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11.12.2012 20:34 Alter: 6 Monat(e)
Kategorien: Horizont

Eine Stadt als Silvestergesamtkunstwerk


© Karin Willen

© Karin Willen

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Zugegeben: Das hippe Berlin bringt zum Jahreswechsel rund um das Brandenburger Tor mehr Menschen auf die Straßen. Aber hinter Charme und Originalität des Silvesterabends in Wien steht unsere teutonische Hauptstadt meilenweit zurück. In Wien bewegen sich beispielsweise dick eingemummte Pulks im Dreivierteltakt übers Pflaster und haben dafür womöglich noch schnell vorher am „Kilometer Null" der österreichischen Bundehauptstadt vor dem Stephansdom einen „Blitz-Walzertanzkurs“ absolviert. Einige haben die Sehenswürdigkeiten der Stadt schon ab 11 Uhr beim traditionellen Silvesterlauf an sich vorbeiziehen lassen. Doch die meisten Wiener lassen es bis 14 Uhr langsam angehen. Dann beginnt für sie und ihre Gäste der Jahresübergang bis 2 Uhr in der Nacht. Etwa 750.000 Leute sind dann in Feierlaune auf dem Silvesterpfad, der sich vom Rathausplatz kreuz und quer durch die Altstadt bis zum Haus der Musik zieht.

Auf dem Stephansplatz leiten Tanzlehrer ab 14 Uhr jeden, der will, zum Wiener Walzer an, damit er und sie sich später auch korrekt zum Kaiserwalzer drehen kann. Vertreter der anderen Musikgeschmäcker postieren auf zahlreichen Bühnen der Altstadt, um gemeinsam ins neue Jahr zu feiern. Latin und Italo Hits, Rock, House, und Electronic beschallen die Straßen und Plätze, der Graben wird zum riesigen Freilufttanzparkett für Klassikfreunde. 

Feiern und Wien, das war schon zu Zeiten, als 1814 der Kongress besser tanzte als tagte, alles andere als ein Gegensatz. Heute ist es ein ebenso untrennbares Begriffspaar wie das von Paul Hörbiger singend beschworene Stück vom Himmel: „Wien und der Wein, Wien und der Wein“. Es ist gerade mal ein paar Tage her, dass 23 verschiedene Weihnachtsmärkte die Stadt an der Donau in Budenzauber hüllten und die Leute auf die Straßen und Plätze brachten. Zum Jahreswechsel wird die Altstadt dann gleich zur gigantischen Partyzone. Dutzende von Gastronomen servieren auf dem Silvesterpfad in der Altstadt. Punsch oder Grog im „Haferl“, dem Wiener Wort für Tasse, gibt es dann an jeder Ecke, auch der Sektdurst kann rasch, gut und zuverlässig gestillt werden.

Wiener Würstchen dürfte man jedoch vergeblich auf den Tafeln der Stände suchen, die heißen hier nämlich „Frankfurter“. Wenn allerdings beim Drängeln am Würstlstand jemand neben einem „a Eitrige mit an Schoafn, an Buggl und an 16er-Blech“ ordert, muss man nicht gleich an was Fieses denken. Da bestellt ein Wiener oder der, der für einen Wiener gehalten werden will, lediglich ein gegrilltes Käsewürstchen mit scharfem Senf, einem Kanten Brot und einer (Blech-)Dose Ottakringer Bier, das aus dem 16. Bezirk kommt. Auch wenn jemanden noch „G’schissenen“ will, meint er nur Kremser Senf. Doch so zuverlässig, wie es den Wiener-Walzer-Kurs zu Silvester umsonst gibt, kann man jetzt nicht auch noch auf einen kostenlosen Sprachkurs hoffen. Denn der Silvesterpfad zieht Gäste mittlerweile so magisch an, dass das Einheimische streckenweise schon mal untergehen kann.

