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13.02.2012 17:05 Alter: 10 Monat(e)
Kategorien: Horizont

Urlaub auf der großen Insel – Rügen


Das Binzer Kurhaus (re.) empfing schon vor über 100 Jahren Kurgäste. © Sonja Lehnert

Ganze Straßenzüge mit weißen Jugendstilvillen, wie hier in Binz, entstanden Ende des 19. Anfang des 20. Jahrhunderts. © Sonja Lehnert

Bei kaltem Wind stärkt in der Binzer Fußgängerzone ein heißer Sanddornsaft. © Sonja Lehnert

Sogar in den Wintermonaten leuchten die Sanddornfrüchte leuchtend

orange. © Sonja Lehnert

Ferienhaus, Kiefernwald, Strand und dann das Meer lautet die Reihenfolge eines Rügenurlaubs. © Sonja Lehnert

Im Südosten von Rügen wurde 1990 das Biosphärenreservat Südost-Rügen gegründet. © Sonja Lehnert

Seebäder – was für ein mondänes Wort. Weckt es nicht die Vorstellung einer illustren Reisegesellschaft in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts? Oder von Hotels, in der Architektur des Jugendstils errichtet, die zur Jahrhundertwende des 19. und 20. Jahrhunderts zahlungskräftige Gäste, aber auch Künstlerinnen und Künstler, an die Ostseeküste lockten? Auf Rügen können Gäste darin schwelgen, selbstverständlich auch ihren Urlaub darin verbringen.

Die schmucken Bäder auf Rügen heißen Binz, Sellin, Baabe, Göhren und Thiessow, die direkt entlang des weißen Sandstrands liegen, mitten in einer Idylle aus Wäldern, Seen und Heideflächen. Ihre Hochzeit sahen alle Seebäder Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Architekten und Bauherren einer ganzen Epoche brachten ganze Straßenzüge von weißen Jugendstil-Villen mit Türmchen, Erkern und verzierten Balkonen hervor. Heute gesellt sich zum Charme der alten Seebäder mediterranes Flair, das Moderne und Vergangenheit vereint. Strandpromenaden mit ihren Seebrücken lassen zu jeder Jahreszeit wunderbar entspannen und verbinden einen Schaufensterbummel mit einer gesunden Meeresbrise, die einmal stärker und einmal schwächer um die Nase weht. Bei kaltem Wind stärkt in der Binzer Fußgängerzone ein heißer Sanddornsaft, das vitaminhaltige Getränk aus der Nationalfrucht der Rügener.

Wem das Anschauen der  reich verzierten Fassaden nicht genügt, kann sich auch direkt für einige Urlaubstage einmieten. Die Villen wurden zum großen Teil in den letzten Jahren aufwändig saniert und sorgen mit komfortablen Ferienwohnungen für die besten Voraussetzungen für Individualurlauberinnen und -urlauber, die gerne ein städtisches Umfeld vorfinden möchten aber trotzdem den Urlaub in den „eigenen vier Wänden“ dem Hotelzimmer vorziehen. Die bekanntesten Bilder, die sich neben den Rügener Kreidefelsen eingeprägt haben, sind das Binzer Kurhaus und die Selliner Seebrücke ¬– beide ausgestattet mit bilderbuchhafter Jugendstilarchitektur.
TIPP: Der „Rasende Roland“, ein historischer, hundertjähriger Zug mit Dampflokomotive und altem Inventar – einschließlich Bolleröfen in den Abteilen, fährt auf seiner Route alle Seebäder an. Es bietet sich an, in jedem Städtchen Zwischenstation und einen Rundgang zu machen und mit dem nächsten Zug zum nächsten Seebad weiterzufahren.

