...  Horizont
Gran Canaria – Thalasso, Aloe Vera, Algen und Natur >
< Einmal Fanø, immer Fanø – die dänische Insel mit dem Drive-In-Strand
06.07.2011 00:00 Alter: 11 Monat(e)
Kategorien: Horizont

Wie eine verirrte Bergziege


© Katja Thorwarth

© Katja Thorwarth

© Katja Thorwarth

© Katja Thorwarth

© Katja Thorwarth

Wieso nach Palermo? Es fällt ihr keine Antwort ein. Weil es weit weg ist. Weil es am Meer liegt. Weil es so schön klingt: Palerrrrmooo. Weil es anders ist? Das ist es. Und das liegt nicht nur daran, dass bei der Gepäckausgabe am Flughafen im Tiefgeschoss alle bis auf die Reisende dunkle Sonnenbrillen tragen.

Palermo liegt quasi am äußersten Ende von Europa, next to Afrika. Auf Sizilien, der Insel, die, wie Giuseppe Tomasi di Lampedusa es in Der Gattopardo treffend beschrieben hat, „erschaffen (wurde) in einem Fiebertraum der Schöpfung; wie, wenn sich das Meer in genau dem Moment versteinert hätte, als ein drehender Wind die Wellen aufpeitschte.“

Von der Kargheit Siziliens vermittelt der Weg vom Flughafen nach Palermo einen ersten Eindruck, auch scheint das Meer von der Landstraße aus greifbar. Den Anblick sollte man genießen, denn je stärker sich Palermo landschaftlich ankündigt, desto mehr verabschieden sich die eher selten in Küstennähe peitschenden Wellen, um in der Stadt angekommen aus dem Blick zu verschwinden. Selbst im Hafen Palermos ist das Meer unterrepräsentiert, was für die Mitteleuropäerin kaum nachvollziehbar ist. Sehnt sie sich doch nach nichts mehr als der scheinbaren Unendlichkeit des Horizonts. Überhaupt ist der Hafen von einer ausladenden Tristesse, die sich den Müllbergen verdankt und der Unmöglichkeit, bis zum Ufer vorzudringen. – Zäune und dahinter liegende Boote und Schiffe verwehren Zugang und die Sicht. Wird man dem Anblick des Meeres jedoch gewahr, scheint es merkwürdig weit weg – als sei es eine Tapete. Die Stadt kehrt dem Meer den Rücken zu.

Bereits nach kurzer Zeit allerdings spielt das keine Rolle mehr, zumal sich der nächste Strand im zehn Kilometer außerhalb gelegenen Mondello befindet.

Natürlich kommt kein Text über Palermo aus, ohne auf die kulinarische Vielfalt zu verweisen. Es ist überflüssig, die sizilianische Pasta-Kultur zu feiern. Zu erwähnen scheint vielmehr, dass sich die Reisende einen Überblick erschmecken kann und dafür kein teures Restaurant zu betreten braucht. Jede Bar oder Forneria bietet Unmengen an appetitlichen und zudem äußerst preisgünstigen Häppchen, und wer kein Vegetarier ist, dem kann gleichgültig sein, mit was die Köstlichkeiten belegt oder gefüllt sind. Zwei „Arancine“, frittierte Reisbällchen mit Ragout oder Erbsen, decken 1/3 des Tagesbedarfs an Kalorien und kosten ca. 1 Euro das Stück. Und da die Reisende nicht sämtliche Pasta-Varianten verkostet, bleibt sie, will sie nichts falsch machen, bei Palermos famosem Klassiker Pasta con le Sarde hängen – Nudeln mit Sardinen, Fenchel und Pinienkernen.

Dass die Sardinen in Palermo nicht aus der Dose kommen, weiß sie, sobald sie auf einen der zahlreichen Märkte trifft, die in ihrer Farbenpracht und Umtriebigkeit ihres gleichen suchen. Die Marktstände schlängeln sich dicht an dicht durch die engen Gassen; es ist ein einziges Theater, ein Palaver allerorts: Palermos Marktkultur ist quasi die Anti-These zum Wochenmarkt auf der Frankfurter Konstabler Wache. Die zahlreichen, sich durch das wirre enge Markttreiben in beeindruckendem Tempo drängenden Motorroller vervollständigen das Bild und irritieren auch nur anfangs. Danach empfindet man es als konsequent.

