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08.02.2011 08:50 Alter: 3 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Achtung, Achtung, Mannem meld‘ sich!


Buchcover "Mannheimer Erinnerungen"

© Wellhöfer Verlag

In „Mannheimer Erinnerungen“ hat Siegfried Laux Reisebeschreibungen, Erzählungen, Gedichte, Vorträge und Anekdoten über und aus Mannheim zusammengetragen. Vom ersten Mundartgedicht, 1834 im Mannheimer „Stadt- und Landboten“ anonym erschienen, bis zu Erna Rücks Gedicht „Mei Mannem“, das sie unmittelbar nach Kriegsende verfasste, entfaltet sich eine ganz eigne Geschichtsschreibung. Für Mannheimerinnen und Mannheimer eh spannend. Für „Gäscht“ (Gäste) nicht immer leicht zu dechiffrieren, vermag das Buch, zu einem guten Teil in Pfälzer Mundart, dennoch auch diesen die Stadt und ihre Bewohnerinnen und Bewohner von anno dazumal näher zu bringen.

Schriftsteller, Mundartdichter und Kaufmänner (die weibliche Form entfällt hier bewusst, denn es kommen nur zwei Frauen zu Wort. Neben erwähnter Erna Rück ist ein Brief von Elise Glückstein an ihre Schwester in der Sammlung zu finden) berichten über das Alltagsleben ebenso wie gesellschaftliche und politische Ereignisse. Das Vorwort des Herausgebers verschafft unter anderem eine knappe Übersicht über geschichtliche Daten.

1607 wurde die Stadt gegründet und im Laufe ihrer Geschichte vier Mal zerstört: im Dreißigjährigen Krieg 1622 infolge heftigen Beschusses durch Graf Tilly, 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg durch französische Truppen, 1795 in den Koalitionskriegen und im Zweiten Weltkrieg 1943/44 durch Luftangriffe. Mit dem Umzug Kurfürst Karl Philipps von Heidelberg nach Mannheim im Jahr 1720 bis zu seinem abermaligen Umzug nach München im Jahr 1778 hatte Mannheim eine gute Zeit. Diese setzte sich erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts fort: 1816/17 erfand Karl Drais das Zweirad, 1820 wurde der Rheinhafen gebaut, 1840 die erste badische Eisenbahnlinie von Mannheim nach Heidelberg eröffnet. 1848/49 war Mannheim Brennpunkt der badischen Revolution. Und ab 1886:

Draus’ rast’s un bloost’s – ’n jeder rennt
Un alles froogt, wo brennt’s?
Do fliegt mit 60 PS schtolz
’n Wage her vom Benz.

Diesen und weitere sechs Verse über den Automobilhersteller brachte der Inhaber eines Zigarrengeschäfts, Jakob Strauß, auf Papier. Ebenfalls aus der Zeit, als die fleischlosen Tage noch selbstverständlich waren (S. 44), berichtet der Mundartdichter Hermann Waldeck. Seine Erinnerungen gehen in etwa auf die Jahre 1850 bis 1870 zurück. Im Kandel, dem Rinnstein für Abwässer und Küchenabfälle, ließen die Kinder ihre Papierschiffchen fahren, wenn es geregnet hatte. Wenn die Pumpenbrunnen, die einzigen Wasserspender der Stadt, eingefroren waren, bildete sich eine Eisfläche zum Spielen und wuchsen prächtige Eiszapfen. Auf dem Wochenmarkt hätte man damals die „Hocklerinnen“ getroffen, echte Mannheimer Originale in ihrem seltsamen Aufputz. Neben ihren Obstständen waren die derben, lustigen und in ihrem Urteil treffenden Frauen Kultur- und Kunst-begeistert, trug Hermann Waldeck anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Schriftstellervereins Mannheim-Ludwigshafen einst vor.  

Achtung, Achtung, Mannem meld’d sich!
Uffgepaßt, mir redde pälzisch,
Breet unn luschtig, derb unn schpitzig,
Manchmool aach e bissel hitzig,
’s wird gemault unn lamentiert,
’s wird krakehlt unn dischpetiert
Unn im Rundfunk werd erreicht,
Daß m’r weeß, wie’n Pälzer kreischt!

1929 meldete sich Hanns Glückstein mit diesen und weiteren Worten im Rundfunk. Glückstein (1888 bis 1931) gilt als der Lokalpoet Mannheims.

Herausgeber Siegfried Laux, Jahrgang 1926, ist ein Verwandter des genannten Hanns Glückstein und Verwalter seines literarischen Erbes. Er hat sich intensiv mit dessen Leben und Werk beschäftigt und gilt als ausgewiesener Glückstein-Kenner. Die „Mannheimer Erinnerungen“ sind im Wellhöfer Verlag erschienen, ebenso wie zuvor "Hanns Glückstein - Der lachende Poet".

Spätestens am Ende der Lektüre „Mannheimer Erinnerungen“ möchte man sich einen Stadtplan schnappen, durch die Quadratestadt ziehen und die vergangene Orte aufsuchen: das Apollo-Theater, wo Sandwina Eisenketten auseinander riss, die Planken, das Mühlauschlösschen, das „Kossenhaschen“ und das Café Wien, die Porzellanmanufaktur , 1900 von Hugo Sterner gegründet, und viele weitere. 

"Mannheimer Erinnerungen", Wellhöfer Verlag, ISBN 978-3-939540-56-4

Text: Dörthe Krohn

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