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23.01.2012 16:16 Alter: 116 Tag(e)
Kategorien: Kultur

Schätzt der HR nur Kunst, die ziert, und blaues Tuch für die andere? Ein Patchworktext


Collage © Annegret Soltau, „Kunst spiegelt in Wahrheit den Betrachter und nicht das Leben.“ (Oscar Wilde). Doch auch das Leben ist nicht immer wohlgefällig, und so stoßen sich manche an der Kunst wie am Leben. Wenn das kein Skandal ist.

© Annegret Soltau

Draußen litfasssäulenhoch ein Stück der inkriminierten Collage, drinnen im Goldsaal des HR ist sie züchtig verhüllt. Ihre Schöpferin Annegret Soltau bezeichnet der Preisgeber auch schon mal als „Skandalkünstlerin“. © Dorina Zehn

Skandal in der Kunst – gibt’s das noch, war ich versucht zu fragen. Zumindest abseits von Fälschung und obskurem Museumsbau. Es schien immer schwieriger, mit Kunst zu provozieren, als gelte das Motto: „Alles geht.“ Doch den jüngsten Fallstrick, was Skandalon wörtlich heißt, gab es vergangenen Sommer. Und das nicht in China oder unter Putins Regime oder dem von Berlusconi. Mitten im weltoffenen Frankfurt, wie die Stadt sich selbst bezeichnet, im Hessischen Rundfunk (HR), der in Nachkriegsdeutschland als fortschrittlicher Sender galt – mensch denke nur an Bölls Satire „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“, die der HR verfilmt hat, oder die Augsburger Puppenkiste.

Von vielen bis heute unbemerkt, ist mir der Skandal im Dezember zu Ohren gekommen, weil zum Zeitpunkt des Geschehens nur in Darmstadt darüber zu lesen war; die anderen Tageszeitungen der Region schrieben nicht. Diese gestückelte Einlassung möchte das nachholen und gleichzeitig der renommierten Gegenwartskünstlerin zum Geburtstag gratulieren. Annegret Soltau wollte bei der Tagung der Deutschen Fotografischen Akademie im Haus der Photographie in Hamburg einen Vortrag halten über die „Verhüllung meiner Bilder im hessischen Rundfunk“; krankheitsbedingt musste sie absagen. Nun hat sie ihre Homepage neu gestaltet und alle derartigen Vorkommnisse aufgelistet: www.annegret-soltau.de/de/galleries/generativ-1994-2005/artworks/zensierte-generativ-bilder.

Das Gebahren des HR ist unübertroffen. Zuerst ein Zuckerbrot für die Collagistin, danach zeigt er ihr die Instrumente. Am 27. Mai vergangenen Jahres erhielt sie aus der Hand von Michael Crone, Leiter des Archivs beim HR, den ersten Marielies Hess-Kunstpreis. Er ist dotiert mit 4.000 Euro und verbunden mit einer Ausstellung in der Goldhalle im HR. Schließlich ehrt die Stiftung mit Sitz im HR so ein/e hessische/r Künstler/in 40+ für ihr Lebenswerk. Einen Tag nach der feierlichen Verleihung mit Laudatio und Musikeinlage versteckte er ihre überlebensgroßen Triptichen unter schwerem blauen Tuch.

Die Freiheit der Kunst steht hierzulande hoch im Kurs, sie ist im Grundgesetz verankert. Und „eine Zensur findet nicht statt“, heißt es in Artikel 5. Das lernt jedes Kind in der Schule. Das weiß auch der Hessische Rundfunk. Doch das hindert ihn nicht daran, Ähnliches zu tun. Im 21. Jahrhundert!

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen“, schrieb schon der Herr Geheimrat. Geld war es wohl auch, das den ach so armen HR zur Bilderburka veranlasst hat. Die Frankfurter Kantorei hatte den Sendesaal gemietet, zudem ein iranischer sowie ein chinesischer Verein. Sie wollten ihren (Chor)Mitgliedern und Gästen den Anblick dieser Collagen quer durch die Generationen und Geschlechter nicht zumuten, aber natürlich niemandem am Zeug flicken. Dabei gibt es laut Soltau einen weiteren Zugang zum Sendesaal, sodass die Protestierenden die Goldhalle weiträumig hätten umgehen können. Doch der Hausherr verhüllte eilfertig die Bilder von Kopf bis Fuß. Was sagt der Staatssekretär in Goethes „Tasso“ so treffend über seinen Chef: „Er schätzt die Kunst, so fern sie ziert, sein Rom verherrlicht, und Palast und Tempel zu Wunderwerken dieser Erde macht.“

Zur Zierde wollte Annegret Soltau nie Kunst machen. Es ging ihr vielmehr um Wahrheit, um die Erforschung des Körperlichen, des Menschseins, die Kontinuitäten und die Risse, die mitten durch uns gehen, durch Familien, Patchworkfamilien, durch unsere Gesellschaft. Denn das Private sei nicht privat, sondern Spiegel der Gesellschaft, und mit dem Seziermesser ihrer Kunst hinterfragt sie unsere (ästhetischen) Normen und Formen. Allenfalls sie selbst wollte Zierde sein. Schön ist sie anzusehen, wie sie da sitzt, Moussaka löffelt und Demestika trinkt – „bei Moussaka kann ich nie widerstehen und dazu gehört ein Glas Wein, das ich mittags sonst nie trinke.“

Die Spuren der „ZeitErfahrung“, wie sie viele ihrer Collagen oder Decollagen nennt, die von innen nach außen wandern, haben sie nicht hässlicher gemacht, nur anders. Ihre Haut ist nicht mehr so glatt, leicht verknittert an manchen Stellen. Sie ist eine gepflegte Erscheinung, eine Frau, die man gerne ansieht. Im Jugendalter muss sie umwerfend ausgesehen haben, wie ein Blick auf eine ihrer Collagen zeigt. Im Hintergrund zwar, doch viel größer und dunkler, klarer die ältere Frau, als Auge das Passbild von einst, als sie schätzungsweise Mitte Zwanzig war. Und mitten auf der Stirn prangt der Stempel der Stadt Darmstadt, wo sie seit 1973 lebt und arbeitet.

