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01.05.2013 09:56 Alter: 6 Monat(e)
Kategorien: Horizont

Kroatien: Stille Landschaft auf historischem Boden und in würziger Luft


Rovinj © Karin Willen

Rovinj © Karin Willen

Split © Karin Willen

Split © Karin Willen

Split, Nordtor vom Diokletianspalast © Karin Willen

Split, Nordtor vom Diokletianspalast © Karin Willen

Türen stehen in Grožnjan offen © Karin Willen

Türen stehen in Grožnjan offen © Karin Willen

Gastliches Grožnjan © Karin Willen

Gastliches Grožnjan © Karin Willen

Wäschetrocknen unterm Fenster des kaiserlichen Palastes? Das gibt es nur in Split, das im 3. Jahrhundert von Marcus Aurelius Caius Valerius Diocletianus gegründet wurde. Als Diokletian um 240 in sogenannten kleinen Verhältnissen geboren wurde, war das sechs Kilometer entfernte Salona die Hauptstadt der römischen Provinz Dalmatien. Von hier aus, wo heute nur noch archäologische Reste bei der modernen kroatischen Stadt Solin zu sehen sind, hatte es der ehrgeizige Soldat zu einem der letzten Imperatoren des Römischen Reiches gebracht. Im heimischen, milden Adriaklima ließ er sich 295 einen Alterssitz bauen. Als er im Jahr 305 als einziger römischer Kaiser freiwillig aus dem Dienst schied, hatte er sich als Verwaltungsreformer und Christenverfolger einen Namen gemacht. Nach seinem Ableben wurde der prächtige Palast die Keimzelle der dalmatischen Küstenstadt und ist heute die Altstadt.

Das Südtor, das heute bescheiden hinter der schicken, Palmen gesäumten Uferpromenade Riva liegt, war einst direkt am Wasser und exklusiv für den abgedankten Kaiser reserviert, genauso wie der Arkadengang darüber, unter dessen Fenstern jetzt manchmal frisch gewaschene Wäsche weht. Diese Galerie mit Meerblick, die kaiserlichen Gemächer und etliche der zwei Meter dicken Mauern seines Palastes, sowie die Pferdestallungen, die Soldaten- und Dienstwohnräume, die Thermen und die Mosaiken sind als Modell im Keller des Palastes zu sehen. Vom Arkadengang, in dem Diokletian in heißen Nächten den Sommermistral direkt am Meer genoss, ist nur noch eine prächtige antike Kulisse vor bis zu sechsstöckigen Wohnhäusern übrig geblieben. Zwischen dem historischen Bauwerk und der klaren Adria hat sich die schicke weiße Flaniermeile Riva geschoben. Im Innern haben winklige Gässchen die klare Palastgliederung abgelöst.

Seit dem Mittelalter ist der sechsstöckige romanische Glockenturm der Kathedrale das Wahrzeichen über der Altstadt von Split. In Mauerritzen und Nischen nisten Büschchen und Flechten. Teppichstangen sind in historische Gemäuer gerammt. Gleich daneben hängen bunte Blumenkästen vor behutsam sanierten und gepflegten, schmalen Häusern. Säulen enden in der himmelblauen Leere. Stehen gebliebene Wände, in der Luft hängende Rundbögen, das gut erhaltene Westtor oder herabgestürzte Kranzgesimse auf dem Boden erhalten die Palastzeiten der Altstadt von Split aber immer noch lebendig. Das runde Vestibül, wird gern für kleine Klapa-Vorführungen genutzt, den kroatischen A-Capella-Gesängen. Es geht über in das Peristyl mit seinen korinthischen Säulenarkaden. Dazwischen auf dem Präsentationsbalkon, wo auch die Touristen-Info untergebracht ist, zeigte sich Diokletian einst dem Volke. Das Ensemble ist heute die unvergleichliche Kulisse für das teuerste Cafe am Platze, bei dem man auf einem Kissen auf den Stufen sitzt, Kathedrale und die Reste des eigentlichen Palastes fest im Blick. Näher kann man der europäischen Geschichte kaum kommen.

