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05.09.2011 14:36 Alter: 9 Monat(e)
Kategorien: Portrait

Über "Flecken und Flausen" in Weilmünster oder: "Theater ist gesund"


Erprobte Handgriffe nach 15 Jahren KuHuStall und zum 9. Hessischen Kinder- und Jugendtheater Festival Kaleidoskop. Auf dem Wagen: Ekkehart Voigt.

Erprobte Handgriffe nach 15 Jahren KuHuStall und zum 9. Hessischen Kinder- und Jugendtheater Festival Kaleidoskop. Auf dem Wagen: Ekkehart Voigt. © Initiative KuHuStall

Ekkehart Voigt und Uta Margarite Schmidt schauen sich die frisch aus der Druckerei eingetroffenen Flyer an.

Ekkehart Voigt und Uta Margarite Schmidt schauen sich die frisch aus der Druckerei eingetroffenen Flyer an. © Dörthe Krohn

Kindertheater in der Remise.

Kindertheater in der Remise. © Initiative KuHuStall

Ein märchenhafter Abend auf dem Blumenhof, Pause im Hof.

Ein märchenhafter Abend auf dem Blumenhof, Pause im Hof. © Dörthe Krohn

Uta Stoltze und Mirjam Usbeck erzählen auf akrobatische Weise eine spannende Geschichte.

Uta Stoltze und Mirjam Usbeck erzählen auf akrobatische Weise eine spannende Geschichte. © Initiative KuHuStall

Ein Kuhu-Kopf.

Ein Kuhu-Kopf. © Dörthe Krohn

Er schaut eigentlich lieber nach vorne, überlegt, was er als nächstes machen möchte, nicht nach dem, was gewesen ist, auch wenn es gut war. Aber dann hat es Ekkehart Voigt doch Spaß gemacht, 15 Jahre „Initiative KuHuStall“ Revue passieren zu lassen.

Die Programme von 1998 bis heute liegen auf dem Tisch. 1999 traten beispielsweise Dieter Thomas und Hendrike von Sydow vom Frankfurter Fronttheater und das Königsteiner Dammtheater auf dem Blumenhof in Weilmünster auf. Anton Le Goff alias Maja Wolff war ein fast jährlich präsenter Gast. Auch Arnim Tölpel kam offenbar gerne, denn immer wieder zu diesem außergewöhnlichen Veranstaltungsort. 2008 gastierte ein Wanderkino auf dem Hof. Ein Feuerwehr Oldtimer hatte die gesamte Technik geladen, um Stummfilmklassiker abzuspielen, dazu gab es Live-Musik. 2002 fand der 7. und letzte Markt für Kunst & Handwerk, der KUHUMA, statt. Dafür feierte 2003 das erste Hessische Kinder- und Jugendtheater Festival, ebenfalls initiiert von Ekkehart Voigt, Premiere in Weilmünster. Getragen wird die „Initiative KuHuStall“ vor allem von kleineren Theatern wie dem Schnurztheater, Theater bis zu den Sternen, Theater Als Ob oder dem Theater Tourmalin und anderen Künstlerinnen und Künstlern aus der Region. Die Kleinkunstshows KuHuWaBoHu und die Märchennächte sind wiederkehrende Termine geworden.

1996 war das Geburtsjahr der „Initiative KuHuStall“. „Ich hatte schon länger mit dem Gedanken geliebäugelt, einen Kulturort entstehen zu lassen“, erinnert sich Voigt. Aus einer früheren Tätigkeit hatte er bereits viele Kontakte in die Kulturszene und damit potenzielle Interessentinnen und Interessenten für einen neuen Veranstaltungsort außerhalb der Großstadt. Der aus Ostdeutschland stammende Künstler Voigt suchte nach einem geeigneten Objekt und fand den Blumenhof sowie Gleichgesinnte, die an dem Projekt partizipierten. Der Blumenhof war 1925 erbaut worden. Seinen hübschen Namen erhielt er, weil das nahgelegene Gehöft, das bei der Blumenmühle  an der Weil lag, abgebrannt war. 1996 entstand eine Eigentümergemeinschaft, wobei nicht alle auf dem ehemaligen Bauernhof leben. Es gibt daher Platz für Mieterinnen und Mieter, die eigene Ideen einbringen möchten. Zum Blumenhof gehören Pferde und divers nutzbare Räumlichkeiten, beispielsweise über dem Theater auch ein Probenraum, sowie ein vielseitig nutzbarer Außenbereich.

