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01.10.2013 20:14 Alter: 4 Monat(e)
Kategorien: Heilquelle

Mit Enzian, Ringelblume und Co. die Kraft der Berge tanken


© Hotel Mattlihüs

© Hotel Mattlihüs

Im Urlaub etwas für die Gesundheit tun, ist längst Trend – auch in den Alpen. Immer mehr Angebote kombinieren die Heilkraft der Höhenluft mit den Mitteln, die vor Ort wachsen. Was dabei herauskommt, hat die Erfahrungen von Naturheilkunde und Naturkosmetik hinter sich und mehr Hand und Fuß als die vielen öligen Streicheleinheiten, die es heute in den Untergeschossen vieler Hotelkomplexe gibt.

Authentischer geht es kaum noch: Im Karlbad in den Kärntner Nockbergen legt man sich auf dem Hof der Aschbachers in 1.700 Metern Seehöhe in wuchtige Lärchenzuber. Seit mehr als 300 Jahren heizen erhitzte Steine dort das radonhaltige Quellwasser auf bis zu 40 Grad Celsius in dunklen Holzstuben auf und mineralisieren es zusätzlich mit Schwefel, Eisen und Magnesium. Beim Einfüllen zischt es gehörig, die Badestube ist in Dunst gehüllt wie im Dampfbad. Früher linderte das heiße Mineralbad Gelenkschmerzen und Hauterkrankungen der örtlichen Bauern, heute lockern Wanderer im Biosphärenreservat Nockberge Muskeln und Gemüt beim urigen, stoffwechselfördernden Schwitzen. Dieses wohl älteste noch betriebene Bauernbad Europas dürfte einzigartig sein, aber sein Wirkprinzip, Höhe und Hitze, ist eine vielfältige Erfolgskombi in den Bergen. Das Duo spielt in der Wellness mit regionalen Mitteln eine große Rolle.

Höhe & Hitze

Jahrtausende dauerte es, bis Wind und Wetter Bergkiefern und andere alpinen Pflanzen der Ammergauer Alpen in ein Hochmoor verwandelten, von dessen Heilkraft in Bad Kohlgrub und Bad Bayersoyen schon Generationen von Kurgästen profitieren. In den Moorwannen der Wellnesshotels gibt es den Gesundheitskick des tiefendurchwärmenden Alpine Bergkiefer-Hochmoors heute auch ohne kargen Krankenkassencharme. Während die Gäste träumend im dicken Moorbrei der hoteleigenen Wellness-Abteilung schweben, läuft ihre körpereigene Abwehr auf Hochtouren.

Beim Bergkiefern-Hochmoor mobilisieren Wärme und die schadstoffbindende Huminsäure die Selbstheilungskräfte. Dagegen sind die Wirkstoffe des ungleich populäreren Heubades nicht so einfach bestimmbar. Was da wirkt, sind nicht einzelne Stoffe, sondern ein ganzer Wirkstoffkomplex aus vielen getrockneten Blüten und Stängeln mit Hitze. Heu wird zweimal im Jahr von naturbelassenen Bergwiesen morgens oder abends von Hand gemäht, wenn der Wirkstoffgehalt am intensivsten ist, und dann getrocknet. Je höher die Alm liegt, desto wertvoller kann die Zusammensetzung der darin enthaltenen Bergheilkräuter sein. Denn in der Höhe müssen sich Gras, Blumen und Kräuter der zellschädigenden UV-Strahlung zur Wehr setzen und den Temperaturschwankungen trotzen. Längst sind nicht alle Nährstoffe und sekundären Pflanzenstoffe bekannt, die den Alpenpflanzen das Überleben in den manchmal rauen Bergen sichern. Aber unter einem muskelentspannenden, würzig-wohligen Duftpaket aus Heu fällt die Vorstellung nicht schwer, dass diese Stoffe auch dem Menschen helfen, zu neuen Kräften zu kommen. Immerhin bekämpfte schon Wasserdoktor Sebastian Kneipp Rheuma, Arthrose und Bauchweh mit Wickeln und Auflagen aus Heublumen. (Obwohl die Feuchtigkeit den Blütenstaub bindet, sollten Allergiker allerdings Vorsicht walten lassen.)

