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03.10.2013 00:00 Alter: 4 Monat(e)
Kategorien: Horizont

Capoeira und Candomblé


Capoeira in Salvador da Bahia © Christian Knepper/EMBRATUR

Capoeira in Salvador da Bahia © Christian Knepper/EMBRATUR

Leuchtturm von Salvador da Bahia © Editora Peixes/EMBRATUR

Leuchtturm von Salvador da Bahia © Editora Peixes/EMBRATUR

Leichtigkeit und Lebensgenuss haben ihre Heimat im Nordosten Brasiliens. Genauer: In Salvador da Bahia, der Heimatstadt des Schriftstellers Jorge Amado. Die alte Hafenstadt ist Brasilien und Afrika zugleich.

Rot, pink, ocker und hellblau leuchten die Kolonialbauten in der Abendsonne am Pelourinho. Vor 25 Jahren blätterte hier noch der Putz von den Häusern der Huren und Zuhälter, die neben Künstlern und fliegenden Händlern hausten. Heute quillt das bunte Altstadtviertel oberhalb des Hafens von Salvador da Bahía einladend über vor Souvenirläden, Restaurants, Bars, Clubs und Capoeira-Schulen. Von Halbwelt und Lasterhaftigkeit, die Brasiliens weltweit meistverlegter Autor Jorge Amado in knapp 40 Romanen so liebevoll drastisch und naturalistisch geschildert hat, kaum noch eine Spur. Nur ein gewisser sinnlicher Lebensgenuss hat überlebt.

In den Gemäuern, auf Hinterhöfen und auf den Straßen üben sich Jungen in der rituellen Kampfkunst, die die Sklaven einst tänzerisch entwickelten, auch, um die Kolonialherren Glauben zu machen, sie tanzten und stritten nicht. Musik liegt auch unabhängig von der geschmeidigen Akrobatik in der Luft des barocken Weltkulturerbes. Ein paar Schritte übers steile, buckelige Pflaster, und schon schallen fetzige Rhythmen ans Ohr. Reggae, Samba, Merengue, Rap oder Beatles-Songs, kein Takt, kein Klang, der sich nicht aus irgendeinem Innenhof in den lauen Wind verflüchtigt. Ab und an tritt auch die populäre Gruppe Olodum auf, die hier ein Kulturzentrum betreibt. Wenn in diesen Freiluftbühnen nicht gegen Eintritt gespielt wird, proben die Musiker für den nächsten Karneval, der die Aufmärsche von Rio de Janeiro an Ausgelassenheit, Phantasie und Intensität schon immer übertraf.

Denn das größte und architektonisch wertvollste barocke Ensemble Lateinamerikas ist zugleich eine afro-brasilianische Musikhochburg. Niemand hat die Vitalität und Lebenslust der einfachen Leute zwischen Bordellen, Karneval und afro-brasilianischen Kulten besser beschrieben als Jorge Amado. Der Subtext seiner Geschichten ist oft ein Loblieder auf die Kraft und die Lebensfreude eines Mischlingsvolkes, das sich mit seinen Mitteln gegen Unrecht und Ausbeuter zur Wehr setzte. Und niemand hat diese Welt so sentimental und schelmisch besungen wie sein Freund Dorival Caymmi: „Wer keinen Samba mag, ist kein guter Mensch, ein Schwachkopf oder fußkrank".

Volksfrömmigkeit und Götterglaube

Es ist, als wollten die bunten Häuser, das Tanzen, Singen und Lachen das Blutrot der Geschichte überdecken: Bis zur Abschaffung der Sklaverei 1888 wurden die Schwarzen auf dem Pelourinho brutal zu Boden geschlagen. Pelourinho heißt Pranger, er war Teil des Sklavenmarktes für die Zuckerrohrplantagen. Heute beleben quasi weichgespült üppige Baianas in Landestracht mit mobilen Garküchen die Kulisse prächtiger Barockkirchen und bunter Häuser, von denen das Gebäude Jorge Amados, heute ein Museum der Stiftung Casa Jorge Amado, eines der schönsten ist. Die Frauen bieten ihre Teigtaschen Acarajés feil, die in Bananenblättern gegarte Abará oder die cremige Krabbensuppe Vatapá. Scharf gewürzte Gerichte, die noch afrikanische Namen tragen.

