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20.02.2013 20:54 Alter: 6 Monat(e)
Kategorien: Ideenreich

Deutschlands größten Skatepark "lesen"


Die Anlage am zweiten Weihnachtsfeiertag 2012. Alle Fotos: Dörthe Krohn

In dem Mitte Dezember 2012 eröffneten Skatepark im Frankfurter Osten beträgt die tiefste Stelle in einem der beiden Pools 3,80 Meter. Michael Spangenberg hat seinen Laden nach der tiefsten Stelle in einem Pool (deep end) benannt. Das „Deepend.“, entsprechend in Pool-Hellblau gehalten, liegt nur ein paar Fahrradlängen vom Skatepark entfernt am Danziger Platz. Vor zweieinhalb Jahren eröffnete der leidenschaftliche BMX-Radfahrer und gelernte Einzelhandelskaufmann sein BMX-Rad- und Skateboard-Fachgeschäft. Außerdem gehörte er der Kommission an, die dem Frankfurter Grünflächenamt hinsichtlich der Gestaltung und Umsetzung des „Concrete Jungle“ im Hafenpark Vorschläge unterbreitete. 

Seit Anfang der 80er Jahre gibt es eine Skater- und BMX-Rad-Szene in Frankfurt. Viele Frankfurter_innen haben seitdem ihre Kunststücke an der Bockenheimer Warte, auf der Hauptwache oder anderen Plätzen der Mainmetropole bewundert, manche sich auch darüber aufgeregt. Mitte der 80er Jahre galt Frankfurt als die deutsche Hauptstadt der BMX-ler_innen. Hier gab es das erste Fachgeschäft, das BMX-Räder und Teile aus den USA verkaufte, dem Bicycle Moto Cross (X steht für Cross)-Mutterland. Heute ist Köln eine bedeutende BMX-Metropole, im vergangenen Jahr Austragungsort der „BMX Worlds“, außerdem Sitz des beliebten BMX-Radbauers Wethepeople Bike Company. Die Frankfurter Szene wünschte sich über viele Jahre einen Skatepark nach amerikanischem Vorbild, freute sich zwischenzeitlich auch über die eine oder andere kleinere Lösung, beispielsweise die Anlage im Heinrich-Kraft-Park oder die Nordibowl in der Nordweststadt/Schwarzer Platz (Einweihung Nikolaus 2010), doch auf die große Anlage musste sie über zwanzig Jahre warten. 

Auf dem Hafenpark-Areal wurden einst Autos abgewrackt. Dort ist einiges im Boden, was nicht hinein gehört, weshalb auf der Fläche keine Wohnhäuser gebaut werden durften, erklärt Michael Spangenberg. Wenn der Neubau der Europäischen Zentralbank fertig ist, befürchtet er eine deutliche Zunahme des Verkehrs an der 1,8 Millionen Euro teuren Anlage, was er besonders im Hinblick auf das junge Publikum problematisch findet. Ebenso wie der Verein Concrete Sk8 e.V., der sich viele Jahre für den Bau eines großen Skateparks in Frankfurt stark machte, ist er einerseits begeistert von der 5.500 Quadratmeter (davon 3.000 qm befahrbar) großen Anlage, doch hätten kleinere Mängel verhindert werden können, wenn die Vorschläge der aktiven Sportlerinnen und Sportler (BMX-ler, Inliner, Skateboarder) mehr Beachtung gefunden hätten. Die Pools seien nahezu perfekt, doch vor allem bei der Street Plaza seien einige Details aus sportlicher Sicht nicht gut ausgeführt worden.

Dass überhaupt diejenigen mitreden durften, die den Sport „leben“, ist dem Frankfurter Grünflächenamt zu verdanken. Es bildete eine Kommission, der unter anderen Michael Spangenberg angehörte, die viel Arbeit in den Planungsprozess investierte. Die Begehung der Baustelle offenbarte Schwachstellen bei der Umsetzung, allerdings zu einem Zeitpunkt, als bereits betoniert war. Veränderungen waren nicht mehr möglich oder die Baufirma wollte sie nicht mehr vornehmen. Michael Spangenberg hätte sich für die Realisierung ein Unternehmen gewünscht, das auf den Bau von Skateparks spezialisiert ist. Trotz der kleinen baulichen Schnitzer hofft er, dass sich Anfänger_innen, Fortgeschrittene und Profis von den Möglichkeiten der Anlage inspirieren lassen. 