Überhaupt: die Gassen. Reisende sollten ihre Herberge nie ohne Stadtplan verlassen. Im günstigsten Fall besitzen sie derlei verschiedene, denn nicht selten sind auch die Kartographen an diesem Gassengewirr gescheitert, und das, obwohl man im 19. Jahrhundert den Gassenknoten brutal entzweite und mit der Via Roma und der Via Maqueda zwei Schneisen in den Wirrwarr schlug. Eine Orientierungshilfe bieten sie wohl, auch wenn der Trick „einfach immer geradeaus laufen“ nicht funktioniert. Doch soweit mir bekannt, ist in den Gassen noch niemand verhungert. Jeder kommt irgendwann irgendwo an, meist nicht dort, wo er hinwollte. Als Reisende nimmt man das in Kauf und hat dafür nur ein erschöpft-müdes Lächeln übrig.

Mit der Via Roma verhält es sich etwas anders. In Kauf kann man sie nicht nehmen, man MUSS sich an sie gewöhnen, ihr die kalte Stirn zeigen, sie bezwingen. Es braucht keinen Reiseführer, um zu wissen, dass es sich hier um die chaotischste und lauteste Straße Italiens handelt, die sich vor dem strengsten Vergleich nicht zu verstecken braucht. Doch ist es nicht nur der Verkehr alleine. Dass man sich in diesen Breiten generell weniger um rote Ampeln oder Zebrastreifen schert, ist nichts Neues, auch wenn es scheint, als würde Palermo diesbezüglich eins drauf setzen. Die Via Roma zu überqueren, ist eine Prüfung, es geht ja nicht anders.

Die Fußgängerampel bietet keinerlei Sicherheit, wird sie von allem, was Räder hat, konsequent ignoriert. Es gibt nur einen Weg aus dem Dilemma: sich den einheimischen Passanten anschließen, einfach mit nicht zu großem Abstand hinterher tappen. Ohne einen Blick auf den Verkehr zu richten. Und ohne sich zu konzentrieren. Was wiederum vergleichsweise leicht fällt bei diesem infernalen Lärm, der sich erst in zweiter Linie aus den Motorengeräuschen der gefühlten 2,5 Millionen Verkehrsmittel speist. Es ist vielmehr diese ununterbrochene und hemmungslose Huperei, die aus jedem Gefährt und von jedem Motorroller ohne ersichtlichen Grund zu dröhnen scheint. Auf Nachfrage erfährt die Reisende, dass es sich hierbei um eine spezielle Form der Straßen-Kommunikation handele. Die Hupe sei die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Ob man denn hier kollektiv unter einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom leide? Irgendwann muss mal einer angefangen haben.

Erstaunlicherweise herrscht in den kleinen Gassen in unmittelbarer Entfernung eine unerwartete Ruhe – plötzlich ist diese Stille da, die sie nicht müde wird zu genießen bei sanfter Jazz-Musik und mit einem guten sizilianischen Rotwein. Bei interessanten Gesprächen mit gebrochen Englisch sprechenden Sizilianern und einer im Sekundentakt das Italienisch-Wörterbuch blätternden Reisenden. Was die Deutschen denn von den Italienern denken, wird sie gefragt. Dass die Italiener alle verrückt sind, antwortet sie. Und bezieht sich konkret auf Berlusconi. Was ist denn das für ein Volk, das so einen Irren wählt. Gelächter. Von den Anwesenden hat ihn keiner gewählt. Der sei schlimmer als die Mafia. Die Mafia. Sind das die mit den dunklen Sonnenbrillen am Flughafen? Mag sein, genau weiß das keiner. …

Und dann zum x-ten Mal, dass Palermo besonders sei: aufregend, verwirrend, laut, chaotisch. Ein Ort, der die Sinne nicht ruhen lässt und den Geist erst dann, wenn zu später Stunde die Huperei mitteleuropäisches Niveau erreicht hat. Was eigentlich nie stattfindet.

Text: Katja Thorwarth

Anzeigen

Wenn Ihnen die reinMein gefällt, bitte weitererzählen... 

reinMein-Twitter

reinMein-Facebook