...  Ideenreich
Im Dunkeln sieht man nicht, in der Lautlosigkeit hört man nicht: Einblick in eine unsichtbare Welt >
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03.10.2010 08:59 Alter: 12 Monat(e)
Kategorien: Ideenreich

Wenn die Sinne wandeln – Eine Reise in die Sinnesfelder von Finsternis, tanzendem Sand und singenden Klangplatten


Mit der Partnerschaukel geht es hoch hinaus.

© Roger Richter

Den Gong mit viel Gefühl anschlagen.

© David Bascom

Je nachdem wie das Prisma gehalten wird, ist ein schwarz-weißes Muster, rote Farbe oder der Regenbogen zu sehen.

© Roger Richter

Auf der Chladnischen Klangplatte kann man Sand zum Springen bringen.

© Roger Richter

Die Südseite von Schloss Freudenberg.

© Alexa Hännicke

Schloss Freudenberg - hoch über Wiesbadens Stadtteil Dotzheim - ist über 100 Jahre alt. Wäre das Schloss ein Mensch, würde es sicher viel von sich erzählen: Aus seinem Leben, zum Beispiel von den Anfängen, als es 1904 als Palais für ein Künstlerpaar entworfen und gebaut wurde, bis zur Zeitspanne von 1984 bis 1993. In dieser Zeit stand das Schloss leer und beherbergte nichts außer Spuren von Zerstörung und völliger Dunkelheit. Heute ist das imposante, Park umgebene Bauwerk unter der künstlerischen Leitung von Matthias Schenk und seiner Frau Beatrice Dastis Schenk (Geschäftsführerin der Gesellschaft Natur und Kunst gem. e.V.) eine kreative „Dauerbaustelle“. Hier vollzieht sich der Wandel der fünf menschlichen Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten) immer wieder aufs Neue. Für die circa 400 täglichen Besucherinnen und Besucher ist das Erlebnisfeld nach den Vorstellungen des Gründers, Pädagogen, Handwerkers, Philosophen, Künstlers und Schriftstellers Hugo Kükelhaus (1900-1984) ein sich konstant im Prozess befindliches Wandeln zwischen den einzelnen Sinnen.

Das geschieht auch in einem komplett finsteren Raum im Erdgeschoss. Am Eingang, durch den die Besucherin und der Besucher eben gekommen sind, hängen schwere, lichtundurchlässig-schwarze Vorhänge. Weder erkennt man Umrisse von Gegenständen noch die eigene Hand vor Augen, die keinerlei Orientierungspunkt finden. Jegliche Lichtquellen, wie auch Displays von Handys und im Dunkeln leuchtende Ziffernblätter von Armbanduhren sind in der Dunkel-Bar nicht gestattet. Der Besucher tastet nach dem erstbesten Gegenstand, den er mit den Händen erreichen kann: einen Bar-Hocker mit Lehne. Kaum dort Platz genommen, sind die von der Dunkelheit völlig Irritierten schon dem  nächsten Impuls ausgesetzt: Stimmen, die von überall aus dem Raum zu kommen scheinen. Der Körper reagiert auf die vermeintliche Gefahr, indem der Hör-Sinn den in diesem Fall funktionslosen Seh-Sinn auszugleichen versucht. „Wer möchte etwas trinken?“ Eine plötzliche Frage aus der Mitte des Raumes. Sie kommt von Bar-Mitarbeiter Sebastian. Seine Stimme gibt den orientierungslosen BesucherInnen Halt. Der 24-jährige Sebastian kennt die meist selbstverständliche Fähigkeit des Sehens im Alltag nicht. Der Dortmunder ist von Geburt an blind und die Dunkel-Bar ist seit 2007 sein Arbeitsplatz, an dem er sich ausgezeichnet orientieren kann. Orientierung ist gerade für Nichtsehende eine große tägliche Herausforderung. Menschen wie Sebastian brauchen eine gewisse Konstanz und Kontinuität ihrer Umgebung. Wenn das gegeben ist, kann ein Blinder relativ selbstständig seinen Alltag meistern. Viele Blinde haben zwar keinen aktiven Seh-Sinn, aber ihre eigenen Bilder im Kopf. Nicht-sehbehinderte MitarbeiterInnen nutzen während ihrer Arbeit in der Dunkel-Bar ein Infrarotlicht, das ihnen Orientierung gibt und sie beim „Sinneswandel“ unterstützt. „Viele glauben nicht, dass es dort so dunkel ist wie in einem Bienenstock. Zuletzt hatte unser ‚Theater der Finsternis‘ Premiere mit Shakespeares ‚Der Sturm‘. Man ist als ans Sehen gewohnter Zuschauer oder Zuschauerin vor Beginn des Stücks erst einmal mit der Dunkelheit beschäftigt. Das ist fast schon Sturm genug“, beschreibt Sigrid Schwarz, Pressesprecherin von Schloss Freudenberg, „je nach Tagesverfassung kann einem die Dunkelheit in der Bar angenehm oder unangenehm sein.“

