, Liebes, Du das Einzige, was ich auf der Welt habe. Du gehörst mir, ich liebe dich so sehr, mein Süßes, Kleines, Du weißt doch, wie lieb ich Dich habe. Ich gebe Dich nie mehr her.“ Wortreich geht es in dieser Weise weiter, bedrückend in dieser Vehemenz, denn es spricht einer, der ein Kind in seiner Gewalt hat, eingesperrt. „Die kleinste Zelle“ befindet sich hinter harmlos ausschauenden Hausfassaden, in der kleinsten Zelle der Gesellschaft, nämlich den Familien. Wo Liebe erwartet wird, werden Kinder missbraucht. Die Text-Bild-Installation von Petra Maria Mühl beschäftigt sich mit Entführungen und jahrelangen Einkerkerungen.

 

Und das verändert alles, Acryl- und Ölfarbe auf Leinwand und Nessel von Katja M. Schneider, Foto: Dörthe KrohnDieser künstlerische Beitrag wirkt ohne erklärende Worte: Eine Frau hat ein blaues Auge. In 15 Porträts zeigt Katja M. Schneider den Heilungsprozess des „Veilchens“, das währenddessen seine Farben wechselt. Ebenso die Gemälde von Anja Hantelmann, die vergewaltigte Frau zeigen. Ihre Intimität und gleichzeitige Öffentlichkeit berühren. Auch Karin Nedelas inszenierte, fotografische Porträts thematisieren Gewalt an Frauen. Sie zeigen gebildete Frauen vergangener Jahrhunderte, die den Obrigkeiten unbequem waren und deshalb verfolgt, getötet oder in den Tod getrieben wurden. Beispiele: Die Schriftstellerin und Begine Margareta Porete wurde 1310 auf dem Scheiterhaufen verbrannt, ebenso wie Jeanne d’Arc 1431. Die Quäkerin Mary Dyer wurde 1660 gehängt, die Revolutionärin Olympe de Gouges starb 1793 durch die Guillotine.

Monika Golla kehrt dieses Machtverhältnis um und deutet auf ihre Weise „die Waffen einer Frau“ an. Aus wie Körperhöhlen drapierten Pelzen und edlen Stoffen lugen auf ihren Digitalfotos Pistolenläufe hervor, ein weiblicher nackter Bauch wird zum Präsentationskissen einer Knarre. 

 

Weitere Themen der Ausstellung:

Klagebahn/Mauer, Installation von Michaela Haas, Foto: Dörthe KrohnUnfreiheit durch Fluglärm: „Ich weiß die Silhouette der Flugzeuge auswendig.“ „Wer trägt die Verantwortung dafür, dass mein Leben seit dem letzten Oktober anders geworden ist?“ „Am Abend bin ich müde, weil so viele Flugzeuge über mich geflogen sind. (…) Ich bin an jedem Morgen von Neuem schockiert, wie laut sie sind, wie durchdringend der Ton. (...)“ Fahnen mit Zitaten bilden die „Klangbahn“ von Michaela Haas, die selbst vom Fluglärm betroffen ist. Neben der politischen öffentlichen Auseinandersetzung muss eine ganz individuelle persönliche Strategie gefunden werden, mit dieser täglichen Belastung fertig zu werden. Die Künstlerin hat einen Rückzugsraum geschaffen, der den Stress für kurze Zeit vergessen lässt und ein bisschen Heilung verspricht.

Vernissage, vorne: Dann wird gewußt, Installation von Heide Khatschaturian, hinten die Bilder von Anja Hantelmann, Foto: Dörthe KrohnOhnmacht bei langer, schwerer Krankheit: Balsamierte Krankenberichte, ästhetische Röntgenaufnahmen, sterile Kittel, die wie ein menschlicher Körper zusammengebunden sind, Schlüssel, vielleicht von Verstorbenen, die die Klinik nicht mehr lebend verlassen haben. Heide Khatschaturian deutet die Angst der Menschen hinter der medizinischen Diagnostik an, das endlos erscheinende Warten auf Untersuchungsergebnisse, das Ausgeliefertsein in einem perfekt funktionierenden Patientenmanagement.

