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Bühne: eine Discothek, vorm Parkhaus, ein Friedhof  >
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15.08.2010 00:00 Alter: 9 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Bilder, die im Gedächtnis bleiben


Afghanischer Junge und ein Bundeswehrsoldat auf Patroullie in einem Dorf nahe Kunduz im April 2009.

© Kai Pfaffenbach/Reuters

Tag vor der Bundestagswahl im September 2009, Abschlusskungebung der CDU in Berlin.

© Kai Pfaffenbach/Reuters

Reaktion der Bundeskanzlerin auf die ersten Hochrechnungen der Bundestagswahl 2009.

© Kai Pfaffenbach/Reuters

Usain Bolt feiert mit Maskottchen "Berlino" seinen Sieg beim 200 Meter-Lauf bei der Leichtathletik-WM im August 2009 in Berlin.

© Kai Pfaffenbach/Reuters

Juni 2010, Fußball-WM in Südafrika: Balljonglage auf den Straßen von Khayelitsha, dem größten Township nahe Kapstadt.

© Kai Pfaffenbach/Reuters

Fotoreporter Kai Pfaffenbach zeigt in Hanau eine eindrucksstarke Auswahl seiner Arbeit. Vom 15. August bis zum 19. September sind seine Fotos im Zwischenfoyer des Congress Park Hanau ausgestellt.

"Kommen Sie mit, fotografieren Sie meine Frau." Aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses ragt ein Arm. Er ist leblos, die Haut verfärbt. An der Hand steckt ein Ring. Daran hatte der Mann seine Frau erkannt.

Kai Pfaffenbach fotografiert seit 1995 für den Nachrichtendienst Reuters. Was er sah, als er sich im August 1999 im Erdbebengebiet in der Türkei aufhielt, hatte ihn stark berührt. Wenige Stunden nach der Naturgewalt war er zu seinem ersten internationalen Einsatz als Fotoreporter geflogen und von Istanbul per Anhalter nach Izmit gefahren. Dort, In der streng bewachten Eishalle, zu der er nur wenige Minuten Zutritt hatte, lagen die Toten aufgebahrt. Nach diesen Eindrücken brauchte er eine Pause vom Fotografieren. Das Foto mit dem Frauenarm zwischen Trümmern wurde Titel-Bild des Time-Magazins.

Neben Mitgefühl muss er eine gewisse Distanz bewahren. "Die Kamera ist mein Schutzschild." Darüber hinaus ist in Kriegsgebieten wie im Irak 2003 oder Afghanistan 2009 die Schutzweste ein Muss.  Reuters schicke keine Fotografinnen und Fotografen in Kriegsgebiete, sondern es sei seine freiwillige Entscheidung.

"Ich gehe jetzt mal dahin und schaue mir das an." Sein privates Umfeld und seine Familie, insbesondere seine Frau Wiebke, unterstützen den 1970 in Hanau geborenen Fotografen, helfen ihm auch, das Gesehene zu verarbeiten. Unter welchen Bedingungen die Fotos vor Ort entstehen, kann man anhand einer Fotozusammenstellung erahnen, die Pfaffenbach bei der Arbeit zeigt. Der fotografische Lebenslauf sei die Idee seiner Frau gewesen. Er zeigt ihn unter zahlreichen KollegInnen und Stativen, alleine am Waschbrett in der irakischen Wüste, eingemummelt auf einem Sessellift bei Schneesturm, unter einem Sonnenschirm im strömenden Regen samt Computertechnik für die Fotoübertragung, vor einem brennenden Haus, abenteuerlich über die DAX-Tafel der Deutschen Börse gelehnt, Späßchen machend in einem Stadion. "Stabilität, Kompetenz, Vertrauen". Auf einem Foto posiert Pfaffenbach, der ansonsten von gestellten Bildern nichts hält, vor dieser Botschaft an der Wand. Das ist es wohl, was ein Fotoreporter vor allem in Kriegs- und Krisengebieten braucht. Und eine gute Kondition. 

