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01.08.2010 11:20 Alter: 9 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Fotografien aus dem Bezirk der Spiegelungen, surreale Seelenlandschaften in Schwarz-Weiß von Corinna Streitz


s/w-Foto, Fotografin Corinna Streitz

© Corinna Streitz

Zur Finissage am 14. August liest Marina D'Oro Kurzprosa: "ohne grund unbunt".

Juli im (Fußball)Fieber; selbst der Luft ist es zu heiß, sich zu bewegen: Sie steht. Der Sommer brütet eine Jahrhunderthitze aus. In der Eingangshalle des ehemaligen Bahnhofs von Darmstadt-Wixhausen scheint es spürbar kühler. In dem Künstlerdomizil sinkt die gefühlte Temperatur schlagartig angesichts der drei Schwarz-Weiß-Fotografien. Sie versetzen die BesucherInnen in eine andere Welt und eine andere Jahreszeit.

Weiße Zweige wie Perlenschnüre im Vordergrund, dahinter türmen sich helle Quader, die an Eisschollen erinnern, als habe Minotaurus sich aus dem Labyrinth befreit und Mikado gespielt mit Brückenpfeilern oder einen gefrorenen See zerbrochen und einen Haufen Eisschollen aufgeschichtet, vom Himmel fällt Konfetti. Daneben unbekannte Zeichen (Schriftzeichen?) im Schnee und eine Brücke, die ihre Arme scheinbar vergeblich ausstreckt und nichts berührt. So beginnt die Reise in eine Welt innerer Bilder. Doch die Fotografin Corinna Streitz lässt die Besucher nicht herumirren. Sie legt drei Fäden, die die Ausstellungsbesucher von der Nacht in den Tag in unbekannte Gegenden führen, die seltsam vertraut scheinen und es auch sind.

Ihre Schwarzweiß-Fotografien, allesamt Unikate, von Hand abgezogen, findet sie zumeist in einer kleinen Hansestadt in der Altmark. Eigenwillige Fotografien zwischen Tag und Traum, Sein und Schein, die ortlos sind und wie Gedichte von einer Reise erzählen. Einer Reise ins Zwischenland, in dem die Wege plötzlich Haken schlagen. Sie zeigen innere Bilder, Wachträume, Seelenlandschaften. Sie lösen sich von den Zwängen des Alltags. Sie scheinen zu schweben, die Erdenschwere zu verlieren und die Gesetze der Gravitation außer Kraft zu setzen. Diese Dramaturgin des Lichts folgt ihren eigenen Regeln und lässt uns einen Blick in innere Welten erhaschen. Doch was wir sehen, sind Splitter unseres eigenen Spiegels. Denn Streitz' Bilder berühren typisch menschliche Momente und geben zugleich Rätsel auf. Neben einer Hirtenidylle kauert eine halbnackte Frau, die Hände neben den Füßen wie vor dem Startschuss zum Hundertmeterlauf, der Kopf ruht indes auf den Knien - Sibylle oder Sphinx. Auf einem anderen Bild sehen wir ein riesiges Huhn gefangen in Plastik - zum Schutz oder um es einzumotten? Dann wieder löst ein Gesicht sich in Blüten auf.

Diese Fotografien sind ein Zauberspiegel: Sieht man hinein, schaut die Kindheit oder etwas anderes aus einem entlegenen Winkel zurück. Surreale Momente, in denen die Vergangenheit Gegenwart spiegelt, Gelingen und Scheitern nebeneinander liegen: Dort eine sonnenbeschienene Terrasse mit Stühlen, direkt daneben klafft ein Abgrund. Und jedes Bild ein Labyrinth, in dem die Betrachtenden herumspazieren können wie in einem Irrgarten: bei jedem Standortwechsel gibt es etwas anderes zu entdecken.

Ich sehe etwas, das Du nicht siehst - dieses alte Kinderspiel ist das Wesen der Fotografie, der Fotografien von Corinna Streitz. Bei der Vernissage hat die Improvisationskünstlerin Eiko Yamada das Labyrinth in oszillierende Klänge verwandelt. Die Japanerin, die als Stipendiatin ihres Landes 1980 nach Deutschland kam und seither spartenübergreifend arbeitet. Zuletzt, im Mai dieses Jahres, hatte sie die künstlerische Leitung des dreitägigen Musikevents "exploratorium berlin" inne und erforschte den musikalischen Dialog in der Großstadt.

Zur Finissage liest Marina D'Oro Kurzprosa: "ohne grund unbunt". Die Schriftstellerin ist Mitglied der Kunstfabrik bhf2.

Finissage: 14. August, Veranstaltungsbeginn: 19:30 Uhr, Eintritt: 5 Euro

Ausstellungsdauer: 10. Juli bis 14. August.
Besichtigung auf Anfrage.

Ort: Kunstfabrik bhf2 e. V.
im Bahnhof Wixhausen
Bahnhofstr. 2
64291 Darmstadt
Telefon: (0 61 50) 86 63 21
(0 69) 77 93 71
www.kunstfabrik-darmstadt.de

Kontakt: kunstfabrik.bhf2@gmx.de
marina.d-oro@gmx.net
Telefon: (0 69) 77 93 71

(dom)


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