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Grenzen und Glücksgefühle

© Buchcoverausschnitt „Bis ans Limit - und darüber hinaus. Faszination Extremsport“, Verlag die Werkstatt, Göttingen
Ultraläufe, Extremklettern, freier Fall sind nur einige der Möglichkeiten, die Grenzen des eigenen Körpers zu erfahren und einzigartige Glücksgefühle zu empfinden. Die Frankfurter Autorin Iris Hadbawnik stellt in ihrem Buch „Bis ans Limit – und darüber hinaus. Faszination Extremsport“ Menschen vor, die Schritte gehen, die für viele ihrer Mitmenschen nicht nachvollziehbar sind.
Iris Hadbawnik, die selbst Ultraläufe absolviert, geht auf 224 Seiten der Faszination nach, die das Phänomen Extremsport wie auch Extremsportlerinnen und Extremsportler ausmacht. Wer sind diese Menschen, die ihr Leben riskieren, um den K2 zu besteigen oder so tief tauchen, wie es die eigenen Lungen hergeben? Als sie selbst vom „Virus Extremsport“ erfasst wurde, suchte sie nach Literatur, die ihr Aufschluss geben konnte über die Menschen, die zu solch überdurchschnittlichen Leistungen fähig waren. Was zu finden war, wurde andernorts als die der „ewig Gestrigen“ bezeichnet wie etwa Reinhold Messner unter den Bergsteigern. Dann rückten Menschen wie Hubert Schwarz, Joey Kelly und viele mehr ins Rampenlicht, die entweder schon berühmt oder mit Kontinentdurchquerungen, Ultraläufen und Bergbesteigungen einen Rekord nach dem anderen brachen. Nun scheint die Zeit der Jungen und Wilden angebrochen zu sein, die bei Apnoetauchen, Base-Jumping, Free Solo oder Parkour den Ausnahmezustand suchen.
Der Autorin und Sportlerin Hadbawnik ging es jedoch eher um die Menschen von nebenan, die morgens zur Arbeit gehen, eine Familie haben und ihren Sport als Hobby betreiben. Wie jede andere Freizeitbeschäftigung, die mit Leidenschaft betrieben wird, erfordert auch jede Extremsportart viel Zeit, Disziplin und nicht unerhebliche Kosten. Sie stieß bei ihren Recherchen auf die unterschiedlichsten Menschen, die den unterschiedlichsten Sportarten nachgehen. Was sie gefunden hat, ist in dem lesenswerten und immer wieder spannenden Buch „Bis ans Limit – und darüber hinaus. Faszination Extremsport“ zusammengefasst, an dem nicht nur „Sportfanatiker“ ihre Freude haben werden.
Die Frage nach dem Warum
Für Außenstehende lautet die Frage aller Fragen natürlich: Warum setzt sich ein Mensch freiwillig solchen Anforderungen aus? Hadbawnik kann über einige erstaunliche Statements berichten: „In der Regel geht es dem Großteil der Extremsportler nicht um Schnelligkeit, nicht darum, besser zu sein als andere und diese zu besiegen. Sondern um die Frage, wo liegen meine Grenzen und wie weit kann ich gehen, bis Kopf und Körper mir sagen: „Stopp, bis hierher und nicht weiter.“ (...) Ein individuell gestecktes Ziel, das man womöglich vor wenigen Jahren selbst für unvorstellbar hielt, aus eigener Kraft zu erreichen, das ist der Reiz des Extremsports. (...)
„Es war vielmehr ein starkes inneres Bedürfnis, 2008 das erste Mal beim Race Across America (RAAM) zu starten.“ Dabei war der damals 40-jährige Dr. Michael Nehls alles andere als eine Sportskanone: Vorstand eines Biotech-Unternehmens mit einer 60-Stunden-Woche, 20 Kilo Übergewicht und auf dem besten Weg zum ersten Herzinfarkt. Dennoch hat er es geschafft, sich innerhalb von fünf Trainingsjahren dem mit knapp 5.000 Kilometern härtesten Nonstop-Radrennen der Welt, von der West- bis an die Ostküste der USA zu stellen – und diese erfolgreich zu beenden. Nach 10 Tagen, 22 Stunden und 56 Minuten erreichte er die Ziellinie.
Als einen wichtigen Lernprozess für das Leben, weit über das Sportliche hinaus, darin sehen viele ein starkes Motiv für den Extremsport. (...) „Der Reiz besteht darin, Grenzerfahrungen zu machen, erklärt er (Moderator Markus Lanz, Anmerkung der Redaktion) seine Motivation. (...) „Ich glaube“, sagt der Extremsportler Stefan Schlett, „es gibt eine Motivation, die grundsätzlich auf uns Extremsportler zutrifft: Die Suche nach Freiheit. Die Freiheit, allein zu sein, mit den eigenen Wünschen, Träumen und der nackten Angst. Und mit der Neugierde, was der menschliche Körper zu leisten imstande ist. Wir verkündigen mit unserem Tun und Handeln eine Botschaft: Do the impossible – tue das Unmögliche!“ (Quelle: Hadbawnik, Bis ans Limit, 2011, Verlag Die Werkstatt, S. 19 f.).
