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05.07.2014 09:45 Alter: 3 Monat(e)
Kategorien: Ideenreich

Kunst und Gärten am Rheinkilometer 529

Die Bingerinnen und Binger haben es gut, jedenfalls was ihr Rheinufer betrifft. Dort wird der Promenadenbummel zum Sinnesrausch.


Social Knit Work Berlin: Haus mit Kaugummiautomat, 2014, Foto: Dörthe Krohn

Social Knit Work Berlin: Haus mit Kaugummiautomat, 2014, Foto: Dörthe Krohn

Helge Leiberg: Bronze-Figuren, Ausdruckstanz, 2012, Foto: Dörthe Krohn

Helge Leiberg: Bronze-Figuren, Ausdruckstanz, 2012, Foto: Dörthe Krohn

Anna Fasshauer: Auto, 2014, Foto: Dörthe Krohn

Anna Fasshauer: Auto, 2014, Foto: Dörthe Krohn

Themengarten "Lebensfreude und Genuss", Foto: Dörthe Krohn

Themengarten "Lebensfreude und Genuss", Foto: Dörthe Krohn

Sommerflieder, Petunien, Lavendel und Co. duften in den „Binger Gärten“ um die Wette. Es riecht außerdem wunderbar nach Fluss. Das Auge wandert über UNESCO-Welterbe-Landschaft und bleibt immer wieder an den Skulpturen der Triennale mit dem diesjährigen Motto „Mensch und Maschine“ haften, die noch bis 5. Oktober den Rheinkilometer 529 säumen. Ein guter Tropfen und regionale Lusthäppchen, beispielsweise im „WeinZeit in der Vinothek“, bringen schließlich auch noch den Gaumen zum Lachen.

Es reicht ein Nachmittag, um sich wie im Urlaub zu fühlen. Auf den Rasenflächen entlang des Ufers stehen öffentliche Liegestühle mit Blick hinüber zum Niederwalddenkmal, aber spätestens im Park am Mäuseturm fühlt man sich wie in einem riesengroßen Privatgarten mit Obstbäumen und -sträuchern und reichlich Platz zum Dösen oder für Bewegung, z. B. auf dem Skaterplatz. Die Landesgartenschau 2008 hat das „Kulturufer“ hinterlassen, das sich vom Park am Mäuseturm bis zum Anleger der Fähre von und nach Rüdesheim erstreckt.   

Skulpturen-Triennale

Wie bei den vergangenen Ausstellungen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland, den Binger Triennalen 2008 und 2011, entstanden auch viele der diesjährigen Skulpturen mit direktem Bezug zum Ausstellungsort. Mit unterschiedlichen Ansätzen widmen sie sich dem Thema „Mensch und Maschine“ und nehmen Bezug auf das Verhältnis, in dem der Mensch, letztendlich der „erfindende Geist“ aller Maschinen, zu den vom ihm Geschaffenen steht.

Im Park am Mäuseturm stehen drei der insgesamt 21 Skulpturen. Ihre Kulisse: der Mäuseturm, den aktuell ein Baugerüst umgibt, und die imposante Hangruine Ehrenfels auf der gegenüberliegenden Rheinseite. Zbigniew Frączkiewiczs roboterhafter „Antimensch“ aus Eisen ist davor in Position gebracht worden, Nuria Fusters gebogene Stahlplatte und Birgit Diekers „Crazy Daisy“.

Die an eine Rakete erinnernde Skulptur „Crazy Daisy“aus weiblichen Schaufensterpuppen nimmt Bezug auf den US-amerikanischen Fliegerbombentyp „Daisy Cutter“, der im Zweiten und Dritten Golfkrieg und in Afghanistan eingesetzt wurde. Die sexuelle Wahrnehmung von Maschinen (z.B. Männerfantasien von sich räkelnden Frauen auf Automotorhauben oder Pin-up-Girls, die auf einer Bombe reiten – „Sexbomben“, versteht sich) scheint hier bewusst auf die Spitze getrieben worden zu sein. Dieker verweist nicht nur auf den weiblichen Körper als Sexualobjekt sondern die Kriegswaffe selbst besteht aus weiblichen Modell-Körperteilen. Die getürmten Beine, Arme, Köpfe und Torsos erinnern aber zugleich auch an die Gebeine von Verstorbenen, vielleicht von Kriegsopfern.

Auf der anderen Seite der Nahe-Mündung geht es weiter mit der Skulpturen-Schau. Ein paar herausgepickte Beispiele:

Drei ältere Frauen mit Nordic Walking-Stöcken stehen vor einem Container mit Glasfront und diskutieren, was von dem darin stehenden umhäkelten Rollator, Toilettenstuhl, der behäkelten Beinorthese und Krücke, gar dem so in Wolle gekleideten künstlichen Gebiss zu halten sei. Sie finden, dass damit diejenigen veralbert werden, die auf solche Hilfsmittel angewiesen sind. Künstlerin Patricia Waller hat für ihre Serie „Handycap“ Pastelltöne in Rosa und Orange gewählt, die den rein zweckmäßigen Charakter der Objekte hervorheben sollen. Gestalterisch-ästhetische Grundsätze scheint es für Reha-Produkte in der Regel nicht zu geben. Die Künstlerin interessiere es Bilder zu finden, die den Umgang mit unseren Ängsten und die Fähigkeit, diese zu verdrängen, zum Inhalt hätten, erklärt Britta von Campenhausen, die den Katalog zur Ausstellung schrieb.

