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11.09.2011 19:02 Alter: 11 Monat(e)
Kategorien: Horizont

Kein Lettland-Besuch ohne Riga – Teil 1


Jugendstil in Riga

Jugendstil in Riga, © Dörthe Krohn

In der Alberta iela

In der Alberta iela, © Dörthe Krohn

Architektur von Michail Ossipowitsch Eisenstein

Architektur von Michail Ossipowitsch Eisenstein, © Dörthe Krohn

Eine Straße in Riga

Eine Straße in Riga, © Dörthe Krohn

Der 24 Stunden-Blumenmarkt

Der 24 Stunden-Blumenmarkt, © Dörthe Krohn

Der Rigaer Strand

Der Rigaer Strand, © Dörthe Krohn

Mit airBaltic nach Riga

Mit airBaltic nach Riga, © Dörthe Krohn

Dort, wo die Schotterstraßen in Lettland beginnen, wird es erst richtig interessant, ist die persönliche Meinung von Reiseleiter Maik Habermann. Doch alle landen erst einmal in Riga, zumindest diejenigen, die mit dem Flugzeug kommen. Aber auch meist diejenigen, die den kombinierten Land- und Wasserweg wählen. Sie schippern beispielsweise ab Sassnitz von der Insel Rügen im Pullmannsitz, das ist ein Schlafsessel, oder in einer Kabine etwa 19 Stunden bis Klaipėda in Litauen und fahren mit ihrem mitgeführten PKW noch drei Stunden bis Riga, erst seit 1918 lettische Hauptstadt.

Eine junge alte Stadt

Riga, das ist ein klarer Fall, ist ja auch eine verführerische Stadt. Neben den bedeutendsten historischen Sehenswürdigkeiten: das Schwarzhäupterhaus, der Pulverturm, der Zentralmarkt im ehemaligen Zeppelinhangar oder das Kalnciems-Viertel mit seinen restaurierten Holzhäusern, um einige wenige zu nennen, gibt es das moderne Riga, das sich nicht wesentlich von anderen europäischen Hauptstädten unterscheidet. Und doch ist Riga städtisch und dörflich zugleich. Während in der berühmten Straße Alberta stolze, entsetzte, erstaunte, freizügige, sich die Ohren zuhaltende Tiere, Fabelwesen und menschliche Spiegelbilder von den prachtvoll überladenen Fassaden des Jugendstil- Architekten Michail Ossipowitsch Eisenstein herabschauen, mehr oder weniger restauriert, hat man nur eine Straße weiter den Eindruck, in einer dörflichen Straße unterwegs zu sein: breit, mit einer Baumreihe und niedrigeren Häusern. Seit 2009 gibt es in der Alberta iela auch ein Jugenstilmuseum.

Von der Skyline-Bar aus, in der 26. Etage des Radisson Blu Hotels in der Elizabetes iela (iela = Straße), schweift der Blick über die Stadt und man kann sich eine Übersicht verschaffen.

Die etwa 713.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Stadt besteht zu einem Drittel aus Jugendstilbauten. Bis 1859 der Festungsstatus der Stadt aufgehoben wurde, durften nur Holzhäuser gebaut werden. Die Rigaer Höfchen an der Kalnciema iela auf dem Weg zum oder vom Flughafen, nutzten die Rigaerinnen und Rigaer einst, um im Sommer mehr im Freien und nicht in der durch Festungswälle eingezwängten Stadt zu verbringen. Diese bilden zu dem oft verspielten Jugendstil einen interessanten Kontrast. Zwischen Jugendstil, Holzhäusern und Bausünden aus der Sowjetzeit stehen große Gewerbebauten.

Die heute in Wetzlar in der Walter-Zapp-Straße ansässige MINOX GmbH hat ihre Anfänge in Riga. Walter Zapp, der Erfinder der MINOX-Kleinbildkamera, ist 1905 in Riga geboren. Ab 1938 wurde die „Riga MINOX“ vom staatlichen Elektrogerätewerk VEF in Riga in Serie gebaut und im 100. Jahr der Fotografie auf den Weltmarkt gebracht. Auf dem ehemaligen Gelände der Valsts elektrotehniskā fabrika (VEF) steht heute das „Days Hotel Riga VEF“. In unmittelbarer Nähe baute außerdem Ford  in seiner Rigaer Produktionsstätte von 1937 bis 1940 das Modell „Ford-Vairogs“ sowie kleine Lastwagen und Busse. Im Rigaer Motormuseum sind sie ausgestellt.

1922 wurde in Riga die Vereinigte Metallurgische Lokomotiv-, Waggon- und Maschinenfabrik Phönix gegründet, an der auch deutsche Aktionäre beteiligt waren. Als eine Rigaer Kreditbank größter Anteilseigner wurde, firmierte der Rigaer Waggonbau 1936 unter dem neuen Namen Vairogs AG. Durch Zukäufe von Schiffswerften, einer Munitionsfabrik und anderen Fertigungszweigen wuchs die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf 7.500 an. Mit der sowjetischen Besetzung (1940 -1941) wurden das Aktienkapital eingezogen und einzelne Firmenteile verstaatlicht. Der Flick-Konzern bemühte sich ab 1941 darum, für das Deutsche Reich Waffen und Munition in der Rigaer Waggonfabrik herstellen zu können, wurde hier letztlich aber nicht erfolgreich.

Heute arbeiten die meisten Menschen im Dienstleistungssektor, vor allem im Warentransport oder in den diversen kleineren Gewerbezweigen, z.B.: Rigaer Sprotten, Textil, Pharmazie, Holz (mehr als die Hälfte Lettlands ist bewaldet), Brauereien. In Lettland gibt es köstliche Biere.

