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04.10.2010 02:03 Alter: 12 Monat(e)
Kategorien: Ideenreich

Im Dunkeln sieht man nicht, in der Lautlosigkeit hört man nicht: Einblick in eine unsichtbare Welt


Hier geht es in die Welt des Unsichtbaren mit ihren sechs verschiedenen Räumen. Teils Dauerparcours, teils Szenenwechsel. Die Themen richten sich nach der Aktualität. Gestern etwa Toreschießen passend zur Fußball-WM, heute Virtual Image aufgrund des Neubaus des Städels.

© Dorina Zehn

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© Dorina Zehn

Stock und Fuß und Ohr müssen zusammen Auge sein. Vor dem Ausflug in die Finsternis bekommen alle acht BesucherInnen einen.

© Dorina Zehn

1990 gab es weltweit den ersten Dialog im Dunkeln – in Frankfurt im Mousonturm. Heute ist das Franchisemodell auf der ganzen Welt verbreitet. Ende des Jahres wird etwa in Israel ein Dunkelraum eröffnet, ebenso in Indien.

© Dorina Zehn

Stell Dir vor, Du bist blind und keiner merkt’s, weil der Raum stockdunkel ist. Stell Dir vor, Du bist taub, und alle hören nicht. Dann ist Sinneswandel angesagt. In Frankfurt können alle das am eigenen Leib erfahren. Im „Dialogmuseum“, einer ständigen Einrichtung im Osten der Stadt, kann sie oder er sich durch die Welt der Blinden tasten, schmecken, hören, spielen, essen, trinken und auf der Museumsmeile im „Museum für Kommunikation Frankfurt“ eine absolut stille Zeit erleben.

Wenn am 8. Oktober ARD und Blindenstiftung und andere Aktionspartner mit einer „Woche des Sehens“ an den heute vielleicht wichtigsten Sinn, den Sehsinn erinnern, lächeln manche Frankfurter müde. In der Hanauer Landstraße, der einstigen Schmuddelstraße, die mittlerweile angesagt ist und die Nachtschwärmer anzieht, in der Galerien, die Romanfabrik, Diskos, Möbelhäuser und Werbeagenturen ihr kreatives Geschäft betreiben, hat das Dialogmuseum auf rund 500 Quadratmetern eine eigene Welt erschaffen, in der die Bilder ohne Farben sind, in der ein Stock Ton und Weg angibt. Einen Tag vorher, am 7. Oktober beginnt ein weiteres Experiment: Eine Stille, wie sie glücklicherweise nur wenige kennen, bekommt einen Raum. In Deutschland, so die Schätzungen des Schwerhörigenbunds für 2005, sei etwa ein Fünftel der über Vierzehnjährigen hörbehindert, also schwerhörig oder taub. Doch die Zahl der Schwerhörigen steigt – nicht nur aufgrund des Alters. Die Nichtsehenden zählen offenbar nicht, sie werden nicht gezählt. Anders etwa in Dänemark, Finnland, Italien oder Großbritannien. Auf der Grundlage dieser Zahlen schätzte Professor Bernd Bertram, dass es 2002 hierzulande etwa 1,2 Millionen sehbehinderte und blinde Menschen gab (160.000 von ihnen blind). Alle fünf Sekunden erblindet ein Mensch auf der Erde.

Ich bin nicht blind. Aber ich sehe nicht. Nichts und niemanden. Ich kann die Augen aufreißen, so weit ich es kann, kann blinzeln, so oft ich will, kann schauen und schauen und sehe doch nichts. Es bleibt dunkel, stockfinster, kohlrabenschwarz. Ich habe nichts an oder auf den Augen. Weder Tomaten, noch Schlafbrille, noch Tuch oder Pullover. Ich bin in einer Dunkelkammer, einem lichtlosen Raum – aber wie beschreibt man die völlige Abwesenheit von Licht? Und wie die Anstrengung, die vergeblich sein muss, die ich dennoch unternehme, trotzdem etwas erkennen zu können? Einen Umriss wenigstens, einen Schemen, ein Fetzchen Farbe – egal was, Hauptsache sehen, und sei es noch so klein oder noch so schwach auf der Netzhaut. In diesem uferlosen Dunkel verändern sich die Worte und alles, was da draußen in der so genannten normalen Welt selbstverständlich ist. Ich bin auf dem rechten Auge wie blind, blind auf dem linken. Blind wie der Zufall, die Wut, die sowieso, und die Liebe dazu. Letztere kommt bestenfalls nach dem Blind date. Blind kann auch das Huhn sein, die Kuh, wenn Kinder spielen, der Text im Layoutentwurf, der noch nicht zu(m) Wort gekommen ist. Die Seherin ist ebenso blind. Außerdem sieht man nur mit dem Herzen gut.

