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09.04.2011 09:44 Alter: 11 Monat(e)
Kategorien: Ideenreich

Panzerkleid über Nachthaut


© obs/Pfizer

Die gnädigste Zeit des Tages, der Bruchteil eines Augenblicks nach dem Aufwachen. Unschuldig und ohne Vergangenheit, bis sich das Bewusstsein wie ein dunkles Stöhnen aus dem tiefsten Inneren ans Licht quält.
So bricht er an, der letzte Tag des Sommers. Stahlblauer Himmel spannt sich über nachtfeuchte Dächer und ein stummer Schrei verhallt über dem Wald. Das Panzerkleid für den Tag wird übergestreift, die weiche Nachthaut zurückgelassen. Sie ist ja viel zu durchlässig, so leicht verletzbar, so dünn, so voller warmer Gerüche und Sehnsucht. So ungeeignet fürs Überleben. Noch ein letzter Schluck Zaubertrank und das Visier klappt zu. So gewappnet, öffnet sich die Tür, die hinaus führt ins Leben.

Überall tauchen die Panzer auf, Visiere mit freundlichem Lächeln, Münder geifern und leere Augen sehen nichts. Offensichtlich, wohin jeder Panzer gehört. Markiert, gekennzeichnet, einmal dabei und der Stempel sitzt. Er sitzt tief. Der Zaubertrank wird schon wirken, auch unter dem Visier muss alles seine Ordnung haben. Nicht auszudenken - was würde wohl geschehen, wenn plötzlich ein Visier hochklappte, das Lächeln verschwände und womöglich ein schmerzverzerrter Mund erschiene? Ganz zu schweigen von den Augen - wurde von ihnen nicht einmal gesagt, sie seien der Spiegel der Seele? Und überhaupt. Die Seele. Die gehört schon gar nicht in einen Panzer. Augen könnten weinen, Tränen könnten Schwäche zeigen. Und dann? Kann ein lächelndes Visier darauf reagieren?

Deshalb bemüht man sich, den Zaubertrank zu jeder Zeit bereit zu halten.
Für den eigenen Panzer, wie auch für die anderen.
Manchmal, nur manchmal kommt es zu störenden Zwischenfällen. Einer Kettenreaktion. Dann schnellt ein Visier in die Höhe. Schmerz und Entsetzen werden schamlos preisgegeben. Ein Panzer wird porös und etwas wird sichtbar, das Ähnlichkeit mit der Nachthaut hat, so weich und weiß, dass sich die Visiere geblendet und angeekelt abwenden.

Um die Zahl der Störfälle so gering wie möglich zu halten, gibt es natürlich wirksame Methoden. Kontrollen, die die Stabilität der Panzer und Visiere überprüfen. Bei Verdacht auf Porösität wird unverzüglich gehandelt.
In einem freundlich lächelnden Gebäude wird die Stärke der Kopfpanzer mit langen Titannadeln gemessen. Der Umfang an Armen, Beinen und Brustkorb mit Stahlschnallen. Sobald ein Defekt feststellbar ist, fließen Energieströme.  Schwachstellen sind schnell beseitigt.

Für die nötige innere Einstellung sorgt Zaubertrank, direkt in die Blutbahn geleitet. Das baut erfahrungsgemäß für Jahre Störfällen vor. Die sind, laut amtlicher Meldungen, auf eine Art Rebellion zurückzuführen. Visiere klappen auf und Panzer zerbröckeln, wenn sich nicht strickt an die Anweisungen gehalten wird. Das ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt.

Doch es sind Gerüchte im Umlauf, die darauf hinweisen, dass in bestimmten Regionen Übertretungen vorkommen, die nicht mehr ignoriert werden können. Es heißt, dass hinter verschlossenen Türen, zu denen die Öffentlichkeit keinen Zutritt hat, Nachthäute ihr Unwesen treiben und die Moral untergraben. Es soll sogar herzhaftes Lachen gehört worden sein. Dabei schreiben die Bestimmungen ausdrücklich freundliches Lächeln vor. Wozu sind schließlich die Visiere da! Sie sollen schützen und nur für die Stunden der Dunkelheit in verschlossenen Räumen abgelegt werden - und das nicht im Beisein fremder Panzer.