Die Wirkstoffe gelangen beim Atmen über die Schleimhäute in den Körper, während die feuchte Hitze die Haut gleichzeitig durchlässiger macht für die heilsamen Moleküle. Zum Beispiel für Arnika, deren ätherischen Öle die Durchblutung verbessern und die Heilung von Blutergüssen unterstützen. Ihr Terpen Helenalin wirkt außerdem schmerzstillend. Andere Bestandteile der Arnika helfen der Haut, Feuchtigkeit zu binden.

Im Heu können außer Arnika auch Johanniskraut, Ringelblume und Schafgabe stecken, die in der Medizin isoliert als antibakterielles und entzündungshemmendes Öl oder als Salbe, Tinktur und Tee eingesetzt werden. Diese Bergheilkräuter räumen im feuchtheißen Heublumengewirk erfolgreich mit allerlei Schadstoffen am und im Körper auf. Dabei sind oft Ehrenpreis, Fingerkraut, Frauenmantel, Katzenpfötchen, Knabenkraut, Labkraut, Prachtnelke, der cumarinhaltige Steinklee, sein Vetter, der Wundklee, und manchmal auch Enzianblüte und Edelweiß mit im Spiel.

Früher, als man zugunsten der Gesundheit noch härter im Nehmen war, dominierten Schwitzkuren bei fast 60 Grad, heute genießt man Heubäder auch bei kreislaufschonenderen Temperaturen. Der Gast sitzt an einem Kraxenofen, das ist ein Holzgestell, hinter dem frisches Heu heiß bedampft wird, oder er wird in warmes, feuchtes Heu gepackt, in feuchte Tücher gewickelt und manchmal noch zusätzlich in eine Wanne mit warmem Wasser gelegt.

Traditionell potenzieren Wannen aus der Zirbelkiefer (Zirbe) die ganzheitlich ausgleichende Wirkung der Bäder. Schlafen die Gäste dann noch in Betten aus dieser weithin geschätzten Hochalpenkiefer, profitieren sie doppelt von der antibakteriellen und pilzvernichtenden Wirkung des darin enthaltenen Pinosylvin.

Bergheilkräuter können auch in Stempel-Behandlungen Verspannungen zuleibe rücken. Hier unterstützt sanfter Druck die feuchte Hitze des Stempels beim Öffnen der Hautbarriere für die Wirkstoffe. Solo und in Kombinationen verleihen die Kräuter Kraft als Ölbad oder in Baderitualen mit hautpflegender Milch oder Molke von Bergkühen und -ziegen.Stempelbehandlungen rücken Verspannungen zuleibe. Foto: Harmony's Kirchheimer Hof

Stempelbehandlungen rücken Verspannungen zuleibe Foto: Harmony's Kirchheimer HofRose & Edelweiß

Schon der griechische Arzt Galen linderte Verletzungen mit Wasser aus der Essigrose (Rosa gallica), und Hildegard von Bingen empfahl Rosenblätter unter anderem gegen Geschwüre. Auf 1.300 Meter Seehöhe bildet die Essigrose wie ihre edle Damaszener Schwester besonders intensive ätherische Bestandteile, die in Rosenöl-Massagen beruhigen und Stress abbauen helfen. Anthocyane, Geraniol, Nerol und Citronellol wirken darüber hinaus leicht entzündungshemmend, Gerbstoffe adstringieren die Haut.

Ein besonderes Kraftpaket der Naturkosmetik wird bislang nur selten bei Massagen eingesetzt: Edelweiß. Dieser kleine naturgeschützte Silberstern wird in den Bergen kontrolliert biologisch angebaut. Dass Edelweiß voller entzündungshemmender Wirkstoffe steckt, wussten die Bergvölker aus Erfahrung; sie nutzten es als „Bauchwehblume". Seine Vitamine A, C und E fangen freie Radikale, die etwa bei UV-Strahlung entstehen und die Haut vorzeitig altern lassen. Und seine Gerbstoffe straffen die Haut.

