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13.07.2012 18:52 Alter: 2 Monat(e)
Kategorien: Horizont

Die Insel ruft - Jersey Teil 2


Dies sollte, mit Blick auf Mont Orgueil Castle, für die nächsten Tage unser Hausberg werden - hinunter aber auch hinauf. © Sonja Lehnert

Dies sollte, mit Blick auf Mont Orgueil Castle, für die nächsten Tage unser Hausberg werden - hinunter aber auch hinauf. © Sonja Lehnert

"Jersey Girl" heiß die Skulptur von Rowan Gillespie aus dem Jahr 2010, die zum Kunstprojekt von St. Helier, hier im Bankenviertel. gehört. © Sonja Lehnert

"Jersey Girl" heiß die Skulptur von Rowan Gillespie aus dem Jahr 2010, die zum Kunstprojekt von St. Helier, hier im Bankenviertel. gehört. © Sonja Lehnert

Auch St.Helier feierte gerade das Jubiläum der Queen. © Sonja Lehnert

Auch St.Helier feierte gerade das Jubiläum der Queen. © Sonja Lehnert

Picknick direkt am Meer. © Sonja Lehnert

Picknick direkt am Meer. © Sonja Lehnert

Dienstag
Heute geht es auf die Insel Jersey und das heißt: sehr früh aufstehen. Eine gute Stunde ist man mit dem Katamaran von St. Malo nach St. Helier, der Haupt- und Bankenstadt, unterwegs. Und hier heißt es: Vorsicht beim Linksverkehr. Das ist sehr gewöhnungsbedürftig. Nach einer kurzen Besichtigung der Stadt radeln wir ins Landesinnere, um auf schmalen, jetzt auch öfters hügeligen Straßen, vorbei an Villen und Manorhouses aber auch durch landwirtschaftlich genutzte Gebiete zum Atlantik mit einem sensationellen Ausblick zu gelangen. In halsbrecherischer Fahrt geht es hinunter zum Meer nach Gorey.

Als Alternative zum anstrengenden Berg ist Dagmar übrigens schon am Hafen auf ein E-Bike umgestiegen, dessen Handhabung auch geübt sein will. Aber schon einen Tag später zieht sie fast spielerisch an der Gruppe vorbei.
Direkt am Strand wartet Dennis mit dem Picknick – es gibt sogar Heidelbeeren – er verwöhnt uns auch auf Jersey immer mit den leckersten regionalen Spezialitäten.

Direkt auf der anderen Straßenseite liegt unser Hotel. Aufpassen und erst nach rechts schauen, bevor man die Straße überquert. „The Old Court House“ ist, anders als es der Name vermuten lässt, ein modernes Gebäude mit einem Außenpool und 53 sehr geräumigen Zimmern. Wir wurden bereits auf seine vorzügliche Küche neugierig gemacht. Doch erst einmal radeln wir zur Besichtigung der Burg „Mont Orgueil Castle“, wo uns Hugh empfängt und mit uns die 300 Stufen zum Dach des Bergfrieds hinaufsteigt. Seit 1204 verteidigte die Burg Großbritannien vor den Franzosen. Hugh erzählt die Geschichte, in der auch Richard Löwenherz und sein Bruder vorkommen, weist uns darauf hin, dass hier die einzigen Mauereidechsen der britischen Inseln leben und führt uns über verwinkelte Gänge zu unzähligen modernen Kunstwerken, die in der Burg installiert wurden.

Um eine Vorstellung des Genusses zu vermitteln, der dann am Abend in der entspannten Atmosphäre des Restaurants unter dem deutschen Küchenchef Thomas Klug auf uns wartet, müsste die vollständige Auswahl der Fünf-Gänge-Menüs, die von Abend zu Abend variieren, aufgezählt werden. Thomas Klug kümmert sich bereits im vierten Jahr um das leibliche Wohl der Gäste im Old Court House, ist aber seit elf Jahren auf den Kanalinseln. Er und seine sieben Mitarbeiter in der Küche lassen sich in der Saison von April bis Oktober immer wieder Neues für die Geschmacksnerven einfallen. Der Genuss wird mit der zuvorkommenden britischen Art des Servicepersonals unterstützt. Restaurantmanager, Paul Winch, sorgt mit seiner über 20-jährigen Erfahrung für das Rundum-Wohlfühl-Paket schlechthin.