Am meisten fotografiert dürften die Strickbälle aller Größen und Farben an der Fassade mit Kaugummiautomat des Grünen Hauses sein. Auf ihrer Facebook-Seite kann man wunderbar sehen, wie das Projekt der Künstlerinnengruppe Social Knit Work Berlin über Wochen entstanden ist. Teilhaben kann man, indem man sich selbst ein Kaugummi aus dem Automaten zieht und ein paar Blasen wagt.  
Am Beitrag von Irene Pätzug und Valentin Hertweck kann man teilhaben, indem man die Tür öffnet, die auf einer Rasenfläche steht. Es ist „Erwins Pforte“, die durchschritten werden kann. Der Mensch ist hier der Motor, der durch die Handlung des Türöffnens seinen Standpunkt verändern kann.      

Das Thema Überwachung durch Kameras im öffentlichen Raum hat Raphael Otto aufgegriffen. Die Werbeflächen unter einer Uhrensäule tragen Fotos von Überwachungskameras. Die Fotografie der Observierungskamera sei per Bildschirmfoto aus einem Onlinekatalog für Kameraatrappen hergestellt worden, heißt es auf der Homepage des Künstlers. Während in Großbritannien tatsächlich auf Schritt und Tritt Kameraaugen auf die Bürgerinnen und Bürger stieren, kann man sich in Bingen in das „Big Brother“-Szenario hineinfühlen. Nicht nur die Kamera erkennt einen, sondern man selbst erkennt auch die nicht versteckte und in der Fotografie vergrößerte Kamera.  

Gartenkunst

Quasi nach dem Motto „Die ganze Natur soll dem Menschen zur Verfügung stehen, auf dass er mit ihr wirke, weil ja der Mensch ohne sie weder leben noch bestehen kann“ (Hildegard von Bingen), können ebenfalls bis 5. Oktober die „Binger Gärten“ im Hafenpark erkundet werden. Die zehn Themengärten sind Kunsträume für Augen, Nase und Ohren: Duftende Blumenrabatten, Bäume, Sträucher, Landschaften mit Wasser und Wegen, Sitzgelegenheiten, dazwischen Objekte zum Anschauen, Anhören und Fühlen. Im Themengarten  „Tradition und Feste“ hat beispielsweise die Binger Künstlerin Stefanie Kastell ihre plastischen Figuren in Szene gesetzt, die die ortsüblichen Feierlichkeiten repräsentieren. 

   

Alle beteiligten Künstlerinnen und Künstler der Skulpturen-Triennale 2014:  
Magdalena Abakanowicz (1930, Falenty/Polen)
Matthias Deumlich (1962, Berlin/D)
Birgit Dieker (1969, Gescher/D)
Anna Fasshauer (1975, Köln/D)
Zbigniew Fraczkiewicz (1946, Grzmiaca/Polen)
Heiner Franzen (1961, Papenburg/D)
Nuria Fuster (1978, Alcoi/Spanien)
Amélie Grözinger (1982, Regensburg/D)
Philip Grözinger (1972, Braunschweig/D)
Uwe Henneken (1974, Paderborn/D)
Rainer Kriester (1935, Plauen/D)
Helge Leiberg (1954, Dresden-Loschwitz/D)
Via Lewandowsky (1963, Dresden/D)
Markus Lüpertz (1941, Reichenberg, heute Liberec/Tschechische Republik)
David Moises (1973, Innsbruck/Österreich)
Raphael Otto (1953, Berlin/D)
Irene Pätzug & Valentin Hertweck (1975, Dresden/D & 1978, Bonn/D)
Social Knit Work Berlin (Berlin/D)
Gunther Stilling (1943, Srpski Miletic/Jugoslawien)
Patricia Waller (1962, Santiago/Chile)
Iskender Yediler (1953, Eskisehir/Türkei)

Führungen im Rahmen der Tage der Industriekultur der KulturRegion FrankfurtRheinMain
Sonntag, 20. Juli, 17.00 Uhr
Donnerstag, 24. Juli, 18 Uhr
Samstag, 26. Juli, 17 Uhr
Treffpunkt vor dem Museum am Strom, Dauer ca. 90 Minuten, Beitrag 4 Euro

Individuelle Führungsangebote
Buchungsanfragen über die Tourist-Information Bingen, Telefon 06721-184 205 /-206
Oder über fuehrungen@skulpturen-bingen.de
Führungshonorar 90 Euro/ englische Führung 100 Euro, Dauer ca. 90 Minuten

Anfahrt nach Bingen mit dem Schiff:
In der Regel montags, mittwochs und samstags mit der Primus-Linie ab Frankfurt (Eiserner Steg, Abfahrt 8:30 Uhr) bis nach Rüdesheim fahren (Ankunft 13:25), von dort mit der Fähre übersetzen nach Bingen. Da man kaum Zeit hätte bis zur Rückfahrt des Schiffes empfiehlt sich ein Kombiticket Schiff & Bahn.

Links:

www.bingen.de

www.skulpturen-bingen.de

 

Text: Dörthe Krohn

 


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