Es scheint jedoch Grund zu der Annahme zu geben, dass dieses Gebot übertreten wird. Es wurden Panzer beobachtet, die zu zweit hinter Türen verschwanden. Das kann nicht geduldet werden, denn wie sollte so die Gesellschaft funktionieren? Das öffentliche Leben nämlich basiert ausschließlich auf der Philosophie der freundlichen Gleichgültigkeit, die einen reibungslosen Ablauf des Alltags garantiert. Es sind noch Geschichten aus anderen Zeiten bekannt, in denen sich die Panzer, die damals fremd klingende Namen trugen, ungeschützt - praktisch nackt - gegenüber traten.

In unseren Tagen lernen schon die frischen Panzer, wozu jenes unmoralische Verhalten führte. Man nannte es Krieg, Gewalt und Verbrechen. Wörter, die mittlerweile keine Bedeutung mehr besitzen, denn Panzer und Visiere lassen keine Unterschiede mehr zu und machen gleich, was verborgen ist.
Sie arbeiten konzentriert miteinander, plaudern freundlich, verbringen zusammen lächelnd ihre Freizeit. Auch, wenn Sportplätze, Kinos, Restaurants gut besucht sind, es wird nie laut, es herrscht eine entspannte und ungeheuer freundliche Atmosphäre. Jeder ist beruhigt über das Vorhandensein der Visiere, denn die Zurschaustellung emotionaler Ausbrüche wird allgemein als höchst unangenehm empfunden.

Die Sonne dagegen wandert noch immer panzerlos über das Blau dem nahen Herbst entgegen. Ihre Offenheit stört nicht, sie ist weit genug entfernt. Hinter ihr zieht Dunkelheit über Himmel und Land, Türen fallen ins Schloss. Die Straßen sind leer. Eine Tür schlägt besonders laut zu. Hat das etwas zu bedeuten? Es ist nichts zu sehen.

Zwei Panzer, zwei Visiere. Die Tür sorgfältig verriegelt. Ein Arm hebt sich langsam und öffnet, was nicht geöffnet werden darf. Mund, Nase, Augen werden sichtbar. Das Gegenüber wiederholt den Vorgang des Aufklappens, Entblätterns, Auslieferns. Mund, Nase, Augen.

Kein verzerrter Mund, weiche Lippen öffnen sich. Augen ohne Tränen staunen. Zwei Panzerkleider liegen am Boden. Und da sind sie. Die Nachthäute. So weich und so zart. Sie kommen sich ganz nah, berühren sich, spüren die Wärme, die ausströmt. Hände tasten, fühlen und entdecken. Streichen über verbotene Haut und ergründen jede Furche, jede Falte. Fahren über die so lange verborgenen Brüste, Schultern, Arme. Langsam bewegen sich die Nachthäute zu einem Lager und strecken sich aus. Sie schauen sich in die Augen und sehen darin ein Leben, das sie vorher nie wahrgenommen haben. Unbekannte Empfindungen treten aus tiefer Erinnerung hervor und lassen Innengesichter leuchten. Sie schmiegen sich aneinander und be-greifen endlich. Ihre Lippen finden sich und es zuckt wie Blitze durch die Körper. Die Hände fühlen das weiche Haar, streichen hindurch und reisen weiter über den Körper. Jede Unebenheit wird wahrgenommen, doch sie halten nicht an. Sie gelangen zu dem Punkt, an dem alle Blitze des Körpers zusammenlaufen. Und hier endlich treffen verlangende Kraft und feuchte Wärme aufeinander und gehen ineinander auf.

Die Nachthäute machen sich auf die Reise zum Gipfel aller Gebirge. Vergessen Zeit und Raum, spüren nur noch einen heißen Strom, der durch sie hindurch fließt. Und plötzlich ist er wieder da, der Bruchteil eines Augenblicks, unschuldig, ohne Vergangenheit und Zukunft, bereit, in die andere Welt, die Welt der Träume zu verschwinden.

So endet der letzte Tag des Sommers. 

Text: Sonja Lehnert 

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