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09.02.2013 07:15 Alter: 6 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Eine kleine Straßenkunde


Straßenschild: Platz der Republik © Dörthe Krohn

Straßenschild: Platz der Republik © Dörthe Krohn

Nicht nur das Bild einer Stadt, ihrer Straßen und Plätze sind prägend für denjenigen, der sie durchstreift. Häufig beeindruckt auch die Benennung von Orten, und so manches Mal fragt man sich verwundert, welchem Zufall oder Schicksal die eine oder andere Straße ihren Namen zu verdanken hat. Es lohnt ein Blick auf das Frankfurter Stadtbild, der gleichzeitig auf eine besondere Art Geschichte erfahrbar macht.

Insbesondere Politik und Geschichte sind Hintergründe dafür, wie ein Ort benannt wird – oder eben nicht. So auch im aktuellen Fall des kleinen Platzes zwischen der Kurt-Schumacher-Straße und der Großen Fischerstraße, der zurzeit namenlos ist. Vor vier Wochen hatte der Ortsbeirat einstimmig beschlossen, ihn nach dem Philosophen und Publizisten Arthur Hübscher (1897 – 1985) zu benennen. Jetzt zog das Stadtteilparlament den Vorschlag einstimmig zurück. Nachforschungen ergaben:  Der Mann war Mitglied in der NSDAP.    

Erst seit 1990 sind es die jeweiligen Ortsbeiräte, die Entscheidungsgewalt über die Straßenbenennungen haben. Doch können sowohl der Magistrat als auch Frankfurter Bürger ihre Vorschläge unterbreiten. 1923 war das noch anders. Seinerzeit oblag dem Magistrat die Hoheit, der, politisch motiviert, den damaligen Hohenzollernplatz zu Ehren der neuen republikanischen Staatsform in Platz der Republik umbenannte – und damit die Tradition fortsetzte, eine Straßenkreuzung namentlich in den Rang eines Platzes zu erheben. Eine Fotografie aus dem Jahr 1912 beweist, dass der Platz der Republik schon eine Kreuzung war, als er noch Hohenzollernplatz hieß. Womit naheliegt, dass die Stadt Frankfurt dem preußischen Adelsgeschlecht ebenso pragmatisch begegnete, wie der Weimarer Republik. 

1933 geschah dann in Frankfurt, was überall in Deutschland geschah: die sogenannte nationalsozialistische Anpassung des Stadtbildes, die sämtliche Straßen und Plätze mit dem Namen von Nazi-Größen versah. Dies wurde auf Anweisung des US-amerikanischen Generals Eisenhower 1945 wieder rückgängig gemacht, und neben der Denazifizierung sollte endlich auch die Entmonarchisierung des Stadtbildes aus der Weimarer Zeit vollendet werden.

Daher wurde 1947 die historische, nach Kaiser Wilhelm I benannte Kaiserstraße zu Ehren des sozialdemokratischen Politikers in Friedrich-Ebert-Straße umgetauft – analog zur Umbenennung der Kronprinzenstraße in die Münchner Straße. Doch hatte der Magistrat die Rechnung ohne die Frankfurter Bürger gemacht, die auf „ihre“  Kaiserstraße nicht verzichten wollten. David Szlomowicz, Inhaber eines Uhrengeschäfts auf der Kaiserstraße, erinnert sich und begründet es damit, dass die Frankfurter dem Kaiser dankbar waren, „weil er sich für den Bau ihres Hauptbahnhofs eingesetzt hat“. Dass sie daher in Nacht- und Nebelaktionen die Schilder überklebten und selbst eine konzentrierte Verfolgung durch die Exekutive das renitente Treiben nicht stoppen konnte, leuchtet vor diesem Hintergrund ein. 1955 gab die Stadt den Frankfurtern denn auch ihre Kaiserstraße zurück, und, wie Szlomowicz betont, hätte sie „immerhin dem Ebert eine ganze Anlage geschenkt“.