Ursprünglich war Schloss Freudenberg vor seinen Anfängen als Erfahrungs- und Erlebnisfeld ein zugemauerter, verwahrloster Ort der Finsternis, den  Beatrice Dastis Schenk und Matthias Schenk zu nutzen wussten. Sie machten aus der Not eine Tugend und damit ihre erste Ausstellung mit dem vielsagenden Titel „Sie sehen Nix!“. Rund 30.000 Neugierigen war dies ein Besuch wert. Laut Matthias Schenk gibt es weitaus mehr als nur die fünf offiziellen menschlichen Sinne. „Wir haben so viele Sinne, wie wir denken können“,  zitiert Sigrid Schneider die Intention des künstlerischen Leiters. Das macht, laut Schloss-Ethik 28 Sinne inklusive der fünf bekanntesten. 

Auf das durch die Dunkel-Bar sensibilisierte Gehör wartet im Erdgeschoss eine weitere Hör-Sinn-Herausforderung. Dort gelangt man in ein mit feinem Sand ausgestreutes Areal, auf dem drei chladnische Klangplatten, nach dem deutschen Physiker Ernst Florens Chladni (1756-1827), stehen. In seiner Veröffentlichung „Entdeckung über die Theorie des Klanges“ zeigte dieser auf, wie Klangfiguren erzeugt werden können, nämlich wenn die Kante einer meist aus Metall bestehenden und mit Sand bestreuten Platte mit einem Geigenbogen in Schwingung versetzt wird. Wo keine oder schwächere Schwingungen auftreten, sammeln sich die Sandkörner, bei stark schwingenden Stellen scheinen diese zu tanzen. Je nachdem, wie die Platte mit dem Geigenbogen gestrichen wird, werden wohl- klingende bis unangenehme Töne hörbar. 

Verdrängt werden diese Töne plötzlich von einer erst dumpfen, dann wie eine Donnerwelle heran rollenden Geräuschkulisse. Es sind gleich mehrere Gongs in unterschiedlichen Größen, die mit ihrem unverwechselbaren Klang eine gewaltig laute, aber auch entspannende Melodie hervorbringen. „Gong spielt man mit viel Gefühl, so als ob man Blumen überreicht“, erklärt Tom Karcher, fester Schlossmitarbeiter und Erlebnispädagoge. Gongs mit Dellen können auch in ihrer Mitte bespielt werden, während die Mitte des glatten und großen Gongs an seiner dünnsten und sensibelsten Stelle nicht bespielt werden darf. Fasziniert von den Vibrationen der unterschiedlichen Instrumente, von denen die meisten aus Asien stammen,  können sich die Besucherin und der Besucher – mit geschlossenen Augen auf dem Holzfußboden liegend – entspannen. Nach Adrian Flyns Gongspiel verrät der Klangführer, Musiker und Künstler aus England: „Die spürbare Vibration ist eigentlich der Klang.“

Aber nicht nur Klänge sprechen die Sinne an. Auf den Spuren von Goethes Farbenlehre wandelt die Besucherin und der Besucher in anderen Ecken des Schlosses. Schlanke lange Prismen hängen von der Decke eines Raumes. Je nachdem wie das Auge durch sie hindurch sieht, nimmt es an der Wand mit schwarz-weißem Muster entweder Regenbogenfarben oder die rote Farbe wahr. „Wer die Farbe Türkis sieht, ist ein Himmelsgucker, bei Rot ist man ein Bodengucker“, wird Goethes Experiment von Karcher erklärt.

