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14.10.2015 12:26 Alter: 2 Monat(e)
Kategorien: Horizont

Badenweiler kann mit vielen Pfunden wuchern

Ein Kurort mit zahlreichen Facetten, der unter anderem auch durch den Roman der kürzlich verstorbenen Darmstädter Autorin Gabriele Wohmann, „Frühherbst in Badenweiler“, bekannt wurde.


Burg Baden,1122 erstmals urkundlich erwähnt.

Blick über die Rheinebene bis zu den Vogesen.

Der Schwarzwald: ein deutsches Mittelgebirge, dessen höchste Erhebung, der Feldberg, 1.439 Meter über den Meeresspiegel ragt. Eine Ferienregion, attraktiv für Wanderfreunde, Biker und Paare, deren Kinder längst aus dem Haus sind. Attraktiv Beste Weinlagendurch die Nähe zu Frankreich und zur Schweiz, bekannt wegen der guten Weinlagen und bodenständiger Speisen. Eine schöne Gegend, einladend für ein paar erholsame Tage für Menschen, die pure  Natur genießen möchten. Dort, zwischen Freiburg und Basel, liegt Badenweiler. Ein Städtchen, das schon einige Hoch-Zeiten im Laufe seiner Geschichte erlebt hat, und das gerade dabei sein könnte, zu neuer Hochform aufzulaufen. Der Ort liegt an den lieblichen Schwarzwaldhängen, mit Blick über die Rheinebene zu den Vogesen, wie eine Schatztruhe. Man meint, sie nur kurz anhauchen zu müssen, damit ihr strahlender Glanz wieder ans Tageslicht tritt.


Was ich  nicht weiß, macht mich nicht heiß ....

... denn sonst könnte sich Badenweiler längst nicht mehr vor Besuchern retten. Diese müssten allerdings schon ein gewisses Faible für Kunst, Kultur und Geschichte mitbringen. Jedoch auch durchaus den Wunsch, es sich so richtig gut gehen zu lassen.
Was also genau weiß ein gerade angekommener Besucher von dem Städtchen zwischen Wald und Weinbergen?
Cassiopeia-ThermeAm ehesten vielleicht, dass es eine Kurstadt ist, deren beeindruckendes Aushängeschild Cassiopeia-Therme heißt. Sie lockt vor allem Gäste aus Frankreich und aus der Schweiz an. Schließlich wird sie mit dem sehr wohltuenden Thermalwasser gespeist. Rund eine Million Liter verlassen täglich die Quelle.
Die Cassiopeia-Therme lädt auf fast 4.000 Quadratmetern zum Rundum-Wohlfühlen ein. Thermalwasserbecken zwischen 30 und 34 Grad, eine Saunalandschaft, ein Römisch-Irisches Bad und Wellness-Behandlungen wie Sand- und Rasulbäder, Massagen oder orientalisches Hamam fördern das Wohlbefinden und die Gesundheit.

InhalatoriumDer gemauerte Stollen, der das Thermalwasser sammelt, endet direkt unter dem Sockel des ehemaligen Inhalatoriums, das zur Zeit umfassend saniert wird. Von hier wird das Wasser in einzelne Rohre geleitet und den Bädern und denjenigen Hotels zugeführt, die nach alten „Wasserrechten“ Thermalwasser erhalten.
Die Heilkraft des Wassers wurde bereits von den Römern im 1. Jahrhundert n. Chr. entdeckt. Die gesundheitsfördernden Bestandteile entstammen – wie man heute weiß – den Gesteinsschichten des Schwarzwalds: Quarzriff-Buntsandstein, Muschelkalk und verkieselte Randverwerfung. Die Ionen und Mineralstoffe unterstützen sowohl Genesung als auch Prävention bei Herz- und Kreislauferkrankungen, bei Erschöpfungszuständen und bei Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats.


Römisches BadehausDie Römer errichteten, vermutlich im 2. Jahrhundert, eines der typischen Badehäuser, dessen Grundmauern sich direkt neben der Cassiopeia-Therme befinden. Sie wurden Ende des 18. Jahrhunderts entdeckt, nachdem viele Jahrhunderte lang behauene Steine von dort als Baumaterial benutzt worden waren. Der umliegende Park ist ein wahrer Paradiesgarten. Mächtige Mammutbäume und duftende Zedern wechseln sich mit bunter Blumenpracht ab.
Wer darüber hinaus tatsächlich gesundheitlich gehandicapt ist, findet im „Haus der Gesundheit“, direkt um die Ecke, alles, was Physiotherapie, Massage. Fango und (Kranken-) Gymnastik bieten können.


