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22.02.2012 16:10 Alter: 10 Monat(e)
Kategorien: Kultur

Der Gärtner ist der Fotograf und der Fotograf ein Schmetterling, der flattert von Motiv zu Motiv – ein Wildwuchs von Text


© Erbengemeinschaft Arno Fischer

© Erbengemeinschaft Arno Fischer

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© Erbengemeinschaft Arno Fischer

Kodak ist tot. Vor vier Wochen ist der Fotopionier an akutem Mangel an Zelluloidknispern gestorben. Die Kamerasparte des amerikanischen Mutterkonzerns ist eingegangen wie eine Primel im kornlosen Gestöber von Abermillionen Pixeln. Doch die Filme in der gelben Schachtel soll es ebenso weiterhin geben wie die des einstigen Rivalen Agfa aus Leverkusen, der schon 2005 aus dem Markt schied. Die Firma Polaroid, die mit den Sofortbildfilmen und -kameras, die ihren Namen der Gattung gab, ist seit 2008 tot wegen Nichtkaufenden. Arno Fischer ist seit 13. September vergangenen Jahres tot. Und mir ist ganz schlecht, wenn ich aufs Thermometer und in den Kalender und aus dem Fenster schaue: Winter und kein Ende. Kaum auszuhalten. Ohne Sonne und das Fotobuch „Der Garten“ jedenfalls nicht. Und der Frühling lässt auf sich warten. Immer noch und noch.

Aber so fängt man einen Text nicht an, frau schon gar nicht. Das Negative wollen die Lesenden nicht lesen. Und wo bleibt da – um mit Kästner zu fragen – das Positive? Das ist es doch, was wir lesen, hören, wissen wollen. Das Schöne, das Erbauende, das Bejahende, das Fruchtbare, dem viele hoffnungslos verfallen sind. Ich auch. Das kommt noch. Das gehört nicht nur dazu. Das hat sogar den Löwenanteil, was schreibe ich: Es hat das größte Beet das gute alte Schöne, von dem ich berichten werde, wohlgefällig und schön angelegt. Denn hier geht es um nichts anderes als ein Buch mit dem ebenso schlichten wie anspruchsvollen Titel: „Der Garten“. Nicht ein Garten oder mein Garten. Nein, selbstbewusst, fast auftrumpfend: der Garten, Artikel bestimmt. Der Garten an sich? Der Garten schlechthin? Der Garten als Gleichnis der Erde, für Werden und Vergehen, das verlorene, das verwunschene Paradies?

Alle haben einen Garten. Claude Monet hatte einen Garten, in dem er Stunden verbrachte und seine Seerosen immer wieder (ab)malte. Für ihn war sein Garten auch Atelier. Goethe hatte einen Garten samt Haus – zunächst an der Ilm, dann am Frauenplan in Weimar, in dem er viel anbaute, Gemüse und Erdbeeren zum Beispiel, und viele Verse schrieb, Teile des Tasso zum Beispiel oder das Gedicht „an den Mond“. Fürst Pückler, der grüne Fürst, hatte riesige Gartenanlagen, mehr als einen Park. Für ihn war sein Garten Herz und Kunst: „Wer mich ganz kennen lernen will, muss meinen Garten kennen, denn mein Garten ist mein Herz.“ Könige und Herzöge hatten selbstverständlich ebenso ganze Parks. Und viele Städte haben ihre Bundesgartenschauen, in denen die Beete paradieren, die Blumen bunte Röcke tragen, Sträuße miteinander ausfechten, Schilf Rohr auf Rohr steckt, die Nelke die Hundsveilchen neckt und der Trompetenbaum ohne Puste ist. Und Arno Fischer hatte einen Garten, 2.500 Quadratmeter um sein bescheidenes Bauernhaus mit Teich und Hunden und Katzen und Vögeln und Blumen und Bäumen. Für ihn war sein Garten Fotostudio und Refugium und sicher auch sein Herz.

Mein Garten liegt zwischen grauen, leinenbezogenen Buchdeckeln. Er ist leicht, 890 Gramm schwer und liegt griffbereit neben meinem Bett. Immer liegt er da. Und er birgt mehr als zweihundert Einzelfotos. Schon oft habe ich angefangen, sie zu zählen. Aber dann verliere ich mich wieder zwischen drei Bildern und gerate in melancholisch-poetisches Gelände außerhalb von mir und der Welt mit ihren strukturierten Erfordernissen, einen Garten sondergleichen. Nicht irgendeinen Garten, sondern den Garten, der einmal der Garten war von Arno Fischer, dem großen Fotografen der DDR, der der Mann war von Sibylle Bergemann – hier gab es eine Besprechung ihres Fensterbuchs – und ihr Lehrer und der vieler heute erfolgreicher Fotografen in Ost und West – über eine wird demnächst berichtet werden.

