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06.07.2013 00:00 Alter: 7 Monat(e)
Kategorien: Gesellschaft

Aktiv gegen Fluglärm – eine Momentaufnahme mit der Sprecherin der Bürgerinitiative Flörsheim-Hochheim


Nordwest-Landebahn © Fraport AG

Terminal 1 des Frankfurter Flughafens, eine der Montagsdemonstrationen 2011 © Dörthe Krohn

© Dörthe Krohn

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Nordwest-Landebahn © Fraport AG

© Dörthe Krohn

"Wir hatten viele Reporter hier, die gesagt haben, sie würden hier wegziehen. Wenn Ostwind ist, ist es krass laut." Carola Gottas, Sprecherin der Bürgerinitiative (BI) Flörsheim-Hochheim, spricht vom Leben und Protest in Flörsheim, der Stadt in Deutschland, die am tiefsten von Flugzeugen überflogen wird, teilweise unter 250 Metern. Teile des Nachbarorts Eddersheim und Raunheim auf der gegenüberliegenden Mainseite sind ebenfalls stark vom Lärm durch den Frankfurter Flughafen betroffen. Wenn die Flugzeuge starten, fliegen sie höher über Flörsheim und sind leiser, aber noch deutlich im kleinen Diktiergerät, das ich zum Interview mit Carola Gottas mitgebracht habe, zu hören. Und das, obwohl kein Ostwind ist. Im Landeanflug sind die Maschinen lauter. Sie fliegen tagsüber im 90-Sekunden-Takt. Carola Gottas hat links vom Haus die neue, rechts vom Haus die alte Landebahn.

Flörsheim Bürgerinnen und Bürger engagieren sich schon seit vielen Jahren gegen den Fluglärm. Bereits seit 2000 gibt es den Verein "Für Flörsheim", der sich vor allem mit der juristischen Seite des Flughafenausbaus beschäftigt. Die 20.000-Seelen-Gemeinde ist, was den Fluglärm betrifft, Kummer gewohnt; eine frühere BI hatte nach jahrelangem Engagement für eine breite Solidarität in Flörsheim aufgegeben, da diese nicht zustande kam. Dass es noch schlimmer werden könnte – kaum vorstellbar. Nach Ansicht von Carola Gottas demonstrierten 2008 und Anfang 2009 viel zu wenige gegen den Verkauf des Kelsterbacher Waldes an den Flughafenbetreiber Fraport AG. "'Wer jetzt noch schläft, den weckt die Lärmkeule' haben wir damals gesagt", erinnert sich Carola Gottas, die in Flörsheim verwurzelt ist und mit ihrer Familie im Haus ihrer Großeltern lebt. Und so war es. Als am 21. Oktober 2011 die neue Nordwestlandebahn eröffnet wurde, war ganz schnell klar, dass der Protest neu organisiert werden musste. "Fast alle Frauen, die ich in Flörsheim kenne, haben mir erzählt, dass sie das erste Wochenende mit Fluglärm zuhause gesessen und geweint hätten", so Gottas. Ausgerechnet die ersten Wochen nach Eröffnung der neuen Bahn sei nur Ostwind gewesen. Ohnmacht,  Trauer,  Wut  und Verzweiflung erfassten die Region, die im Zuge der Landebahn-Eröffnung wieder in den Fokus der Presse geraten war. Renate Mohr (GALF Flörsheim) habe dann eine neue BI als außerparlamentarische Widerstandskraft angeregt und sie selbst, Carola Gottas, die Bürgerinitiative angeleiert. Zum ersten Treffen kamen 250 Leute. Einen Monat nach der Inbetriebnahme der Nordwest-Landebahn wurde die BI Flörsheim-Hochheim gegründet.