Nicht nur Wellness-Oase

Badenweiler kann sich also als bestens ausgestattete Wellness-Oase sehen lassen, die auch Raffiniertes wie Rasul und Pantai Luar im Programm hat. Man kann sich durchaus problemlos rund um die Uhr mit Maßnahmen für das Wohlbefinden beschäftigen, ohne dass Langeweile aufkommt.
Nur schade, dass man dann keine Zeit mehr hat für das andere Spannende, Schöne, Bewegende ....


Seit geraumer Zeit nämlich, genau genommen seit 2012, finden immer im Oktober die Badenweiler Literaturtage statt. Eine Veranstaltung, die sowohl wegen ihrer hochkarätigen Gäste als auch wegen des großen Interesses des Publikums mit dem Prädikat „Besonders Wertvoll“ ausgezeichnet werden kann.

Informationen zu den Badenweiler Literaturtagen 2015 „Die große Liebesunordnung“ sind zu finden unter: www.badenweiler-literaturtage.de

Um das brennende Engagement für diese Veranstaltung zu verstehen, muss allerdings ein Bogen bis in das 19. Jahrhundert gespannt werden:    

Zur Zeit der ersten Kuraufenthalt-Welle um die Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert suchten zahlreiche Schriftsteller die anerkannten Ärzte, vor allem Albert Fraenkel, auf. Fraenkel, ein bedeutender Heidelberger Internist und Wegbereiter der modernen Kardiologie und Lungenheilkunde, behandelte unter anderen Hermann Hesse, Karl Jaspers, Stephen Crane und Rudolf G. Binding. Ansonsten gehörten Adlige, hohe Offiziere, Kaufleute, Professoren und Fabrikanten zu seinen Patienten.

Anton TschechowAnton Tschechow wurde während seines Aufenthalts 1904 von Joseph Schwoerer behandelt, dessen Ruf, er war mit einer Moskauer Kaufmannstochter verheiratet, bis nach Moskau reichte. Tschechow starb allerdings einen Monat später, nachdem er sich im Juni 1904 in Badenweiler niedergelassen hatte, am 17. Juli im Hotel Sommer, der heutigen Park-Therme. Am Balkon seines damaligen Zimmers ist eine Gedenktafel angebracht. Mit Tschechows Aufenthalt – und seinem Tod vor allem – erhielt Badenweiler den Ruf des Literaten-Kurortes.
Allerdings ließen sich Künstler auch längere Zeit in Badenweiler nieder. René Schickele, Anette Kolb und Ernst Sander lebten mehrere Jahre dort.
Bekannt ist der Roman der am 22. Juni 2015 verstorbenen Darmstädter Autorin Gabriele Wohmann „Frühherbst in Badenweiler“, in dem eindrücklich die Stimmung im Kurort der 70er Jahre beschrieben ist. Damals rollte eine weitere Kur-Welle über Badenweiler hinweg.

Gabriele WohmannVor diesem Hintergrund wird deutlich, warum sich gerade in Badenweiler eine kunst- und literaturbeflissene Szene etabliert hat.


Faible für Musik und Literatur

Rolf Albert Langendörfer begleitet das kulturelle Geschehen Badenweilers schon Jahrzehnte. Bereits während seines Studiums der Theologie zog er immer wieder Parallelen zwischen Theologie, Literatur und Philosophie. Er war 12 Jahre (von 1986 bis 1998) Kurseelsorger und Pfarrer der Evangelischen Kirche in Badenweilers Stadtmitte. Er ist Mitautor mehrerer Bücher, forschte über den Arzt Albert Fraenkel und bot durchgehend die Literarischen Spaziergänge in Badenweiler an, die er auch weiterhin von April bis Oktober begleitet. Sie führen vorbei an den zahlreichen Stationen literarischer Eckpfeiler.
Langendörfer arbeitet aktiv im Bürgerforum Badenweiler e.V., das sich in verschiedenen Arbeitsgruppen mit den Projekten Inhalatorium, Auswirkungen der Verkehrs- und Lärmbelastung auf die Lebensqualität im Heilbad und die Badenweiler Literaturtage befasst. Der Verein startete 2011 als lose Gruppe und hat sich mit viel ehrenamtlichem Engagement als Verein etabliert.