In der Hanauer Landstraße 145 bin ich kein blinder Passagier. Ich habe für die Reise in die Finsternis zwölf Euro bezahlt, bin eine Blinde unter acht Blinden. Geburtsblinde, Sehbehinderte und Sehende macht das Dunkel fast gleich. Dort ist das Licht keine Arroganz gegenüber dem Stock, wie der Dichter Ron Winkler schreibt. Dort ist gar kein Licht.

Eine dunkle Leere ist um mich, schwer und bleiern wie ein Röntgenschutz in schwarz. Zurückgeworfen auf sich und die eigene Wahrnehmung sprechen oder schreiben manche Menschen dann von Schwitzen, Schweißausbrüchen und Schwindel, die Bodenhaftung scheint zu schwinden, Verunsicherung rechts, kein rechtes Körpergefühl links und nirgends ein Licht in Sicht. Auch die inneren Bilder schweigen zunächst und geben nichts preis, sie bleiben dunkel.

In einer Hand der Holzgriff eines Stocks. Weiß ist er, wie ich aus Erfahrung weiß und nicht aus der Anschauung in diesem filzgedämmten Nichtsehland. Der Stock reicht mir bis über den Bauchnabel. Das Rohr ist aus Metall und am Ende ein Plastikwulst, den ich mit pendelnden Bewegungen über den Boden gleiten lasse, hin und her und her und hin. Und wenn ich Glück habe, spüre ich dabei kein Hindernis. Dann kann ich vorwärts tapsen, in kleinen, vorsichtigen Schritten und hoffentlich nicht stolpern. Am Anfang hat meine linke Hand noch eine Wand, die mich leitet. „Und nun dreht Euch nach rechts und kommt auf meine Stimme zu“, sagt unser Guide Munir, als könne er uns sehen. Er hat noch einen Sehrest von etwa fünf Prozent.

Ich höre Vögel – welche weiß ich nicht, höre das Plätschern eines Bachs, spüre Tropfen auf der Hand. Aber Wahrnehmungen formen kein Bild. Mir fehlt jede Orientierung. Fließt der Bach parallel zum Eingang? Und wie bin ich auf die Brücke gekommen? Sie schaukelt. Rechts und links fühle ich nasses Holz, ein Handlauf gegen die Unsicherheit. Munir hat leicht reden: Woher soll ich wissen, wo er steht? Meine Ohren sind ungeschult.

Gänsemarsch der Blindgänger. Wie froh bin ich, als mich eine Hand an der Hand nimmt und führt. Trocken ist die Haut und warm und ein wenig rau wie von zu vielem Waschen oder grobem Handwerkszeug. Dass diese Hand zu dieser Stimme gehört, hätte ich nicht gedacht. Sie gehört Munir. Der Name ist arabisch und bedeutet in etwa „der Leuchtende, der Strahlende“. Allah war unserem Guide gnädig und hat ihm ein wenig Sehkraft gelassen. Im Dialogmuseum ist er der Einäugige unter Blinden, und seine Stimme eine Art Licht, das uns in die richtige Richtung dirigiert. Zu einem Obelisken, in dem wir ein Wappentier ertasten: den Frankfurter Adler. Ein Entgegenkommen an die Oberbürgermeisterin Petra Roth, die im Sommer für das Dialogmuseum Brötchen verkauft hat?

Ich erinnere mich wie heute an das erste Erlebnis dieser Art. Anfang der Neunziger muss es gewesen sein – eine Art Betriebsausflug in eine Unsichtbar während eines Kongresses in Berlin. Mein Chef schaffte es nicht. Nach zwei Metern drehte er um – das Dunkel war zu bedrohlich, ihm fehlte die Ritterrüstung. Als ich so etwas wie Moos unter meinen Füßen spürte, wollte ich sofort meine Schuhe ausziehen. „Auf gar keinen Fall,“ sagte der Führer entsetzt, „du trittst womöglich in was hinein“. Heute ist es schlimmer als damals: überall Scherben und ausgespuckte Kaugummis. Mitten im Raum hatte ich einer Kollegin gewunken, die ich an der Stimme erkannte – das machen nur sehende Blindgänger wie ich. Und was ich als Moos in Erinnerung habe, war sicher ein holziger Grund aus Rindenmulch wie nun in Frankfurt. Er gibt nach und federt ganz leicht.

Vom Park geht es in die Stadt. Statt Zwitschern und Plätschern Hupen und Brausen – das übliche Soundgemisch. Wir streichen Häuserwände entlang, fühlen Rauputz und Quadersteine, Fensterscheiben und Brüstungen aus Stein. Und dann sagt eine Ampel schnell klackend: Jetzt kannst Du die Straße überqueren. Am liebsten würde ich den Bordstein mit einem Hammer abschrägen, er hat mich erschreckt. Er kam plötzlich und ließ mich stolpern, geschätzte 30 Zentimeter stand ich danach tiefer. Die Sinne sind ganz gefordert, ganz anders als gewohnt. Fuß und Stock und Ohr müssen zusammen Auge sein. Kein schnelles Flitzen über den Zebrastreifen bei Rot; ich kann die Geschwindigkeit der herannahenden Autos nicht hören.

