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21.04.2014 12:45 Alter: 5 Monat(e)
Kategorien: Ideenreich

Anleitung zum Spielen - in jedem von uns steckt ein Clown

Mit viel Resonanz und einer großen Nachfrage laufen in der Clownschule Wochenend- und Weiterbildungs-Workshops. Demnächst startet die Profi-Ausbildung mit zwei Aufnahme-Wochenenden.


Foto: Sonja Lehnert

„Der Humor fängt dort an, wo der Spaß aufhört“, ist einer der Kernsätze von Michael Stuhlmiller, Schulleiter und Lehrer der Clownschule im Hofheimer Stadtteil Lorsbach, gleichzeitig Kursleiter der dort angebotenen Workshops für Anfänger und Fortgeschrittene, die ein wenig mehr in die Tiefe des Clown-„Spiels“ blicken möchten. Wieso – sind nicht Spaß und Humor so in etwa dasselbe, könnte man fragen.

Die nächste Frage, die sich stellt, wenn man den Workshop „Entdecke den Clown in dir“ bucht, ist, warum so viele Menschen plötzlich so viel Interesse an diesem mehr oder weniger tollpatschigen Wesen „Clown“ haben. Besucherinnen und Besucher des „Komischen Theaters“ im wunderschön theatral anmutenden Saal der Schule können immer wieder Einblick nehmen in das, was die Clowns in und nach ihrer dreijährigen Ausbildung auf die Bühne bringen. Doch warum sind auch die Workshops so gefragt, dass es Wartelisten für die Termine gibt?

Stuhlmiller selbst ist davon überzeugt, dass der immer größer werdende Druck in der Gesellschaft, die wachsenden Ansprüche an Perfektionismus in allen Lebenssituationen, eine große Rolle bei der Anziehungskraft der Clownfigur spielen. Die Beschäftigung mit dem Wesen des Clowns könnte mehr Freude, mehr Lockerheit und mehr Lachen ins Leben bringen, vermuten viele der Interessierten. Doch „Vorsicht vor einem vorschnellen Urteil“, weist Schulleiter Stuhlmiller weitere Gedanken in dieser Richtung zurück, „Clown sein bedeutet weitaus mehr, als nur Späße zu machen“.

Die Hintergründe, die Stuhlmiller über Jahre hinaus seine Ausbildungsbausteine entwickeln ließ, sind von hoher philosophischer Tragweite und beruhen auf Begebenheiten, denen Menschen täglich begegnen. Eine davon ist das Scheitern. Scheitern ist in unserer Gesellschaft alles andere als erwünscht, doch sind wir ständig damit konfrontiert. Beobachtet man einen Clown auf der Bühne, sieht man, wie auch er immer wieder „scheitert“. Er stolpert, verliert Gegenstände, tut sich weh – und darüber lachen wir. Danach geschieht jedoch das Bemerkenswerte: Er richtet sich wieder auf, gewinnt aus dem Stolpern oder gar Fallen den Schwung und die Energie, um den nächsten Schritt zu machen – darum suchen Menschen unter anderem im Clown nach der Lösung, sich vom gesellschaftlichen Druck zu befreien und das Scheitern als Gewinn und Chance zu betrachten.




Wer spielt denn da?

Doch wird der Workshop  nicht nur von denen besucht, die auf dem Weg in einen entspannteren Alltag sind. Das Workshop-Wochenende ist für viele Menschen in sozialen und kommunikativen Berufen eine hilfreiche Anleitung mit den besonderen Anforderungen ihres Berufs zurecht zu kommen. Auch zukünftige Clownschüler gehören zu den Teilnehmenden. Sie wollen sich informieren und schnuppern schon einmal hinein in das, womit sie sich in drei Ausbildungsjahren beschäftigen werden.  

Für Stuhlmiller ist es deshalb wichtig, dass jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer ein Gespür für sich entwickelt und in sich hinein horcht.

Eine besondere Anerkennung erhält seine Ausbildung zudem von namhaften Zirkusfamilien wie Krone, Sarrasani oder Barum, die ihren Nachwuchs zu ihm schicken.


Bloß keine Schieflage

Der Freitagabend beginnt deshalb auch nach der Vorstellungsrunde gleich mit der eigenen Wahrnehmung von sich selbst. Und wie bei nahezu allen Workshops, die mehr oder weniger in die Selbsterfahrungsschublade gepackt werden, geht es in erster Linie um das richtige Atmen und die Stabilität, die Stuhlmiller die „Achse“ nennt. Andere nennen diese bodenständige Linie auch die „Mitte“ oder den „Mittelpunkt“ und meint, nicht ver-rückt zu sein und dadurch in eine Schieflage zu geraten. Das Besondere bei allen Übungen, die durchgespielt werden, ist der clowneske Ansatz, der vom Kursleiter immer wieder verkörpert wird. Heiterkeit gehört deshalb genau wie die zahlreichen Aha-Momente zu dem Wochenende in der Clownschule.

