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21.12.2011 16:29 Alter: 11 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Eine Geschichte geht auf Reisen


“Ente, Tod und Tulpe”

“Ente, Tod und Tulpe”, © Andreas J. Etter

Merle (r.) und Tinchen müssen irgendwie mit dem Tod der Mutter klarkommen.

Merle (r.) und Tinchen müssen irgendwie mit dem Tod der Mutter klarkommen. © Andreas J. Etter

Onkel Jan liest den Mädchen aus dem Buch “Ente, Tod und Tulpe” vor.

Onkel Jan liest den Mädchen aus dem Buch “Ente, Tod und Tulpe” vor. © Andreas J. Etter

Tanzszene in der sich Tod und Ente anfreunden.

Tanzszene in der sich Tod und Ente anfreunden. © Andreas J. Etter

Tanzszene: Friedlich schläft die Ente ein.

Tanzszene: Friedlich schläft die Ente ein. © Andreas J. Etter

Das Team von Andrea Simon (l.): Lara Morlang mit Lea Andreutti, Luca Marei Endell, Susanne Schyns und Christian Golusda (v.l.n.r.).

Das Team von Andrea Simon (l.): Lara Morlang mit Lea Andreutti, Luca Marei Endell, Susanne Schyns und Christian Golusda (v.l.n.r.). © Andreas J. Etter

„Der Kurzfilm ist die offenste, experimentellste, schnellste, mutigste, abstrakteste, härteste, diskursivste, reaktivste Filmkunstform“ – so liest man es beim Internationalen KurzFilmFestival Hamburg.
Deutschlandweit wie international stehen auch 2012 wieder zahlreiche Festivals auf dem Programm der FilmemacherInnen und der Jurys, die sichten und auswählen.
Ein zarter, kunstvoller, experimenteller Kurzfilm von 18 Minuten wird sich aus dem reinMein-Gebiet auf den Weg machen, die Welt zu erobern und bei internationalen Kurzfilmfestivals weltweit zu sehen sein. Ein Publikum, zusammengesetzt aus Pressevertretern und dem Team, konnte sich schon verzaubern lassen von der leisen aber überwältigenden Inszenierung des Bilderbuchs von Wolf Erlbruch, „Ente, Tod und Tulpe“.
Das Thema der Geschichte ist so traurig wie ungewöhnlich für Kinder: die Begegnung mit dem Tod.

„Der Tod lächelte sie freundlich an. Eigentlich war er nett, wenn man davon absah, wer er war – sogar ziemlich nett.“ (Wolf Erlbruch, „Ente, Tod und Tulpe“, Kunstmann-Verlag).
Diesen ansprechenden und bewegenden Satz nahm Andrea Simon, die für Regie, Drehbuch, Ausstattung und Choreografie des Kurzfilms „Ente, Tod und Tulpe“ verantwortlich zeichnet, wörtlich und gestaltete daraus einen sehr bewegenden, freundlichen und positiven Film. Die Zuschauerinnen und Zuschauer der ersten nicht öffentlichen, privaten Präsentation konnten erleben, wie der Funke übersprang und die zahlreichen bewegenden Kommentare nach der Vorführung sprachen für sich.
Die Grundlage des Kurzfilms schuf der Illustrator Wolf Erlbruch mit dem Kinderbuch über das Sterben. Seine kurzen Texte zeugen von Wärme aber auch von Melancholie, die sich in den feinen Illustrationen des leichtfüßigen Todes in Gestalt eines Skelettes im karierten Kittelchen und der groß gewachsenen Ente fortsetzen. Die Zeichnungen sprechen von der Zuneigung zweier einsamer Wesen, beides freundliche und sympathische Typen, die sich während ihrer gemeinsamen Zeit anfreunden.
Nach einem Bad im Teich fragt die Ente den Tod: „Ist dir kalt? Soll ich Dich wärmen?" –  „Mir ist kalt“, sagt eines Abends die Ente zum Tod. „Willst du mich wärmen?“ Der Tod wärmt sie, bis sie aufhört zu atmen, lässt sie auf dem weiten See davon schwimmen. „Als er sie aus den Augen verlor, war der Tod fast ein wenig betrübt, aber so war das Leben“. So hat sich der Satz vom Anfang der Begegnung im Augenblick des Sterbens umgekehrt, war aber nicht mehr erschreckend sondern zeigte sich mit einem Lächeln.
Erlbruch zeigt den Tod als freundlich fürsorgliche Gestalt, der zum Leben gehört.