Es gibt also Hühnchen und Shitake-Pilz-Terrine auf Sommersalaten mit Bambussprossen und Koriander oder Carpaccio von Roter Beete mit Ziegenkäse, Walnüssen und Ruccolasalat. Danach Süßkartoffeln & Kürbissuppe mit Sonnenblumenkernen oder doch lieber Schwarze Johannisbeerensorbet? Beim Hauptgang fällt die Wahl schwer zwischen Hähnchenbrustfilet, Grünem Curry vom Rind, gegrilltem Heilbuttsteak oder Tempura. Gibt’s zum Dessert „Sticky Toffee Pudding“, Fruchtsalat mit oder ohne Eis, Apfel-Zimt-Auflauf, Zitronen-Baiser-Torte oder doch lieber die Käseauswahl? Wir rollen uns zum Kaffee & Mint in die Bar, lächeln glücklich bei der Vorstellung, dass diese Abendessen jetzt noch ein paar Tage die unseren sind, plaudern noch ein Weilchen bei Portwein, Calvados und Sambucca und fallen dann schläfrig und zufrieden in unsere Betten.

Mittwoch
Blick von Guernsey nach Herm, Jethou und Sark. © Sonja LehnertZum Frühstück bleibt heute ein bisschen mehr Zeit. Wir fahren erst um 11 Uhr mit der Fähre nach Guernsey, dem Ersatzziel für Sark, weil uns die Gezeiten da einen Strich durch die Rechnung gemacht haben. Und zum Glück haben wir Zeit, denn wie der Abend aufhörte, beginnt der Morgen. Nicht ein Frühstücksbuffet wie üblich erwartet uns, sondern eine Speisekarte, die man hinunter und hinauf bestellen kann, von der filetierten Grapefrucht und dem passenden Fruchtsaft über Cornflakes, Porridge oder weiteren Frühstücksflocken bis zu verschiedensten Eivariationen, hellem oder dunklem Toast und natürlich Orange-Jam.

15 Jahre lebte Victor Hugo auf Guernsey, sein Haus im wunderschönen Garten kann besichtigt werden. © Sonja LehnertZur Nachbarinsel nehmen wir unsere Fahrräder leider nicht mit. Die Zeit reicht nur für einen Stadtrundgang in St. Peter Port, wo fast ein Drittel der Inselbewohner lebt. Wir werden um Punkt 12 Uhr von einem Schuss begrüßt, der täglich um die gleiche Zeit zur Erinnerung an den englischen Bürgerkrieg fällt. Im Unterschied zu Jersey ist Guernsey im Norden flacher als im hügeligen Süden. Auch hier ist wie auf Jersey das Bankwesen ein wesentlicher Bestandteil der Arbeitswelt, in der es nur eine Arbeitslosenquote von 1 % gibt. Bei unserem Anstieg hinauf in die romantischen Candie Gardens sehen wir Herm und Sark am Horizont schimmern. Stoßen auf  die Statue von Victor Hugo, der hier 15 Jahre, bis 1871, im Exil lebte. Einen Abstecher wert.ist sein Haus, das ebenfalls in einem herrlich bepflanzten Garten liegt. Und treffen im Park auf eine Fotogeschichte der Queen, die Guernsey natürlich auch einen Besuch abstattete.