Weiter nach Istrien, dem Teil Kroatiens, der immer mehr Feinschmecker anzieht. Im sanften Schwung führen Alleen zu erhöht liegenden Landsitzen, Pinien und hoch aufschießende Zypressen gruppieren sich um Bauernhäuser, als wäre man mitten in einem toskanischen Landidyll gelandet. Der Eindruck ist auf der größten Adria-Halbinsel nicht unberechtigt. Der Tito-Sozialismus hatte zwar die Hotellandschaft an der Küste stark verändert, doch die mediterrane Landschaft wurde genauso wenig ihrer beschaulichen Heiterkeit beraubt wie die Hinterlassenschaften der römischen Vergangenheit hinter dem Eisernen Vorhang ausgelöscht wurden. Da passt es auch ins Bild, dass hier jeder neben kroatisch auch italienisch spricht. Die Halbinsel, die vor mehr als 2000 Jahren zum Römischen Reich und im Mittelalter zu Venedig gehörte, lässt heute antike und venezianische Elemente ohne Touristenrummel entdecken. Kulturgeschichtliche Kostbarkeiten zeichnen etwa die Küstenstädte Poreč und Rovinj aus, die zum Weltkulturerbe gehören. In Poreč zeigt noch die dreischiffige Euphrasius-Basilika mit frühchristlichen Mosaiken aus dem 3. und 4. Jahrhundert die römische Zeit. In Rovinj weist der keck aufragende Campanile der Kirche der Heiligen Euphemia auf dem Altstadthügel eine Ähnlichkeit mit dem von San Marco in Venedig auf, die durchaus nicht zufällig ist.

In der anmutigen Zypressenlandschaft des Hinterlandes mit ihren terrassierten Feldern sind die kroatisch-italienischen Verwandtschaften subtiler. Einsam hockt das Künstlerdorf Grosnjan wie ein Adlerhorst auf grünen Hügeln über dem Tal der Mirna. Inmitten von Weingärten und Olivenhainen gelegen lädt es mit prächtigen Rosskastanien auf den Kirchenvorplatz ein. Ranken überwuchern Wege und kriechen die Wände hoch. Blumen scheinen direkt auf Fassaden zu blühen. Kätzchen schlafen auf sonnigen Plätzen und Hunde beschnuppern sich aufgeregt. Die schmalen, buckligen Gassen sind gesäumt von herausgeputzten eng verschachtelten Bruchsteinhäusern. Manche tragen noch Wappen aus der venezianischen Zeit Kroatiens; die Lagunenstadt selber liegt gerade mal 70 Meilen westlich über der Adria entfernt.

Diese ländliche Romantik ist mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall in gewissen Kreisen längst entdeckt. Im Tal unter der Sichtachse zum Horizont gen Italien hat sich der Schauspieler Anthony Hopkins eine alte Schule umbauen lassen und Ralf Schuhmacher düst hier regelmäßig im Februar-März mit seinem Motorcross über die Landschaft. In den vielen hübschen Ecken von Grosnjan selber verschläft aber ein mittelalterliches Idyll in der Nebensaison die Ankunft seiner interessierten Gäste, die sich wie in einem verlassenen toskanischen Nest fühlen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Dieser Ort wurde neu belebt, hier leben und arbeiten etwa 40 Töpfer, Goldschmiede, Glasmacher und andere Künstler. Im Sommer brummt es hier. Dann machen Musiker aus aller Welt in Workshops, bei Konzerten und spontanen Darbietungen das Dorf zu einem großen Klangkörper.