Denn wer den Pool „liest“, wird jede Menge Ideen bekommen, was sie/er damit anfangen kann. Spangenberg vergleicht das Erlernen von BMX-Radfahren, das nicht nur Kids sondern auch Erwachsene für sich entdecken können, mit dem Erlernen einer Sprache. „Du musst erst einmal die Vokabeln lernen, bevor du einen Satz bilden kannst.“ Manche Kinder haben keine Lust und keine Geduld für die Basics. Sie wollen den schnellen Erfolg. Doch ebenso schnell sind jene auch frustriert. Kenntnisse und Erfahrungen sind nötig, um schwierige Tricks oder Grinds oder eine Line austüfteln zu können, bei der man den ersten Schwung in den Wellen und Kurven lange halten kann, ohne in die Pedale treten zu müssen. 

Für Spangenberg ist BMX ein Lebensgefühl, eine Lebenseinstellung, und wenn er ein Rad verkauft, versucht er immer auch die Werte, die er damit verbunden sieht, mitzugeben. Mit Freude dabei sein, ist die oberste Regel. Spangenberg hält nicht viel davon, wenn Kinder nur einen Trend mitmachen, cool sein, ausschließlich kopieren, sich anpassen wollen. Er beobachtet sogar, dass manche Kinder gehänselt werden, wenn sie aus dem Rahmen fallen, wenn sie mal irgendetwas Neues mit ihrem Rad ausprobieren, was nicht gleich die ganz große Nummer ist. Er selbst gehört zur Generation „E.T.“ (1982), die für ein BMX-Rad schwärmt, seit der zehnjährige Elliott den putzigen Außerirdischen vor den Regierungsbeamten im Lenkradkorb versteckt und ihn mit seinem BMX-Rad in Sicherheit bringt. Aber auch die „BMX-Bandits“ (1983) mit der jungen Nicole Kidman haben ihn überzeugt. Er weiß wie es sich anfühlt, wenn ein BMX-Rad der sehnlichste Wunsch ist. Doch er versteht auch Eltern, die sich heute, noch viel mehr als vor dreißig Jahren, alle paar Wochen mit neuen sehnlichsten Wünschen ihrer Sprösslinge auseinandersetzen müssen: neues Handy, neue Konsole. Selbst wenn ein „Spielzeug“ für Bewegung an der frischen Luft bei Eltern tendenziell erst einmal gut ankommen dürfte  –  ein Wunsch muss reifen, stark werden, sich beweisen. „Ich sage den Kindern immer: ‚Schätzt das, wenn eure Eltern sich die Zeit nehmen und mit euch in meinen Laden kommen‘.“

Alle Fahrräder dürfen ausprobiert werden, denn jede/r kommt mit einem anderen zurecht. Jede/r Kunde/Kundin möchte eine individuelle Beratung (ausführlich oder lieber mal alleine schauen) und hat andere Ziele. Für die unterschiedlichen BMX-Disziplinen sind mitunter differenzierte Bauweisen und Ausstattungen zu berücksichtigen: „Kunstradfahren“ auf flachem Grund (Flatland), sich mit den architektonischen Gegebenheiten der Stadt auseinandersetzen (Street), über Naturboden-Wellen fahren und  Schanzen springen (Dirtjump/Trails), in halbkreisähnlichen Holz- oder Kunststoffbauten fahren (Vert, Halfpipe, Ramp), in einem Skatepark fahren (Park) oder Geländewettrennen (Race) . Vieles kann auch miteinander kombiniert werden. In Spangenbergs „Deepend“ gibt es keine Industrieware sondern ausschließlich Produkte von fahrergeführten Unternehmen, die an der Weiterentwicklung der Sportgeräte und des Sports interessiert sind. 

Michael Spangenberg hat sein Geschäft natürlich nicht zufällig am Danziger Platz eröffnet. Hier trifft sich die Frankfurter Szene, hierher kommen neuerdings die Hafenpark-Skater und BMX-ler_innen, wenn sie ein Ersatzteil brauchen und zahlreiche Kids am Nachmittag und in den Ferien, wenn sie einen Rat suchen oder auch mal schnell was an ihrem Rad reparieren wollen.

Das Skater- und BMX-Paradies, der Betondschungel im Hafenpark, wurde am 15. Dezember 2012 frei gegeben. Seit dem ist der Park in reger Nutzung. Voraussichtlich im Frühjahr werden weitere Feierlichkeiten erwartet.     

Homepage vom Deepend.: www.deependbmx.de

Text: Dörthe Krohn

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