Literaturtage und Ausstellungen mit überregionaler Anerkennung 


Vom Bürgerforum initiiert und organisatorisch begleitet wurden im Oktober 2012 die „Ersten Badenweiler Literaturtage“ unter dem Titel „Heilkraft der Literatur?“ eröffnet. Parallel dazu und mit Bezug zu dem Thema gelang es, eine Ausstellung von Aquarellen des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse im Kunstpalais zu organisieren. Im Herbst 2015, finden zum vierten Mal und wieder mit prominenter Besetzung, die Literaturtage 2015 statt.

Vielbeachteter Vorgänger der Veranstaltung war das hochkarätige philosophisch-literarische Kolloquium, von Peter Wapnewski immer im Februar moderiert und vom ehemaligen Eigentümer des Hotels Römerbad, Klaus Lauer, in seinem Haus ausgetragen. Professoren und Freischaffende, Literaten und Kunstgeschichtler trafen sich hier zum intellektuellen Austausch. Als sich die Besitzverhältnisse des Hotels Römerbad änderten, war es erst einmal vorbei mit der Kultur.


Rüdiger SafranskiEin glücklicher Zufall wollte es aber, dass diese Tradition weiterlebt. Ein langjähriger Gast des Kolloquiums, der Autor und Philosoph Rüdiger Safranski, ließ sich in Badenweiler nieder. Mit einem der direkt am Schlossplatz gelegenen Kavaliershäuser hatte er ein Domizil gefunden, das er sich nicht besser hätte träumen lassen. Seit 2008 ist er Bürger der Stadt, ohne dabei seinen Berliner Wohnsitz aufgegeben zu haben. Dort hatte er sich bereits 1965 niedergelassen.

„Der Lebensmittelpunkt für meine Frau und mich ist jetzt aber Badenweiler,“ verriet er im Gespräch in seinem einladenden Salon mit Blick auf das Hotel Römerbad. Als das Haus zum Verkauf stand, zögerte er nicht. Er war nicht nur von der Bäderarchitektur begeistert. Die vorhandene kulturelle Substanz in Form des literarischen Kolloquiums und der Musiktage inspirierte ihn, eine rein literarische Veranstaltung mit Lesungen und anschließenden Gesprächen ins Leben zu rufen.

Nun finden die „Badenweiler Literaturtage“ seit 2012 bereits zum vierten Mal statt.

„Die Initiativen kommen von den Bewohnern,“ freut sich Safranski, „ein Bürgerforum ist für die Literaturtage zuständig, ein weiteres für das Inhalatorium,“ fährt er fort, „und ich nutze natürlich meine Möglichkeiten, gute Leute nach Badenweiler zu holen.“ 2013 war zum Thema „Heikle Heimat“ Edgar Reitz mit seinem gerade erschienenen Film „Die andere Heimat“ dabei. Man könne sich auch nicht über private Spenden für die Literaturtage beschweren, die flößen ebenfalls großzügig, ergänzte der „philosophierende Schriftsteller“. 



Rüdiger Safranski schrieb zahlreiche Biografien, brachte seinen Leserinnen und Lesern Goethe und Schiller ebenso nah wie Nietzsche und Heidegger. Er porträtierte die Romantik und legte gerade erst im August dieses Jahres sein neuestes Buch „Zeit“ , erschienen im Hanser Verlag, vor. 


Bei den Literaturtagen gelingt es ihm, in zwanglosen Gesprächen mit dem Publikum den jeweiligen Autor vorzustellen, das Thema zu vertiefen und den Bezug zwischen Autor und Thema herauszuarbeiten. Seine Mitstreiter und er achten im Bürgerforum darauf, dass neben bekannten und etablierten Autorinnen und Autoren auch weniger bekannte Schreibende durch die Veranstaltung die Chance erhalten, sich einen Namen zu machen. Die Vorschläge, die Safranski macht, werden in der Runde besprochen und dann entscheidet man gemeinsam, wer eingeladen wird. Die Veranstaltung ist dank der Eintrittsgelder und der Sponsoren unabhängig. Sie hat durch die Nähe von Lesenden und Zuhörenden den „klassischen Kammerspielcharakter“. „Das Publikum wächst,“ lautet Safranskis Beobachtung. Er wird die Literaturtage auch weiterhin begleiten. Bei den Veranstaltungen, die längst überregional bekannt sind, sei das Bildungsbürgertum überdurchschnittlich vertreten, bemerkte der Autor weiter. Das sei auch bei den sehr renommierten Badenweiler Musiktagen der Fall. Sie gelten in der Musikszene als Geheimtipp für die klassische Moderne, zu der die Besucher nicht nur aus der gesamten Region, sondern von weit her anreisen.