Das ist bei weitem nicht der einzige strittige Fall. Beispielhaft sei an die erfolglose Umbenennung der historischen Untermainbrücke erinnert, die 1963 zu Ehren des ermordeten John F. Kennedy laut Vorschlag des Magistrats seinen Namen tragen sollte. Zahlreiche Bürgerproteste führten schließlich zu dem Kompromiss, die Forsthausstraße in Kennedyalle umzutaufen. Bei der Obermainbrücke waren die Befürworter historischer Namen weniger erfolgreich. Hans Heilmann, damals Ortsvorsteher, erinnert sich, dass die Ortsbeiräte gegen eine Umbenennung votiert hatten. „Keine der Brücken war damals einer Persönlichkeit gewidmet. Doch wir haben keinen großen Aufstand gemacht. Das hätte uns nur in die falsche Ecke gedrängt“, erzählt er. Der Magistrat setzte sich schließlich durch und benannte die Brücke 1999 nach dem verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis

Hier war kein Ortsbeirat direkt zuständig, ebenso wenig 1993, als wieder der Magistrat die Umbenennung des scheinbar traditionsreichen Theaterplatzes in Willy-Brandt-Platz vorschlug. Es hagelte erneut Proteste, denn den Kritikern war nicht bewusst, dass der Ort erst seit 1964 Theaterplatz hieß. Davor ging man von 1902 an Am Schauspielhaus flanieren. Doch manch einer wird sich ins Fäustchen gelacht haben, als Oberbürgermeister Andreas von Schöler die Schilder des neuen Willy-Brandt-Platzes enthüllte. Der Fehlerteufel hatte zugeschlagen und aus dem Sozialdemokraten Willy einen Willi gemacht. Ob Willy Brandt über diesen Fauxpas auch gelacht hätte, ist ungewiss, doch amüsierte sich immerhin die ganze Republik über Frankfurt. 

Im Falle einer kleinen Gasse war es 2002 der ehemalige Zoodirektor Dr. Christian Schmidt, der sich für einen Barodapfad einsetzte. Harald Dechert, 36 Jahre lang  Tierpfleger im Zoo, erzählt, dass der „Verbindungsweg zu den Wirtschaftsgebäuden vorher gar keinen Namen“ hatte. „1984 war die Elefantendame Baroda die letzte ihrer Art in Frankfurt und musste aus Einsamkeit in den Hamburger Zoo übergesiedelt werden“, sagt Dechert. „Als sie 2002 verstarb, nahmen Dr. Schmidt und andere Bürger dies zum Anlass, den Namensvorschlag einzureichen.“ Und das mit Erfolg.

Namensnester

Ein Schlüsselwort der Straßenbenennung sind sogenannte Namensnester, die die Einheit eines Gebiets unterstreichen sollen. Neueres Beispiel ist das Europaviertel. Laut Ortsbeiratsmitglied Wolfgang Kreickmann hätten die Investoren die Straßen lieber konsequent nach Handelsnamen getauft, doch habe der Ortsbeirat von seinem Entscheidungsrecht Gebrauch gemacht. „Wir wollten europäische Hauptstädte, und als das erste Hotel an einer Straße stand, die einen Namen brauchte, haben wir uns mit der Osloer Straße durchgesetzt.“ Mittlerweile sind sämtliche Straßen vor Ort nach Metropolen benannt, während nur ein paar hundert Meter weiter die Menschen in der Koblenzer oder der Speyerer Straße im provinzielleren Namensnest wohnen.  

Ein weiteres Namensnest gibt es auch in der Siedlung am Westhafen. Hier lebt der Frankfurter mit Blick auf den Main Nähe Flusskrebssteg im Bachforellen- oder Karpfenweg. Es ist zwar selten, doch soll sich im Main tatsächlich der eine oder andere Karpfen verirren. Auch hier waren zunächst Namen wie Werftstraße im Gespräch, die sich an der Speicherstraße orientiert hätten. Doch habe man sich, wie  Kreickmann erzählt, „zusammengerauft und auf das Naheliegende besonnen: die Fische“.  