Zum Bodengucker im wahrsten Sinne des Wortes scheint jede und jeder zu werden, der sich mitten im urigen Eingangsbereich mit Kamin einer mit Wasser gefüllten Klangschale aus Metall und Messing zuwendet. Zwei dicke Griffe rechts und links am Rand der Schale laden zum Berühren ein. Bei dieser und den anderen Stationen im Erfahrungsfeld geht es darum, dass Kinder und Erwachsene gleichermaßen Neues oder Vertrautes aus dem Reich der Sinne für sich entdecken, ausprobieren und die daraus gewonnenen Impulse für sich verwerten. „Kinder haben uns Erwachsenen etwas voraus. Die sehen ihre Sinne unvoreingenommener“, bringt es Karcher auf den Punkt. Denn wer erst einmal durch das Reiben der Griffe mit den Händen Schwingungen erzeugt hat, kann nicht nur das immer wärmer werdende Messing und die Vibrationen spüren. Die entstehenden Vibrationswellen bringen auch das Wasser zum feinen Sprudeln, wodurch Tast-, Seh- und Hör-Sinn gleichermaßen angesprochen werden. Eine optische Täuschung an einer Ecke der Decke wiederum lädt zum längeren Verweilen im Eingangsbereich des Schlosses ein: Fehlt dem großen Würfel eine Ecke oder sieht man einen kleinen Würfel in einer Ecke?  

Auch im oberen Stockwerk gibt es viel zu entdecken: So können sich die BesucherInnen zum Beispiel an der Geruchs-Bar unterschiedlichen Gerüchen und Düften aussetzen und für sich herausfinden, wie sie darauf reagieren. An anderer Stelle dampft es konstant, während ein Sand-Pendel filigrane Bilder durch kleinste von den BesucherInnen ausgelöste Impulse zeichnet. „Unser Ziel ist erreicht, wenn wir unseren Besuchern kleine Impulse, Ideen oder eine Wiederentdeckung aus der Kindheit bescheren konnten“, äußert sich Schwarz stolz. 

Der Jahreszeit entsprechend, gestaltet das Schloss-Team mit circa 50 festen MitarbeiterInnen und 50 Aushilfen das Erfahrungsfeld um und macht aus dem „Umstand Baustelle“ ein prozessartiges Schauplatzkunstwerk. „Die meisten wiederkehrenden Besucherinnen und Besucher stellen für sich fest, dass hier immer noch alles kaputt ist“, erzählt Pressesprecherin Schwarz und ergänzt mit geheimnisvollem Lächeln: „Ab Dezember wird es glatt sein.“ Denn mit Eifer arbeitet das Schloss-Team an dem Erfahrungsfeld „Winter -22°“), das am 1. Dezember 2010 bis zum 21. März 2011 seinen Raum im Untergeschoss des Schlosses finden wird. In diesen vier Monaten wird den Gästen zu unterschiedlichen Themen der Sinn des Winters näher gebracht. Das Schlossteam wird seine Gäste Eiszapfen beim Wachsen zusehen oder die Entstehung einer Schneeflocke bis zur Entwicklung eines Eisblumengartens beobachten lassen. Als mögliches Weihnachtsgeschenk kann zusammen mit Schloss-Imkermeister Robert Friedrich eine Kerze mit Bienenwachs vom schlosseigenen Bienenstock gestaltet werden.

Aber nicht nur im Schloss selbst gibt es neben dem Erfahrungsfeld und dem schlosseigenen Café, in dem alles ohne zusätzliche Geschmacksverstärker hergestellt wird und wo es – wie in der Dunkelbar – keinen Alkohol gibt, viel für die fünf Sinne zu entdecken. Das Areal des Schlossparks um das Schloss lädt gleichermaßen Kinder und Erwachsene auf eine ausgiebige Entdeckungstour ein: Während die Kinder sich auf dem großen Spielplatz mit Paarschaukel  erleben, bereiten die Erwachsenen sich selbst Stockbrot zu, bevor sich beide wieder zum Gang durchs Steinlabyrinth zusammenfinden. Der Platz mit Lagerfeuer bietet in der freien Natur eine warme Stätte zum Ausruhen.

