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05.11.2014 15:34 Alter: 5 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Temporäres Atelier "Hirondelle" im Frankfurter Westen


Initiatorin F. CH. Heier und Be Poet Michael Bloeck im "Hirondelle"-Atelier, Foto: Dörthe Krohn

Initiatorin F. CH. Heier und Be Poet Michael Bloeck im "Hirondelle"-Atelier, Foto: Dörthe Krohn

Blick in "Das Zimmer der Dolores", Foto: Dörthe Krohn

Blick in "Das Zimmer der Dolores", Foto: Dörthe Krohn

Den ganzen Monat über inklusive der Ateliertage im Frankfurter Westen am 29. und 30. November hat der Frankfurter Stadtteil Rödelheim mit dem vorübergehend eingerichteten Atelier „Hirondelle“ in der Westerbachstraße 29 einen zusätzlichen Kunst- und Kulturraum. Die Frankfurter Künstler_innen Cornelia F. CH. Heier, Kerstin Lichtblau und Michael Bloeck haben sich mit ihren Kunstwerken dort eingenistet. Weitere Kunst- und Kulturschaffende bieten den gesamten November über Programm, u.a. öffentliche Abendbrote mit Künstlergesprächen, Performance und Lachyoga.   

Cornelia F. CH. Heier hat ein festes Atelier im Kesselhaus in der ehemaligen Schuhmaschinenfabrik Rödelheim, macht schwerpunktmäßig Kunst im öffentlichen Raum, schwärmt aber etwa alle fünf bis sechs Jahre gerne mal in andere Innenräumlichkeiten aus, um eine produktive Ausnahmesituation herzustellen. Zusammen mit einer Kollegin gastierte sie 2008 vier Wochen lang im Bornheimer Offspace „Wagnerraum“. Das besondere an der „Produzentensozietät“ war, dass der Ort gleichzeitig Ausstellungsort, Werkstatt, Treffpunkt für interessierte Bürgerinnen und Bürger und weiterer Kunst- und Kulturschaffende war. Diesen Charakter hat auch das aktuelle Kunstprojekt.

Für das Interimsatelier „Hirondelle“ hat Cornelia F. CH. Heier zwei experimentierfreudige Kolleg_innen begeistern können, denen das bewusste Umherziehen, auch um ein neues Publikum zu erreichen, nicht fremd ist. Michael Bloeck hat sein Atelier im Gallusviertel. Er ist außerdem einer der neuen Stadtteilhistoriker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Sein Stadtteilhistoriker-Projekt bezieht sich auf Rödelheim. Kerstin Lichtblau hatte eine Produzentengalerie in Höchst, jetzt befindet sich ihre Werkstatt im Bahnhofsviertel.  
„Setzt man sich neuen Orten und Räumlichkeiten aus, kommen Bewohner des Viertels, der Straße, des Hauses, in dem sich dieser Raum befindet, auch tatsächlich vorbei“, ist die Erfahrung von Cornelia F. CH. Heier. Sie hat sich gezielt für eine Immobilie mit großen Schaufenstern entschieden, damit Passant_innen sehen können, dass sich da was tut. Die Miete für den seit Jahren leerstehenden Raum übernimmt für den Projektmonat die Stadt Frankfurt.

Was wird den November über in der Westerbachstraße 29 passieren?

„Man schwärmt umher, fliegt, guckt und lässt sich nieder, pickt ein bisschen hier und dort und ist neugierig“, erklärt F. CH. Heier die Namenswahl „Hirondelle“, Schwalbe. Sogar innerhalb des Raumes wird weitergezogen. Bis 11. November ist im vorderen Raumteil „Das Zimmer der Dolores“ zu sehen. Dann wandert das ganze künstlerische Inventar in einer Wirbelbewegung weiter und die „Augenmädchen“ von Kerstin Lichtblau schwärmen Richtung Fensterfront. Die Werke zur interdisziplinären Poesie von Michael Bloeck erhalten dann ab dem 19. November besondere Aufmerksamkeit, währen die anderen Positionen im hinteren Raumteil neu präsentiert werden. Die Wanderschaft wird begleitet von Kuratorin Petra Pfeuffer.