„Es kann gerne etwas Neues dazu kommen, wenn es sich in den weiteren Rahmen dessen, was wir hier schon tun, stimmig einfügt“, lädt Ekkehart Voigt ein. „Wir hatten früher mehrtägige Workcamps, die sich ‚Flecken und Flausen‘ nannten, der Titel steht ein bisschen für das Ganze hier.“ Flecken deshalb, weil Weilmünster ein Marktflecken ist, zu dem die Leute aus der Umgebung zum Einkaufen kommen. Flecken aber auch, weil die Workcamp-TeilnehmerInnen aus verschiedenen Sparten Blessuren aller Art aus ihrem künstlerischen Arbeitsalltag, eben ihre persönlichen Erfahrungen mit- und einbrachten. Flausen, weil das Spinnen in alle Richtungen möglich war und sich andere in einem gesunden Sinne davon anstecken lassen konnten. So ist auch eine Erweiterung der Aktivitäten auf dem Blumenhof denkbar: gemeinsame Nutzung und Bereicherung vorhandener Ressourcen, eigenständige Umsetzung der mitgebrachten „Flause“, ohne sich gegenseitig annektieren zu wollen. „Die bildende Kunst ist noch gar nicht auf dem Blumenhof vertreten. Ich könnte mir beispielsweise ein Atelier hier gut vorstellen“, ergänzt Voigt.
          
Poesie für Groß und Klein

„Poesie ist für mich nicht nur das geschriebene Wort“, so Voigt. Poesie kann auch die Art und Weise eines Vortrags haben und ein Ort kann die Seele nähren. Wenn im kleinen Ofen im Theaterraum das Holz knackt, wenn das Gestühl aus einer Zwickauer Kirche – samt Kissen für einen Euro ersteigert und für 600 Euro nach Weilmünster transportiert – ganz eigene Erinnerungen und Assoziationen wachruft, wenn der Hund gähnt, weil die bis ins Mark berührenden Klänge des Harfenspiels von Peter Wucherpfennig das Herz aufgehen lassen und wenn die mühelos erscheinende Akrobatik von Uta Stoltze und Mirjam Usbeck staunende Augen in junge und ältere Gesichter zaubert, während sie wie nebenbei eine spannende Geschichte erzählen, dann ist man in einer Märchennacht im KuHuStall.

Kleinkunst und Erzählungen, die alleine keinen Abend füllen würden,  sich aber wie eine thematische Klammer um eine „Märchennacht“ oder, wie am kommenden 30. Oktober, die „Lyrische Nacht“ schließen, sind die Veranstaltungen, die es so nur auf dem Blumenhof gibt. Zum Theaterabend dazu gehört eine Suppe – gehört wieder eine Suppe. 1998 gab es schon mal eine „deftige Mahlzeit“, die im Eintrittspreis inklusive war. Schnell fand man die beste Versorgungslösung in der Suppe. Im Laufe der Jahre gab es ein professionelles Catering, einen Oldtimer-Imbiss-Wagen mit Bio-Speis- und -Trank, der auch die RadlerInnen des Weiltalwegs versorgte, wurde über eine ständige Gastronomie nachgedacht und nun – die Rückkehr zur Suppe, die heute allerdings nicht mehr im Eintrittspreis inklusive ist. Uta Margarite Schmidt hat sich aktuell dem Suppe kochen angenommen. In ihren Topf kommen vorrangig Bio- und regionale  Zutaten. „Das hat sich so ergeben, nachdem ich anfing die Beteiligten der Veranstaltungen, also Auf- und Abbauhelfer sowie Künstler, als gelegentliche Alternative zum Pizza-Service zu bekochen. Die haben sich über meine Versorgung sehr gefreut und dann habe ich das ausgeweitet auf das Publikum.“ Zumindest für die restlichen Veranstaltungen in diesem Jahr darf mit einer leckeren Suppe von Uta Margarite Schmidt gerechnet werden. Auch beim Austausch zwischen TheatermacherInnen und TheaterrezipientInnen in den Pausen oder nach den Aufführungen leistet sie einen Beitrag zur Geselligkeit.