Aber nicht nur die beeindruckende Architektur lockt auf Deutschlands größte Insel. Es ist vor allem eine paradiesische Natur mit einer riesigen Artenvielfalt, die den Urlaub in der Meeresbrise so einzigartig macht. Im Südosten von Rügen wurde 1990 das Biosphärenreservat Südost-Rügen gegründet. Mit der Anerkennung durch die UNESCO wurde es ein Jahr später in das Weltnetz des MAB-Programmes (Man and the Biosphere Programme) aufgenommen, das neben der Anerkennung der Gebiete auch für deren Weiterentwicklung sorgt, sie unter anderem erforscht und weltweit mit den wichtigsten Ökosystemen vernetzt. In Deutschland gibt es derzeit 14 Biosphärenreservate, weltweit sind es 489 in mehr als 100 Staaten.
Auf Rügen sowie im Küstenraum von Mecklenburg-Vorpommern ist es die Landschafts- und Küstenform, die Land und Meer so einzigartig miteinander verzahnt und damit Lebensräume für eine riesige Artenvielfalt schafft. Halbinseln und Küstenvorsprünge werden einerseits durch schmale Landstreifen miteinander verbunden, andererseits durch Bodden (Küstengewässer vom offenen Meer durch Landzungen getrennt) und Wieken (Entwässerungsgräben, um das Moor zu entwässern) voneinander getrennt. Feinsandige, breite Sandstrände an der Ostseeküste wechseln mit schroffen Steilküsten ab. Oft beginnen hinter den Stränden Kiefernwälder, die unter der warmen Sommersonne einen unnachahmlichen Duft verbreiten. Boddenseitig werden die Ufer meistens von breiten Schilfgürteln gesäumt, ausgedehnte Buchenwälder schließen sich an.

Mit zwei Rädern auf Entdeckertour
Am schönsten ist es, Rügen mit dem Fahrrad oder zu Fuß kennen zu lernen. Ebene Rad- und Wanderwege sind für jede sportliche Natur von Radfahrern und -fahrerinnen geeignet. Man muss nur, wie überall an der See, den Wind berücksichtigen, der in Form von Gegenwind einer Steigung im Mittelgebirge nahe kommt. Seit der Erfindung der E-Bikes und der Möglichkeit, diese auszuleihen, ist aber auch das kein Hinderungsgrund mehr, die Natur hautnah zu genießen.
Ein durchgängiges Radwegenetz ist trotz 300 Kilometer Radwegen auf Rügen noch nicht vorhanden. Deshalb muss man sich immer wieder auf holprige Plattenwege, sandige Feld- und Waldwege, uralte Kopfsteinpflasterstraßen oder stark befahrene Hauptstraßen einstellen. Vorschläge für Radtouren, die solche Hindernisse umgehen, findet man zum Beispiel unter www.radfahren-auf-ruegen.de.

Seeadler, Kranich und Gans
Verschiedenste Seevogelarten leben und brüten auf Rügen. Im Frühjahr und Herbst rasten tausende von Zugvögeln auf der Insel. Unter anderen auch der Graue Kranich, der hier nicht nur rastet, sondern auch vereinzelt in den naturbelassenen Aue- und Bruchwäldern der Insel brütet. Er ist die einzige in Europa vorkommende Kranichart. Kraniche sind die größten Vögel Europas und gehören zu den besten Langstreckenfliegern der Welt. Meist fliegen sie in großen Trupps V-förmig, wie bei einer Flugschau: bis zu 70 Stundenkilometer schnell und 300 bis 1.000 Meter hoch. Von Februar bis März fliegen die Kraniche aus ihren südlichen Winterlagern in Frankreich und Spanien in ihre nordeuropäischen Brutgebiete. Ursprünglich waren Kraniche über weite Teile Europas verbreitet. Großflächige Entwässerungen in den Feuchtgebieten, aber auch Bejagung in den Überwinterungsquartieren drängten sie weit nach Norden zurück. Ihr Hauptverbreitungsgebiet haben sie heute in Skandinavien, im Baltikum und im nördlichen Russland.
VogelkundlerInnen freuen sich auch über den wachsenden Bestand der Seeadler auf Rügen. Bei den Weibchen beträgt die Spannweite der Flügel bis zu 2,50 Meter. Das Männchen ist kleiner. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ging die Population in Europa stark zurück. Ursachen waren die direkte Verfolgung durch den Menschen, Forstwirtschaft, Tourismus, Eierdiebstahl, Pestizide und Schwermetalle. Seit den 60er Jahren scheint der Bestand in Europa seinen Tiefstand erreicht zu haben. Seither hat er sich wieder etwas erholt. Südgrönland über das gesamte nördliche Europa und Asien bis an die Pazifikküste sind die Hauptverbreitungsgebiete, wo Tundra, Felsküste, Meeresbuchten und große Binnenseen zu finden sind.
Die Salz-, Feucht- und Trockengraswiesen, Sümpfe, Moore, Seen, uralte Buchenwälder und die Kiefernwälder der Küsten bieten zudem verschiedensten seltenen Insekten-, Spinnen- und Weichtierarten einen ausgezeichneten Lebensraum.