Was Lettinnen und Letten im Allgemeinen schätzen

Lettinnen und Letten lieben Blumen, deshalb gibt es am Vērmanes Park rund um die Uhr Sträuße ab einem Lats, etwa 1,45 Euro. Die Zahlen-Seiten der 1-Santims-, 5-Santimi- und 10-Santimu-Münzen (was mithin die Komplexität der Sprache zeigt) ähneln denen der deutschen Pfennige. „Labdien“ heißt Guten Tag, eine förmlichere Anrede ist „Sveicināti!/Sveicinātas!“ (Seien Sie gegrüßt!), bei der zu beachten ist, ob ein Mann, eine Frau, ein Mann und eine Frau, ein Mann mit mindestens zwei Frauen oder eine Frau im Kreise mehrerer Männern begrüßt werden. Mit „Taschau“ (Čau) begrüßen und verabschieden sich Freundinnen und Freunde.  

Lettinnen und Letten lieben Hochzeiten. An Wochenendabenden im Sommer ziehen verkleidete „Junggesellinnen“ mit ihren Freundinnen durch die Altstadt: Krankenschwestern, Polizistinnen, Katzen - Hauptsache extrem kurzer Rock über extrem langen Beinen mit extrem hohen Schuhen. An den Sommerwochenenden sind die Schlösser und Herrenhäuser, um die es im zweiten Teil über Lettland geht, von Hochzeitsgesellschaften belegt.

Lettinnen und Letten lieben Musik. 2,5 Millionen Liedtexte wurden in den letzten 150 Jahren gesammelt. Auf jede/n Einwohner/in Lettlands, insgesamt rund 2.25 Millionen, kommt damit etwa ein Lied. Unter anderem singend beteiligten sich die Lettinnen und Letten am 23. August 1989 an der Menschenkette von Tallinn bis Vilnius, um am 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes friedlich für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion zu demonstrieren. Seit Mai 2004 ist Lettland in der Europäischen Union. Die Bevölkerung besteht zu einem großen Teil aus Russinnen und Russen, die in der Sowjetzeit zwischen 1945 und 1991 zugewandert sind. In Riga bilden sie sogar die Mehrheit.

Lettinnen und Letten sind sehr naturverbunden, lieben Pilze im Sommer und Birkensaft im Frühjahr. Lettland ist dünn besiedelt und begeistert mit seiner unberührten Natur. Kaum ein Strommast, Zaun, Müll, eine Werbetafel oder andere zivilisatorische Errungenschaften stören den Blick in Mischwälder, über Weiden und Wiesen und auf kleine Gehöfte. Diese, mögen sie noch so in die Tage gekommen sein und baufällig wirken, sind überwiegend umgeben von gut bestellten Gemüsegärten zur Subsistenzsicherung, und farbenfrohen Blumenbeeten. Oftmals ist auch ein Weiher ausgehoben. Deutsche Touristen erkenne man an ihrer ungehaltenen Freude beim Anblick eines Storchs, lächelt Reiseleiter Maik, der als Student erstmals nach Riga kam und heute Touristinnen und Touristen die Geschichte des Baltikums mit Humor und Sachwissen näher bringt. Störche, Störche und nochmals Störche spazieren über die Lettischen Felder und Feuchtgebiete oder versammeln sich in ihren Horsten.

Mit der Elektritschka kommt jeder Rigaer und jede Rigaerin für kleines Geld nach etwa 25 Kilometern ans Meer. Jūrmala hat 30 Kilometer Strand, steht voller Villen aller möglichen Stile: Feriendomizile in Holzbauweise, Jugendstil und modernstes Architekturdesign, in trostlosem Zustand oder auf Hochglanz poliert, vereinen sich unter einem Dach hochgewachsener Kiefernkronen. Im Sommer fährt auch ein Ausflugsboot ab Riga über die Flüsse Daugava (Düna) und Lielupe (Kurische Aa) nach Jūrmala. Jūrmala ist heute überwiegend in russischer Hand. Jeder Russe träume davon, ein Mal im Leben in das lettische Kurbad zu kommen, meint Maik. Schick macht man sich hier am Abend zum Flanieren. Seit 2002 findet jährlich das „New Wave“-Pop-Festival statt. Gesprächsstoff liefert die Moderation des Großereignisses in russischer Sprache, da es doch in einer lettischen Stadt stattfindet. Auch die Homepage der Veranstaltung ist in Russisch und Englisch, nicht aber Lettisch zu lesen. Über 300 Jahre alte Bäume stehen im Ragakāpa Naturpark. Auf Holzstegen kann man dort eine der höchsten Dünen Lettlands erkunden. Tourismusseite von Jūrmala

Tipps

Mit dem Fahrrad durch Riga und Jūrmala. BalticBike hat 16 Leihstationen in Riga und drei in Jūrmala. Um sie zu nutzen muss man sich zunächst auf www.balticbike.lv registrieren und schließlich anrufen, welches Fahrrad man sich wo ausleiht und noch einmal anrufen, wo und wann man es zurückgibt, Tel.: +371/677 88 333. Das Ausleihen kostet einen Euro pro Stunde oder 8,60 Euro am Tag.

Riga-Tour mit Maik Habermann: Jugendstilführung, auf den Spuren von Heinz Erhardt ("Mit den Erhardts lässt sich die halbe Stadt erklären!") oder eine klassische Altstadtführung, Infos und Kontakt: www.riga-tour.de

Was nicht in den normalen Reiseführern steht, kann man im "anderen" Reiseführer in englischer Sprache finden: Another Travel Guide Riga. Darin beispielsweise: die "Garage", ein moderner Ort zum Speisen, russische KUSMI-Teemischungen trinken und handgewebtes Leinendesign bestaunen: www.garage.lv

Text: Dörthe Krohn

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