Dieses bezaubernde Buch wurde von Andrea Simon in eine Rahmenhandlung eingefügt, die nicht weniger gefangen nimmt:
„Die Geschichte spielt an einem Abend im Gästezimmer von Jan Golda, dem Onkel der Schwestern Tinchen und Merle, die zu Besuch sind. Alle drei versuchen, die Trauer um Hendrieke, die Mutter der Kinder und Schwester von Jan, zu bewältigen. Fürsorglich, liebevoll und mutig, aber auch nervtötend, konfus und unbeholfen versuchen sie das Fehlen von Hendrieke auszuhalten und miteinander zurecht zu kommen. Ein Bilderbuch, das Tinchen aus dem Rucksack zaubert, eröffnet ihnen eine Möglichkeit. Die Parabel von der Ente und dem Tod lässt sie während des Lesens auf einer imaginären Ebene erleben, was in der Realität unmöglich scheint. Konflikte und Ängste können sich auflösen.
So gelingt ihnen das Wichtigste dann doch: Sie finden entspannt zueinander. In der Gegenwart von Tinchen, Merle und Jan verliert der Tod seinen Schrecken.“ (zitiert aus: Tanzplan® – hüben und drüben).

Die Rahmenhandlung im heimeligen Zimmer wird im ernsthaften Schauspiel der famosen Darsteller wiedergegeben, die mit ihrer ungekünstelten Natürlichkeit das Publikum fesseln und berührt zurücklassen.
Der Tod hat Einzug gehalten in ein Familiengefüge, das die beiden Schwestern, das kleine Tinchen und die Jugendliche Merle, und Onkel Jan verkörpern. Sprachlos eigentlich vor dem Fehlen und Vermissen der Mutter und Schwester, suchen die drei einen Umgang miteinander und Worte, die vielleicht trösten können. Die entspringen den Seiten des Bilderbuchs, das Tinchen aus ihrer Tasche hervorholt und so sehr beruhigen, dass das Mädchen beim Vorlesen entspannt einschläft. Aber auch die große Schwester hat Bedürfnisse, die nicht so schnell zur Ruhe kommen wie die der Kleinen. Sie fordert beim Onkel ein, nicht alleine gelassen zu werden – und kann im zweiten Teil der Geschichte auch ihren Frieden finden. Onkel Jan vertraut die Schwestern dem Schlaf an und liest im Stillen weiter, um selbst Trost zu finden. Er visualisiert seine verstorbene Schwester als friedlich sterbende Ente.
Die Handlung des Bilderbuchs wird getanzt, während der Onkel die Geschichte mit seiner ruhigen und wohltuenden Stimme vorliest. Die Tanzszenen sind schlicht, der weiße Hintergrund lässt die Figuren leicht erscheinen, so wie es die Vorlage im Buch auch tut. Die vorsichtige Annäherung der fast durchsichtig erscheinenden Figuren, die im ersten und zweiten Tanzteil den Tod darstellen, und die der immer gelassener werdenden Entenfiguren, machen Mut, die berührende Geschichte der beiden Schwestern und ihres Onkels als das zu sehen, was sie ist: Der Tod gehört zum Leben, ebenso wie die Trauer aber auch die Freude und das Verständnis.