„Bei allem was wir anbieten, sei es das Programm oder das Essen, achten wir darauf, dass es Qualität hat“, so Ekkehart Voigt. „Die Wertigkeit ist uns wichtig und wir merken, dass die Leute das zu schätzen wissen. Es ist spannend zu schauen, was früher ging und heute aus verschiedenen Gründen nicht mehr oder was heute wunderbar läuft, zu einem früheren Zeitpunkt aber nicht angenommen wurde.“ Ein Beispiel aus der Vergangenheit ist der Kunsthandwerkermarkt. Der ganze Hof, die Ställe, alles war voller Marktstände. Die Plakate dafür hängte Ekkehart Voigt noch selber in den umliegenden Dörfern und Kleinstädten aus. Heute funktionieren andere Projekte, auch wenn die Landes- oder städtischen Förderungen oft kläglich sind und die Gagen und das Drumherum fast ausschließlich aus dem Eintrittskartenverkauf bestritten werden müssen.

Das Kinder- und Jugendtheaterfestival, das in diesem Jahr vom 15. bis 23. September stattfindet, gehört zu den jährlichen Highlights des Blumenhofs. Ekkehart Voigt kann sich seit Amtsübernahme als Kinderkulturbeauftragter von Weilmünster (mittlerweile auch Kulturbeauftragter der Erwachsenen) über einen eigenen Etat dafür freuen. Mit dabei sind in diesem Jahr Theatergruppen aus Göttingen, St. Johann, Hildesheim, Immichenhain und Berlin. Aber auch die Rhein-Main-Region ist stark vertreten. Das Theaterlabor Darmstadt befasst sich in seinem Stück „20. November“ mit dem Amoklauf eines Schülers, die Compagnie MaRRAM aus Mainz wird dabei sein, das bereits genannte Tourmalin Theater und Ekkehart Voigt eröffnet am 15. September das Programm mit seiner Variante des „Wilhelm Tell“. Am 17. September treffen sich alle um 19 Uhr zum FestivalEröffnungsFest auf dem Blumenhof.    
    
Der Theatermacher

Für das diesjährige Motto des Kindertheaterfestivals „Theater ist gesund“ ist der Theatermacher ein glaubhaftes Beispiel. Ekkehart Voigt spielt schon lange Theater, bildete sich fort, spricht aber in seiner Anfangszeit von semiprofessionellem Spiel. Mit dem Kauf des Blumenhofs hat sich auch in Bezug auf seine Karriere als Theatermacher vieles entwickelt. Mit dem Anspruch, professionelles Kindertheater zu machen, war er 1997 Mitgründer des Schnurztheaters und später auch des Tourmalin-Theaters. Solo-Projekte für Jugendliche und junge Erwachsene verwirklicht er mit seinem eigenen Theater Als Ob. Mittlerweile kann Voigt alleine von seinen Gastspielen in Schulen, Museen, auf anderen Theaterbühnen und sonstigen Veranstaltungsorten in ganz Deutschland gut leben. Das Theatermachen auf dem Blumenhof verbinde ihn immer wieder mit dem Ort, wo er lebe, obwohl Ekkehart Voigt selbst in Weinbach-Edelsberg wohnt.