Der Prater, der mit der U1 und der U2 bequem zu erreichen ist, lässt das Riesenrad zwischen 10 und 2 Uhr drehen, also auch dann, wenn am Riesenradplatz um 24 Uhr das große Musikfeuerwerk tönt und sprüht. Gut zu sehen ist das alles auch vom „Waggon31" der Pratergalerien aus, in dem die Dinnershow „Julie – A Star is born" aufgeführt wird. Natürlich wird auch in anderen Innenräumen gefeiert. Die Jugend trifft sich in Clubs und Diskotheken wie Pratersauna, Fluc, U4, B72 oder Flex. Im WUK mischen sich auch ein paar ältere Semester unters junge Volk. Das gesetztere Publikum trifft man eher im historischen Ambiente. In den Prunkräumen der Hofburg eröffnet Primaballerina Olga Esina die „Nuit de L'Amour". Hier wie auch in den anderen prachtvollen k.u.k.-Räumen kommt man an Mozart und Strauss einfach nicht vorbei. Etliche Hotels richten ihre Räume ebenfalls festlich für die Gäste her. Und es soll Großkopfete geben, die sich mit einer ordentlichen Portion Wiener Schmäh von Bleigießen, „Sauschädelessen" und „Ballstrapazen" distanzieren wollen, nachdem sie alles brav mitgemacht haben. Das verbucht man als Gast dann schmunzelnd unter „Mentalität der Einheimischen", um sich möglicherweise an einer anderen Ausgeburt dieser Mentalität zu delektieren: Bis zum 28. Januar zeigt das Leopold Museum täglich zwischen 10 und 18.30 Uhr lauter nackte Männer. Der Titel: „Nackte Männer. Von 1800 bis heute".

Zu einer eher beengten, dafür umso exklusiveren Sektparty über den Wiener Wolken starten ein Jet und eine Turoboprop vom Flughafen Schwechat, um dort um 0.30 Uhr auch wieder zu landen. Von der Reichsbrücke begeben sich die MS Admiral Tegethoff und die MS Prinz Eugen ab 19 Uhr zum Jahreswechsel auf die Donauwellen, ein Schnell-Katamaran verbindet Wien vom Schwedenplatz aus mit Bratislawa. Und über die Schienen geht es vom Franz Josef Bahnhof aus mit dem rekonstruierten Hofsalonzug stilvoll wie zu Franz Josefs und Sissis Zeiten durch die Stadt, in der die imperiale Vergangenheit noch so präsent ist. Vom plüschigen k.u.k.-Interieur aus können die Bahnfahrer dann auf einer Donaubrücke um 24 Uhr Wiens leuchtend knallende Luft beobachten und hören, in dem das Glockengeläut des Stephansdoms untergehen könnte. 

Am Heldenplatz und im Prater schleudert die Pyrotechnik die meisten und größten bunten Blitze und Kugeln in die Luft. Da wird es auch laut. Umstehenden wird deshalb vorsorglich geraten, Ohrstöpsel mitzubringen oder sich Papiertaschentücher in die Ohren zu stopfen. Wer sich einen Überblick über die gesamte pyrotechnisch außer Rand und Band geratene Stadt verschaffen will, findet sich um 24 Uhr traditionell auf dem Kahlenberg oder dem Leopoldberg am nordwestlichen Rand des Wienerwaldes ein. Zu dem Zeitpunkt tanzt im Stadtpark der jährliche Paare-Pulk exakt schon zwei Minuten lang im Dreivierteltakt auf dem 800 Meter langen Wiener Walzerlauf.

Am anderen Morgen geht das Feiern am Rathausplatz von 10 bis 17 Uhr dann mit dem Katerfrühstück weiter. Ab 11 Uhr wird hier für all jene das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker auf einer Großbildleinwand übertragen, die vor einem Jahr keine Karten mehr bekommen haben. (Und das sind viele!) Wer es beim Musikgenuss der Extraklasse lieber warm haben will, findet sich beim Brunch im Ballsaal des Marriott Vienna am Parkring ein, in dem das berühmte Orchester ebenfalls live übertragen zu hören sein wird.

Informationen und Programm unter www.wien-event.at

Telefon: 01802 10 18 18

Email: urlaub@austria.info

Text: Karin Willen

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