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25.04.2014 16:51 Alter: 5 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Daedalus Company zeigt "Lampedusa" von Mankell


Mirjam Tertilt und Birte Hebold in "Lampedusa", Foto: Frank Marheineke

Mirjam Tertilt und Birte Hebold in "Lampedusa", Foto: Frank Marheineke

Pedro Stirner als TV-Wetteransager in "Lampedusa". Foto: Frank Marheineke

Pedro Stirner als TV-Wetteransager in "Lampedusa". Foto: Frank Marheineke

In den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren ist „Lampedusa“ zu einem Stichwort geworden, bei dem die meisten Menschen an kenternde, weil hoffnungslos überfüllte Flüchtlingsboote denken. Frauen, Kinder und Männer werden vom afrikanischen Kontinent unter menschenunwürdigen Bedingungen nach Europa an die italienische Küste geschifft. Dafür müssen sie die Schlepper teuer bezahlen und nicht selten kostet sie die Überfahrt ihr Leben.

Das Theaterstück „Lampedusa“ des berühmten schwedischen Krimi-Romanciers Henning Mankell – in Frankfurt aktuell von der Daedalus Company im Gallus Theater aufgeführt – verdichtet die große Flüchtlingsthematik in einem Dialog zweier Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Die tüchtige TV-Moderatorin Anna, gespielt von Birte Hebold, bereitet sich und ihren Talkgast Titania, gespielt von Mirjam Tertilt, auf die kurz bevorstehende Live-Sendung vor. Mit Titania will Anna Quote machen. Titania ist in den 1970er Jahren mit ihrer Familie von Afrika nach Europa geflohen und scheint ein paar sensationelle Geschichten im Gepäck zu haben, die ein Millionenpublikum interessieren dürfte. Doch Titania passt überhaupt nicht in Annas Bild von einem Flüchtling. Das fängt schon mit dem Namen an. Warum heißt eine Muslima wie die Elfenkönigin aus William Shakespeares "Sommernachtstraum"? Der Name habe ihrem Vater einfach gut gefallen, rechtfertigt sich Titania. Und warum ist sie aus Afrika geflohen? Ihr Familie sei aus Sambia abgereist, um nicht Flüchtlinge zu werden. Die Familie fürchtete Zustände wie in Uganda. Dort hatte Diktator Idi Amin Bewohnerinnen und Bewohner asiatischer Abstammung aus dem Land vertrieben. Diktatoren, Terroristen, Täter, Opfer. „Es gibt immer einen, der sich über andere stellt“. Unter dem belgischen König Leopold II. beispielweise, der ungefähr zwischen 1888 und 1908 das gesamte Kongo-Gebiet knechtete, wurden Einheimischen massenhaft die Hände abgehackt.
Titania erzählt, wie sie vor der Flucht als fünfjähriges Mädchen einen Hausbediensteten schikanierte. „Such mein Zebra!“ habe sie dem auf Knien vor ihr rutschenden älteren Mann befohlen und ihn bespuckt. Sie habe schwarze Angestellte wie Dreck behandelt. Titania: „Warum hab ich Sambia verlassen, das hättest du fragen sollen.“

Lampedusa sei dieser Tage das symbolische Zentrum Europas, sagte Henning Mankell 2011. Auf dieser kleinen Insel entscheide sich, was für ein Europa wir haben wollen. Sein Stück dreht sich um Vorurteile, Angst vor allem Fremden, Chauvinismus und Rassismus, ebenso um Anerkennung und Mitgefühl. Die Figur Titania wirft viele Fragen auf, allen voran die nach ihrer genauen Herkunft. Titania: „Ich bin wie ich bin, weil ich das so entscheiden habe.“     

Anna hat sich einstweilen an einem anderen, ihr sensationell erscheinenden Detail festgebissen. Im Koran ein Übersetzungsfehler? Auf Märtyrer wartet im Paradies gar keine Jungfrau sondern es warten dort Rosinen! Das soll Titania unbedingt im bevorstehenden Live-Gespräch sagen. Titania weiß nicht recht, erzählt von einem anderen Buch, in dem beschrieben steht, wie muslimische Männer ihre Frauen schlagen sollen, damit keine blauen Flecken zurück bleiben. Wie sie denn so einer Religion folgen könne, ereifert sich Anna.
 
Titania hat vor, sich in der Sendung als „schwul“ zu outen. Ihre Angst wird greifbar, als sie die Geschichte von zwei sich liebenden muslimischen Mädchen erzählt, die von ihrer eigenen Mutter verraten und schließlich gesteinigt werden. Sie hat einen für eine Steinigung gebrauchten Stein aus Saudi-Arabien mitgebracht. „Da werden alle Worte Schatten.“ Den Stein müsse sie unbedingt mit in die Sendung nehmen befindet Anna. Doch Titania kontert an dieser oder andere Stelle: „Ich habe keinen religiösen Führer, nur Gott. (…) Ich muss nur, was ich selber will!“

Das Team um Regisseurin Regina Busch beleuchtet eine weitere Ebene des 80 Minuten andauernden, pausenlosen Dialogs zwischen den beiden Frauen, die am Ende nicht zusammenfinden. Streckenweise tritt noch der „Wettervogel“ des Senders, die Figur Anders Persson, gespielt von Pedro Stirner, hinzu. Seine Funktion erschließt sich nicht in Gänze. Fast ein Skandälchen, dass der Mann am Ende auch noch die letzten Worte sprechen darf.

Und bei der Begegnung Anne und Titania, wer hebt sich über wen? Die Moderatorin, die immer schon eine Meinung hat, nicht wirklich zuhört, ständig ihre eignen Erfahrungen und Vorstellungen einwirft und so das Misstrauen ihres Gastes stetig befeuert, aber sich einbildet, ehrlich interessiert zu sein? Oder ist Titania die Hochnäsige, die glaubt sie sei so weit, der Welt ihre Wahrheit kundzutun, die jedoch am Ende aus dem Studio flüchtet?


„Ich arbeite konzeptionell“, sagt Regina Busch. Dabei habe sie nicht den Anspruch, alles selber zu machen. Dramaturgin Lynnette Polcyn, Beleuchter Jan Hartmann, Tontechniker Frank Marheineke und Ausstatterin Johanne Schröder haben ihre jeweiligen Kompetenzen und Sichtweisen eingebracht und eine stimmige Inszenierung komponiert. Projektionsflächen als variabel einsetzbare Roll-Downs zeigen szenische Grafiken von Laura Robert.

Vorstellungen: 25., 26. und 27. April 2014, 14., 15., 16. und 17. Mai 2014, jeweils 20 Uhr im Gallus Theater in Frankfurt am Main,  www.gallustheater.de

Mehr über die Daedalus Company: www.daedaluscompany.de

Text: Dörthe Krohn


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