Die Frau mit dem Faden – in der griechischen Mythologie war es Ariadne, die damit ihrem Liebsten aus dem Labyrinth heraushalf. In der Kunst, genauer: in der Collage und Fotografie ist es Annegret Soltau. Sie hat den Faden in die Kunst eingeführt, wie es keiner und keine vor ihr tat. Schere und Schnitt und Leim und Mischen der einzelnen Teile sind spätestens seit Dada probates Mittel der Kunst.

Aber der Faden, der schwarze Faden und die großen Stiche, die deutlich zu sehen sind und mit nichts kaschiert, sondern mutwillig gezeigt, als gäbe es da einen Widerstand, eine Aggression – unterschwellig oder nicht –, vielleicht gegen die sonst übliche Handarbeit und die veredelte Schönheit und das Bild der Frau, das Bild des Menschen, und vielleicht hat sie damit aus dem Mangel ihrer Kindheit herausgefunden und die damalige Beschränkung sich zu eigen gemacht, zu ihren eigenen Grenzen, um sich so an jene Grenzen heranzureißen, heranzuschneiden, die alle Menschen betreffen und denen wir einmal begegnen, Grenzen, die wir lieber nicht kennen möchten, weil sie schmerzlich sind wie die Erfahrung der kleinen Annegret, die sich Stich für Stich mit ihrer Nadel aus dem Heuhaufen herausgeschnitten hat, der ihr vertrauter war als lieb, vertrauter als Bildung und Unterstützung, denn das Kind musste helfen, Gedärme nähen, Keime trennen ... und Wissen war gut für andere, für sie ein spät, aus eigenen Stücken erreichtes Gut, mit dem sie sich neu geschaffen hat mitsamt dem Künstlerinnendasein als Radiererin, als Performerin, als Foto-Über- und -Vernäherin – dieses schwarze Garn ist Soltaus Leitfaden seit mehr als vierzig Jahren Kunst, mit der sie die Frage nach den Grenzen immer wieder neu stellt.

Sie heißt wie die niedersächsische Heidestadt, die das letzte Ziel sein sollte in dem gleichnamigen Kurzfilm von Peter Hümmeler, der Mitte Januar während der Regensburger Kurzfilmwoche gezeigt wurde – nachzusehen auf www.zeit.de/video/2012-01/1399303321001. Doch mit Idylle oder grenzenlosem Blick über die Erikaflächen hat die Künstlerin nichts im Sinn. Eher mit dem Gegenteil wie der Kurzfilm. Annegret Soltau zerreißt und zerschneidet Fotos, zerstückelt so Köpfe und Körper, vor allem von sich und von ihren Familie und fügt diese Stücke neu zusammen. Sie klebt nicht, sondern näht, flickt sie mit groben schwarzen Stichen. „Jeder Einstich“, schrieb Jean-Christophe Ammann, der frühere Direktor des Museums für Moderne Kunst Frankfurt, „ist wie ein Schmerz, dessen Vervielfachung Lust erzeugt“ oder der wie bei Soltau offenbart, was sonst drinnen geblieben wäre. Nähte, die die Nacktheit des Menschen nicht bedecken, sondern sichtbar machen, sichtbarer als auf Werbefotos und seine Verletzlichkeit, seine Verletzungen offensichtlich.

Die Frau mit den vier Zahnreihen bin ich beim Zahnarzt, die Angst hat vor der Spritze, dem Bohrer, dem Messer, dem Schnitt, der Nadel, die sich ausgeliefert fühlt und nicht sieht, was der Zahnarzt macht, nur die Instrumente, die immer größer werden und näher kommen, bis sie verschwunden sind in ihrem Mund und sie spürt, wie er spritzt und bohrt und schneidet und flickt und näht und absaugt und spült, und sie ist nur noch Mund, ist Zahnweh wie das Kind, das Bauchweh am ganzen Körper hat, weil es noch nicht unterscheiden kann und noch ohne Fassung ist und ohne Konzentration, das, wie Soltau es möchte, mit dem Körper denkt und noch keinen Unterschied kennt zwischen Innen und Außen, ich und du.

Ein Bild – ob gemalt oder fotografiert – hat Ecken und Kanten, sonst wär’s kein Bild – ich schreibe hier von der Regel und nicht von der Ausnahme wie dem Stickrahmen. Ecken können anecken und Kanten sich verkanten. Die einen sind hart, die anderen scharf, und mensch kann sich daran stoßen oder schneiden, sonst wären’s keine Ecken und keine Kanten. Wen also wundert’s, wenn er sich an einem Bild stößt, anstatt es als Anstoß zu nehmen?

Text: Dorina Zehn

Collagen aus der Nadel Annegret Soltaus sind bis 4. März in der Ausstellung „Entlang des Fadens“ im Kunst Archiv Darmstadt zu sehen. Zum reinMein-Artikel über die Ausstellung "Entlang des Fadens".  „A Woman’s Voice II“ in der Haleh-Gallery, Berg am Starnberger See bis 21. Februar.

„Ver-Bindungen“ – ein Film über Annegret Soltaus Aktion und Werkstattgespräch: 9. Februar, 19:30 Uhr, Kunst Archiv Darmstadt


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