Folter: Klanginstallation klingt schön für das, was sich hinter der Geräuschkulisse der Künstlerin Pelusa Petzel mit chilenischen Wurzeln verbirgt. Türen knarren, Schritte von schweren Stiefeln, der Atem stockt, naht die nächste Höllenqual? Seit der Machtergreifung Pinochets 1973 bis zum Ende seiner Diktatur 1990 wurden Tausende Menschen gefoltert und getötet.

Film von Norbert Schliewe, Installation, Zeichnungen, Bilder und Musik: Frank Witzel, Darsteller: Michaela Haas, Frank Witzel, Foto: Dörthe KrohnInnere Zwänge, Kontrolle, Willkür, Geißel, Bedrohung…: Über eine halbe Stunde lang zeigt ein Film Zeichnungen und Bilder von Frank Witzel zu seinem Titel „Selbsterniedrigung, Selbsterhöhung, Selbsterledigung. Wie ich als Nervenarzt verstehen lernte, was ich als Nervenkranker tat“. Hände in Einmalhandschuhen blättern wortlos in immer gleichem Rhythmus Bilder um, die Wahnvorstellungen von Gefahr, Gewalt und Gefangenschaft widerspiegeln, die einen psychisch Kranken peinigen und einem Psychiater als Analysematerial dienen.

Ausbeutung: Wie entsteht ein blütenweißer, sauberer Apple-Mac, der in manchen Kreisen schlicht ein Must-have ist? Seine Rohstoffe sind Coltan, Tantal, Wolframit, Gold. Coltan kommt in Zentralafrika vor und wird zu einem großen Teil im Kongo abgebaut. Das körperlich anstrengende Abtragen, Sieben und Waschen des Gesteins, aus dem das Erz herausgeholt wird, wird auch von Kindern geleistet. Die Folgen, beschrieben von der Kampagne "Aktiv gegen Kinderarbeit": Viele Kinder leiden unter körperlichen Verstümmelungen oder Atemwegserkrankungen. Bei Unfällen während der Arbeit in den Minen sind bereits mehr als zwei Millionen Kinder gestorben. Mit dem Geld aus dem Coltanabbau wird der Rebellenkrieg im Ostkongo finanziert. Von den Rebellen werden Kindersoldaten rekrutiert, die das Coltan von den Minenarbeitern “beschlagnahmen”.

Sind Mobilfunktelefone nicht mehr hip, hat Apple oder ein anderer Computerhersteller ein noch cooleres Modell auf den Markt gebracht, wird das alte Gerät idealerweise verkauft oder verschenkt, früher oder später aber entsorgt.

Der Elektronikschrott wiederum ist Sondermüll und wird von den Industrieländern häufig in Schwellen- und Entwicklungsländer exportiert. Dort wird er meist mit einfachsten Werkzeugen unter großer Belastung von Mensch und Umwelt auseinandergenommen und werden die weiterverwertbaren Stoffe entnommen. Auch das Recycling liegt oftmals in Kinderhänden.

Hallo! Glückwunsch zu Ihrem elektronischen Gerät. So schön... so sauber!? von Karin Nedela, Foto: Dörthe KrohnKarin Nedela hat ein Booklet aufgelegt, das Design ist angelehnt an das Apple-Booklet, das beim Kauf eines Apple-Produkts im Verpackungskarton liegt und mit einem „Hello.“ zur Nutzung einlädt. Darin weist sie auf diese Hintergründe hin.  

Zum Thema läuft am 6. September 2012 um 19 Uhr im Hafen2-Kino: “Behind the Screen. Das Leben meines Computers“ von Stefan Baumgartner, Österreich 2011. http://behindthescreen.at

Die Ausstellung "Gewalt" ist noch bis 28. September 2012 in der Heyne Kunst Fabrik, Lilistr. 83 D, 63067 Offenbach zu sehen. Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag von 18 bis 21 Uhr. Der Redetext von Dr. Rosita Nenno liegt dort in Schriftform vor.

Text: Dörthe Krohn 

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