Schutzgebiete
Am Westrand von Rügen beginnt der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, der sich über die „Lagunen des Nordens" bis zum Darß erstreckt.
Im nördlichen Teil auf Jasmund liegt der Nationalpark Jasmund, der auch die bekannte Kreideküste mit einschließt.
Südöstlich, direkt hinter Binz die ganze Küste und Küstengewässer bis hinter Putbus und dann quer über die Insel zurück nach Binz umschließend, ist der Raum des Biosphärenreservates Südost-Rügen.
Schutzgebiete sind nicht nur Rückzugsgebiete für bedrohte Pflanzen und Tiere. Sie bieten auch dem Menschen Raum zur Erholung und Besinnung in naturnaher Umgebung.

Künstler und ihre Kunst
Auch hinsichtlich der kulturellen Vielfalt ist Rügen einzigartig. Der Mensch hat über einen langen Zeitraum seine Spuren hinterlassen. Die Zeugnisse menschlicher Siedlung und Kultur reichen von den Großsteingräbern der Jungsteinzeit über die bronzezeitlichen Hügelgräber, die slawischen Burgwälle, die mittelalterlichen Kirchen und Dorfstrukturen, den Klassizismus und die Bäderarchitektur bis in die Moderne, einschließlich der größenwahnsinnigen Projekte des Nationalsozialismus in Form der „Erholungsanstalt Prora“. Sie ist neben dem „Reichsparteitagsgelände" in Nürnberg die größte geschlossene architektonische Hinterlassenschaft der nationalsozialistischen Zeit.

Das Seebad Prora war ein zwischen 1935 und 1939 geplantes und zum Teil auch errichtetes Seebad auf Rügen. Nach seiner Fertigstellung sollten hier durch die Organisation Kraft durch Freude (KdF) 20.000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen können. Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die Bauarbeiten jedoch eingestellt, so dass heute der „Koloss von Prora“ den Kern des Komplexes bildet. Dies sind acht auf einer Länge von etwa 4,5 Kilometern entlang der Küste aneinandergereihte baugleiche Häuserblocks, die ursprünglich Gästehäuser werden sollten. Da die zukünftige Nutzung weiterhin ungeklärt ist, verfällt der denkmalgeschützte Komplex zusehends. (Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Seebad_Prora).

Da ein Abriss unglaubliche Summen an Geld verschlingen würde, werden einzelne Teile als kulturelle Stätten genutzt. Das Dokumentationszentrum Prora bietet Führungen über das Gelände mit Einführung am Modell (Februar/März 2012: jeweils Mo.-Frei. um 11.45 Uhr). Und in Prora hat sich die „längste Jugendherberge der Welt“ breit gemacht. Hier können Jugendgruppen und Familien, Klassen und Alleinurlauber, Rollifahrer und Radler, Naturfreak und Bücherwürmer gemeinsam Rügen erleben.
Kontakt: jh-prora@jugendherberge.de

