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25.09.2013 19:16 Alter: 5 Monat(e)
Kategorien: Kultur

GEDOK-Hommage an Meret Oppenheim


Tasse von Eva Giersiepen © Dörthe Krohn

Tasse von Eva Giersiepen © Dörthe Krohn

Steckenmänner von Michaela Haas © Dörthe Krohn

Steckenmänner von Michaela Haas © Dörthe Krohn

Ausstellungseröffnung im Kelkheimer KunsTraum © Dörthe Krohn

Ausstellungseröffnung im Kelkheimer KunsTraum © Dörthe Krohn

Meret Oppenheim wäre am 6. Oktober 100 Jahre alt geworden. In ihrer Hommage an die als Surrealistin etikettierte Künstlerpersönlichkeit zeigen sechs Künstlerinnen des Künstlerinnennetzwerks GEDOK Frankfurt Rhein Main noch bis zu Meret Oppenheims Geburtstag ihre sehr persönlichen künstlerischen Stellungnahmen im KunsTraum44 in Kelkheim. Dabei nehmen sie ebenso Bezug auf die berühmte Tasse mit Garzellenfell wie auf Oppenheims Traumtagebücher, ihr Design-Talent oder ihre damaligen Künstlerkollegen.

Szenografin Eva Giersiepen baut "Luftschlösser", aufblasbare Formen aus hauchdünnen Plastikfolien. Für Oppenheim hat sie aufblasbares Frühstückgeschirr entworfen. Eine luftige Tasse ist ebenso alltagsuntauglich wie eine mit Fell beklebte Tasse. Die Pelztasse von Meret Oppenheim sei einst von André Breton vereinnahmt worden, so Dr. Eva Bambach, die am Vormittag des Wahlsonntags in die Ausstellung einführte. Der nannte das einstige Trinkgefäß Déjeuner en fourrure (Frühstück im Pelz). Es wurde 1936 für die Sammlung des Museum of Modern Art in New York erworben und in der Ausstellung "Fantastic Art, Dada, Surrealism" präsentiert. Die Pelztasse machte Oppenheim einerseits berühmt, andererseits lähmte der plötzliche Erfolg die junge Frau. Sie war 1932 mit einer Freundin von Basel nach Paris gegangen um die Kunstakademie zu besuchen, arbeitete dann aber lieber frei an Zeichnungen, Gemälden, Collagen und Objekten. In den Pariser Künstlercafés und bei Ausstellungen lernte sie Hans Arp, Alberto Giacometti, André Breton, Max Ernst, Marcel Duchamps, Yves Tanguy, Man Ray und andere kennen. Um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können fertigte sie ab 1936 Fantasieschmuck, unter anderem aus Fell bzw. mit Fellbesatz. Die Pelztasse war eine Spielerei nach Oppenheims Plauderei mit Pablo Picasso und dessen Freundin Dora Maar. Die luftige Tasse von Eva Giersiepen ver-körpert diese Spielerei, die Leichtigkeit des Spiels, die (künstlerische) Freiheit, die, wie Meret Oppenheim Jahre später resümierte, einem nicht gegeben werde, sondern die man sich nehmen müsse.

Die Pelztasse ist Bezugsobjekt auch für andere Arbeiten der GEDOK-Künstlerinnen. Nicht umhin zu Schmunzeln kommt frau und mann bei Barbara Heier-R.s "Alptraum" bei dem das gute Stück des Mannes wie ein kleines Pelztierchen aus dem Jeansschlitz lugt. Sie kombiniert Alltagsmaterialien und Alltagsgegenstände neu und macht aus ihnen rätselhafte Objekte, die fortan eine vollkommen andere Wirkung als die Ausgangskomponenten haben können. Fell, Haare oder Federn, die für sich genommen einen erotischen Reiz haben können, lösen in einem neuen Kontext möglicherweise Abscheu aus.

Auch eine fellbezogene Toilettenbrille ist nicht unbedingt ein Beitrag, der eine_n auf einem stillen Örtchen entzücken würde. Doch das Modell der Carl Cayman Group, die sich der "Ästhetik des Humors" verschrieben hat, hängt wie ein Bilderrahmen hoch an der Wand und es ist nicht zu befürchten, dass die plüschige WC-Brille in Serienproduktion geht.  

