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09.04.2012 00:00 Alter: 10 Monat(e)
Kategorien: Horizont

Achtung! Reisemobile auf der Überholspur


Reiseimpressionen aus dem Erwin-Hymer-Museum, alle Fotos © Dörthe Krohn

© Dörthe Krohn

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Sie finden weiterhin zunehmend ihre Liebhaberinnen und Liebhaber, Caravans und Reisemobile, über die letzten acht Jahrzehnte, je nach Modell, mit Kosenamen bedacht wie Wanderniere, Schäferkarren, Villa Sachsenruh oder Knutschkapsel. Im Jahr 2011 hat die deutsche Caravaning-Industrie ihre Produktion aufgrund steigender Exporte, aber auch einer gewachsenen Inlandsnachfrage erhöht. Um 5,6 Prozent legten die Wohnwagen zu, zweistellig, um 22,5 Prozent, sprang die Herstellung von Wohnmobilen nach oben, wie der Caravaning Industrie Verband e. V. mitteilte. In den Frühlingsmonaten schnellt traditionell die Zahl der Neuzulassungen nach oben, doch bereits im Januar 2012 legten die Freizeitfahrzeuge gegenüber dem Vorjahresmonat kräftig zu, insbesondere Wohnmobile. Über zehn Millionen Deutsche wählen Camping und Caravaning als bevorzugte Reiseform, so steht es auf einer Informationstafel des im Oktober 2011 in Bad Waldsee neu eröffneten Erwin-Hymer-Museums. Wohin die Reise auch geht, ob aus dem reinMein-Gebiet Richtung Süden oder auf dem Heimweg, ein Abstecher dorthin lohnt sich.

Erwin Hymer sammelte über viele Jahre historische Freizeitfahrzeuge und war mit seiner Sammlung bei rund 250 Oldtimern angekommen. Erfreulicherweise entschloss sich die 2001 gegründete Stiftung  zur Errichtung und Unterhaltung eines Museums für Caravan- und Motorcaravan-Oldtimer diese nicht einfach nur zum Anschauen in eine Halle zu stellen sondern entstanden ist ein erlebnisreiches, interaktives Museum für Groß und Klein. Es stellt die Reisekultur der Deutschen vom Aufbruch der Eheleute Seitz, die 1938 mit ihrem Schweikert (Mädchenname von Lina Seitz) das Stilfser Joch, den zweithöchsten Gebirgspass der Alpen überquerten, bis hin zum 80er-Jahre Plüsch eines Wohnmobils, das gen Skandinavien gerollt war, dar und zeigt die Entwicklungen von Technik und Design.

Die Reise kann beginnen – doch erst nach entsprechenden Vorbereitungen. Wer selbst Campingwagen-Fan ist, weiß um die Tücken des Beladens, wie man Lebensmittel platzsparend in praktischen Klappkisten verstaut und dass man der ständigen Versuchung unterliegt, mehr als nötig vom festen Hausbestand ins fahrende Heim umzuladen. Wer es noch nicht weiß, bekommt im „Aufbruch-Tunnel“, eine Multimediashow mit Live-Charakter, einen Eindruck. Ob das Packen immer so harmonisch zugeht, sei dahingestellt. Aber eine Anregung ist es, die Vorfreude schon als Teil der Reise mit Ruhe und Genuss anzugehen.     

Als erster Wohnwagen Deutschlands wird den Besucherinnen und Besuchern ein Nachbau (von 1974) des so genannten Wohnautos vorgestellt. Der Peitschenfabrikant Arist Dethleffs und seine Gattin Fridel Dethleffs-Edelmann, eine Porträt-, Blumen- und Landschaftsmalerin, entwarfen es 1931 im baden-württembergischen Ottersweier. Die Eheleute nebst Tochter, weshalb das Wohnauto auch drei Schlafplätze hat, wollten nicht immer während der Geschäftsreisen von Arist Dethleffs getrennt sein. Von Peitschen (1958 Einstellung der Peitschenproduktion) wurde langsam auf Wohnwagen umgestellt. Kurz darauf baute Dethleffs (heute zu Hymer-Gruppe gehörend) den ersten „Tourist“, der auch im Kundenauftrag gefertigt wurde. Ein Holzgerippe mit gewölbten Spanten ermöglichte eine stromlinienförmige Karosserieform.

Der in den 30er Jahren in Deutschland meist verbreitete Wohnwagen war die „Wanderniere“, die im Sportberger-Werk in Rothschwaige bei München gebaut wurde. „Hausdabei“ hieß der erste Zeltanhänger. Sportberger entwickelte in den 40er Jahren auch den beliebten „Schäferkarren“, der leer nur 250 Kilogramm wog und von einem Motorrad gezogen werden konnte. Es handelte sich um einen Nutz- und Schlafanhänger, Schlafplätze: keine Angabe, je nach Bedarf und Beengungswunsch. In den 50ern fasste die „Land-Yacht“ sechs liegende Personen – hoffentlich war kein Schnarcher dabei.  