Eindrucksvoll ist das Erbe des Fürsten Wilhelm Malte I. zu Putbus, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit seiner Residenzstadt Putbus einen Höhepunkt des norddeutschen Schinkel-Klassizismus schuf und weite Teile der Rügenschen Landschaft mit einer Kombination aus hohem ästhetischem Anspruch und wirtschaftlichem Aufschwung zu einem Vorläufer des heutigen Biosphärenreservats machte. Eins der Rügenschen Bauwerke Schinkels steht direkt am Kap Arkona, dem nördlichsten Punkt der Insel: der Schinkelturm. Wegen der gefährlichen Untiefen am Kap wurde hier, an der Stelle einer früheren Leuchtbarke, in den Jahren 1826 und 1827 einer der heute ältesten Leuchttürme an der Ostseeküste, nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel, erbaut und 1828 in Betrieb genommen. Durch seine quadratische Grundform und klassizistische Bauweise in rotem Backstein bildet er mit einer Höhe von 19,30 Metern einen markanten Anziehungspunkt am Kap. 1905 wurde er außer Dienst gestellt, 1993, nach aufwändigen Sanierungsarbeiten, wieder für die Öffentlichkeit freigegeben. Er beherbergt heute ein Museum, ist Aussichtsturm und ein viel genutzter Außenstandort des Standesamtes. Als Geheimtipp gilt das 1821 von Fürst Malte zu Putbus eröffnete Inseltheater in Putbus, das über einen der schönsten Theatersäle Norddeutschlands verfügt. Nachdem es nach einem Entwurf des Fürstlichen Baumeisters Wilhelm Steinbach erbaut wurde, vollendete J. G. Steinmeyer (1780-1851), ein Schüler von Karl Friedrich Schinkel, das Bauwerk. Es soll zahlreiche Inselgäste geben, die hauptsächlich wegen der Schinkel-Architektur nach Rügen kommen.

Auch einmal nach Hiddensee
Für die Hiddensee-Reisenden vor mehr als hundert Jahren war die Anreise ein kleines Abenteuer. Sie reisten mit Schiff und Ruderboot an. Heute sind es komfortable Fahrgastschiffe oder auch das Wassertaxi, das die Gäste auf die Nachbarinsel Rügens bringt.
Die Mischung aus äußerst reizvoller Landschaft und meditativer Ruhe lockte, bald nachdem die ersten Reiseschriftsteller über die Insel berichteten, den individuell Reisenden an, darunter viele Schriftsteller, Dichter, Poeten, Maler und Schauspieler, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges Hiddensees Ruf als Künstlerinsel begründeten. Hier und auf Rügen können zahlreiche Galerien, Werkstätten und Ateliers besucht werden.

Sehenswert:
- www.naturgeyer.de: Naturführungen zu Hühnengräbern, Hügelgräbern und Wildkräutern
- Alt Reddevitz: Mönchguter Hofbrennerei „Zur Strandburg“ bietet Obstbrände, Liköre, Fruchtaufstriche, Säfte im Hofladen und mittwochs um 15 Uhr (ab April um 16 Uhr) Brennereiführungen, www.hofbrennerei-strandburg.de
- Stralsund: Altstadt, Ozeaneum und Meeresmuseum, www.ozeaneum.de www.meeresmuseum.de(Karten schon vorab besorgen, z.B. vom Hotel, erspart in den Ferien lange Wartezeiten)
- Granitz: Jagdschloss Granitz, www.jagdschloss-granitz.de
- Sellin: Seebrücke
- Bisdamitz: Biokäse vom Bioland-Hof, www.hofgut-bisdamitz.de
- Gingst: Museum mit Café, www.historische-handwerkerstuben-gingst.de
- Lieschow: Aus Rügens Obst entstehen hier edelste Brände und Liköre mit Bio-Siegel, www.edeldestillerie.de
Ferien auf dem Bauernhof mit Erlebnisscheune, Schweinekino (direkt aus dem Schweinestall) und vielen Abenteuern für die kleinen Gäste, www.bauerlange.de

Text: Sonja Lehnert

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