Am 1. Juli 2013 zog die 67. Montagsdemonstration durch den Terminal 1 des Frankfurter Flughafens. Die BI Flörsheim-Hochheim gestaltete viele dieser Demos inhaltlich mit und vernetzte sich mit dem Bündnis der Bürgerinitiativen (BBI) in der Rhein-Main-Region. Die Kernforderungen der 80 Bürgerinitiativen des Bündnisses lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Stilllegung der Landebahn Nordwest: Am 20. Januar 2009 begannen die Arbeiten für den Bau der neuen Landebahn. Sie wurde am 21. Oktober 2011 in Betrieb genommen. Eine neue Welle des Fluglärmprotestes begann.

Ausbau- und Neubaustopp für den Frankfurter Flughafen sowie weitere Flughäfen in der Region. Am 16. Mai allerdings entschied der zwanzigköpfige Fraport-Aufsichtsrat 2015 mit dem Bau von Terminal 3 zu beginnen. Mit der neuen Nordwest-Bahn sind die Andockpositionen auf dem drittgrößten Airport Europas noch knapper geworden. Am Terminal 3 sollen außerdem spezielle Gates für den Superjumbo A380 entstehen. Das dritte Terminal war im Planfeststellungsverfahren enthalten und ist durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom April 2012 als rechtskräftig bestätigt worden. "Im Süden des Flughafens soll ein neues Passagier-Terminal entstehen, um unser bisheriges Kapazitätsangebot um nochmals ca. 25 Mio. Passagiere aufstocken zu können.", ist der Fraport-Homepage zu entnehmen. "Wir brauchen das Terminal ab etwa 2020", sagte Fraport-Chef Stefan Schulte kürzlich der Bild-Zeitung. Die Bürgerinitiativen sehen das natürlich anders.

Absolutes Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr anstatt 23 bis 5 Uhr derzeit. In den Randstunden von 22 bis 23 Uhr und von 5 bis 6 Uhr dürfen gegenwärtig bis zu 133 Flüge stattfinden.

Deutliche Verringerung der Flugbewegungen: Das Bündnis der Bürgerinitiativen (BBI) will eine Deckelung auf maximal 380.000 Flugbewegungen pro Jahr. "Fraport will langfristig auf 700.000 Flugbewegungen im Jahr kommen.", sagte die Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig im Dezember 2012 in einem F.A.Z.-Interview. Die Positionen lägen damit 320 Starts und Landungen auseineinander.

Thema Wirbelschleppen

Jedes fliegende Flugzeug zieht Luft hinter sich her. Die Luftwirbel können hinterherfliegende Flugzeuge ins Trudeln bringen, weshalb ein Sicherheitsabstand zwingend ist, vor allem, wenn kleinere Flugzeuge hinter großen Jumbos herfliegen. Wirbelschleppen von Großflugzeugen können aber auch Schäden am Boden anrichten, zumal manche Wohngebiete in einer Höhe von unter 250 Metern überflogen werden. Sie holen Schindeln vom Dach, können Blumentöpfe von Fenstersimsen fegen und sogar Radfahrer_innen ins Schlingern bringen. "Anfang des Jahres wurde ein frisch genageltes Schieferdach, bei dem jede einzelne Schieferplatte genagelt gewesen war, von einer Wirbelschleppe abgedeckt. Ruderer auf dem Main sind durch eine Wirbelschleppe in Gefahr geraten. Eine Markise und ein 20 Liter-Sack mit Blumenerde wurden auch schon erfasst. Man hört die Wirbelschleppen und sieht sie bei Staubauftrieb", berichtet die zweifache Mutter Gottas, die Angst hat, dass so ein Minitornado mal ein kleines Kind auf dem Gehsteig oder Spielplatz erwischen könnte. Auch nicht mehr so standfeste ältere Menschen könnten durch eine Wirbelschleppe verletzt werden.   

Laut Fraport sind bei bis zu 500.000 jährlichen Flugbewegungen 5 bis unter 20 Dachbeschädigungen gemeldet worden. Die BI Flörsheim-Hochheim hat hingegen allein zwischen Februar 2013 und heute bereits von 19 Zwischenfällen durch Wirbelschleppen erfahren. Über einige dieser Ereignisse wurde auch in der Presse berichtet.

