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12.08.2016 14:40 Alter: 1 Monat(e)
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Jugendstil im Wald


Andrea Loefke: „Platzwahl“, Foto: Dörthe Krohn

Andrea Loefke: „Platzwahl“, Foto: Dörthe Krohn

Karin van der Molen (Niederlande): „The Alchemist“, Foto: Dörthe Krohn

Karin van der Molen (Niederlande): „The Alchemist“, Foto: Dörthe Krohn

Myriam du Manoir (Frankreich): „Imprints“: Sie holte Erde von acht Bauernhöfen und Gärten der Region, formte Kugeln mit den Erden und nahm von den bewirtschaftenden Landwirt_innen und Gärtner_innen Fußabdrücke, Foto: Dörthe Krohn

Myriam du Manoir (Frankreich): „Imprints“: Sie holte Erde von acht Bauernhöfen und Gärten der Region, formte Kugeln mit den Erden und nahm von den bewirtschaftenden Landwirt_innen und Gärtner_innen Fußabdrücke, Foto: Dörthe Krohn

Gleb Tkachenko (Russland): „Wild Boar“, eine Hommage an das freie Wildschwein, das in den Wald gehöre, nicht in den Stall. Es blickt Richtung Europäische Zentralbank... Foto: Dörthe Krohn

Gleb Tkachenko (Russland): „Wild Boar“, eine Hommage an das freie Wildschwein, das in den Wald gehöre, nicht in den Stall. Es blickt Richtung Europäische Zentralbank... Foto: Dörthe Krohn

Am 13. August wird nun schon der 8. Internationale Waldkunstpfad in Darmstadt eröffnet. Wer in den vergangenen Tagen und Wochen zwischen dem Waldparkplatz am Polizeipräsidium, dem Herrgottsberg und der Ludwigshöhe spaziert, gewalkt, gejoggt oder geradelt ist, konnte zusehen, wie 17 neue Kunstwerke sich entwickelt haben, die von 22 Künstlerinnen und Künstlern aus 13 Ländern konzipiert und umgesetzt wurden. Nun sind sie fertiggestellt und bis zum 25. September offiziell ausgestellt.

 „Kunst Transformation“ heißt das diesjährige Motto. Es passt grundsätzlich zu  vergänglicher Kunst, die der Witterung ausgesetzt ist. Immerhin kann man sich noch an 28 erhaltenen Werken seit dem ersten Waldkunstpfad 2002 mit erfreuen. Von jedem einzelnen Stück, das schließlich irgendwann das zeitliche segnet, verabschieden sich die Veranstalterinnen des Pfads vom Verein für Internationale Waldkunst nur schweren Herzens.

Das „Luftschloss“ von 2012 ist ein Treffpunkt geworden, auch für die aktuellen Künstlerinnen und Künstler, die unterhalb des in den Wipfeln hängenden Objekts von Anne Berlit während der Entstehungsphase ihrer Kunststücke täglich gemeinsam ihr Mittagessen einnahmen. Über das Motto „Kunst Transformation“ sagt Kuratorin Ute Ritschel: „Es geht um die Verwandlung im Wald. Wie verändern wir den Wald mit Kunst, wie verändern die Besucher den Wald, und wie werden sie selbst durch Kunst und Natur verändert?“

Die Fragestellung sehr anschaulich, macht das US-amerikanische Künstlerduo Miller & Shellabarger. Aus Sonnenblumenkernen haben sie menschliche Umrisse gelegt, wie polizeiliche Kreidezeichnungen von Verletzten oder Getöteten. Vermutlich werden Vögel oder andere Tiere kommen und die Kerne früher oder später picken. So gelangt das Kunstwerk in die Nahrungskette, wird die Kunst Teil der Natur. Auch ihre Grabsteine aus Zucker werden schnell zerfallen, im Waldboden versickern oder von den Bienen entdeckt werden.    

Die Küntler_innen selbst stellen sich dem Thema, doch insbesondere auch dem Wald, genau genommen ihrem Waldstück, das ihnen Materialgeber und Ausstellungsfläche zugleich ist. Eine ganz eigene Sitzlandschaft hat Carmen Jacobo aus Mexiko geschaffen. Der Wald macht, so wie er ist, gestalterische Angebote. So kann aus einem Baumstumpf ein Thron, können Äste, Zweige und Lehm wie ein heruntergefallenes Vogelnest zusammengefügt werden, in das man sich hineinschmiegen kann.
Orte zum Verweilen und Schaukeln hat die italienische Skulpturen-Künstlerin Elena Redaelli hergestellt. Aus Schals, Webstoff, Spitze und Schläuchen knüpfte sie Kokon- und Nest-artige Sitz- und Liegegelegenheiten zwischen die Bäume. Damit brachte sie fast ein bisschen Wohnzimmeratmosphäre in den Wald.

Michael Fairfax installierte Zupfinstrumente. Direkt auf Baumstümpfe sind Klaviersaiten gespannt. Wenn man das Ohr an das Holz oder die Wurzel legt und die Saite zupft, wird ihr Klang verstärkt. Auch taube Menschen könnten den Klang wahrnehmen, erzählt der Sound-Künstler aus Großbritannien.

Kunst mit Darmstadt-Bezug haben u.a. die in New York lebende Andrea Loefke und die Österreicherin Sabine Maier in den Wald gebracht.
Andrea Loefke malte Jugendstilmotive auf Baumschnittflächen. Sie habe zunächst geeignete, herumliegende Bäume ausgesucht und dann durch diverse Bearbeitungsschritte glatte Schnittflächen geschaffen. Mehrere Farbschichten und am Ende ein Klarlack vollendeten die wie Porzellanmalerei wirkenden Jugendstilmotive, die ursprünglich ja die Natur als Vorbild hatten: Ranken, Blüten, Blätter. Florale Ornamente zieren die Architektur und Gebrauchsgegenstände des Jugendstils, der in Darmstadt zuhause ist. Nun sind die künstlerischen Naturmotive des Jugendstils zurück in die Darmstädter Natur gebracht worden.

Sabine Maier bestückte den Goetheteich mit Silhouetten der Köpfe geistreicher Frauen und Männer aus dem „Kreis der Empfindsamen“, einem literarischen Freundeskreis um 1770 herum, initiiert vom Darmstädter Herausgeber, Redakteur und Schriftsteller Johann Heinrich Merck. Aus dem Buch „Die Empfindsamen in Darmstadt. Studien über Männer und Frauen aus der Wertherzeit“ von Valerian Tornius, erschienen Leipzig 1910, entnahm die Künstlerin die Köpfe für ihre Installation „Im Schatten der Empfindsamen“. Mit dabei u.a.: „Die Leiden des jungen Werthers“-Verfasser Johann Wolfgang von Goethe, genannter Merck, die Schriftstellerin, Salonnière und Herausgeberin des ersten „Magazins für Frauenzimmer“ (Pomona für Teutschlands Töchter) Marie Sophie von La Roche, Johann Gottfried von Herder, seine Frau Maria Caroline Flachsland und Karoline von Hessen-Darmstadt.

Zum Rahmenprogramm des Waldkunstpfads gehören Führungen und Künstlergespräche für Groß und Klein. Alle Infos gibt es hier: http://2016.waldkunst.com/

Text: Dörthe Krohn


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