Raum einnehmenIst man bei sich angekommen, kann man daran gehen, den Raum, in dem man sich bewegt, einzunehmen. Das ist vor allem dann wichtig, wenn man eines Tages auf der Bühne stehen will oder auch als Redner oder Rednerin vor einer großen Gruppe Menschen auftritt. Wieder ist das Atmen gefragt und die Regionen des Körpers, besser des Torsos und des Kopfes, die dadurch zur Resonanz gebracht werden. Auch das Mysterium der „roten Nase“ wird erforscht. Nicht einfach aufsetzen, heißt die Anweisung. Der Schritt zum clownesken Spiel soll bewusst gegangen werden. „Die Nase ist ein eigenständiges Utensil“, erklärt Stuhlmiller, „das lebt und beobachtet“. Und es geht los. Der Anfang ist die pure Bewegung, die „Sinn-los“ einfach nur Spaß macht. Stuhlmiller nennt sie den 1. Raum des Lachens. Er ist der erste Baustein seiner Ausbildung. Die pure Bewegung funktioniert auch wunderbar zu zweit. Es folgt der Auftrag, wie ein Zwilling mit einem Partner oder einer Partnerin zu spielen, d.h. Bewegungen zu entfalten, aber auch, sie wie eine Verdopplung auszuführen. „Schaltet eure linke Gehirnhälfte aus“, lautet Stuhlmillers Tipp, „und seid eine Sekunde schneller als die Reaktion“. Aha – wie soll das bloß funktionieren?

Energie nach Innen lenkenDie Teilnehmenden kommen aus Augsburg und Trier, aus der Schweiz und aus Estland und sind auch am nächsten Morgen gleich wieder bei der Sache. Michael Stuhlmillers zweiten Ausbildungsschritt findet man im 2. Raum des Lachens. Imagination und Staunen sind darin enthalten. Jedoch nicht, ohne sich vorher wieder mit der Atmung Energie zugeführt zu haben. Die Körperregionen, auf die die Konzentration fällt, erinnern an die Chakren asiatischer Lehren, die als Energiezentren des Menschen gelten – schließlich geht es ja darum, auch auf dem Weg zu seinem eigenen Clown, die Energie nach Innen zu lenken und nicht nach außen abzugeben. Wir stellen uns vor zu schweben oder durch Matsch zu laufen, wir schleudern Feuerblitze herum und fließen wie Wasser. Schließlich formen wir mit unseren Händen etwas, womit wir spielen, dessen Form wir verändern, das wir rollen oder in die Luft werfen können – eine Gruppe von 30 erwachsenen Menschen. Doch das Spiel lebt davon, in Schwingung zu kommen, nicht darüber nachzudenken, sondern zu tun. Dann kommt auch schon die nächste Aufgabe dazu, indem ein Fokus gesetzt wird auf das, was wir kreieren. Wir zupfen es aus der Luft, pflücken es vom Boden oder ziehen es aus den Haaren, schauen es an und bestaunen es, ertasten es, riechen daran und hören, ob es einen Laut von sich gibt. Das kann man auch zu zweit erforschen und damit ist der Komplize geboren. Ob alleine oder zu zweit, Stuhlmillers Tipp wenn das Spiel stockt, wenn der Fluss unterbrochen ist, heißt, sich einfach die Fragen zu stellen, wie riecht das, hört man etwas und wie fühlt es sich an. Nur im Spiel entstehen die Schwingungen zum Weiterspielen und die Resonanz der Zuschauerinnen und Zuschauer.Der Umgang mit dem StatusDer 3. Raum des Lachens öffnet seine Türen: das Statusspiel beginnt. Was bedeutet das? Im Hoch- und Tiefstatus probiert man die verschiedenen Positionen der Macht oder Ohnmacht aus, die des Herrn und des Dieners, des Erfolgreichen und seines Bewunderers. Und wie selbstverständlich erfährt man, dass das Spiel auch ganz schnell kippen kann und der oder die Spielerin im Tiefstatus das Spiel bestimmen und die Fäden in die Hand nehmen. Auch hier werden rasch die Parallelen zum Alltag deutlich. Wer sich ganz und gar mit seiner Position identifiziert, nicht aber bei sich bleibt, verliert die Balance, sobald der Status ins Wanken gerät – und fällt.Alle Übungen sind wie Spiele, die von der Neugier auf sich selbst angefacht werden. Grundlage ist, bei sich zu sein und den Raum einzunehmen. Eine Essenz des Workshops ist, dass man auf der Suche nach dem Clown in sich, sich selbst wieder ein wenig näher kommt – dies kann man in weiteren Workshops bei Michael Stuhlmiller vertiefen oder die Erfahrung so stehen lassen und in seinen Alltag einbeziehen. Wie auch immer der Umgang damit sich entwickelt, Spuren bleiben zurück und bauen – wenn auch nicht immer bewusst wahrnehmbar – den Alltag lebenswerter um.Der Witz liegt in der KriseDass Krisen zur Lebenserfahrung eines jeden zählen, weiß Stuhlmiller. Auch, dass Brüche, Schmerzen und Leiden jedem widerfahren (können). Deshalb ist auch ein Clown, der stolpern kann aber trotzdem sein Gleichgewicht nicht verliert, so gut als Klinikclown aufgehoben. Er spiegelt diese Erfahrung wider und gibt trotzdem Hoffnung. In der Weiterführung des Workshops „Entdecke den Clown in dir“, nämlich dann , wenn Teilnehmende sich wagen, sich dem Widerspruch zu stellen, gelangt man in den 4. Raum des Lachens: zum Scheitern. Wie ein Clown den Widerspruch vom IST zum SOLL meistert, ist dann aber auch schon wieder ein anderes Thema.


Die nächsten Kurs „Entdecke den Clown in dir“:
22.08.2014 - 24.08.2014
14.11.2014 - 16.11.2014


Kommunikationskurse:
Körpersprache und energetische Kommunikation
19.09.2014 - 21.09.2014

Profikurs:
Die Anmeldungen für den Profikurs laufen auf Hochtouren. Der Anmeldeworkshop findet statt am 20. Mai 2014 oder am 10. Juni 2014. Eine Altersbegrenzung nach oben besteht nicht, denn: Ein Clown wird umso besser, je älter er ist!


Weitere Informationen:
www.clownschule.de

 

Text und Fotos: Sonja Lehnert


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