„Immer daheim“ und „Kleiner Strolch“ heißen die ersten Modelle aus dem Hause Schweikert. Hans und Lina Seitz, die Großeltern des heutigen Firmeninhabers, gründeten 1936 den Wohnwagenbau in Ebingen. Sie zählen zu den deutschen Pionieren des Reisens im Mobil. Nachdem in ihr Wochenenddomizil, eine alte Mühle,  eingebrochen worden war,  bauten sie den Prototyp eines Feriendomizils auf Rädern. Allerdings passte dieses erst einmal nicht durchs Garagentor und musste wieder zerlegt werde. So, wie es die Schweikerts in die Alpen zog, wollten auch andere Abenteurer die Gipfel erstürmen. Reisejournalist und Caravan-Fan der ersten Stunde, Theo Rockenfeller beschrieb das damit verbundene Lebensgefühl: „Wenn wir also heute mal eine Nacht draußen unter freiem Himmel im Zelt nächtigen und uns bei Sonnenaufgang den Kaffe selbst kochen und die Zähne im benachbarten Bach spülen, dann sind wir moderne Zigeuner.“ Und in einem Artikel von 1939 in der Zeitschrift „Auto Motor Sport“: „Die Autozigeuner wollen heute auf dem Berge sein und morgen an der See, sie wollen mal allein haushalten und endlich mal ohne Dienstboten auskommen. Sie möchten nicht immer unter Kontrolle stehen und auch einmal unangezogen im eigenen Haus umherliegen und faulenzen, was bekanntlich in einer alten ungebügelten Hose schöner ist als in einem Anzug, der für die Hotelhalle paßt. Sie möchten daheim sein in einer eigenen Wohnung. Und der Wohnwagen ist die mobile eigene Wohnung, das eigene Wochenendhäuschen.“ (aus der Studienarbeit von Verena Ludwig „Reisen im rollenden Häuschen – Zur Geschichte des Caravanings“)  

Die Wurzeln des europäischen Caravanings liegen in England, wo bereits 1907 der Caravan Club of Great Britan and Ireland gegründet wurde. Die Ausstattungen waren „very british“ mit Wasserkanistern, Teekannen, Porzellantellern bis hin zu Eierbechern. Unterwegs daheim sein, selber wohnen und nicht gewohnt werden und auf den Fünf-Uhr-Tee nicht verzichten müssen, schien die Devise gewesen zu sein.

Das erste deutsche Nachkriegsmodell trägt den Markennamen Eriba. Firmengründer und Diplom-Ingenieur ERIch BAchem, geboren 1906 in Mülheim an der Ruhr, brachte seine Erfahrungen aus der Luftfahrtindustrie bereits im Vorkriegsmodell „Aero Sport“ (beim Segelflugzeug-Hersteller Wolf Hirth in Kirchheim unter Teck gefertigt) unter. Das „mitreisende Hotelzimmer“, das auch als Arbeits- und Konferenzraum diente, hatte eine Sperrholzkarosserie, die einen lackierten Textilüberzug trug.  Auf Stabilität, Isolierung und Aerodynamik war sein Augenmerk gerichtet. 1957 wurden er und Ingenieur Erwin Hymer Partner. Zusammen machten sie im Wirtschaftswunder-Deutschland den leichten und dennoch stabilen Original-Troll von Eriba mit Ausstellfenster und Stufendach zum Hit.

Bella Italia war in den 60er Jahren das Reiseziel überhaupt und ein Camping-Massenphänomen. Jeder müsse einmal ins „Land, wo die Zitronen blühen“, das gehöre zum guten Ton befanden Benimmratgeber. 1955 hatten 79 Prozent der Deutschen noch keinen Reisepass, doch in den darauffolgenden Jahren verbrachten immer mehr Westdeutsche ihren Jahresurlaub in Italien.  Und Magazine heizten das Reisefieber an. „Den ganzen Urlaub nach Herzenslust genießen… und doch ein gutes Essen auf dem Campingtisch“ warb die Firma Knorr für Ravioli. Wer sich einen Restaurantbesuch leisten wollte und konnte, bekam z.B. Tipps, wie man richtig Spaghetti isst: „Spaghetti ‚trinkt‘ man, dass heißt man saugt sie ein. Die Dinger sind so lang – aber bitte legen Sie das Messer weg! – Wir wollen nicht auffallen. Nehmen wir die Gabel steil in die rechte Hand, senken sie ins Gewirr, drehen sie ein paar Mal um ihre eigene Achse und führen die Beute zum Munde. Es ist ganz einfach.“ (Reiseführer „Italien ist kein Museum“, 1955). Knaus‘ „Schwalbennest“ gehört zu den Errungenschaften des Jahres 1961. Zum 50-jährigen Jubiläum 2011 wurde eine Retro- Variante in limitierter Auflage von dem Wohnwagen-Evergreen produziert.