Dieser Arno Fischer, der zu Beginn des neuen Jahrtausends mit dem deutschen Nobelpreis der Fotografie, dem Erich-Salomon-Preis ausgezeichnet wurde und 2010 mit dem Hannah-Höch-Preis für sein „hervorragendes künstlerisches Lebenswerk“, hat drei Jahrzehnte lang seinen Garten fotografiert. Und er hat ein Buch hinterlassen, dass seit seinem Erscheinen 2007 wie geschrieben neben meinem Bett liegt und mich vor dem Winter und dem Sterben am Winter und dem Frieren und der trüben Stimmung und dem Grauen des triefenden und schniefenden Himmels rettet. Wieder und wieder.

© Erbengemeinschaft Arno FischerUnd dann ist es „Zeit für den Abend im Lampenlicht (Der Abend mit dem Foto-Album)“, wie T. S. Eliot schreibt und wie das Buch beginnt. Der Abend, der auch Tag sein kann und Nacht. Dann öffnet das Buch seine Pforte, eine verwunschene Holztüre denke ich mir, verwittert und knarzend und lässt mich ein in dieses magisches Stück Erde in Gransee, 70 Kilometer von Berlin entfernt, das einmal einfach ein Garten war, aus dem Arno Fischer und Sibylle Bergemann ein kleines Paradies geschaffen haben müssen. Das jedenfalls sagen die Fotos, die kaum handtellergroß zu Triptychen arrangiert Ort und Zeit vergessen lassen und Winter und Kälte und. Triptychen – das klingt nach Altar, nach der Ordnung an sich, nach Endgültigem. Ich sehe und verstehe die drei Polas, die da seitenweis nebeneinander stehen als Gruppe von Individuen, als ähnlich schwingende Möglichkeit verschiedener Momente aus dem Band der Zeit. Dann hat Polaroid aus Fischers Kamera Saison und die schnelle Blume der Fotografie und jene flüchtig erscheinende Poesie, die wie Sonnenstrahlen im Wasser bunte Reflexe auf der krausen Oberfläche zu zeichnen versucht. Miniaturen in dezenter Couleur, ohne Photoshop- oder chip-gesättigte Farben.

Dieses Buch schneidet butterweich ein Stück aus dem dürren Licht des Februar, reißt ein Loch aus dem Winter, durch das guckt der Frühling herein, wehen leise Glöckchen nahende (Garten)Freuden heran. Es ist ein Bilderbuch, ein Fotobilderbuch, ein Gartenbilderbuch, das sich auf das verlässt, woraus es gemacht ist: auf seine Sofortbilder. Es kommt fast ganz ohne Worte aus. Am Anfang steht ein Gedicht von Thomas Stearns Eliot, dem amerikanischen Literaturnobelpreisträger von 1948. Und am Schluss ein Prosagedicht nach Baudelaires Leben der Steine von Thomas Martin, einem zeitgenössischen Schriftsteller. Dazwischen nichts als Fotos. Polaroids, kurz Polas, von einer Gartenbank, einer rostigen Radspeiche, einem verwitterten Korbsessel, einer gesprungenen Scheibe, einem blätterumrankten Gartenstuhl, von kleinen Pilzen in Blütenform, Ohr und Auge und Maul von Törty, einer mächtigen Kuh, wie vielfach zu lesen ist, um die Journalisten und Freunde allerlei schwarzes Garn sponnen, die Fischer mal einem Bauern abgekauft hat, der sie prügelte, mal einem Förster, mal einem Metzger auf dem Weg zum Schlachter. All diese Geschichten und noch mehr, die uns die Fantasie vorgaukelt, liegen in diesen Fotos, die doch nur ein Stück Wirklichkeit zeigen, wie wir es ohne Fischer und seine Polaroidkamera nicht gesehen hätten.