Das Herumziehen der Dolores

Bei einer Bahnfahrt vor vielen Jahren war F. CH. Heier mit einem Sitznachbarn ins Gespräch gekommen. Er war Vermieter im Rhein-Main-Gebiet und erzählte von einer Mieterin, die er nie gesehen hatte, weil alle Vermietungsangelegenheiten postalisch erledigt wurden, und die plötzlich verschwunden war. Als er ihr Zimmer inspizierte, sei er sehr berührt gewesen von dem, was er dort vorfand: Sachen, Reste der Bewohnerin, u.a. Handschriftliches, Schminke, Wäsche, die sie dort zurückgelassen hatte. Er suchte nach ihr und stieß dabei auf andere Vermieter, die ähnliches erlebt hatten. Er dokumentierte alles und gründete den Informationspool „Dolores“. Aus diesem Archiv erhält F. CH. Heier regelmäßig Bestandslisten, Beschreibungen von Auffindesituationen und Originalstücke, mit denen sie zu verstehen versucht, was für eine Person Dolores ist. Sie rekonstruiert ihre verlassenen Wohnstätten, um dem Leben von Dolores nachzuspüren. Dolores könnte sich den Archiveinreichungen zufolge in Frankfurt, Mainz, Hamburg, Bamberg und Essen aufgehalten haben. Sie wohnte möglicherweise in verschiedenen bescheidenen Zimmer, in einem kleinen „wilden“ Häuschen und zwischen Büschen im Freien. Noch kann sich die Künstlerin kein Bild von Dolores machen, bleibt sie für sie eine fremde, verlorene, unsichtbare Frau. Die hinterlassenen Spuren deuten auf einen innerlich eher zerrissenen Zustand hin. Wer ist Dolores? Ein Vermieter fragte sich „Ja, ob es wohl zu einem Ergebnis kommen wird? Ob es eine Erklärung geben kann? Gibt es diese Person denn wirklich? Was hat die Frau zu einem solchen Leben gebracht? Ist sie eine Suchende, ist sie ein Gewissen? Ist sie unser Verlust?“ Die Rekonstruktion (Installation, Stillleben) des 2013 unter dem Namen Dolores in Essen angemieteten und kurze Zeit später wieder verlassenen Zimmers ist in der Westerbachstraße 29 ausgestellt und begehbar. Die Dolores-Geschichte ist unglaublich, der Raum mit Matratze, darüber ein Bild der Schmerzensmutter Mater Dolorosa, mit einer altarähnlichen Einheit sowie Zeitungsstapel, Spiegel, Zigarettenkippen, herumliegenden Wäscheteilen und vielen angeordneten Details ist verstörend und faszinierend.

Das Umherwandern in der „Zwischenwelt“

Auch die an Manga-Figuren erinnernden von Kerstin Lichtblau gemalten Augenmädchen ziehen umher und tauchen in diversen Umgebungen auf, welche die Künstlerin in Form von fototechnischen Siebdrucken abbildet. "Der Siebdruck erschließt den Raum, bildet Kontext, verortet die Bilder in Stadtlandschaften, Plattenbauten, Naturlandschaften, Urban Gardening Scenes, Wald - und auf der 42. Street New York", heißt es in der Pressemitteilung zum "Hirondelle"-Projekt. „Egal ob man nach links oder rechts geht, man hat immer das Gefühl, die großen Augen der Mädchen schauen einen an“, beschreibt Michael Bloeck die Arbeiten seiner Kollegin. Die Münder sind verschlossen, die Ohren nicht sichtbar. Am 14. November um 16 Uhr lädt die Künstlerin zur Siebdruckaktion „wild creatures“ ins „Hirondelle“-Domizil ein.

„Thu dich um“ von Thudichumstraße - Work in process

Be Poet Michael Bloeck hat ein Porträt von Bettina von Arnim geborene Brentano, die in Rödelheim aufgewachsen war, in einer Bilderreihe künstlerisch verarbeitet und ist mit einer Auswahl dieser Werke in das Interimsatelier eingezogen. „Ich komme von der Poesie, vom Schreiben zur Installation, Konzept- und Bildkunst“, erklärt er. Noch am Entstehen ist quasi ein Protestkunstwerk, denn in Alt-Rödelheim, vom „Hirondelle“-Atelier aus auf der anderen Seite der S-Bahn-Gleise, soll die letzte zusammenhängende Fachwerkzeile des Stadtteils abgerissen werden. Den Schaffensprozess kann man montags bis freitags ab 13 Uhr mitverfolgen.

Das ganze Programm in der Westerbachstraße 29 (Ort ist bedingt barrierefrei): http://www.kunstheier.de/fileadmin/user_upload/Hirondell_Programm.pdf

Text: Dörthe Krohn


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