Bereits Hermann Hesse formulierte 1960 in einem Brief an Wilhelm Gundert: „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden (Quelle: Mein Hermann Hesse – Ein Lesebuch, Hrsg. Udo Lindenberg, 2008, Suhrkamp Verlag, S.26).
Außer bei den Sportlerinnen und Sportlern selbst, fragte Hadbawnik auch bei WissenschaftlerInnen nach, die das Phänomen untersuchten. Es gebe einen Hinweis auf bestimmte Gene, die dafür sorgten, dass manche Menschen immer auf der Suche nach einem Nervenkitzel seien. Der Botenstoff Dopamin werde bei diesen risikobereiten Menschen besonders gesteuert. Andere sprächen wiederum von dem Begriff „Sportsucht“ als eine Art Krankheit. Menschen, die auf der Suche nach dem ultimativen Kick seien, wollten nicht den Alltagstrott leben, ihrer Persönlichkeitsstruktur würden erhöhte Extroversion und Neurotizismus zugeordnet.
Dass jedoch nach einer Bergbesteigung zwingend die nächst höhere oder nächst schnellere folgen müsse, sei nicht der Fall. Zwar sei etwas wie ein schwarzes Loch, wie es auch nach einer schwierigen Prüfung, zum Beispiel an der Universität vorkomme, in vielen Fällen die Folge, aber sehr oft ergäben sich ganz andere Herausforderungen, die mit Sport gar nichts mehr zu tun hätten wie eine berufliche Umorientierung, das Erlernen einer neuen Sprache oder eines Instruments.
Zehn Extremsportlerinnen und –sportler werden von Hadbawnik auf sehr persönliche Weise porträtiert. Sie erzählt von der ersten Recherche über das Kennenlernen bis zu den individuellen Ausblicken der Beteiligten. Ergänzt werden die Lebensgeschichten von einer ausführlich beschriebenen Liste der großen Extremsportevents, angefangen beim Marathon des Sables bis zum Sea Challenge Fyn, der „Tour de France der Kajakfahrer“.
Iris Hadbawnik
Bis ans Limit - und darüber hinaus
Faszination Extremsport
224 S., Paparback, zahlreiche farbige Abbildungen
ISBN 978-3-89533-765-9
19,90 Euro
Erschienen im Verlag die Werkstatt, Göttingen
Die Nachfrage steigt
Wie Iris Hadbawnik feststellte, wird die Nachfrage der „Adrenalin-Junkies“ immer größer und die Bekanntheit der verschiedenen Extremsportarten steigt – auch im reinMein-Gebiet. Das liegt zum Teil auch an den „Ehemaligen“, die – wie bei den Recherchen herauskam – in einer neuen Lebensaufgabe ihre Herausforderungen sehen und ihrem Umfeld natürlich Beispiel sind für vieles, was sportlich möglich ist.
Eine solche Herausforderung hat in Eschborn der ehemalige Freeflyer Knut Krecker mit der Eröffnung seines Fahrradgeschäfts „biketempel.de“ gefunden. „Ich bin vor drei Monaten Vater geworden“, sagte er. „Es ist manchmal nicht ein bewusster Schritt zum so genannten ‚Sinneswandel’. Viele Ereignisse im Leben, die manchmal zufällig sind, führen zu einer Veränderung.“ Krecker, der sowohl Diplom-Ingenieur als auch, nach einer zweiten Ausbildung, Psychotherapeut ist, bestätigt, dass der extreme Sport ein Hobby aus Leidenschaft und Freude sei, aber auch das Potenzial einer gewissen Sucht nach dem einzigartigen Glücksgefühl in sich berge. Solange man selbst den Sport betreibe, erfahre man ihn nicht als extrem. Krecker beschreibt sein Leben als Flugmensch als Einheit mit dem, was man tue und betont die außergewöhnliche Erfahrung von Glück. Die Momente in der Luft, die ja höchstens 60 Sekunden dauerten, seien in solcher Intensität zu spüren, dass jede Sekunde als sehr lange empfunden werde. „Time streching nennt man das, zu vergleichen mit einer Intensität an Gefühlen, die bei einzigartigen Erlebnissen wahrgenommen werde“, beschreibt er solche Momente.
Die Free Flyer haben das Fallschirmspringen, auch mit ihren zum Teil 300 TeilnehmerInnen zählenden Formationen, in etwa so revolutioniert wie die Snowboarder das Skifahren. Dabei geht es auch um einen bestimmten Lifestyle, wie er sich bei vielen Sportarten entwickelt hat und zu dem die Community oder auch die Kleidung zählt.
Knut Krecker hat in seinem Sport an der Weltspitze mitgespielt. Viele einzigartige Flüge der Free Flyer wurden von ihm gefilmt. Das Prinzip der Weltklasse will er mit seinem Partner Stefan Trauth auch in seinem Fahrradgeschäft umsetzen und seinen Kunden nur das Bestmögliche bieten. Also einfach einmal vorbeischauen und sich sowohl über Fahrräder als auch das Leben als Extremsportler informieren. Partner Stefan Trauth war übrigens jahrelang Mechaniker der deutschen Nationalmannschaft und diverser internationaler Profiradrennställe. Informationen unter www.biketempel.de.