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05.10.2013 09:29 Alter: 5 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Kunst aus der Dose: Die Buchmesse wirft Farben und Bilder voraus


Menschen, die noch nie im Museum waren, betreten Kunst an der Frankfurter Hauptwache. Das Figurenensemble schmiegt sich an die Rundung der Gehwege an. © Dorothée Mahringer

Menschen, die noch nie im Museum waren, betreten Kunst an der Frankfurter Hauptwache. Das Figurenensemble schmiegt sich an die Rundung der Gehwege an. © Dorothée Mahringer

Langgezogene Gestalten aus Gummi oder farbigem Rauch... © Dorothée Mahringer

Langgezogene Gestalten aus Gummi oder farbigem Rauch... © Dorothée Mahringer

... von ihren Geistern verlassen, scheinen sie über dem Boden zu schweben. © Dorothée Mahringer

... von ihren Geistern verlassen, scheinen sie über dem Boden zu schweben. © Dorothée Mahringer

Am 28. August 1983 wurde der Züricher Künstler Harald Naegeli verhaftet, der Vorwurf: Sachbeschädigung. Zwei Jahre lang war der „Sprayer von Zürich“ mit internationalem Steckbrief gesucht worden. Nun, zum 30-jährigen Jubiläum, sprayen aus der Ferne Angereiste in Frankfurt ganz öffentlich am Abend, vor allem aber bei Tag. Und pünktlich am 28. August postet die Schirn auf Facebook, die App fürs iPhone sei fertig: „The exhibition App #streetartbrazil available for free download on iTunes. Coming soon for Androids! #schirn #frankfurt #graffiti #streetart #itunes“. Die Buchmesse und Gastland Brasilien machen’s möglich.

Doch wer – außerhalb der Kunst- und Sprayerszene – kennt den Sprayer von Zürich noch? Wer erinnert sich an seine poetisch-hintersinnigen Strichmännchen? Zarte Geschöpfe aus der Sprühdose, monochrom in schwarz, die zunächst in seiner Heimatstadt Betonsäulen, graue Wände, triste Treppenaufgänge ... ansehnlicher machten. Später dann in der Bundesrepublik in Düsseldorf. Zum Nachsehen: www.zueri-graffiti.ch/harald_naegeli.htm. Seine so genannten Schmierereien machten ihn bekannt, brachten ihn aber auch neun Monate hinter Gitter und eine saftige Geldstrafe: 206.000 Franken Schadensersatz für seinen „intensiven deliktischen Willen“. Heute gelten sie als Kunst. Und die wenigen, die es in Zürich noch gibt, werden sorgsam ummalt und gepflegt.

Brasilien sei, kündet die Homepage der Buchmesse, ein Land voller Stimmen. Wer dieser Tage durch Frankfurt geht, sieht: Brasilianer und Brasilianerinnen treiben es schon jetzt ganz schön bunt. Dabei fängt die Buchmesse erst am 9. Oktober an. Sie setzen sogar Paragraph 303 Absatz 2, das Graffitiverbot, außer Kraft und verwandeln das Motto: Brasilien – ein Land voller Farben und Bilder. Frankfurt ist unter dem Zuckerhut. Der macht selbst vor so ehrenwerten und systemrelevanten Gebäuden wie dem Eingang der Deutschen Bank oder dem Polizeipräsidium nicht Halt. Ein Graffiti entsteht an der Fassade des Alten Polizeirpräsidiums in der Friedrich-Ebert-Anlage. Täglich konnten vorbeifahrende Pendlerinnen und Pendler beobachten, wie es wächst. © Dörthe KrohnDeren Glasscheiben oder Sandsteine werden zur Leinwand brasilianischer Street Art. Ganz legal und bezahlt drücken die Künstlerinnen und Künstler des Gastlandes auf den Knopf ihrer Sprühdosen und hauchen, blasen, spritzen mit oft bunten Farbtröpfchen ihre Fabelwesen auf Straßen, Wände, Türen, Fensterscheiben. Ganz offiziell dazu eingeladen und beauftragt stehen sie komfortabel auf Hubwagen und hinterlassen riesige bunte Bilder. Anders die Pixadores in São Paolo. Für ihre Graffitis riskieren sie buchstäblich Kopf und Kragen. Selbst in Flipflops und ohne Sicherung klettern sie zwölf Stockwerke hohe Gebäude hinauf, um etwa kopfunter ein Logo oder riesige Lettern zu sprühen, Zeichen zu setzen und das Elend der Megalopole sichtbar zu machen.

Monster ein Hampelmann? Detail des Graffitis von Jana Joana & Vitché. © Dorothée Mahringer Graffitis soll es übrigens schon im alten Ägypten oder im alten Rom gegeben haben, im untergegangenen Pompeji oder Herculaneum. Und Mao Zedong gilt seit 1915 als der Weltmeister des Graffiti: Seine Schmähschrift in den Waschräumen der Uni Changsha war viertausend Zeichen lang. Vor 45 Jahren, zur Zeit der Studentenbewegung, hieß es: „Les murs ont la parole“ – zu Deutsch: Die Wände tragen die Worte, haben das Wort, besser: Die Mauern reden. Und wie sie redeten. Inschriften überall. Im Mai 1968 besetzten die Studentinnen und Studenten zunächst in Paris mit Geist und Witz, Poesie und Utopie die Wände, später auch hierzulande. Ina Deter sang 1982: „Ich sprüh’s auf jede Wand, neue Männer braucht das Land ... male es auf jede U-Bahn.“ Damals war das illegal (wie heute) und wurde scharf geahndet. Doch kurz vor der Buchmesse haben Tinho und Onesto unter den Augen von RMV-Bediensteten einen ganzen Zug der Linie U5 nach Preungesheim besprayt – „Wholetrain“-Graffiti gilt als die Königsdisziplin der Sprayer.

Ausstellungsinfo: http://schirn.de

Text: Dorothée Mahringer

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