Enzian & Speik

Schon lange als Multitalent der Berge gilt dagegen der Enzian, allerdings nicht der blaue, der weniger wirkmächtig ist. Die Bergwellness interessiert sich für den unter Naturschutz stehenden gelben Enzian (Gentiana lutea), der in speziellen Anbaugebieten für Schnaps und Kosmetik gezüchtet wird. Die Enzianwurzel enthält verdauungsfördernde Bitterstoffe. Bei Bädern und Packungen mit Enzian interessieren aber die feuchtigkeitsspendenden und reinigenden Mineralien sowie die Flavonoide der Naturheilpflanze. Denn Enzianwurzel pflegt die Haut beim Baden und harmonisiert den Organismus.

Nur in den Nockbergen in Kärnten wächst der Echte Speik, dessen ätherisches Öl entspannt, ohne müde zu machen. Schon Jesus von Nazareth soll mit dem Öl aus der Wurzel des Baldriangewächses gesalbt worden sein, der Arzt Galen kurierte das Magenleiden des Kaisers Marc Aurel ebenfalls mit Speik. Das unscheinbare aromatische Heilkraut wird heute exklusiv für die Naturkosmetik-Firma Speick (in der alten Schreibweise) ausgegraben. Vor allem im Spätsommer führen Wanderungen in dem österreichischen Biosphärenreservat immer der Nase nach dorthin, wo der Speik wächst. Auf der Strecke erfrischen Speik-Fußbäder in Almhütten die müden Füße.

© Hotel GrafenastSteinsalz & Steinöl

Die Kraft der Berge steckt allerdings nicht nur an der Oberfläche. Tief im Inneren der Alpen lagert seit mehr als 250 Millionen Jahren das Salz des Urmeeres, das durch reines Quellwasser der Alpen gelöst wird und nach oben gebracht wird. Dieses Steinsalz aus den großen Salzlagerstätten in Bad Reichenhall und Hallein, das sich hinter dem viel gepriesenen Himalayasalz nicht verstecken muss, gibt dem Körper eine Extraportion Mineralien und Spurenelemente, vor allem in stärkenden Solebädern, als Packungen (Laist) und bei aktivierenden Abreibungen, die das Hautbild verfeinern. Für Anwendungen mit solchen regionalen Mitteln steht in Bayern das Markenzeichen „WellVital".

Auch Steinöl kommt aus der Tiefe und ist durch die Auffaltung der Alpen in 1.500 Meter Seehöhe befördert worden. Das Öl, das im Karwendelgebirge am Achensee aus über 180 Millionen Jahre altem Ölschiefer gewonnen wird, ist fester Bestandteil der Tiroler Volksmedizin. Seine alkalische Zusammensetzung mit viel organischem Schwefel aus Rückständen urzeitlicher Muscheln, Meerestieren und Pflanzen unterstützt das Entgiften und gleicht eine Übersäuerung aus. Es erweist sich in Bädern, Packungen, Einreibungen und Massagen als Wohltat für Gelenke und Haut und hilft über Muskelkater hinweg.

Einige Wellnesshotels in den Alpen bieten ihren Gästen unter dem Namen „alpine_healthcare" überwärmende Vitalis-Dampfbäder mit Heublumen & Wacholder, Arnika & Johanniskraut, Feldthymian & Zirbelkiefer oder Ringelblume & Kamille. Wo das Hochmoor fehlt, hilft Alpenfango (Steinsediment) mit Latschenkiefer beim Hautentgiften und Beleben. In Tirol nutzt der Zusammenschluss „Alpine Wellness" Propolis (Bienenharz), Honig, Arnika, Johanniskraut und Ringelblume, cortisonhaltiges Murmeltier- oder Steinöl, Honig-Zirbenbäder und Kräuterpackungen in Baderitualen und für Massagen.

Apropos Murmeltieröl: Das alte Hausmittel gegen Gelenk- und Hautentzündungen aus den Bergen ist ein Extrakt aus dem Fettpolster, dass sich das Murmeltier für den Winter angefressen hat. Seine entzündungshemmende und juckreizlindernde Wirkung beruht auf einer hohen Konzentration ungesättigter Fettsäuren und Corticosteroiden. Der Kortisongehalt ist natürlich unterhalb der Schwelle, die das Öl zu einem Medikament machen würde und deshalb ärztlich kontrolliert werden müsste.

Text: Karin Willen

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