Donnerstag
Am nächsten Morgen regnet es. Fahren oder nicht? Diese Frage stellt sich allen, bis Lutz entscheidet, dass er auf jeden Fall fährt und wer möchte, mitkommen kann. Die Hälfte entschließt sich, zu fahren. Ich auch, schließlich habe ich mir vor der Reise extra Regenkleidung gekauft. Und dann ist es auch gar nicht so schlimm. Eingepackt geht es zu den Dolmen von La Hougue Bie. Straßennamen wie Rue de Neuilly oder Rue du Pont führen vorbei an Häusern und Villen mit Namen wie Oak Tree oder South View. Das Dolmengrab, an dem wieder Fremdenführer Hugh wartet, stammt aus dem Jahr 4000 v. C. Ein zwölf Meter hoher Hügel erhebt sich über der Grabstätte, wo Knochen von Menschen und Tieren sowie Keramik gefunden wurden. 1924 erst wurde es entdeckt. An der Tag- und Nachtgleiche im Frühling und Herbst fällt die Sonne genau in den unterirdischen Gang hinein.Auch das will geübt sein: Radeln bei Regen, dafür gibt es mit frischen Erdbeeren einen Muntermacher. © Sonja Lehnert

Hier stößt auch der Rest der nicht radelnden Gruppe wieder dazu. Dann fahren ein Teil mit den Rädern weiter ans Meer, der andere Teil mit Dennis im Bus. Am Meer finden wir die Old Station Millbrook, wo es typisches englisches „Fastfood“ gibt, aber auch „Scones with clotted cream and jam“- ein Gedicht, auch der Möhrenkuchen kann sich sehen lassen. Ein guter Cappuccino ist in England übrigens mittlerweile Standard. Nach der  Mittagspause, die an dem regnerischen Tag Dennis’ ausgezeichnetes Picknick ersetzen muss, besuchen wir die Jersey War Tunnels. Ein ehemaliges Hospital und Kommandozentrale der deutschen Besetzter in einem Bunker, der zwischen 1941 und 1944 von hunderten Zwangsarbeitern gebaut wurde. Teilweise sehr bedrückend aber mit hohem Informationsgehalt zur Situation der Kriegszeit auf der Kanalinsel führt der Rundgang durch den Felsen.

Streicheleinheiten bei den Jersey Kühen auf der Weide. © Sonja LehnertDas Wetter bleibt unbeständig, es gibt einen kleinen Wechsel bei der Rad- und Busbesetzung und weiter geht es durch die kleinen und meist windgeschützten Straßen in Jerseys Landesinneren. Kaum öffnet sich ein Durchgang in den Hecken der Hohlwege, fährt der Wind so in die Speichen, dass man den Lenker richtig festhalten muss.

Kein einziger Tropfen Regen stört. Wir sind nach der Rückkehr mächtig stolz, dem Wetter getrotzt zu haben.

Das Dinner am Abend ersetzt ein Barbecue im Classic Courtyard, einer biologisch geführten Milchfarm, zu der wir im Bus und nicht mit den Rädern fahren. Die Jersey-Kühe wurden auf der Insel über Jahrhunderte ohne Beeinflussung durch andere Rassen gezüchtet. Sie sind reine Milchkühe. Das besondere an ihrer Milch ist der äußerst hohe Fett- (ca. 5–6 %) und Eiweißgehalt (ca. 4,0 %). Dafür ist die Milchmenge mit ca. 5.000 kg je Tier und Jahr kleiner als bei den meisten Milchrassen. Außerdem sind sie bekannt dafür, sehr zutraulich zu sein. Aus diesem Grund geht’s nach dem Bustransfer auch erst einmal zu den Kühen auf die Weide. Sie kommen angelaufen, lassen sich kraulen und zeigen ihr zutrauliches Wesen. Im Classic Tea Room der Farm bietet ein leckeres Buffet Fleisch, Würstchen und Burger, es gibt Salat, Brot und Käse alles aus eigener Herstellung. Lutz und Dennis haben Wein und Bier mitgebracht. Als Dessert warten mindestens zehn verschiedene Eissorten aus eigener Herstellung von English Toffee über Rhabarber bis zu Mint – alles ein herrlich cremiges Vollmilch-Eisvergnügen.

Der Hofladen kann besichtigt werden und es gibt viel zu schauen und einzukaufen. Leider ist vieles nicht ohne Kühlung haltbar, aber hier hilft eine Styroporbox und im Hotel kommen Käse und Clotted Cream in den Kühlschrank der Hotelküche. Die Busfahrt zurück führt an der beleuchteten St. Aubins Bay zurück nach Gorey. In der Bar wartet noch ein Absacker ... und ein geschulter Barkeeper, der den Sambucca in ein kleines Feuerwerk mit Funkenflug verzaubert.