Vom Krieg zum Sport. Aus Südafrika brachte Pfaffenbach sowohl Bilder aus dem südafrikanischen Alltag als auch dieses fantastische Foto mit Jogi Löw nach Hause. Als beim Fußball-WM-Viertelfinale das dritte Tor gegen Argentinien fiel, sprang der deutsche Bundestrainer von der Sitzbank auf: kraftvoller Jubel, Emotion pur. Pfaffenbach versucht, die fehlenden Schuhspitzen des Bundestrainers auf dem von ihm geschossenen Foto sportlich zu nehmen, aber er sei Perfektionist. Ob mit oder ohne Schuhspitzen, das Foto ist einzigartig.

Man möchte so gerne die Geschichten hinter den Fotos erfahren. Doch die kleinen Infotafeln zu den Bildern geben nur sehr knappe Informationen. Sicher soll das Bild für sich wirken. Manche Aufnahmen sind bewusst besonders großformatig, etwa der afghanische Mann, der ein Treffen der Stammesführer mit dem deutschen Mentoring and Liaison Team verlässt. Bewaffnete, sonnenbebrillte deutsche Feldjäger schauen ihm hinterher, als er das Gebäude des Leiters des Verwaltungsgebietes verlässt, in dem das Treffen stattgefunden hatte. (2009) "Die deutschen Bundeswehrsoldaten im Camp Kunduz befinden sich im Krieg", lautet unumwunden eine Foto-Beschriftung. Notfallmediziner retten einen Afghanen mit Lungendurchschuss.

Pfaffenbach, der Geschichte und Journalismus studiert hat, ist als professioneller Reporter um Objektivität bemüht. "Man muss auch zeigen, wie schlimm es dort aussieht oder zugeht", sagt der Embedded  Journalist. Ein "Eingebetteter Journalist" ist ein kontrollierter, ziviler Kriegsberichterstatter, der einer Militäreinheit zugewiesen wird und sich an bestimmte Regeln zu halten hat. Wenn er "frei" unterwegs ist, wie 2006 in Israel, entscheidet er, welche Bilder er benutzt und welche nicht. Intuitiv und in allen Situationen die Privatsphäre von Verletzten und Angehörigen von Toten respektierend.

Auch aus der Region hat der in Klein-Auheim lebende Fotojournalist eine Szene festgehalten. Aus den Kühltürmen des Kohlekraftwerks "Staudinger" von RWE in Großkrotzenburg steigt Wasserdampf auf. Im Bildvordergrund grasen Schafe und Ziegen auf einer Weide.

Fotos von Sportereignissen nehmen in der Ausstellung einen großen Raum ein, z.B. von der Leichtathletik-WM 2009, den Olympischen Winterspielen 2010, dem Boxkampf um den WBA-Titel zwischen Valuev und Haye 2009, dem Sieg der Frankfurter Eintracht über Bayern München im März dieses Jahres. Tiefe Verletzungen und grenzenlose Freude hängen als fotografisch ausgedrückte Emotionen nah beieinander, wirken so zeitgleich wie die gleichzeitig stattfindenden Geschehnisse auf dem Globus: Naturkatastrophen, festliches Feuerwerk, Hunger, Goldmedaillen, Finanzmarktkrise, die Geburt von Eisbären.

Auf 19 Sportfotografien ist eine einzige Frau zu sehen, die russische Stabhochsprungweltrekordlerin Yelena Isinbajewa. Auf 25 Fotos aus Kriegs- und Krisengebieten findet sich ein Bild mit einer Frau im türkischen Erdbebengebiet, die Brote trägt. Angela Merkel freut sich über Bundestagswahlergebnisse. (2009) Ansonsten sind auch auf den übrigen Bildern kaum Frauen zu entdecken. Einzig noch die Beine einer als sexy Krankenschwester verkleideten Aktionärin vor der Börsentafel.

Öffnungszeiten: Montag  bis Freitag 9 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr.

Ausstellung  "Menschen-Bilder-Emotionen", Congress Park Hanau, Schlossplatz 1, www.cph-hanau.de, Tel.: 06181/27750

Text: Dörthe Krohn, pk/pm

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