Vergeblich nach einem einheitlichen Profil sucht der Flaneur am äußersten Ende von Nieder-Eschbach, wo die Bert-Brecht-Straße den umliegenden Acker begrenzt. Die U-förmige Straße mit schmucken Einfamilienhäusern liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Rilke- und der Leo-Tolstoj-Straße. Dass von Letzterer noch die Budapesterstraße abgeht, die eine von Frankfurts Partnerstädten würdigt, stiftet nur mehr Verwirrung. Es ist ein ziemlich wilder Mix da draußen, und ob die Randlage der Bert-Brecht-Straße auf Brechts Exil von 1933 bis 1948 verweist, oder sich der 1972 eingemeindete Ort erst vergrößern musste, um den Lyriker und Dramatiker im Straßenbild zu verewigen, mag sich jeder selbst beantworten. Brecht wäre hier aus dem Rahmen gefallen, und sicher ist, dass er es im Gegensatz zum Deutschlandlied-Texter Hoffmann von Fallersleben oder dem Heimatschriftsteller Ludwig Ganghofer nicht ins noble Frankfurter Dichterviertel geschafft hat. 

Vielleicht hätte Bertolt Brecht am besten in den Riederwald gepasst. Südlich des Bornheimer Hangs findet sich die Riederwald-Siedlung, die Anfang des 20. Jahrhunderts vom Volks-Bau- und Sparverein gegründet wurde. Sie war von Beginn an als Arbeiterviertel angelegt und galt nicht nur während der Weimarer Republik als ausgesprochen rot. Hier liegt die Karl-Marx-Straße, eine nach dem berühmten Philosophen und Nationalökonom benannte Sackgasse, die von der Lassallestraße, zu Ehren des sozialistischen Politikers Ludwig Lassalle, gekreuzt wird. Diese bewegt sich auf den Engelsplatz zu, den der Architekt Ernst May funktional in den Grundrissen gestaltete. Mays Anliegen war der Bau von erschwinglichem Wohnraum, der ohne übermäßigen „Architektentrost“, sprich Begrünung, auskommt. „Ob das jetzt schön ist, weiß ich auch nicht“, äußert denn auch eine Passantin auf die Frage nach dem Baustil. Nördlich verläuft die Raiffeisenstraße, benannt nach Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Mitbegründer der genossenschaftlichen Bewegung in Deutschland und Namenspatron der Raiffeisenorganisation. 

Überhaupt sind hier sämtliche linken Vordenker und Politiker wie selten so harmonisch in einem Gesamtbild vereint – doch wer ist sich dessen überhaupt bewusst? Der Betreiber einer Trinkhalle auf dem Johanna-Tesch-Platz hat keine Ahnung, dass der Platz nach einer Sozialdemokratin benannt ist, die im KZ Ravensbrück ermordet wurde. „Ich bin erst neu hier“, rechtfertigt er sich, um hinzuzufügen: „Seit 13 Jahren.“ Nun, die Frau mittleren Alters, die aus einem Auto in der Karl-Marx-Straße steigt, hat von Marx, „ich wohne aber um die Ecke“, auch noch nie etwas gehört. Doch eine ältere Dame weiß, dass das „alles Sozialisten“ sind. Und das macht ihr gar nichts aus. „Das hat Tradition; die hängen doch schon immer hier.“  

Wer fehlt

Im Gegensatz zu fast jeder großen oder auch mittelgroßen Stadt gibt es in Frankfurt nicht einmal einen Gang in der B-Ebene, der nach dem Preußen Otto von Bismarck benannt ist. Dieser hatte es sich wohl bereits 1866 für alle Zeiten mit Frankfurt verscherzt, als er die seinerzeit Freie und während des Deutschen Krieges neutrale Stadt annektierte und sie in den preußischen Staat zwangseingliederte. Bismarck war die Frankfurter Gesellschaft stets zu liberal gewesen. Statt seiner wird hingegen der letzte Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt, Karl Konstanz Viktor Fellner, gewürdigt, der einer Straße im südlichen Westend seinen Namen gab. Er hatte ob der preußischen Okkupation den Freitod gewählt.  

Text: Katja Thorwarth

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