Was für die Westdeutschen Italien, später Indien, Marokko, die USA oder Skandinavien waren, war für DDR-Bürgerinnen und -Bürger lange Zeit der Ostseestrand. Hier fanden sich neben originellen Eigenbauten beispielsweise die „Villa Sachsenruh“, ein Autodachzelt für den Trabant, das mit einer Leiter erklommen wurde, die auf der Anhängerkupplung befestigt war. Ein Jahr im Voraus musste man die Campinggenehmigung  für die Ostsee beantragen. In den 70er Jahren wurde dort FKK zum Massenphänomen. Zum Verlieben – das „Wanderklo“, ein 2,83 Meter langer Kleinstwohnwagen, hergestellt in der Produktionsgenossenschaft des Handwerks PGH Heimstolz in Weferlingen, ausgestattet mit wartungsfreien Halbachsen und vier Motorroller-Rädern, Trabi-tauglich, erhältlich mit Vorzelt.

Das Museum ist mit einer Serpentine ins obere Stockwerk und einer „Abfahrt“ zurück ins Erdgeschoss mit jeweils einer Steigung von 15 Prozent ausgestattet. Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer sowie Kinderwagen sind auf diesen Wegen nicht erlaubt, aber es gibt einen Aufzug.

Im zweiten Teil des Rundgangs im Erdgeschoss kann man teilweise auch in die Wohnwagen und Reisemobile hineingehen und ein bisschen Mottenkugelduft einsaugen im Kontrast zum ansonsten nach Neu riechenden Museum. Hier finden sich beispielsweise ein Tabbert mit Schachbretttisch, Hymermobile, ein Wohnwagen, der wie ein Planwagen designt ist, ein amerikanischer Airstream, den Suleica - SUperLEIcht-CAravan der Firma Ferdinand Schäfer,  Wagen von Wilk. „Mit einem Startkapital von 65 Mark für einen Kasten Werkzeug eröffnete Helmut Wilk 1959 seine eigene Firma“, heißt es auf der Homepage von Wilk. Bis Mitte der 60er Jahre hatte sie bereits mehr als 10.000 Campinganhänger verkauft. Die vielen Details aller Wagen-Ausstattungen bis hin zu Toilettenzelten, auch Leinwand- oder Waldkapelle genannt, faszinieren und beschäftigen stundenlang.  

80 Freizeit-Mobile sind im Museum ausgestellt und sollen immer mal wieder ausgetauscht werden, um auch einen zweiten und dritten Museumsbesuch interessant zu machen. Erlebenswert macht das Museum aber auch eine ganze Reihe von interaktiven Elementen. Kleine Pavillons versuchen die jeweilige Atmosphäre eines Reiselandes zu vermitteln. So kann man sich an einen italienischen Badestrand legen, sich vorstellen, wie ein VW-Bulli voller Hippies durch Indien tingelt oder eine Polarnacht das Campingglück im hohen Norden perfekt macht. Auf der Nordamerika-Route beispielsweise kann man lernen das Lasso zu schwingen, ein Balance-Board im Surfer-Paradies sorgt für erste Trainingseinheiten, zwei Spielmobile begeistern jüngere Kinder und vieles mehr zu entdecken lässt einen stundenlang verweilen.

Eine Besuchergruppe amüsiert sich prächtig vor einer der vier Leinwände, vor denen man sich von einem Automaten fotografieren lassen kann. Sie statten sich mit Federschmuck, Cowboyhut und Steckenpferd aus und posieren vor der Kulisse des Monument Valleys. Wer will, kann seinen Schnappschuss als Postkarte für drei Euros erwerben.

Im Restaurant „Caravano“ gibt es Kuchen und Gerichte, beispielsweise Ravioli à la Camping, stilecht  in der Dose serviert.     

Allein die futuristisch anmutende Architektur des Museums, das gegenüber vom Hymer-Reisemobilwerk steht, ist beeindruckend. Das Gebäude stellt zwei Caravan-Fenster dar, ein stehendes (Ausstellungshalle) und ein liegendes (für Empfang und Restaurant), jeweils mit abgerundeten Ecken. Und weil es zwei riesige Glasfronten hat, kann man durch das stehende Fenster hindurchsehen. Schon von außen sind die Reisemobile und Wohnwagen zu erkennen.

Infos zur Anreise, Öffnungszeiten, Eintrittspreisen etc.: www.erwin-hymer-museum.de

Caravan-Salon in Düsseldorf 2012: www.caravan-salon.de

Text: Dörthe Krohn

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