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21.06.2011 23:02 Alter: 11 Monat(e)
Kategorien: Ideenreich

Wo heute die Natur abhebt


Vom Tower des August Euler-Flugplatzes aus kann man nach seltenen Vögeln Ausschau halten.

Vom Tower des August Euler-Flugplatzes aus kann man nach seltenen Vögeln Ausschau halten. © Dörthe Krohn

Die Natur darf sich jetzt den Flugplatz erobern.

Die Natur darf sich jetzt den Flugplatz erobern. © Dörthe Krohn

Der Rumpf der Douglas DC-8.

Der Rumpf der Douglas DC-8. © Dörthe Krohn

In dieses Insektenhotel müssen erst noch Gäste einziehen.

In dieses Insektenhotel müssen erst noch Gäste einziehen. © Dörthe Krohn

Das Fliegen lernen von den Vögeln.

Das Fliegen lernen von den Vögeln. © Dörthe Krohn

Kein Baum, kein Strauch säumt die 1.100 Meter lange Start- und Landebahn. Die Sonne knallt ungehindert auf den Asphalt und heizt ihn auf. Dies ist einer der Umstände, weshalb sich auf dem August Euler-Flugplatz seltene Pflanzen und Tiere niedergelassen haben. Vor ziemlich genau hundert Jahren starteten hier die von August Euler entwickelten Flugzeug-Typen, beispielsweise der „Gelbe Hund“, mit dem 1912 der erste offizielle Post-Flug in Deutschland geflogen wurde. Heute landen Steinschmätzer, Wiedehopf, allerlei Grillen und Schrecken sowie Steppenbienen auf dem Flugplatz und haben Blauschillergras und Grasnelken eine Heimat gefunden. Rollfeld und Bahn funktionieren als Wärmespeicher. Das Fluggelände am „Griesheimer Sand“ bei Darmstadt wirkt trotz des erst 2008 restaurierten Towers an manchen Stellen wie verlassen und verwildert. Aber genau deshalb hat die seltene Flora und Fauna hier eine Chance, und auch, weil die Umzäunung geblieben ist. Auf die weitläufigen Grasflächen treten höchstens die Hufen der dort dauerhaft weidenden Esel und Schafe oder die Läufe der Kaninchen auf, an der einen oder anderen Stelle schauen WissenschaftlerInnen und StudentInnen der Technischen Universität Darmstadt nach den tierischen und pflanzlichen Schützlingen.

Die TU Darmstadt ist seit 2005 Eigentümerin der 2004 als Europäisches Natur- und Vogelschutzgebiet gemeldeten Fläche. 2008 wurden 71,1 Hektar eingezäuntes Flughafengebiet offiziell Fauna-Flora-Habitat nach EWG-Richtlinie. Tatsächlich währt der Bezug der Universität zum August Euler-Flugplatz aber schon 100 Jahre. Die Technische Hochschule bot 1911 die ersten regelmäßigen Vorlesungen über Flugtechnik an und richtete 1913 den ersten ordentlichen Lehrstuhl für Flugtechnik in Deutschland ein.

Wer heute an einer Führung über das Gelände teilnimmt, erfährt mehr darüber beispielsweise von Gästeführer Roland Gerls. Quasi wie im Flug erklärt der begeisterte Segelflieger die technischen Fortentwicklungen von den ersten Flugversuchen der Menschen bis hin zur Raumfähre. Otto Lilienthals 1889 veröffentlichtes Buch „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“ gilt heute als die wichtigste flugtechnische Veröffentlichung des 19. Jahrhunderts. Dass er sich die Schwingen der Vögel als Vorbild nahm, wird heute als Bionik bezeichnet: Interdisziplinär arbeitende NaturwissenschaftlerInnen und IngenieurInnen nehmen in der Natur vorkommende Oberflächenstrukturen und Funktionsweisen als Vorlagen für technische Innovationen. Mit halsbrecherischen Konstruktionen hob sich Lilienthal einst als erster Mensch in die Lüfte. Auf der anderen Seite des Atlantiks hantierten die Brüder Wright mit diversen Flugapparaten (Wilbur 1867-1912,  Orville 1871-1948)  und 1909 überquerte Louis Blériot (1872-1936) als erster Mensch in einem Flugzeug den Ärmelkanal von Frankreich nach England.