Musiktage im Frühling und Herbst

Bis vor wenigen Jahren fand Kultur im Grandhotel „Römerbad" statt.  Das waren die Musiktage im Frühjahr und im November, und es war das hochkarätige philosophisch-literarische Kolloquium im Februar. Dann wurde die Kulturszene kurz durcheinander gewirbelt und ordnete sich neu. Nun finden die neu formierten Badenweiler Literaturtage im ehrwürdigen Hofsaal des Hauses statt. Die Musiktage jedoch, wieder unter der Obhut von Klaus Lauer, sind in das benachbarte Kurhaus umgezogen. Dort ziehen sie nach wie vor zweimal im Jahr magnetisch das Publikum an. Im Frühling dieses Jahres war in der FAZ zu lesen, dass die künstlerische Leitung Klaus Lauers mehr als vierzig Jahre für eine nonkonformistische Programmgestaltung stehe. Der Genuss, hieß es weiter, sei neben dem sinnlichen vor allem auch ein intellektuelles Vergnügen.

Das Programm des kommenden Novembers ist zu finden unter:  http://www.badenweiler-musiktage.de/herbst-2015.html


Reinste Bäderarchitektur

Für den Aufenthalt in Badenweiler stehen zahlreiche Hotels, Appartements, Ferienwohnungen und -häuser zur Verfügung. Da Badenweiler aber auch für die einzigartige Architektur der Jahrhundertwende des vergangenen Jahrhunderts bekannt ist, lohnt es sich, nach entsprechend stilvoller Umgebung für die Zeit im Kurort zu sorgen.

EVilla Marthampfehlenswert und mit nicht zu überbietender persönlicher Note ist Villa Martha eine der ersten Adressen. Sie ist die geeignete Bleibe für Romantiker und Menschen mit Hang zur Nostalgie. Im Haus lebt es sich wie anno dazumal zwischen authentischen Antiquitäten inklusive  des modernen Komforts. Charmant und bezaubernd serviert die Gastgeberin höchstpersönlich das Frühstück mit hauseigenem Bircher Müsli - die Familie, in deren Besitz die Villa seit 1874 ist, lebt einen Teil des Jahres in der Schweiz, deshalb ist das Haus nur von April bis Oktober für Gäste geöffnet. Im weitläufigen Park finden sich ein weit über hundertjähriger Mammutbaum sowie Ginkgobäume und Liegestühle, um weite Zeitreisen zu unternehmen.

Weitere Villen, die Villa Hedwig, in der der Arzt Fraenkel praktizierte, die Villa Siegle, mit einem Café, dessen Kuchen und Torten in nachhaltiger Erinnerung bleiben, Hotel Eckerlin, gerade im Komplettumbau, und natürlich das Grandhotel von damals, das Römerbad, heute Panacée Grand Hotel Römerbad, lohnen die Anfrage nach freien Kapazitäten. Im Hotel Römerbad, gastiert seit jeher die „Hautevolee“. Friedrich Nietzsche, Anton Tschechow, Hermann Hesse, Thomas Mann, Paul Hindemith, Theodor Heuss, Ludwig Erhard, Jasper Johns jr., Andy Warhol, Christo, Cees Noteboom und viele andere waren für kurz oder lang Gäste des Hauses.

Anlässe, das beschauliche Badenweiler aufzusuchen und sich vielleicht ein wenig mehr mit seiner Geschichte zu beschäftigen, gibt es also reichlich.
Auskünfte erteilt die Badenweiler Thermen und Touristik GmbH unter www.badenweiler.de

Großherzogliches Palais

Villa Siegle

Villa Windscheid

Hotel Eckerlin (im Umbau)

Villa Windscheid

Villa Martha

Kavaliershäuser

Villa Haarstick

Villa Hedwig

Villa Schwoerer

Parkvilla Saller

Panacée Grand Hotel Römerbad

Villa Schlössle

Panacée Grand Hotel Römerbad


Text und Fotos: Sonja Lehnert

 


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