Ekkehart Voigt nennt seinen Beruf Theatermacher. Im Gegensatz zu einem Schauspieler macht er alles, was ein Theater ausmacht: das Stück schreiben, Werbung, die Tour-Planung, Karten abreißen und Plätze anweisen, Maske, Kostüme, Bühnenbild, eben alles was ansteht. Nur die Regie darf jemand anderes führen, wobei er wiederum für andere Künstlerinnen und Künstler Regie führen kann. Ansonsten sorgt der wandlungsfähige Künstler und improvisationsgewohnte Organisator selbst dafür, dass seine Stücke im wahrsten Sinne des Wortes gut über die Bühne gehen. Häufig spielt er an Schulen. „Die Schüler hören mir zu, ich denke aufmerksamer, als wenn ich Lehrer geworden wäre“, freut sich der ehemalige Lehramtsstudent, der das Vorhaben Lehrer zu werden vorzeitig abgebrochen hatte. Seine Lebenserfahrungen und Erfahrungen als Theatermacher ermöglichen ihm heute einen Zugang zu Jugendlichen und ihren Themen, den er so in Lehrerfunktion an der Institution Schule nicht für erreichbar hielt. Für ihn schließe sich hier ein Kreis, so Voigt. Den Wunsch, Kindern und Jugendlichen Wissen und Kultur zu vermitteln, kann er sich heute erfüllen, indem er für junge Menschen spielt und mit ihnen im Anschluss über das Stück ins Gespräch kommt, weniger pädagogisch, viel mehr authentisch.

Das Theater auf dem Blumenhof war und ist für Voigt Teil seiner autodidaktischen Ausbildung zum Theatermacher. Hier musste er sich schon mit Elektrik beschäftigen, Brand- und Notausgangsvorschriften, hat Podeste gebaut, Wände eingezogen, Druckvorlagen erstellt, Flyer und ihre Faltmöglichkeiten ausprobiert. Der Theaterraum selbst war eine Durchfahrt, der einstige Kuhstall, Namensgeber der  Initiative, liegt an dieser Durchfahrt. Aber das urige Theater auf dem Blumenhof findet nicht zwangsläufig im Theaterraum statt. „Wir haben schon in der Scheune, der Remise, Open Air und aus den Fenstern heraus gespielt.“ Ein Rückblick auf 15 Jahre bedeutet auch, Erwachsene wiederzutreffen, die schon als Kinder mit ihren Eltern zum Blumenhof kamen und die heute wiederum ihre Kinder mitbringen. Jede und jeder ist grundsätzlich willkommen, vom Säugling bis zum Best Ager. Die Menschen können mitbringen, was sie ausmacht, wenn der Respekt für das Dargebotene mit im Gepäck ist. Es gibt auch Regeln wie, Erwachsene dürfen sich nicht vor Kinder setzen, Rauchverbot auf dem gesamten Hofgelände bei einer Kindertheateraufführung.

„Wir machen ein Programm, wo ein Kontakt entstehen kann, wo es Begegnungen gibt.“ Ekkehart Voigt kennt sein Publikum, begrüßt die meisten Gäste persönlich, aber unaufdringlich. Man kann auch inkognito bleiben. Beim Betreten des Hofs stellen sich Körper und Seele auf Entspannung um. Vor allem Städterinnen und Städter genießen den besonderen Flair des ehemaligen Bauernhofs, die Freundlichkeit, Gelassenheit und Ehrlichkeit, die Ort und Menschen schenken.

Bis Oktober kann man das Theater auf dem Blumenhof in diesem Jahr noch erleben. Dann geht es dort erst nach der Winterpause im Frühjahr 2012 weiter.

Programm des Kinder- und Jugendtheaterfestivals
www.kuhustall.de

Text: Dörthe Krohn

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