Wer einen Ausflug zum Schloss Freudenberg machen möchte, sollte einen ganzen Tag dafür einplanen. Das Schloss ist gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Auto zu erreichen. Menschen mit Hunden wird empfohlen, das Außengelände zu erkunden, da die Klänge und Vibrationen für empfindliche Hundeohren eher nicht geeignet sind. Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer brauchen starke BegleiterInnen, die sie für den Weg ins Erdgeschoss oder Obergeschoss unterstützen. Neben einer Anfahrtsbeschreibung, den Öffnungszeiten, dem Freudenberger Veranstaltungs-Kalender sowie dem Seminarangebot zum „Freudenberger Impuls“ befinden sich auf der liebevoll gestalteten Homepage auf http://www.schlossfreudenberg.de weitere Informationen über das Schloss sowie über Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten.  Für Gruppenführungen durch das Schloss sowie für das Nacht-Mahl in der Dunkel-Bar wird um Voranmeldung gebeten. (Auf der Homepage auf „Erfahrungsfeld“ klicken, weitere Details unter „Führungen“. Das Nacht-Mahl hat einen separaten Link, unter dem die Telefonnummer für die Anmeldung zu finden ist).

Goethes Farbenlehre

Wäre nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken? Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt Göttliches uns entzücken? Diese Frage Johann Wolfgang von Goethes ist im Raum mit den Prismen in Schloss Freudenberg zu lesen. Für den Autor war es von bedeutender Wichtigkeit, der haptischen Erfahrung mit Farben mehr Freiraum zu geben als den theoretischen Erklärungen der Farbenlehre aus der Physik (wie zum Beispiel der Physiker Isaac Newton). Newton war unter anderem davon überzeugt, dass das Licht anhand eines Prismas gebrochen wird und er war der erste Physiker, der eine erste Theorie der Farben aufstellte. Im Gegensatz dazu schrieb Goethe 1810 die zweibändige Farbenlehre, in der er subjektive Phänomene wie Hell- und Dunkeladaption und Farbblindheit beschrieb. In Goethes Farbtheorie existierte Newtons These nicht, dass Weiß aus verschiedenen Farben zusammengesetzt sei. 

Quelle: „Geschichte der Psychologie des Sehens“, http://www.zwisler.de/scripts/boring/node4.html

Hugo Kükelhaus (1900-1984)

Der Universaldenker, Philosoph, Handwerker, Künstler und Schriftsteller schaffte es während einer internationalen Wanderausstellung Mitte der 70er Jahre, den Menschen sein Erfahrungsfeld näher zu bringen. Mit rund 40 Experimentier- und Spielstationen bot er den Menschen die Möglichkeit, die Gesetzmäßigkeiten der äußeren Natur (wie Schwerkraft, Polarität, Farbe, Schwingung usw.) in ihren gegenseitigen Wirkzusammenhängen mit den physiologischen  Gesetzlichkeiten  ihrer inneren Natur (Sinnesvorgänge und Körperbewegungen) zu vermitteln.  Die oftmals verkümmerte Fähigkeit zur Sinneserfahrung wollte Kükelhaus mit seinem Erfahrungsfeld wieder anregen oder erweitern: Was uns erschöpft, ist die Nichtinanspruchnahme der Möglichkeiten unserer Organe und unserer Sinne, ist ihre Ausschaltung, Unterdrückung … . Was aufbaut, ist Entfaltung. Entfaltung durch die Auseinandersetzung mit einer mich im Ganzen herausfordernden Welt.

Mit dem Erfahrungsfeld im und um Schloss Freudenberg wurde Kükelhaus‘ Wunsch lebendig, eine „bleibende Stätte der Wahrnehmung“ zu schaffen.

Quellen / Literatur von und über Kükelhaus (auch im Schlosseigenen Buchladen „Schatzkiste“ zu kaufen):

Hugo Kükelhaus und Rudolf zur Lippe. „Entfaltung der Sinne: Ein Erfahrungsfeld zur Bewegung und Besinnung. Verlag Schloss Freudenberg. Wiesbaden, Oktober 2008.

Hugo Kükelhaus Gesellschaft e.V. Soest:  http://www.hugo-kuekelhaus.de.

Dieter Lotz. Zum Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne (Hugo Kükelhaus): http://www.heilpaedagogik-lotz.de/Text9.htm.

Text: Christin Lilge

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