Es ist ein Buch, das mich an der Herkunft des Wortes Garten zweifeln lässt, das nach Adelung „ehedem ... für betteln gebraucht wurde“ und von umgürten komme. Mir scheint, als hinge das Wort vielmehr mit garen zusammen. In diesem Buch ist nichts halbgar oder ungar. Beim ersten Blick auf diese Fotos habe ich angebissen und hänge seither am Haken. Sie sind ganz und gar gefunden und komponiert, denn „die Welt ist Komposition“, wie Fischer sagte. Vor allem aber sind sie gefühlt. So wie Arno Fischer es immer wieder betont haben soll: Man müsse Fotos erfühlen. Die umschmeichelnden Augen des Fotografen schauen wie elektrisiert aus den Polas, und die fotografierten Objekte schauen zurück. Manchmal schauen die Dinge, guckt die Natur zurück. Dann sehen mich die Blätter, die Steine, das alte verrottete Stück Holz an und werden Gesicht, Fotogedicht, werden Auge und Mund. Dann wird aus einem Stück Schnee das kleine Gespenst und der bemooste Stein ist das Selbstporträt von Arno Fischer. Dreißig Jahre lang hat er wieder und wieder einen Stein abgelichtet, als wär’s ein Stück von ihm, als wär’s sein Alter Ego, nur härter als er. „Das ist eigentlich ein Selbstporträt. Der sieht meistens so traurig aus. Mal ist er im Sonnenschein glücklich, dann liegt er wieder im Schnee.“

© Erbengemeinschaft Arno FischerVon Fischers Garten ranken sich die Gedanken zu Emily Dickinson, der großen Lyrikerin, die den Garten ihres Elternhauses nach dem 30. Lebensjahr nicht mehr verlassen hat und ihn erforschte und beschrieb – ähnlich wie Fischer, der nach der Wende ganz nach Margaretenhof zog und sich noch mehr dem Gärtnern widmete und Gedichte für die Augen schuf, dicht und still und leise summend oder brummend. Manchmal auch weinend wie der Stein, von dem es ein Dutzend Bilder gibt. Auf Augenhöhe mit ihm und den fotografierten Dingen und Arnos Schülern, der sich beim Vornamen nennen ließ, und das Besondere, das Eigene im anderen immer im Blick. „Blüten, die mir ähnlich sind, will ich nicht züchten.“ Und so flatterte er wie alle Fotografen wie ein Schmetterling „von Bild zu Bild“, wie Cartier-Bresson sagte, der Meister der Schnappschüsse, der auf Fischers Sofa saß am Schiffbauerdamm. Robert Frank, René Burri, Karol Kallay und Josef Koudelka – „auf Arnos Sofa saßen sie alle – alle großen Fotografen dieser Welt. Egal ob Henri Cartier-Bresson oder Helmut Newton. You name it. Ein Fotograf, der die DDR besuchte, kam zwangsläufig bei Arno vorbei.“ So Harald Schmitt, Fischers Freund, Reportagefotograf für den Stern.

Und so wuchert der Text weiter nach Berlin zur privaten Fotoschule „Fotografie am Schiffbauerdamm“, die Fischer zusammen mit sechs anderen Bildbesessenen gegründet hatte. Das war 2001. Heute ist daraus die „Neue Schule für Fotografie“ geworden, und in der „Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung“ hat sie 2005 einen Ableger gefunden, sodass die Hauptstadt mit zwei derartigen Ausbildungseinrichtungen gesegnet ist. Das Besondere beider Schulen: Dort studieren auch Menschen jenseits des Studentenalters, die ihre Frau oder ihren Mann im Beruf stehen und sich wie die New Yorker Bilder ansehen von einem Garten in Margaretenhof, dem sehr schönen Buch von Arno Fischers „Der Garten“, das es auch im MoMa in New York zu kaufen gab. Es ist nicht das neuste Buch. Aber seit seinem Erscheinen 2007 sind nur zwei Gartenfotobücher herausgekommen. Dieses Jahr soll es gleich vier neue geben. Aber sicher keines, das lyrischer ist, das die ausgereiften und auserlesenen Früchte eines Alterswerks zu bieten hat.

„Wär ich ein wilder Apfelbaum / Gäbe es Freude auf Erden, / Gäbe es kein Trauern, Leiden, / Und die Lächelnden schmerzte nicht / Mehr das ewige Verscheiden.“ Mit diesen Zeilen des ungarischen Dichters Attila Jószef sehe ich Arno Fischer als Apfelbaum, unter dem seine Schüler und Freunde in seinem Garten säßen und von seinen Früchten äßen.

Text: Dorina Zehn

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