Was die Autorin dieses Textes hinzufügen möchte: 1911 erhielten Melli Beese als erste deutsche Frau, Hilda Hewlett als erste Engländerin und Harriet Quimby  als erste Frau in den USA ihre Pilotenscheine. 1912 flog Harriet Quimby mit dem 50PS-Bleriot XI-Eindecker von Louis Blériot von England nach Frankreich. 1928 nahm Amelia Earhart im Auftrag des Verlegers George Palmer Putnam als erste Frau an einem Transatlantikflug teil. Ein Jahr zuvor hatte Charles Lindbergh als erster Mensch überhaupt diese Unternehmung gewagt. 1932 startete Amelia Earhart zu ihrem ersten Alleinflug über den Atlantik, dem bis dahin schnellsten.

Etwa 1900 bis 1940 war außerdem die Zeit der Zeppeline und anderer Luftschiffe, nachdem 1783 erstmals eine Montgolfière aufgestiegen war. 1936 fand die legendäre Jungfernfahrt der „Hindenburg“ statt.

August Euler (1868-1957) ist einer der Flugpioniere um 1900. 1908 gründete er die Euler-Flugmaschinenwerke als erste deutsche Fabrik für Motorflugzeuge und erwarb die Lizenz zum Nachbau des französischen Flugzeugtyps Voisin-Doppeldecker. Er pachtete einen Teil des einstigen Truppenübungsplatzes im „Griesheimer Sand“ und eröffnete Deutschlands ersten Flugplatz und eine Flugschule. Auf der ersten Luftfahrtausstellung 1909 in Frankfurt am Main präsentierte er bereits mehrere Flugzeugtypen. 1910 erhielt er sein Pilotenzeugnis.

Auch über die jüngeren technischen Entwicklungen berichtet Roland Gerls: „Tante Ju“ (Junkers Ju 52, 1932), Douglas DC-3, bekannt als „Rosinenbomber“ während der Berliner Luftbrücke, die „Königin der Lüfte“, das Überschall-Passagierflugzeug Concorde, das in den 1960er-Jahren entwickelt wurde und seit 2003 am Boden ist. Im Technikmuseum Sinsheim kann man eine original Concorde F-BVFB bestaunen. Dort steht sie neben ihrer ehemaligen russischen Konkurrentin Tupolev TU-144. Immer noch beschäftigt der Absturz der Air France-Concorde am 25. Juli 2000 die Gerichte. Die Vereinigung „Rettet die Concorde“ aus Großbritannien will eine Concorde im Rahmen der Olympiade 2012 in London fliegen sehen. Ob es tatsächlich dazu kommt? Neben den immer weiter gedeihenden flugzeugtechnischen Entwicklungen von Airbus und Boeing gibt es auch heute Pioniere ähnlich wie vor hundert Jahren. Allerdings steht ihnen heute mehr Hightech-Auswahl zum Tüfteln zur Verfügung. Jesse van Kuijk heißt beispielsweise der junge Student, der ein Flugfahrrad konstruiert hat und damit erstmals 2009 versuchte, sich mit Muskelkraft in der Luft fortzubewegen. Es reichte für kurzes Abheben und Glücksgefühl.

Bis zur Rückeroberung des August Euler-Flughafengeländes durch die Natur hat der Flugplatz eine bewegte Geschichte aufzuweisen. 1913 wurde er zur Fliegerstation Darmstadt-Griesheim der Preußischen Armee ausgebaut. Im Ersten Weltkrieg war er ein Gefangenenlager, 1918 wurde er von der französischen Armee besetzt. Von da an bis 1930 war der Flugbetrieb eingestellt. 1933 nutzte die Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug (DFS) die Kasernengebäude neben dem Flughafen. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Flughafen ein Fliegerhorst der Luftwaffe. Bis 1992 war die US-Army hier stationiert und verursachten amerikanische Hubschrauber den Griesheimerinnen und Griesheimern erheblichen Fluglärm. Deshalb sprach sich die Stadt Griesheim für die Nutzung als Naturschutzgebiet aus, während die Stadt Darmstadt Überlegungen anstellte, einen Geschäftsflughafen in Betrieb zu nehmen. Die „Hessenflieger“ wiederum wollten sich den, seit 1980 so genannten, August Euler-Flugplatz als Sonderlandeplatz sichern. Ein von der Stadt Griesheim 1992 in Auftrag gegebenes, unabhängiges Fachgutachten stellte schließlich fest, dass sich auf dem gesamten Areal, quasi zwischen Hangar und Rollbahn, Tower und Windmessgeräten, eine hochschützenswerte magere Pioniervegetation angesiedelt hatte.