Bereits im Alter von 15 Jahren protokollierte Meret Oppenheim ihre Träume in Traumtagebüchern. Auch Mitausstellerin Brigitte Stein schreibt seit ihrer Kindheit Träume auf. Im Traum wird der Traum als vollkommen real empfunden. "Ich muss noch die Orangen falten" erscheint als eine ernsthafte Aufgabe. Ihre Bilderserie sind quasi Faltanleitungen für das runde und saftige Schalenobst,  wobei wie beim Origami Sorgfalt oberstes Gebot ist. Ob die Faltungen zu Orangen oder die Orangen zu Faltungen werden, ist nicht wirklich ersichtlich. Auf die Handarbeit kommt es an, eine konkrete Handarbeit, die praktisch im Bereich des Unmöglichen getätigt wird.   

Mit Worten aus Traumtagebüchern, Werktiteln und Aussagen von und über Meret Oppenheim beschäftigt sich Iris Welker-Sturm. Lettern und Worte werden zu Textbildern und Textobjekten. Die sich selbst als "Wortstellerin" bezeichnende Welker-Sturm präsentiert leere Papiertüten mit Buchstaben darauf. Inmitten der Tüteninstallation finden sich Texte wie Gedichte, die der Biografie von Meret Oppenheim nachspüren.

Meret Oppenheim kehrte 1937 aus Paris zurück nach Basel und wurde Mitglied der antifaschistischen Künstler-"Gruppe33". Wieder in Basel entstand ihr Ölgemälde "Die Steinfrau". Michaela Haas hat ihre "Steinfrau" aus Steinen gelegt auf denen sich archaisch anmutende Tierzeichnungen befinden. In einer weiteren Arbeit setzt sie sich mit Oppenheims Männerbekanntschaften und den Surrealisten auseinander, mit Man Ray, Max Ernst, Salvador Dali, André Breton, Tristan Tzara, René Crevel, Yves Tangy, Hans Arp und Paul Eluard, von denen es ein gemeinsames Foto gibt. Sie dienen als Vorlage für Haas' "Steckenmänner", ebenfalls neun an der Zahl. Ihren Arbeiten insgesamt liegt die Idee von Oskar Kokoschkas lebensgroßer Puppe seiner großen Liebe Alma Mahler zugrunde. Zudem ist sie fasziniert von afrikanischen Fetischfiguren und Figuren anderer Kulturen. Die Köpfe ihrer "Steckenmänner" haben strohgestopfte Nasen, tragen Strick, Filz, Zierbänder oder Texttextil und sind Keinohr- oder Pinsel-im-Kopf-Männer.       

In ihrer Pariser Zeit war Oppenheim mit dem 22 Jahre älteren Max Ernst zusammen. Man Ray, für den sie Modell stand, wies künstlerisch schöpfenden Frauen lediglich die Rolle der Muse zu. "Es war mir, als würde die jahrtausendealte Diskriminierung der Frau auf meinen Schultern lasten, als ein in mir steckendes Gefühl der Minderwertigkeit.", kommentierte Meret Oppenheim ihre Lage. Sie wollte sich künstlerisch emanzipieren, doch etwa bis 1954, zwischenzeitlich heiratete sie Wolfgang La Roche, dauerte ihre Schaffenskrise. Erst 1967, anlässlich einer großen Retrospektive ihres Werks in Stockholm, wurde sie wiederentdeckt. 1975 erhielt sie den Kunstpreis der Stadt Basel und begann ihre Dankesrede wie folgt: "Es ist nicht leicht, ein junger Künstler zu sein. Wenn einer in der Art eines anerkannten Meisters arbeitet, eines alten oder eines zeitgenössischen, dann kann er bald zu Erfolg kommen. Wenn einer aber eine eigene, neue Sprache spricht, die noch niemand versteht, dann muss er manchmal lange warten, bis er ein Echo vernimmt. Noch schwieriger ist es, immer noch, für einen weiblichen Künstler."

Insofern dürfte die GEDOK-Ausstellung im Kelkheimer KunsTraum44 ganz in Meret Oppenheims Sinne sein: Regionale Künstlerinnen unterschiedlicher Spaten schaffen mit ihren ureigenen Werken Raum für Gedanken an und über Meret Oppenheim, ihre Kunst und darüber hinaus.   

Ausstellungsdauer bis 6. Oktober 2013
Ausstellungsgespräch: Freitag, den 4. Oktober um 20 Uhr  
Ort: KunsTraum44, Breslauer Str. 44, 65779 Kelkheim
Öffnungszeiten: Donnerstag 15 bis 18 Uhr, Samstag 15 bis 18 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr

Text: Dörthe Krohn


Weiterlesen:
www.meret-oppenheim.de

www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/meret-oppenheim/

Noch bis zum 1. Dezember 2013 ist im Martin-Gropius-Bau in Berlin eine große Retrospektive der in Berlin gebürtigen Surrealistin zu sehen.


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