Ein Planergänzungsbeschluss des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung (HMWVL) vom 10. Mai 2013 sieht nun vor, dass Hauseigentümer_innen, die in genau festgelegten Gebieten in Raunheim und Flörsheim liegen, die Sicherung ihrer Dächer – etwa durch Klammern – verlangen können. Der Anspruch besteht nicht, wenn die Gebäude nach dem 23. März 2007 errichtet wurden, denn an diesem Tag wurden im Verfahren um den Flughafenausbau die Unterlagen erneut der Öffentlichkeit zugänglich. Ein Anspruch besteht außerdem nicht, wenn die Dächer den Anforderungen bereits genügen.

"Wir von der BI sagen, dass die Fraport uns schon genug aufs Dach steigt, wir wollen uns von denen nicht auch noch die Dächer klammern lassen, denn das Klammern hat auch negative Auswirkungen. Einzelne Ziegel können nicht mehr so leicht repariert werden, das Dach wird zum Segel, man kann keine Steige mehr ins Dach bauen. Keiner weiß genau, wie ein geklammertes Dach auf Wirbelschleppen reagiert. Außerdem ist eben das Abdecken von Dächern nur eine Gefahr von vielen möglichen, weshalb wir sagen, die Ursachen müssen bekämpft werden und nicht die Auswirkungen", so Carola Gottas.   

Die Bürgerinitiativen streiten weiter für die Stilllegung der neuen Landebahn des Frankfurter Flughafens und den Ausbaustopp. Auch ein österreichisches Atomkraftwerk sei fertig gebaut und nie in Betrieb genommen und die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf nie fertiggestellt worden, begründet Carola Gottas ihre Hoffnung. Der Flugverkehr belastet die Gesundheit von Mensch und Umwelt nicht nur durch Lärm sondern auch durch den gigantischen CO2-Ausstoß der Flugindustrie. Tonnen von Kerosin landen täglich überall, nicht nur über den Dächern von Flörsheim. "Deshalb dürfen und sollen sich dem Flughafenprotest auch Menschen anschließen, die gar nicht unmittelbar vom Fluglärm betroffen sind", so die Sprecherin der BI Flörsheim-Hochheim.

Weitere Infos:
Bürgerinitiative Flörsheim-Hochheim: www.fluglaerm-protest.de

Klageverein "Für Flörsheim e.V.": www.fuer-floersheim.de

Bündnis der Bürgerinitiativen (BBI) in der Rhein-Main-Region: www.flughafen-bi.de

Die 1. Internationale Flughafen-Anwohner-Konferenz verabschiedete am 23. Juni das "Attachinger Manifest", in dem europaweit erste gemeinsame Forderungen aufgestellt sind, die den nationalen Parlamenten und dem EU-Parlament übermittelt werden sollen.

Text: Dörthe Krohn

Siehe auch reinMein-Artikel: Gewalt – Eine Ausstellung in der Heyne Fabrik vom September 2012:

Unfreiheit durch Fluglärm: „Ich weiß die Silhouette der Flugzeuge auswendig.“ „Wer trägt die Verantwortung dafür, dass mein Leben seit dem letzten Oktober anders geworden ist?“ „Am Abend bin ich müde, weil so viele Flugzeuge über mich geflogen sind. (…) Ich bin an jedem Morgen von Neuem schockiert, wie laut sie sind, wie durchdringend der Ton. (...)“ Fahnen mit Zitaten bilden die „Klangbahn“ von Michaela Haas, die selbst vom Fluglärm betroffen ist. Neben der politischen öffentlichen Auseinandersetzung muss eine ganz individuelle persönliche Strategie gefunden werden, mit dieser täglichen Belastung fertig zu werden. Die Künstlerin hat einen Rückzugsraum geschaffen, der den Stress für kurze Zeit vergessen lässt und ein bisschen Heilung verspricht.


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