Spätestens hier wird dem Touristen ein Band ums Handgelenk gebunden und dreifach verknotet. Angeblich soll es in der Wallfahrtskirche Senhor do Bonfim geweiht worden sein, die am anderen Ende der Stadt herausragt. Die Kirche ist der katholische Teil der baianischen Volksfrömmigkeit Candomblé, die tief im afrikanischen Götterglauben verwurzelt ist. Denn um ihren Kult unter den strengen Augen des Klerus weiter ausüben zu können, vermischten die aus Afrika Verschleppten ihre Götter, die Orixás, einfach mit katholischen Heiligen. Jedem Orixá/Heiligen sind Farben zugeordnet. Die Orixá Lansã versteckt sich in der Heiligen Barbara und trägt rot oder violett. So kleiden sich auch jene zum Namensfest der Heiligen Barbara am 4. Dezember, die der Göttin der Sonne, des Windes und des Unwetters zugeneigt sind. Rote oder violette Bänder am Arm (Fitinhas) sind dann der materielle Ausdruck dreier Wünsche, die mit Hilfe von Lansã/Barbara in Erfüllung gehen sollen, wenn das Band ohne äußere Hilfe abfällt. Es dauert Monate.

Doch das nehmen die Baianos ganz gelassen. Irgendwie wird’s schon gerichtet werden; in der Zwischenzeit gibt sich die baianische Seele der Leichtigkeit und dem Lebensgenuss hin. In der Kneipe, auf der Straße, am Strand und bei einem der unzähligen Volksfeste, deren Höhepunkt der Straßenkarneval ist. Zum Schwätzen und Lachen, zum Snack, zu Caipirinha, Caipirovka (mit Vodka) oder purem Cachaza (Zuckerschnaps) reichen Zeit und Geld immer. Gelegenheiten, die alten und neu belebten Traditionen zwischen Tanz und Trance zu erleben, finden sich auch für Touristen; das Fremdenverkehrsamt Bahiatursa informiert über Feste und Candomblé-Zeremonien, die öffentlich zugänglich sind.

Wie aus Jorge Amados Romanen

Salvador, Brasiliens drittgrößte Stadt nach Sao Paulo und Rio de Janeiro, streckt sich über verschiedene Ebenen einer tropisch-grünen Bergkette. Der Aufzug Lacerda, die Standseilbahn Plano Inclinado Gonçalves und Busse verbinden die Oberstadt (Cidade Alta) mit der 70 Meter tieferen Unterstadt (Cidade Baixa). Unten am Aufzug breitet sich in dem alten Hafen-Zollhaus der Mercado Modelo aus, der Kunsthandwerk und Kitsch vereint. Am Stadtstrand Porto da Barra am Fuße der Festung Santa Maria wogen nicht selten Hüften und lachende Gesichter im Trommeltakt, während der blaue Atlantik sich sachte an den Strand kräuselt. Doch der Blick in Herrenhäuser, Klöster und Kirchen lohnt ebenfalls. So viel Pracht und goldener Glanz finden sich selten auf dem Erdenrund.

Salvador da Bahia/Pelourinho © EMBRATURZwei Tage sollte schon veranschlagen, wer eintauchen will in die baianische Leichtigkeit des Lebens. Die Ruhe holt einen schon früh genug ein im Hotel in Praia do Forte oder an der Costa do Sauípe, beide etwas mehr als eine Stunde vom Flughafen Salvador entfernt. Endlose, Palmen gesäumte Sandstrände, Dünen, warme Atlantikwellen, Riffe und Golfplatz direkt am Meer sind wie geschaffen für die Erholung unter der tropischen Sonne. Dazu passen perfekt Amados Romane „Gabriela wie Zimt und Nelken" oder „Dona Flor und ihre zwei Ehemänner", sie verdichten das tropische Erlebnis ungemein. Doch es sollte noch Zeit bleiben für einen Tagesausflug in den nahen Atlantikurwald und zwischen Juli und Oktober auch fürs Beobachten der Wale.

Text: Karin Willen

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