„Bis weit in die 1990er Jahre war das Hinterland verarmt. Arbeit gab es nur woanders," sagt Guido Schwengersbauer, der in Österreich aufwuchs und seit 1972 in Istrien lebt. Wo, war für ihn nie eine Frage: „Im Hinterland", der stillen Landschaft mit der würzigen Luft. „Jetzt entwickelt sich hier allmählich ein nennenswerter Agrotourismus". Schwengersbauer muss es wissen. Er selber betreibt zwölf Autominuten vom Künstlerdorf entfernt in Volpia beim Bergstädtchen Buje ein idyllisch-rustikales Landhotel mit 28 Betten. Man frühstückt auf der Terrasse hinter meterhohen Lavendel- und Rosmarinbüschen, deren fast sonntägliche Ruhe höchstens von Hähnen, Hunden oder mal einem Traktor unterbrochen wird. Auch die traditionelle Konoba, das Restaurant mit offener Feuerstelle, fehlt nicht, auf der vor den Augen der Gäste gebraten oder im Tontopf geschmort wird. Aufgetischt werden auch andere Spezialitäten der Landschaft, wilder Spargel, der zart-nussige, luftgetrockene Schinken, Trüffel, kräftiger Akazienhonig, nicht zu vergessen das feine Olivenöl und der beachtliche Wein. 

Gleich in der Nähe führt der Parenzana-Radweg vorbei, dessen alte Eisenbahnbrücken, Tunnel und Bahnhöfe die Geschichte der k.u.k. Staatsbahn erzählen, die Poreč (früher: Parenzo) mit Triest verbunden hat. Auf der Schmalspurbahn haben die Bauern in der Habsburger Zeit bis 1935 regelmäßig Olivenöl, Trüffel, Gemüse und Wein nach Triest transportiert, wo die Waren dann weiter an den kaiserlichen Hof nach Wien geschickt wurden. 

Die Bahn ging vom dritten Tourismuscluster Kroatiens aus, der Kvarner Bucht, in der eine Südbahngesellschaft 1884 die Strecke von Rijeka aus bis nach Wien plante. Dank des Eisenbahnbaus wurde aus dem verschlafenen Fischernest Opatija der „Curort" der Habsburger. Elegante Villen und Nobelherbergen entstanden entlang der felsigen Küste mit dem leuchtend grünblauen Wasser. Der Lungomare, die zwölf Kilometer lange Küstenpromenade verbindet die ersten Häuser am Platze zwischen den Seebädern Opatija und Livran und dem Fischerdorf Volosko. Zweifelsohne – immer noch oder wieder? – einer der schönsten Adriapromenaden. Damals atmete die Crème de la Crème Europas „Meeresaerosol" gegen Husten und Hysterie, promenierte durch prachtvolle Parkanlagen und genoss Konzerte sowie Naschwerk von Wiener Zuckerbäckern. In der Villa Neptun, wo Vladimir Nabokov als Kind einen Sommer verbrachte, gehört heute das Hotel Miramar zu den ersten Häusern, die traumhafte Lage mit Wellness und gutem Essen verbinden. Die Gegend wird auch wegen ihrer guten Meeresfrüchte geschätzt. 

Doch nicht jeden hält es lange auf dem Festland. Der interessierte Urlauberblick richtet sich auch auf die zahlreichen vorgelagerten Inseln, wo der Alltag in den Dörfern noch gemächlich ist, der Duft der Landschaft noch intensiver. Aber auch hier gilt, was Kroatien so charmant macht: keine Gegenwart ohne Geschichte. Zum Beispiel auf Krk, eine der beiden größten von 1.224 Inseln. Die dreischiffige Marienbasilika, die Quirinus-Kirche und der bischöfliche Palast weisen ins 12. Jahrhundert zurück. Im Cafe Mate ( Haus Vasilic) in der Ribarski Gasse ist der Fußboden einer römischen Therme aus dem zweiten Jahrhundert ausgegraben, auf dem der Meeresgott Triton und Meerestiere das hellenistische Weltbild darstellen. 

Informationen:

Kroatische Zentrale für Tourismus, Hochstr. 43, 60313 Frankfurt, Tel.: 069 238 5350, Email: info@visitkroatien.de Website: http//de.croatia.hr

Text: Karin Willen

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