Sprich mit mir, damit ich Dich orten kann, damit ich etwas von Deiner Blindheit erfahre. Draußen in der anderen, der licht(en) Welt, in der viele Autos zu schnell und nachts zu hell die Hanauer Landstraße entlangrasen, als hätten sie im Kofferraum ein zweites Paar Augen, dort draußen hätte ich mir diese Fragen nicht zu stellen getraut. Aber im Dunkelraum ist diese Welt, wenn nicht entschwunden, so doch verblasst, und nun heißt es fragen und fragen, um die blinden Flecke des Kontinents Nichtwissen ein wenig auszumalen.

Ein Pullover vor mir, weich und flauschig, das muss Tina sein. Hinter mir ist Christian. Ich fühle seine Kapuze. Vor wenigen Minuten war da noch Boba. Wo ist sie? Ich sehe sie nicht, ich höre sie nicht. In diesem lichtlosen Raum, diesem schwarzen Labyrinth kann sich glücklicherweise niemand verlaufen. Und dem Herdentrieb sei dank, der uns zusammenhält und -schart. Außer Vornamen braucht man nichts. Dass alle außer mir Referendare für berufliche Schulen sind, Munir studiert hat und eigentlich Journalist werden wollte, tut nichts zur Sache. Darüber reden wir in der Dunkelbar, als jeder es geschafft hat, sein Getränk zu bezahlen, den Strohhalm in die weiche Verpackung des Erfrischungsgetränks zu stecken und auf der Bank bis zum Nebensitzer aufgerutscht ist. Dass vor uns ein wadenhoher Tisch steht, sagt uns zum Schluss unser Führer Munir. Wir haben es nicht bemerkt. Und dann ist die Stunde vorbei, geht es wieder langsam tappend in die helle, grelle Welt der Sehenden. Nicht schlagartig, damit die Augen keinen Schaden nehmen. Allmählich lassen die Abdunkelungen mehr Licht durch, bis es schummerig ist. Doch ich fühle mich geblendet; meine Augenmuskeln sind nicht so schnell bei der Adaptation der Pupillen. Ich erkenne, dass Tina eher üppig, dass Christian blond ist. Nur Munir sehe ich nicht. Er ist im Dunkel geblieben. 

Bei der anderthalbstündigen Tour werden die Besucherinnen und Besucher zum Schluss Teil eines Experiments: dem Virtual Image. Sie stehen im Dunkeln unter einer Klangdusche und lauschen verschiedenen Bildbeschreibungen. Der eines Erwachsenen, der von mehreren Kindern und einer weiteren. Ich versuche das Gesagte mit erinnerten Bildern in Übereinstimmung zu bringen. Fehlanzeige. Keine Galerie im Kopf. Die weiteren Beschreibungen irritieren noch mehr, bringen die mir bekannten Bilder gänzlich zum Verschwinden. Am Ende weiß ich nur: Es ging offenbar um ein anderes Bild, als ich vor Augen hatte. Welches es war, wird hier nicht verraten. Nur so viel: Mit den Fingern konnte ich es nicht sehen. Meine zehn Spitzen haben nur den Rahmen abgetastet. Er ist vermutlich goldfarben, wie meist, wenn Schnörkel ihn zieren. Um das herauszubekommen, muss ich warten, bis der Umbau abgeschlossen und das Städel wiedereröffnet ist und das Bild des holländischen Malers an Ort und Stelle hängt. Die Bildbeschreibungen erinnern mich jedenfalls an das alte Kinderspiel: „Stille Post“.

So ungewöhnlich ein Museum ist, in dem man nichts sieht, in dem nichts zu sehen ist. So ist doch jede Menge darin zu hören und zu spüren und zu erleben. Und im November feiert das Dialogmuseum in der Hanauer Landstraße sein fünfjähriges Jubiläum. Eigentlich ist es das 25jährige, denn seit seiner Erfindung 1990 gingen viele Stationen voraus. Doch das steht vielleicht in einem anderen Heft. Und wer nun noch wissen möchte, wie ein Sehbehinderter sieht, kann sich im Internet einen Eindruck davon verschaffen: www.pro-retina.de/simulation.

Dialogmuseum
Hanauer Landstraße 137-145
60314 Frankfurt am Main
info@dialogmuseum.de
Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertag  11-19 Uhr
Karten nur über die Bookingline: (0 69) 90 43 21 44!

Jeden 1. Donnerstag im Monat ist „Dialog im Dunkeln“ bis 21 Uhr geöffnet. Unbedingt reservieren!


Museum für Kommunikation Frankfurt
Schaumainkai 53 (Museumsufer)
60596 Frankfurt
Telefon +49 (0)69 60 60 0
Telefax +49 (0)69 60 60 666
E-Mail: mfk-frankfurt@mspt.de

Dienstag bis Freitag 9-18 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertag 11-19 Uhr
An allen Feiertagen geöffnet, außer am 24., 25., 31. Dezember und 1. Januar

Text: Dorina Zehn

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