Freitag
Noch ein leckeres Frühstück zu einer angenehmen Zeit. Um 9 Uhr ist erst Treffpunkt, das Frühstück gibt es bereits ab 7.30 Uhr. Der Tag soll trocken bleiben, aber ein ordentlicher Wind soll wehen. Alle sind wieder dabei und es geht am Meer entlang zum „Hausberg“, dem steilen Weg oberhalb von Gorey – diesmal nach oben. Am Grosnez Point treffen die Naturgewalten mit Wasser, Land und Wind aufeinander. © Sonja LehnertNur die Cracks schaffen das, die anderen schieben ihr Rad. Luise sagt: „Wer sein Rad liebt, schiebt“. Wir fahren mitten durch die Insel an die Nordküste. Strecken ohne den Blick aufs Meer sind selten. Trifft man wieder aufs blaue Wasser, ist von allen Seiten ein „Ohhh“ und „ach wie schön“ zu hören. Die Ausblicke und Abfahrten sind spektakulär – auch ein Schieben zwischendurch eine lange Steigung hinauf beeinträchtigt die gute Laune nicht. Ein Stopp für einen Kaffee, Tee oder Kakao am Devil’s Hole mobilisiert die Kräfte wieder. Weiter geht’s zum Grosnez Point, einem windumtosten Ort am nordwestlichen Zipfel der Insel. Den Picknickplatz schlägt Dennis weiter hinten auf, halbwegs windgeschützt, denn vorne am Fort kann man kaum stehen, unten toben die Wellen an den Fels.

Dann schenkt Dennis Sekt aus – zum Abschluss seines Picknickauftrags bekommen wir noch einmal etwas ganz Besonderes. Die Spezialitätenauswahl ist so köstlich wie die Tage zuvor.

Ein kurze Radelstrecke führt danach zu Judith’s Garden. Ein Blümchen neben dem anderen, liebevoll zusammengestellt und gepflegt. 50 Sorten Salbei, 130 Sorten Clematis,  Blumen aus Hawaii und Mexiko  und Tiere wie Blindschleiche und Kreuzotter, Mäuse und Wühlmäuse, Nachtfalter und Schleiereule leben hier wie im Paradies.

Der Abschied von unseren Rädern mit Namen wie Henri Nannen, Mozart oder Salisbury, Windsor oder Moet fällt nicht leicht. Wir fahren mit dem Bus zurück. Aber auch ein paar der Mitradlerinnen und -radler verabschieden sich schon am Abend. Kurt setzt seine Frankreichreise fort und nimmt eine frühe Fähre. Sabine und Andreas haben einen Direktflug gebucht und werden auch beim Frühstück nicht mehr dabei sein. Und Lutz muss den Bus mit Hänger und Rädern nach Südengland bringen. Eine Adressenliste geht herum. Wir sind alle ein bisschen traurig. Aber auch froh, weil wir so viel Spaß zusammen hatten.Mit der Blütenpracht der Hortensien nimmt Jersey Abschied. © Sonja Lehnert

Samstag
Noch ein letzter Teller Porridge und ein Toast mit Orange-Jam und dann hat Dennis wieder das Kommando für den Rückflug von Jersey nach Hamburg, dort verteilen wir uns in alle unsere Himmelsrichtungen. Noch bis zum Hauptbahnhof gibt es Umarmungen und gute Wünsche und ich bin mir sicher, dass ich im nächsten Jahr wieder eine Radreise buche.

Der Radreiseveranstalter „Die Landpartie“ ist mit dem kompletten Programm unter www.dieLandpartie.de zu finden. Wer Lust auf die Reise „Die Gärten im Meer – Bretagne und Kanalinseln“ hat, kann gleich am Samstag, 14. Juli, mitradeln, wenn noch ein Plätzchen frei ist. Oder aber auch vom 25. August bis zum 1. September.

Paris, Rennes und immer nach Norden - Jersey Teil 1

Text: Sonja Lehnert

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