Am 13. Mai 2011 wurde, überwiegend im Tower, eine Naturschutzausstellung eröffnet. Allerdings sind noch keine Insekten in das für sie vorgesehene „Hotel“ eingezogen und wartet die aufgeschüttete Sanddüne vor dem Tower-Eingang noch auf pflanzlichen Zuzug, doch schließlich ist der August Euler-Flugplatz kein Zoo, alle kommen und gehen, wie es ihnen passt. Die seltenen Vögel lassen sich nur mit sehr viel Glück vom Tower aus erspähen, die Heuschrecken, insbesondere die seltene Italienische Schönschrecke, allenfalls hören und im Towergebäude als Modell ansehen. Mehrere Tausend ihrer Art halten sich jährlich im „Griesheimer Sand“ auf. Mitte Juli sind sie ausgewachsen. Bei ihren enormen Flugsprüngen von mehreren Metern leuchten ihre roten Hinterflügel auf, um mögliche Verfolger zu verwirren. Im Sommer zirpt es wie aus mediterranen Urlaubsregionen bekannt und musizieren Grüne Heupferde im Wettstreit mit Nachtigall-Grashüpfern und Feldgrillen. In Acht nehmen müssen sie sich vor den Singvögeln, denen sie eine Delikatesse sind. Der Steinschmätzer ist ein Bodenbrüter und wird dabei auf dem August Euler-Flugplatz nicht von Menschen oder Hunden behelligt. Außerdem sorgt die Beweidung durch die Schafe und Esel dafür, dass vegetationsarme und -freie Zonen geschaffen werden. Das mag der Steinschmätzer, ebenso wie die ihm zur Verfügung gestellten Brutröhren. Der Bachpieper lässt sich hingegen augenblicklich nur zu Zugzeiten blicken und es bedarf noch ein wenig „Überredungskunst“, sprich eine ihm entsprechende Sandrasenaufbereitung, bis er sich hier zum Brüten entschließen könnte. Der Heidelerche fehlen hingegen noch ein paar mehr Kiefern, damit sie sich rundherum wohl fühlt. Der Wiedehopf brütete 2007 zum ersten Mal wieder auf dem Flugplatz und hat offenbar die Ruhe weg, obwohl der Flugplatz aufgrund der Forschungsprojekte der TU Darmstadt keinesfalls störungsfrei ist. Die einzelnen Stimmen der Vögel können an einer Vogelstimmenwand im Tower abgerufen werden. 

Die Verschränkung von Natur und Technik auf dem August Euler-Flugplatz führt vielseitig Interessierte einerseits auf die Pfade der seltenen Tiere und Pflanzen und anderseits in das Cockpit einer Douglas DC-8. Sie stellt das erste Exponat eines geplanten Luftfahrtmuseums dar und wurde 2006 von der Besucherterrasse des Frankfurter Flughafens auf das Gelände des August Euler-Flugplatzes gebracht. Auch der Niedergeschwindigkeitswindkanal von 1936, der noch heute von der TU-Darmstadt genutzt wird, ist Teil der Führung. „Schade, dass man nicht sehen kann, wie er funktioniert“, kommentiert ein Junge seinen etwas enttäuschten Blick auf die große Maschine. Dennoch ist dieser „Blick hinter die Kulissen“ des Fachgebiets Strömungslehre und Aerodynamik sehenswert. Eine Fouga CM 170 Magister aus den 1970ern vor der Halle mit dem Windkanal hat bereits Moos angesetzt - Sinnbild der neuen Zeit im „Griesheimer Sand“.

Die nächsten Führungen sind am 16. Juli, 13. August und 8. Oktober 2011, jeweils 15 Uhr. Treffpunkt (mit Personalausweis oder Reisepass und Eintrittsgeld in der Tasche) ist der Eingang zum Flugplatz, Flughafenstraße 19 am Georgiiplatz.

www.august-euler-museum.de

Text: Dörthe Krohn

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