Kamera, Licht und Schnitt betreuten Andreas J. Etter und Fabio Stoll. Etter erläutert: „Im Tanzteil haben wir versucht, den Raum durch ein flächiges Licht und verschiedene, zum Teil auch unlogische Blickrichtungen aufzulösen, so wie sich eben auch eine Geschichte, in diesem Fall eine moderne Fabel, nicht an Gesetzmäßigkeiten der Realität hält.“ Eine fixe, zum Teil auch unbewegte Kamera lasse dagegen den Tanz umso bewegter werden.
„Ganz anders im Zimmer des ‚Onkels“, fährt Etter fort, „Dort haben wir uns, auch wegen des knappen Platzangebots, mit den Kameras in die Ecken des Zimmers gezwängt, um von dort aus ‚aus der Hand’ zu drehen“. Das Licht spiele dabei eine wichtigere Rolle, damit die Atmosphäre des Schlafzimmers hervorgehoben werde solle. Die wurde so heimelig, dass „Tinchen auch tatsächlich während der Dreharbeiten eingeschlafen ist“, freut sich der Kameramann über die gelungene Zusammenarbeit. „Bei den Tanzszenen gab es nicht weniger als 457 Takes und bei den Spielszenen im Zimmer 148 Takes. Wir konnten so beim Schnitt auf einen ungewöhnlich großen Fundus zurückgreifen“.

Regisseurin und Choreografin Andrea Simon absolvierte eine Ausbildung in klassischer und moderner Tanztechnik und hat an zahlreichen Tanztheatern Projekte umgesetzt. Seit 1990 besteht Tanzplan, mit dem die Künstlerin spartenübergreifende Tanztheaterinszenierungen verwirklicht, Nachwuchsensembles betreut und Unterricht anbietet.
„Ente, Tod und Tulpe“ gehört zur Trilogie „Lebenkomisch Tod“ von Tanzplan. Die Projekte sind mit Kindern und Künstlern des Ensembles inszeniert und setzen sich mit allem auseinander, was den Menschen, auch Kindern, im Leben widerfährt. In Planung ist die Minotaurus-Tragödie, in der es um Ausgrenzung geht, gefolgt von der Geschichte einer Fliege, die mit ihrem Aussehen unzufrieden ist, da sie meint, ihr Rüssel sei zu kurz.

2011 initiierte Andrea Simon den Kulturwettbewerb „Intermezzo". Ein Kooperationsprojekt, das Künstler und Schulen zusammenbringt. Es ist ein Vorhaben des Main-Taunus Kreises/Hessen unter der Schirmherrschaft von Landrat Michael Cyriax, Andrea Simon ist Mitglied der Jury. Die Preisverleihung wird am 17. Januar 2012 stattfinden. Weitere Informationen unter www.mtk.org/intermezzo.

„Ente, Tod und Tulpe“ ist Andrea Simons Debütfilm. „Ich nähere mich nicht ungern dem Thema Tod“, antwortet sie auf die Frage nach dem eher widrigen Thema des Kurzfilms. „Das Leben beinhaltet den Tod und die Schattenseite des Lebens ist nicht der Tod, sondern der Umgang damit.“ Sie habe die Haltung der Kinder berührt, die dem Tod gerade ins Gesicht blickten. Ihre jungen Schauspielerinnen wählte sie aus ihrem Nachwuchsensemble aus. Es sei nicht leicht, Kinder bzw. Jugendliche zu finden, die so in sich ruhten, um den Belastungen der Proben standzuhalten und in einer professionellen Strenge Leistungen abrufen könnten. Im November 2010 begannen die Proben. Gedreht wurde an drei Tagen in der Stadthalle in Hofheim und an zwei Tagen in einem Hotel in Frankfurt.

Das Ergebnis wird voraussichtlich im Winter 2012 dem öffentlichen Publikum gezeigt werden, wenn die Reise zu den Kurzfilmfestivals beendet ist. Ob die Rückkehr mit oder ohne eine Auszeichnung erfolgen wird, ist für die Zuschauerinnen und Zuschauer unerheblich, denn am Zauber des Films ändert sich dadurch nichts. Den DarstellerInnen und allen an der Produktion Beteiligten ist aber von ganzem Herzen eine internationale Anerkennung zu wünschen.

Weitere Informationen zu den Projekten unter www.tanzplan.de

Text: Sonja Lehnert

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